DER SPIEGEL



Der Neid der Götter

Polens ideale Bilanz

Harte Worte gegen die Alliierten fallen auf Versammlungen der neugegründeten Vereine deutscher Ostflüchtlinge, die sich gerade in den Tagen der Moskauer Konferenz mehr als zuvor in kalten Versammlungsräumen und Klubzimmern zusammenfinden.

Es gibt für diese Menschen nur ein Thema: Was wird aus unserer Heimat? Was entscheiden die "Großen Vier" über Ost- und Westpreußen, Danzig und Schlesien?

Gegen politische Parteien sind sie mißtrauisch, denn alle haben die Flüchtlingsfrage auf ihr Parteiprogramm gesetzt. Sie wissen, daß Flüchtlinge nach Millionen zählen, und so auch ihre Stimmen. Trotzdem klammern sich die Menschen aus dem Osten an jede noch so unwichtige Erklärung. Zum Teil hoffen sie - Pieronne! - auf einen neuen Krieg.

Ein zerknittertes Zeitungsblatt mit einer Associated - Preß - Meldung macht die Runde in den Versammlungen. Auf ihm steht zu lesen, daß die Vereinigten Staaten in Moskau wahrscheinlich den Vorschlag machen werden, einen großen Teil der für die deutsche Landwirtschaft so bedeutenden Ostgebiete wieder an Deutschland zurückzugeben.

Der amerikanische Korrespondent Wes Gallagher führt in dieser Zeitungsmeldung an, daß Deutschland sich mit dem Verlust von 25 Prozent seiner landwirtschaftlich besten Gebiete nicht selbst erhalten kann und gibt für den amerikanischen Vorschlag, der auch in England Sympathie findet, folgende Formulierung: Polen erhält das Industriegebiet von Schlesien, die freie Stadt Danzig und die Hälfte beider Preußen. Die polnisch besetzten Gebiete Pommerns und Brandenburgs werden Deutschland zurückgegeben.

Großbritannien und die USA haben sowohl in Jalta als auch in Potsdam im Einvernehmen mit der Sowjetunion klargestellt, daß endgültige Regelungen über die von polnischen Truppen besetzten Gebiete erst auf der Friedenskonferenz getroffen würden. Alle vorherigen Maßnahmen seien nur provisorisch.

In riesigen Völkerwanderungen wurden fast fünf Millionen Menschen in die entvölkerten deutschen Gebiete verpflanzt. Heute erklärt der polnische Ministerpräsident Morawski, die polnischen Ansprüche auf Reparationen seien durch die neue Grenzziehung "erledigt".

Eine Rücksiedlung, die sich durch ehe Rückgabe des Gebietes an Deutschland ergäbe, würde zu einer Katastrophe führen. Schon deshalb sei eine Revidierung der Grenze unmöglich.

Auch die USA hätten die Grenze de facto anerkannt, da sie Ersatz für Industriewerte gefordert hätten, die nach dem polnischen Plan in den neuen Westgebieten sozialisiert werden sollen,

In großen Schlagzeilen bringt die polnische Presse alle positiven Erklärungen internationaler Politiker zur Frage der deutsch-polnischen Grenze. Die Feststellung des tschechischen Ministerpräsidenten Gottwald, daß für die Tschechoslowakei die Grenze endgültig sei, ist Musik in polnischen Ohren. Marschall Tito rasselt mit dem Säbel Zustimmung und verspricht, "mit allen Mitteln bei der Aufrechterhaltung dieser Grenzen mitzuhelfen".

Die Begeisterung der polnischen Bevölkerung erreicht aber ihren Höhepunkt, als auch der große Bruder im Osten seinen Segen zu der Grenzfestsetzung gab.

Die deutschen Gebiete östlich der Oder und Neiße umfassen 113 000 qkm und 9,5 Millionen Einwohner. Das sind 24 Prozent der Fläche, aber nur 14 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands von 1937.

Im Durchschnitt der letzten Friedensjahre lieferte das Gebiet an landwirtschaftlichen Erzeugnissen (zum Vergleich auf Stärkewerte umgerechnet), 13,5 Millionen Tonnen von einer deutschen Gesamterzeugung in Höhe von 56 Millionen To.

Ein Drittel dieser Erzeugung, also etwa vier Millionen Tonnen, ging als Ueberschuß in das übrige Deutschland. Darunter waren 2 3/4 Millionen Tonnen Getreide und fast 8 Millionen Tonnen Kartoffeln.

Das ist gerade soviel Getreide, wie Deutschland heute aus dem Ausland jährlich einführen muß, um seinen mageren Kaloriensatz aufrechtzuerhalten. Die Kartoffelmenge würde genügen, um die Versorgung der deutschen Bevölkerung im jetzigen deutschen Gebiet um Zweidrittel zu erhöhen.

Für Deutschland ist der Verlust dieser Gebiete als Saatgutproduzent und Zuchtviehlieferant besonders schmerzlich. Die Kartoffelhochzucht Pommerns und die ostpreußische Zucht von Milchvieh und leichten Pferden sind klimatisch bedingte Aufgaben, die nicht einfach von einem anderen Teil Deutschlands übernommen werden könnten.

Vor dem Kriege wohnten auf dem Quadratkilometer deutschen Bodens 136 Menschen. Diese Tatsache war der Stein des Anstoßes zu der These "Volk ohne Raum" Nach der Beendigung der Umsiedlungen im Osten werden in Deutschland etwa 220

Menschen auf dem Quadratkilometer leben oder nicht leben können.

Die Bevölkerungsdichte in Polen beträgt heute - Polen verlor durch den Krieg sechs Millionen Menschen, das sind 22 Prozent der Gesamtbevölkerung - 75 Menschen, und in den ehemals deutschen Gebieten 35 Menschen je Quadratkilometer.

Zweimal in sechs Jahren war Polen Kriegsschauplatz. Die Schlußbilanz des Krieges weist ein furchtbares Defizit auf. Die deutschen Ostgebiete sollen nun die polnische Sanierung ermöglichen, und es werden alle Anstrengungen gemacht, die plötzlich erworbene wirtschaftliche Kapazität zu nutzen.

Die polnische Wirtschaft erfährt durch den Gebietszuwachs einen ungeahnten Auftrieb. Der kommunistische Industrieminister Polens, Hilary Mine, erklärt dazu: "Vor dein Krieg betrug der Wert unserer jährlichen Industrie- und Minenproduktion pro Kopf der Bevölkerung 215 Zloty, sie wird sich, wenn wir alle Werke innerhalb der neuen Grenze wieder in Gang gebracht haben, um 96 v.H. auf 423 Zloty, steigern."

"Unsere Kohlenproduktion wird um 100 Millionen Tonnen pro Jahr anwachsen. Der Verlust der Petroleumquellen im Osten wird dadurch fünfundzwangzigfach aufgewogen. Die Leistung unserer Webereien steigt dadurch um 60 v.H., die der Leinenindustrie um 250 v.H. Wir werden 60 v. X. mehr Zucker, 30 v.H. mehr Zement, 40 v.H. mehr Eisen und 100 v.H. mehr Stahl produzieren."

"Die Gewinn- und Verlustrechnung", SO sagt der polnische Minister wörtlich, "ergibt eine geradezu ideale Bilanz, so ideal, daß manchen Polen vor der Götter Neid zu grauen beginnt."


DER SPIEGEL 11/1947
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