Von Wolf, Martin
Der 1. Mai 2004 war ein Festtag für Europa - fast überall. In Dublin feierten sich die Staats- und Regierungschefs der nun 25 EU-Länder bei Lachs, Ente und slowenischem Wein, von Berlin bis Budapest überstrahlte man letzte Zweifel am Sinn des ganzen Unternehmens mit prächtigen Feuerwerken, und überall jauchzte man die EU-Hymne, Beethovens "Ode an die Freude".
Nur im hessischen Cölbe, einem 8000-Einwohner-Kaff bei Marburg, herrschte Katzenjammer. Im Jahr 1998 hatten Wissenschaftler des Bonner Instituts für Theoretische Geodäsie ausgerechnet, dass Cölbe vom 1. Mai 2004 an den Mittelpunkt der vergrößerten Europäischen Union bilde, geografisch gesehen. Der Platz für den Gedenkstein in Cölbe war schon ausgesucht - bis herauskam, dass die Bonner Experten die neuen EU-Staaten Lettland, Litauen, Malta und die Slowakei nicht miteinbezogen hatten. Der geografische Mittelpunkt aller 25 EU-Länder, verkündete im April das Pariser Institut Geographique National, liege tatsächlich im rheinland-pfälzischen Kleinmaischeid, 20 Kilometer nördlich von Koblenz.
Dass die Mitte Europas ein sehr mobiles Phänomen ist, weiß inzwischen auch der polnische Dokumentarfilmer Stanislaw Mucha, 34. Auf der Suche nach dem verlorenen Zentrum ist er kreuz und quer durch Europa gereist, vom Teutoburger Wald bis in die Ukraine. Überall gibt es Orte, die angeblich irgendwie den Mittelpunkt Europas bilden. "Ungefähr 40 Mitten" habe er sich angesehen, sagt Regisseur Mucha. Das Ergebnis seiner Recherchen kommt diese Woche in die Kinos. Titel, logisch: "Die Mitte".
Mit wissenschaftlichen Analysen hält sich Mucha - "ein exzentrischer Essayist", lobte das US-Filmfachblatt "Variety" - allerdings nicht lange auf. Der zuständige Sachbearbeiter sei "leider im Urlaub", erklärt man dem Filmemacher in einer deutschen Amtsstube. Stattdessen lässt Mucha die Menschen erzählen, die in und von den vermeintlichen Mitte-Orten leben, er befragt mit entwaffnender Naivität Mitte-Touristen, und manchmal starrt auch einfach nur eine durch und durch europäische Kuh mitten in seine Kamera. Mucha zeigt den diffusen Kontinent als ein einziges Kuriosum - ebenso grell wie die Werbeplakate zur Europawahl, aber viel ehrlicher.
Beispiel Österreich, Braunau am Inn. Hier wurde einst jemand geboren, der beschloss, Politiker zu werden. Heute stehen Urlauber aus Japan kichernd vor dem so genannten Hitler-Haus und fotografieren. Doch Braunau ist auch, na klar, der Mittelpunkt Europas - aber nicht, weil Klein Adolf hier zur Welt kam, wie ein Gastwirt dem Regisseur versichert. Vielmehr habe Napoleon diesen Platz ausgesucht, und ein cleverer Gastronom habe beschlossen: "Ja, das machen wir bei mir." Seitdem heißt der Gasthof "Mittelpunkt Europas", und keine EU-Osterweiterung wird daran je etwas ändern können.
Beispiel "Europos Centro" bei Vilnius in Litauen. "Sie haben einen Stein abgeladen, und dann kam der Bischof", erzählt eine alte Frau von der wundersamen Mitte-Werdung ihrer Heimat. Ihr Nachbar wandert derweil durch ein mitten im Wald angelegtes Labyrinth aus Hunderten über- und nebeneinander gestapelten TV-Geräten. Der Irrgarten, weiß der Mann, heiße "Fernseher für Europa".
Beispiel Rachiv, Ukraine, angeblich von einem Hauptmann des militärgeografischen Instituts zu Wien im Jahr 1887 zum Mittelpunkt des Kontinents erklärt. "Einmal die ,Mitte Europas', bitte", verlangt jetzt ein Kunde am Zeitungskiosk, doch das Blatt ist ausverkauft. "Nehmen Sie doch das ,Echo der Karpaten'", rät die Verkäuferin, "da steht im Grunde das Gleiche drin."
Spätestens bei dieser Szene dürfte auch der letzte Zuschauer ahnen, dass Muchas Fahndung nach der Mitte nur der Vorwand ist für eine hintersinnige Liebeserklärung - nicht an ein abstraktes Europa, verborgen hinter Begriffen wie Brüssel, Bürokratie und Butterberg, sondern an die Europäer selbst, an ukrainische Wunderheiler ebenso wie an zwei Wanderer aus der Schweiz, die in Polen mit Hilfe eines Satelliten-Navigationsgeräts den Mittelpunkt finden wollen. "Ich bin eigentlich nicht gern in einer Mitte", bekennt Mucha, der im fränkischen Grenzort Hof lebt, er sei "lieber am Rand, da kann man schärfer sehen, was im Zentrum passiert."
Muchas Blick ist stets spöttisch, aber nie überheblich, genau, aber nie gnadenlos - eine Gabe, derentwegen er für seine letzte Dokumentation "Absolut Warhola" (2001) mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Damals hatte Mucha mit einem Filmteam die Tanten und Cousins des schwulen Pop-Art-Künstlers Andy Warhol in einem Dorf in der Slowakei heimgesucht, wo man sich noch heute wundert, dass der berühmte amerikanische Verwandte nie geheiratet hat.
Auf seiner "Mitte"-Tour durch Europas Absurdistan landete Mucha natürlich irgendwann auch bei den Vermessungsverlierern in Cölbe.
"Europa soll ja vergrößert werden", barmt vor Muchas Kamera ein Mann in kurzer Hose. Aber egal: Die Mitte Europas, versichert er, liege in Cölbe, hier in seinem Garten. Den genauen Punkt markiert ein feister Gartenzwerg, der trotzig eine kleine Deutschland-Flagge schwenkt. MARTIN WOLF
DER SPIEGEL 22/2004
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