17.05.2004

COMPUTERVIRENBinäre Brut

Die Autoren der Internet-Viren Sasser, Netsky und Phatbot sind gefasst. Ihre Kreationen indes pflanzen sich fort. Daher werden nun Vorwürfe gegen Microsoft laut.
Im Alltag war Sven J., 18, aus dem niedersächsischen Waffensen ein gewöhnlicher Schüler. Nur vor dem Computer fühlte er sich groß. Als Kriegsherr im Cyberwar lenkte er den Virus Netsky, der sich im weltweiten Netz eine Schlacht gegen seine Feinde, zwei andere Viren, lieferte.
Eigentlich zählt Netsky, ebenso wie sein Verwandter Sasser, zu der eher harmlosen Spezies in der Welt der Computerviren und -würmer. Doch tobte der Verdrängungskampf diesmal so erbittert, dass er das Netz verstopfte. Als Kollateralschaden brachen Hunderttausende Computer zusammen. Sasser legte vereinzelt sogar Fluglinien, Banken und Büros lahm.
Nach der Festnahme des Schöpfers von Netsky und Sasser am vorvergangenen Freitag scheint das System wieder unter Kontrolle - auf den ersten Blick zumindest. Die 250 000 Dollar Kopfgeld, die Microsoft auf die Programmierer der Viren ausgesetzt hatte, ließen zwei Mitwisser schwach werden. Der Celler Generalstaatsanwalt Harald Range: "Ich hoffe, dass das Verfahren bei allen Computer-Freaks wie eine Impfung gegen Computerviren wirkt."
Diese Hoffnung dürfte trügen. Nichts zeigt das deutlicher als Phatbot, ein weiterer Virus, der von Sasser geöffnete Hintertüren nutzte, um sich in fremden Rechnern einzunisten. Zwar wurde inzwischen auch der Phatbot-Autor, ein 21-Jähriger ohne Berufsausbildung aus dem südlichen Schwarzwald, überführt. "Doch seit der Festnahme sind schon wieder über 70 neue Varianten dieses Virus aufgetaucht", warnt der Virenspezialist Andreas Marx.
Über 70 000 aus dem Netz gefischte Digitalschädlinge werden in den Giftschränken der Antivirenfirmen verwahrt, und wöchentlich kommen Dutzende hinzu. Rechtlich ist den Autoren nur schwer beizukommen. Denn das Schreiben von Viren an sich ist nicht verboten, sondern vielmehr das Auswildern der binären Brut.
Eine ganze Reihe von Virenschreiberzirkeln mit Namen wie "29A" oder "VX Heavens" kommuniziert meist lose organisiert übers Internet. Die Motivation reicht von purer Neugier wie bei dem Informatiker Fred Cohen, der einst den Begriff "Computervirus" prägte, über spätpubertäre Prahlerei wie beim Autor des Kurnikowa-Wurms bis hin zu krimineller Energie, etwa um Rechner illegal anzuzapfen und für den Versand von Werbung zu vermieten.
Die Szene ist unübersichtlich und äußerst zersplittert. "Leute wie die Phatbot-Schöpfer bringen die ganze Szene in Verruf", sagt etwa der Oberpfälzer Virenautor mit dem Pseudonym "philetOast3r". "Wir setzen unsere Programme nie frei, sondern schicken sie sofort an Antivirenfirmen."
Um großen Schaden zu verursachen, muss man keineswegs Profi sein. Auf vielen der über hundert einschlägigen Virenseiten im Internet lassen sich komplette Erregerprogramme herunterladen - und von jedem beliebigen Hobbysaboteur leicht umschreiben und unter neuem Namen freisetzen.
Sicherheitsfachleute wie der Hamburger Professor Klaus Brunnstein geben der Software-Industrie eine Mitschuld an der Virenflut. Routinemäßig gibt Microsoft rund 50 Sicherheitslücken pro Jahr bekannt. Oft sind das Steilvorlagen für Virenautoren, so auch diesmal: Mitte April gab Microsoft Probleme in einem Programmbereich namens LSASS bekannt. Rund zwei Wochen später marodierte der namensverwandte Sasser durchs Netz, der genau diese Lücke ausnutzte. "Nicht die Virenautoren sind das Problem", so Brunnstein, "sondern Software-Hersteller, die den Markt mit fehlerhaften Produkten überschwem-men." HILMAR SCHMUNDT, ANDREAS ULRICH
Von Hilmar Schmundt und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 21/2004
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