24.05.2004

INDIENRaffiniertes Manöver

Sonia Gandhi, wegen ihrer späten Einbürgerung angefeindet, verzichtet auf das höchste Regierungsamt - und beweist gerade dadurch Patriotismus.
Verzweifelt hielt sich ein früherer Parlamentarier eine Pistole an die Stirn, hysterisch fingerte eine Frau mit einer Rasierklinge an ihrem Handgelenk. Sie drohten mit Selbstmord, probten die Rebellion: Tobend, schreiend, Fahnen und Plakate schwenkend, versammelten sich am vergangenen Dienstag in Neu-Delhi etwa tausend Sympathisanten der Kongresspartei vor der Residenz von Sonia Gandhi.
Noch Tags zuvor waren sie in Jubellaune gewesen. Alles hatte danach ausgesehen, dass Sonia wie ihre Schwiegermutter Indira und ihr Mann Rajiv, beide von Fanatikern ermordet, Premier der weltgrößten Demokratie würde. Der Gandhi-Clan war wieder obenauf, sein Mythos hatte ein Wahlwunder bewirkt und die scheinbar chancenlose Kongresspartei samt ihren Alliierten zum Überraschungssieg getragen. Doch plötzlich vollzog Sonia Superstar eine Kehrtwende und lehnte zum Entsetzen ihrer Anhänger das höchste Regierungsamt ab.
Kongressmitglieder versammelten sich, in blinder Verehrung der charismatischen Gandhi-Dynastie, zu einer vierstündigen Protestsitzung im historischen Parlamentsgebäude. Filmstars und erfahrene Politiker, die Verteilung wichtiger Posten im Auge, buhlten ungeniert um Aufmerksamkeit. Pausenlos übertrugen TV-Sender alle eruptiven Emotionen. Es war, als führte Bollywood Regie. "Sie ist unsere Mutter, wir sind ihre Kinder", jammerte ein frisch ins Parlament gewählter Schauspieler. "Wie kann sie uns nur so verlassen?"
Doch Gandhi ließ sich nicht mehr umstimmen. Nach melodramatischem Tauziehen fiel die Entscheidung für Manmohan Singh, Finanzminister von 1991 bis 1996, der zum 14. Premierminister bestimmt wurde. Der bescheidene und populäre 71-jährige Turbanträger, der auch schon Gouverneur der Zentralbank gewesen ist, wird als Vater der indischen Wirtschaftsreformen gerühmt und genießt einen ausgezeichneten Ruf als Ökonom.
Singh, der von Präsident Abdul Kalam mit der Regierungsbildung beauftragt wurde, ist der erste Sikh auf dem Posten des Premiers. Er gilt nicht nur als Wunschkandidat der indischen Großindustrie, sondern auch als das Symbol des Versöhnungswillens der Kongresspartei, die in der Vergangenheit ein gespanntes Verhältnis zu seiner religiösen Minderheit hatte. "Unter ihm wird das Land sicher sein", erklärte Gandhi, deren italienische Herkunft vielen Indern als zu konfliktträchtig gilt. "Ich bin glücklich und erleichtert."
Auf die indische Börse wirkte die Entscheidung wie ein Beruhigungsmittel. Gandhis Wahlsieg sowie die Aussicht auf eine kommunistische Koalitionsbeteiligung hatten den Sensex zeitweise um 1300 Punkte auf ein historisches Tief rauschen lassen. Kaum war Singh gekürt, ging es mehr als 370 Punkte aufwärts.
Kern aller Turbulenzen war die Vorstellung, dass eine erst 1983 eingebürgerte Ausländerin Indiens Geschicke lenken könnte. Ironischerweise führten ausgerechnet zwei Frauen, beide bekannt als Streiterinnen für mehr weibliche Parlamentarier, die Anti-Sonia-Kampagnen an.
Uma Bharti, Mitglied der bisherigen Regierungspartei BJP, kündigte demonstrativ ihren Posten als Chefministerin von Madhya Pradesh. Ex-Gesundheitsministerin Sushma Swaraj sprach vom "Tod der indischen Demokratie" und führte theatralisch ein hinduistisches Witwen-Ritual auf. Sie wickelte sich in einen weißen Sari,
schlief auf einer Grasmatte, mümmelte trockene Linsen und drohte auch noch, ihren Kopf zu rasieren, falls die mediterrane Sonia vereidigt würde.
Die Einwände waren parteitaktischer Natur. Laut Verfassung darf jeder indische Bürger hohe Staatsämter bekleiden, sein Geburtsland ist kein Thema. Das empfand
die BJP besonders nach ihrer Wahlschlappe wieder mal als Gesetzeslücke - fünf Jahre lang hatte sie keinerlei Anstoß daran genommen, dass Gandhi das öffentliche Amt einer Oppositionsführerin bekleidete.
Enttäuschte Gandhi-Fans machten ausschließlich diese bissigen Hindu-Nationalisten für Sonias Rückzug verantwortlich. Ausländische Medien wähnten gar kollektiven indischen Rassismus am Werk. Auf dem heterogenen Subkontinent jedoch, wo manche Staatspräsidenten weder Hindi sprachen noch der Mehrheit der Hindus (82 Prozent der Bevölkerung) angehörten, ist nicht Gandhis Hautfarbe oder ihre Muttersprache, sondern vornehmlich ihre späte Annahme der indischen Staatsbürgerschaft der Streitfall. Einige Gandhi-Kritiker maulten aber auch, indische Identität erwerbe man durch Geburt, nicht durch Umzug oder einen Personalausweis.
Ausschlaggebend für den überraschenden Rückzieher Gandhis waren nach Ansicht neutraler Beobachter aber Widerstände in der eigenen Partei. Viele Kongress- und Koalitionsmitglieder hatten privat Vorbehalte gegen die 57-Jährige geäußert. Zwei prominente Kongressleute waren bereits 1999 ausgetreten und hatten eine eigene Partei gegründet.
Solchen Spaltungstendenzen habe Gandhi keinen Vorschub leisten wollen, sagen Insider. Durch ihren Schritt habe sie sich nicht nur einen Platz in der Geschichte ihrer Wahlheimat, sondern vor allem eventuelle spätere Führungsansprüche ihrer Kinder Rahul und Priyanka gesichert.
Demnach beweist sich Sonia Gandhi ausgerechnet im Verzicht als wahre Patriotin. Das Manöver der italienischen Witwe ist geradezu von dialektischer Raffinesse: Entsagung ("Tyaag") nämlich gilt als höchste Hindu-Tugend. RÜDIGER FALKSOHN,
PADMA RAO
* Bei der Beauftragung Singhs mit der Regierungsbildung am vorigen Mittwoch.
Von Rüdiger Falksohn und Padma Rao

DER SPIEGEL 22/2004
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