29.05.2004

Sieg um jeden Preis

Operation „Overlord“ war das größte Landungsunternehmen aller Zeiten. Vor 60 Jahren setzten die Alliierten in die Normandie über, um Hitlers Wehrmacht niederzukämpfen. Die Invasion verkürzte den Krieg - und bewahrte die Westdeutschen vor Stalins Truppen.
Friedrich August Freiherr von der Heydte war schwer aus der Ruhe zu bringen. Der Fallschirmjägeroffizier stand seit Kriegsbeginn im Einsatz; er trug das Ritterkreuz, das ihm Adolf Hitler persönlich umgehängt hatte. Als am 5. Juni 1944 gegen 23 Uhr einer seiner Untergebenen dem Haudegen meldete, dass Briten und Amerikaner über Südengland starke Lufttransportverbände sammelten und dies wohl der Beginn der alliierten Invasion auf dem europäischen Festland sei, alarmierte der Herr Major sein Regiment auf der Halbinsel Cotentin in der Normandie. Sodann speiste er zu Abend und rasierte sich. Der Offizier - NSDAP-Mitglied seit 1933 - wollte, wie er in seinen Erinnerungen schrieb, "anständig in einen möglichen Kampf gehen".
Im Morgengrauen erreichte Heydtes Einheit die Straße, welche im Nordwesten Frankreichs die Hafenstadt Cherbourg mit dem kleinen Ort Carentan verband. Vom Meer her vernahm der Adlige das Donnern von Geschützen. Er beschloss, sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen. Mit einem Beiwagenkrad raste der 37-jährige Offizier über die schmale, von Hecken gesäumte Straße nach Ste. Marie-du-Mont, dem letzten geschlossenen Ort vor der Küste. Dort erklomm der bayerische Katholik den Kirchturm. Was er sah, ließ ihn höhere Mächte anrufen: "Oh, mein Gott!"
Am Horizont reihten sich Kriegsschiffe der Briten, Amerikaner, Kanadier "zu einer fast geschlossenen Kette". Landungsboote mit amerikanischen Soldaten pendelten zwischen Truppentransportern und dem Strand. Nur aus einer einzigen deutschen Stellung sah Heydte noch Landser auf die Invasoren feuern.
Da ein Teil der GIs bereits Kurs auf Heydtes Aussichtskirchturm nahm, trat der erfahrene Frontkämpfer rasch den Rückzug an. Ihm war klar: Der Sturm auf die "Festung Europa", wie die Nazis den von ihnen geknechteten Kontinent bezeichneten, hatte begonnen.
Man schrieb das fünfte Jahr des verbrecherischen Kriegs, mit dem Hitler sein Rasseimperium errichten wollte. An allen Fronten hatte die Wehrmacht weichen müssen: Die Schlacht um Stalingrad war verloren, Süditalien einschließlich Roms von den Alliierten eingenommen, Deutschlands Städte wurden reihenweise zerstört.
Und nun der Angriff auf die deutschen Stellungen - den Atlantikwall - in Frankreich.
Dennoch jubilierte der "Führer" geradezu, nachdem er am Mittag des 6. Juni auf seinem idyllisch gelegenen Berghof bei Berchtesgaden vom Lauf der Ereignisse erfahren hatte: "Die Nachrichten konnten gar nicht besser sein! Solange sie in England waren, konnten wir sie nicht fassen. Jetzt haben wir sie endlich dort, wo wir sie schlagen können." Hitler glaubte tatsächlich, er sei in der Lage, die Angloamerikaner, gegen deren Bomberflotten seine Luftwaffe nichts auszurichten vermochte, in offener Feldschlacht zu besiegen.
Um die Loyalität seiner Landsleute musste sich der Diktator nicht sorgen. Der Inlandsgeheimdienst im Reichssicherheitshauptamt vermeldete: "Die Nachricht vom Beginn der Invasion wurde teilweise mit großer Begeisterung aufgenommen." Viele Deutsche hofften, ein Erfolg in der Normandie würde den Krieg noch zu Gunsten des "Dritten Reiches" entscheiden.
Doch ein Unternehmen, wie es die Alliierten vor nunmehr 60 Jahren aufzogen, hatte die Welt noch nicht gesehen. Operation "Overlord" - so der Codename für die Landung in der Normandie - war die größte kombinierte See-, Luft- und Landoperation in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.
Nie zuvor oder danach hat es eine vergleichbare amphibische Attacke gegeben. Allein am D-Day, dem ersten Tag der Invasion, landeten genauso viele alliierte Soldaten in Frankreich, wie US-Präsident George W. Bush beim Irak-Feldzug im vergangenen Jahr eingesetzt hat. 155 000 Männer und 16 000 Panzer, Jeeps und Lastwagen kämpften sich in den ersten 18 Stunden an mehreren Landungsstellen an einem Küstenabschnitt von rund 70 Kilometer Länge vorwärts.
Und das war nur der Anfang. 1,7 Millionen Briten und 1,5 Millionen US-Amerikaner standen zwischen Devon und London zur Überfahrt bereit; hinzu kamen 175 000 Uniformierte aus den britischen Dominions, darunter 18 000 Kanadier, sowie 44 000 Franzosen, Polen, Tschechen, Belgier, Niederländer, Norweger und sogar einige Exildeutsche in britischer Uniform. Eine gigantische Streitmacht.
Nur ein einziges Mal seit Beginn der Zeitrechnung hatte es eine feindliche Armee vermocht, über den teilweise nur wenige Dutzend Kilometer breiten Ärmelkanal hinweg England anzugreifen. Herzog Wilhelm von der Normandie hatte sich 1066 aufgemacht und dafür den Ehrentitel "Der Eroberer" erhalten. 1944 lief der Angriff in die entgegengesetzte Richtung.
Kurz nach Mitternacht sprangen die Ersten der 23 490 Fallschirmjäger hinter den deutschen Linien ab, um die Orne-Übergänge nordöstlich von Caen zu sichern und um jene Landezone freizukämpfen, die
Heydte beobachtet hatte. Riesige hölzerne Lastensegler, beladen mit Jeeps und Anhängern, glitten in das Invasionsgebiet. Um die Deutschen zu verwirren, behängten die Amerikaner uniformierte Gummipuppen mit Feuerwerksraketen und warfen sie aus den 2400 Transportmaschinen. Von unten gesehen glichen die Dummies um sich feuernden Fallschirmspringern.
Im Morgengrauen flogen schwere und mittlere Bomber der Royal Air Force und der U. S. Army Air Forces erste Angriffe auf die deutschen Stellungen. Mehr als 14 000-mal überquerten Maschinen des Typs "Fliegende Festung" oder "Befreier" im Laufe dieses 6. Juni den Kanal und verwandelten die Küste in ein Inferno.
Batteriestellungen samt Besatzung wurden zerfetzt, Minenfelder gingen in die Luft, Munitionslager explodierten. Getroffen wurden auch Felder, Scheunen und vom Krieg bis dahin verschonte Dörfer. Jagdbomber zogen flach über dem Wasser im Zickzackkurs auf die Küste zu. Beinahe unbehelligt von der deutschen Luftabwehr feuerten die Piloten auf alles, was sich bewegte. "Wenn du ein schwarzes Flugzeug siehst, so ist es ein Engländer, wenn du ein weißes siehst, so ist es ein Amerikaner, wenn du gar nichts siehst, ist es die Luftwaffe", spotteten bitter die Landser.
11 912 Tonnen Bomben gingen allein am D-Day auf deutsche Bunker und so genannte Widerstandsnester an der Küste und im Hinterland nieder - das entsprach ungefähr der Bombenlast, mit der die Alliierten 1943 die Millionenstadt Hamburg in Schutt und Asche gelegt hatten.
"Man kam sich vor wie Schlachtvieh", erinnert sich heute der damalige Infanterist Robert Vogt, den eine Druckwelle morgens um halb drei aus dem Bett in einem Bauernhaus warf, das wenige hundert Meter vom Strand entfernt lag. Vogt erhielt den Befehl, Verbindung zu anderen Zügen seiner Kompanie aufzunehmen, und hastete zur nächsten Stellung in den Felsen von Arromanches les-Bains. Den
Anblick dort hat er bis heute nicht vergessen: "So weit das Auge reichte: nur Schiffe."
Eine Armada aus 6480 Booten und Schiffen, darunter 4126 Landungsboote, stampfte in der Morgendämmerung durch die schwere See Richtung Normandie. Hunderte Zerstörer, Schlachtschiffe und Kreuzer nahmen schon bald ihre Positionen ein und feuerten auf die deutschen Stellungen. Raketen jaulten Richtung Festland.
Viele Landser erlebten erstmals, zu welchem Bombardement Luftwaffe und Marine der Seemächte Großbritannien und USA fähig waren. "Es war die Hölle", schilderte später der Landser Egon Rohrs einem Historiker den stundenlangen Beschuss, "wir lagen auf dem Boden, pressten uns an die Erde." Einige verloren die Nerven und heulten oder schrien nach ihren Müttern.
Wenige hundert Meter vor der Küste lösten sich die Landungsboote von den Konvois und steuerten auf das Ufer zu. Gegen 6.30 Uhr sprangen die ersten GIs südlich von Ste. Mère-Eglise in die Brandung des Atlantiks. Die deutsche Gegenwehr war nach dem Bombardement nur noch gering. An vier der fünf Landungsabschnitte brauchten die alliierten Soldaten nur rund 60 Minuten, um Brückenköpfe zu errichten.
Lediglich am so genannten Omaha Beach bei St. Laurent-sur-Mer überstanden deutsche Einheiten den Geschosshagel und richteten unter den angreifenden GIs ein Gemetzel an (siehe Kasten Seite 58). Die 29. und die 1. Infanteriedivision der U. S. Army benötigten fast einen Tag zur Eroberung des Abschnitts. US-Regisseur Steven Spielberg hat den amerikanischen Opfern in dem Film "Der Soldat James Ryan" ein Denkmal gesetzt.
Gemessen an dem Blutzoll, den die Sowjets an der Ostfront entrichteten, waren die Verluste der Alliierten moderat: Rund 10 000 Soldaten blieben tot oder verwundet zurück oder wurden gefangen genommen. Die Summe der nie gezählten deutschen Opfer schätzen Experten ähnlich hoch ein.
Das Oberkommando der angegriffenen 7. Armee meldete am 6. Juni nach Berlin: "Dem Feind gelang es, durch gewaltige Überlegenheit in der Luft und zur See in überraschend kurzer Zeit an den Widerstandsnestern (WN) und Stützpunkten durchzukommen und verhältnismäßig schnell in die Tiefe des Hauptkampffelds hineinzustoßen. Unter Schutz von Nebel wurden rasch erhebliche Mengen von Panzern nachgezogen, die dem Gegner gestatteten, zwischen den sich nach allen Seiten verteidigenden WN überraschend bis in die eigenen Artilleriestellungen einzudringen."
Die Pläne für "Overlord" sahen vor, innerhalb von 90 Tagen Seine und Loire zu
erreichen. Nach einer Pause - um Kräfte zu sammeln - wollten Briten und Amerikaner dann die Deutschen Richtung Osten vor sich hertreiben. Schon Mitte Juli war die alliierte Übermacht allerdings so erdrückend, dass der - auf Grund seiner Erfolge in Afrika legendäre - Generalfeldmarschall Erwin Rommel, Befehlshaber der in Nordwestfrankreich stationierten Heeresgruppe B, dem "Führer" die Kapitulation nahe legte.
Ausgerechnet im Krieg, dem Lebenselixier der Nationalsozialisten, erwiesen sich die von Hitler so verachteten westlichen Demokratien als überlegen. Die Wehrmacht, urteilt Detlef Vogel, langjähriger Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr, wurde "regelrecht vorgeführt"* - unter tatkräftiger Mithilfe des Diktators und seiner Generäle. "Unsere beste Waffe war die deutsche Führung, die entgegen allen Regeln der Kriegskunst handelte", ätzte nach dem Krieg der alliierte Oberkommandierende und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower.
Es stimmte ja wirklich. Der stolze Atlantikwall erwies sich als groteske Res-
sourcenverschwendung. Vier Jahre lang hatten Hunderttausende Soldaten und Zwangsarbeiter zwischen Norwegen und der spanischen Grenze Verteidigungsanlagen errichtet, um einen alliierten Angriff abzuwehren. Die Wehrmacht vergrub allein an den französischen Küsten 6,5 Millionen Minen, baute über 12 000 Befestigungen und verankerte 500 000 so genannte Vorstrandhindernisse. Drahtverhaue, mit Minen bestückte Eisenschwellen oder Hemmböcke schlitzten - von der Flut verdeckt - tatsächlich manche Landungsschiffe auf oder sprengten Löcher in die Bordwand. Doch dem Wall fehlte es für eine sinnvolle Verteidigung an militärischer Tiefe, was die Alliierten wussten. War er einmal durchbrochen, wurde er "sofort nutzlos" (US-Historiker Stephen Ambrose) und band ganze deutsche Einheiten in den Küstenstellungen.
Im scheinbar straff organisierten Führerstaat blockierten sich die Militärs zudem gegenseitig. Hitlers Generäle stritten erbittert um Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche. Das Resultat: Der für die Westfront zuständige Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, verfügte am Morgen des 6. Juni nur über einen Teil der notwendigen Truppen. Als er die Freigabe zweier bei Paris stationierter Panzerdivisionen forderte, lehnte das Oberkommando der Wehrmacht ab. Hitler hätte den entsprechenden Befehl geben können, aber der schlief bis in die Mittagszeit, und die Adjutanten trauten sich nicht, ihn zu wecken. Die Panzerdivisionen, urteilt Hitler-Biograf Ian Kershaw, "hätten sich möglicherweise entscheidend zu Gunsten der deutschen Seite" ausgewirkt.
Der Diktator - und mit ihm viele seiner Generäle - glaubte zudem, es handele sich bei Operation "Overlord" um einen Ablenkungsangriff und die eigentliche Landung würde nicht in der Normandie, sondern bei Calais stattfinden. "Dort wird, wenn nicht alles täuscht, die entscheidende Landungsschlacht geschlagen werden", prophezeite Hitler noch Anfang August - und ging damit einer raffinierten Desinformationskampagne der alliierten Geheimdienste auf den Leim. Die gut ausgerüstete, schlagkräftige 15. Armee der Wehrmacht wartete an der Nordsee wochenlang auf einen Feind, der nie kam. Erst im August beorderte der "Führer" die Masse der Verbände an die Front. Da waren die Alliierten bereits auf Le Mans vorgerückt.
Am 25. August fiel Paris, eine Woche später war beinahe das ganze restliche Frankreich befreit. Nur Probleme mit dem
Nachschub hielten Eisenhower davon ab, bereits im Spätsommer 1944 ins Deutsche Reich vorzustoßen.
Dass die Invasion den Zweiten Weltkrieg entschieden habe, reklamierten die westalliierten Sieger angesichts ihres rasanten Vorstoßes gern für sich. Sie sei, tönte der britische Kriegspremier Winston Churchill, der "Höhepunkt des Krieges" gewesen.
Historiker halten allerdings eine solche Einschätzung für übertrieben. Der Angriff auf die Wehrmacht in der Normandie, urteilt etwa der Hamburger Wissenschaftler Bernd Wegner, war "wichtig, aber nicht entscheidend". Denn was immer auch im Westen geschah: Hitlers Wehrmacht stand bereits im Sommer 1944 der anstürmenden Roten Armee im Osten hilflos gegenüber. Fast zeitgleich zur Operation "Overlord" zerschlugen Stalins Divisionen nahezu mühelos die einzige Heeresgruppe, die ihnen noch den Weg ins Reich verstellte; im August stießen die Rotarmisten bis an die Grenze Ostpreußens vor.
Und dennoch erwies sich das Gelingen des alliierten Plans als höchst bedeutsam für das Schicksal der Deutschen. Der Angriff verkürzte den Krieg um etliche Monate - und ersparte den Verlierern damit den Abwurf amerikanischer Atombomben, wie ihn die Japaner im August 1945 erlebten. Vor allem aber verhinderten die frühe Präsenz der GIs auf dem Festland und ihre Eroberung Westdeutschlands einen Durchmarsch Stalins bis an den Rhein. Ohne die Invasion, das ist gewiss, hätte es eine freie Bundesrepublik nie gegeben. In der Normandie erkämpften sich die Amerikaner das moralische Recht - und die praktischen
Voraussetzungen -, in der Nachkriegszeit Europas Schicksal mitzubestimmen.
US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der Brite Churchill hatten eine Landung auf dem europäischen Kontinent geplant, seitdem Hitler im Dezember 1941 den USA den Krieg erklärt hatte. Vor allem Roosevelt drängte darauf, mit einem Frontalangriff direkt ins Ruhrgebiet, das industrielle Herz des "Dritten Reichs", vorzustoßen.
Den Alliierten, die zugleich auch in Nordafrika sowie gegen Japan im Pazifik antraten, mangelte es allerdings zunächst an Soldaten und Landungsschiffen.
Erst nach dem Anlaufen der amerikanischen Kriegsmaschinerie verschoben sich 1943 die Gewichte. Die USA produzierten inzwischen mehr Waffen und Material als Japan, Deutschland und Italien zusammen. Dennoch zögerten die Westmächte, sehr zum Verdruss des verbündeten Kreml-Diktators Josef Stalin, dessen Truppen gegen den Großteil der kampfkräftigen Wehrmachtdivisionen kämpfen mussten.
Als Hauptgegenspieler des drängenden Generalissimus erwies sich Churchill. Nie wieder - so die Devise des Premiers - sollte eine ganze Generation junger Engländer auf dem Schlachtfeld verbluten, wie es im Ersten Weltkrieg geschehen war (SPIEGEL 8/2004). Der Hitler-Gegner plädierte deshalb dafür, sich vorerst auf Luftangriffe gegen das "Dritte Reich" und die militärisch weit weniger aufwendige Invasion in Italien zu beschränken.
"Ihr Briten habt Angst vorm Kämpfen", höhnte Stalin, "ihr solltet nicht glauben, dass die Deutschen Supermänner sind." Schließlich drohte der Moskauer "Woschd" ("Führer") mit einem deutsch-sowjetischen Sonderfrieden, sollte er nicht größere Unterstützung bekommen - und setzte sich durch.
Am 30. November 1943, Churchills 69. Geburtstag, verkündete Roosevelt nach einem gemeinsamen Mittagessen der großen drei auf der Konferenz von Teheran den versammelten Diplomaten und Militärs, man habe sich "über die wichtigsten militärischen Probleme geeinigt". Als Angriffstermin wurde spätestens Anfang Juni 1944 festgelegt, zum Oberbefehlshaber ernannten Churchill und Roosevelt General Dwight D. Eisenhower.
Der 53-jährige, groß gewachsene Offizier mit der Nickelbrille hatte zwar bis 1942 nie an einem Kampfeinsatz teilgenommen. Aber der Texaner verfügte über diplomatisches Geschick, und dieses wurde dringend benötigt, denn die britischen und amerikanischen Militärs sollten in bislang unbekanntem Maße zusammenarbeiten.
Von Eisenhower erwartete Roosevelt eine der größten logistischen Leistungen in der Geschichte der Menschheit. Millionen Soldaten mussten in Großbritannien versammelt, verpflegt, ausgebildet werden. Allein 350 000 Männer und Frauen organisierten die Rekrutierung amerikanischer Soldaten und den Nachschub aus den USA. Die amerikanische Marine transportierte vor der Invasion knapp neun Millionen Tonnen Büchsenfleisch, Munition und Zeltplanen über den Atlantik. Bald überzogen Hunderte Militärcamps die britische Insel. Südengland glich, beobachtete Premierminister Churchill, einem "unübersehbaren Heerlager".
Es galt, den Einsatz von Tausenden Flugzeugen und Landungsbooten zu koordinieren, das Einschiffen von Panzern und Lastwagen zu planen. Im Minutentakt sollten die Boote mit den Männern anlanden, diese den Strand besetzen, die Fahrzeuge entladen, sich vorwärts kämpfen. Die 65 000 Einsatzpläne, die Eisenhower schließlich verteilen ließ, waren teilweise so dick wie Telefonbücher.
Für manche Probleme entwickelten die Militärs ganz neue Lösungen. Da sie nicht damit rechneten, dass ihnen ein Großstadthafen funktionstüchtig in die Hände fallen würde, andererseits täglich mehrere Konvois mit Nachschub aus Großbritannien gelöscht werden mussten, beschlossen die Alliierten, zwei künstliche Häfen zu bauen. Jeder hatte die Kapazität des Kanalhafens von Dover und wurde in 400 000 Einzelteile mit einem Gesamtgewicht von 1,5 Millionen Tonnen zerlegt. 10 000 Soldaten und 26 500 Dockarbeiter waren mit der Montage beschäftigt.
Um den amerikanischen Streitkräften die Versorgung ihrer Soldaten zu erleichtern, hatten die Verbündeten bereits 1943 vereinbart, die U. S. Army im Westen Englands zu stationieren - eine Entscheidung mit weit reichenden Folgen. Denn damit legten sie zugleich fest, dass die amerikanischen Truppen weiter westlich angreifen und infolgedessen, nach einem Schwenk auf Deutschland zu, südlich der britischen Armee vorrücken würden. Dass Churchill seine Besatzungszone im Norden des Hitler-Reichs wählte, die Amerikaner im Süden,
war Folge dieser logistisch bedingten Entscheidung.
Mit fünf Divisionen plante Eisenhower am D-Day den Kanal zu überqueren. Doch wo sollten sie an Land gehen? In der Bretagne, der Normandie, an der Kanalküste auf der Höhe von Dover?
Der britische Geheimdienst hatte schon 1940 in BBC-Sendungen alle Briten aufgefordert, Erinnerungsfotos von Urlaubsreisen an Frankreichs Küste - am liebsten Landschaftsaufnahmen - einzuschicken. Mehr als zehn Millionen Bilder kamen zusammen und vermittelten den alliierten Planern einen Eindruck von der Beschaffenheit möglicher Landungsplätze.
Silvester 1943 ging sogar ein Spezialkommando bei Luc-sur-Mer an Land. Von den Deutschen unbemerkt, entnahmen die Soldaten Bodenproben. Eisenhower wollte sichergehen, dass der Strand die tonnenschweren Panzer und Lastkraftwagen auch trug. Britische Geologen und Geografen fürchteten nämlich, dass unter dem Sand große Torflager verborgen sein könnten, welche die Last des Kriegsgeräts nicht aushielten. Die Wahl des alliierten Oberkommandos fiel schließlich auf die Gegend zwischen der Orne-Mündung und der Halbinsel Cotentin.
Die deutschen Heerestruppen in der Normandie zählten zu den ältesten im Westen (Durchschnittsalter in den meisten Divisionen: 37 Jahre). Manche Einheiten bestanden aus Magenkranken oder Gehörgeschädigten.
Jeder sechste Soldat war ein Beutekamerad, wie Landser die militanten Antikommunisten aus Russland, der Ukraine oder Ungarn bezeichneten, die mehr oder minder freiwillig bei der Wehrmacht angeheuert hatten. Über ihre Motivation notierte Generalleutnant Karl-Wilhelm von Schlieben: "Russen in Frankreich für Deutschland gegen Amerika (sind) nur sehr bedingt verwendbar."
Die Ausrüstung der Truppen war zudem oft miserabel. Es fehlte an Benzin, Ersatzteilen, Gerät. Häufig mussten Soldaten zu ihren Stützpunkten radeln oder auf Bauernwagen kutschieren. Als Fallschirmjäger Heydte im April 1944 in der Normandie eintraf, stieß er auf Landser, die mit Waffen
hantierten, welche aus ganz Europa zusammengekarrt worden waren.
Und dennoch fieberten erstaunlich viele Wehrmachtsoldaten einem Kampf mit den Alliierten entgegen, wie Feldpost aus den Archivalischen Sammlungen der Stuttgarter Bibliothek für Zeitgeschichte belegt. "Wir haben alle geglaubt, dass der Engländer in der ersten Hälfte des Monats Mai zur Invasion schreitet", schrieb etwa der Gefreite Josef Z. am 16. Mai 1944, "aber leider ist der Feigling nicht gekommen." War das Ausdruck ideologischer Verblendung? Oder hofften die Männer auf einen baldigen Frieden nach einem Sieg über die Alliierten?
Um zu verhindern, dass nach Beginn der Invasion die Wehrmachtführung sofort stärkere Einheiten heranführte, bombardierten die Alliierten die Übergänge der Seine und die Bahnverbindungen zwischen Nordwestfrankreich und Deutschland. Mit 75 000 Tonnen Bombenlast - etwa so viel ging auf Berlin im ganzen Zweiten Weltkrieg nieder - zerstörten die Alliierten bis zum D-Day 70 Prozent des Eisenbahnnetzes zwischen dem Reich und der Normandie.
Die Zweifel vieler alliierter Diplomaten, Politiker oder Militärs am Erfolg des Vorhabens blieben. Er fühle sich, notierte Churchills wichtigster militärischer Berater, Feldmarshall Sir Alan Brooke, "sehr unwohl bei dem Gedanken an die Operation". Vor allem den GIs mangelte es an Kampferfahrung. Von den 15 000 Soldaten der 29. US-Infanteriedivision etwa, die am Omaha Beach landeten, hatten nur 5 zuvor ein Gefecht erlebt.
Der militärische Planungsstab beschloss deshalb, ein Großmanöver abzuhalten. Termin: Ende April an der Küste von Süd-Devon, wo die Strände denen der Normandie gleichen. Die Gegend wurde großräumig abgesperrt, fast 3000 Anwohner mussten ihre Häuser räumen.
Die Generalprobe misslang vollständig. Die Schiffsartillerie feuerte mit Manövermunition auf die eigenen Leute, an der falschen Stelle eingetroffene Truppen irrten am Strand umher. Als Fahrzeuge und Soldaten in verkehrter Reihenfolge anlandeten, brach komplettes Chaos aus, wie der Historiker David Reynolds berichtet*.
Eisenhowers Generalstabschef, General Walter Bedell Smith, schätzte anschließend die Chancen, den zu errichtenden Brückenkopf zu halten, auf "fifty-fifty".
Das Aufstellen und Ausrüsten einer Millionenarmee ließ sich nicht verheimlichen. Der Erfolg der Alliierten hing auch davon ab, Hitler im Glauben zu wiegen, die Invasion erfolge bei Calais und die Landung in der Normandie sei nur ein Täuschungsmanöver. Die angloamerikanischen Partner wussten, dass die schlagkräftige 15. Armee des Gegners am Pas de Calais stationiert war, um die von dort ins Ruhrgebiet führende Tiefebene zu sichern.
Das sollte so bleiben. Dafür war es nötig, dem "Führer" den Eindruck zu vermitteln, die alliierte Streitmacht sei größer, als es der Wirklichkeit entsprach. Nur dann würde Hitler auch nach Beginn der Invasion annehmen, dass die Alliierten den Großteil ihrer Soldaten für eine spätere Hauptlandung zurückhielten. Im Januar 1944 starteten die Verbündeten daher Operation "Fortitude" ("Kraft") - die wohl wichtigste Geheimdienstaktion des 20. Jahrhunderts.
Die Geheimdienstler im alliierten Hauptquartier erfanden eine Geisterarmee - die
First U. S. Army Group (FUSAG) - mit angeblich einer Million Soldaten, verteilt über ganz England. Einige Einheiten gab es tatsächlich, sie waren größtenteils in den USA stationiert. Die meisten Divisionen hingegen existierten nur auf dem Papier.
Kulissenbauer der Shepperton Film Studios entwarfen für die unsichtbaren GIs Panzerattrappen aus Gummi, die auf Truppenübungsplätze gestellt wurden. Holzflugzeuge in Echtgröße täuschten auf Scheinflugplätzen Invasionsvorbereitungen vor. Mehrere Dutzend Offiziere hatten regen Funkverkehr: Sie erfanden Lageberichte, orderten Nachschub, den sie weder bekamen noch brauchten, oder berieten fiktive Angriffspläne.
Da die Alliierten wussten, dass Hitler und seinen Militärs der draufgängerische US-General George S. Patton imponierte, ernannte Eisenhower den Troupier, der in Großbritannien die 3. US-Armee befehligte, zugleich zum Oberbefehlshaber der imaginären FUSAG.
Die Berliner Abwehr ahnte nicht, dass 15 deutsche Spione in Großbritannien die Seiten gewechselt hatten. Fleißig lieferten die Doppelagenten - sieben per Funkgerät, die anderen schrieben Briefe - genau aufeinander abgestimmte Berichte über angebliche Invasionsabsichten der Alliierten. Sie erfanden Netzwerke von Unteragenten, die sie zu steuern vorgaben, setzten Berichte in Umlauf, welche die britische Gegenspionage verfertigte, und machten in großem Umfang Spesen auf deutsche Kosten. Da die Briten dank polnischer Hilfe
den Code geknackt hatten, mit dem Hitlers Heer und Luftwaffe ihre Meldungen chiffrierten, waren die britischen und amerikanischen Experten über die Wirkung ihrer Desinformationskampagne stets im Bilde: Am Vorabend der Invasion glaubten die Deutschen, in Großbritannien stünden 79 Divisionen bereit (es waren 47), die Alliierten könnten mit 20 Divisionen anlanden (maximal 6 vermochten sie tatsächlich über den Kanal zu bringen) und der Hauptangriff fände bei Calais statt.
Dabei hatte es der Wehrmacht an Hinweisen auf die realen Vorgänge nicht gefehlt. Der Marinegruppe West kam es schon im Februar 1944 merkwürdig vor, dass die Alliierten anscheinend ausgerechnet dort landen wollten, wo die deutsche Verteidigung am stärksten war, und meldete entsprechende Zweifel an. Die Luftflotte 3 folgerte aus dem Bombardement der Seine-Übergänge, dass die Alliierten die Normandie abriegeln wollten und daher zwischen Le Havre und Cherbourg landen würden - was sie dann ja auch taten. Doch jeder Hinweis wider die herrschende Meinung versickerte im "Zuständigkeitswirrwarr" (Historiker Vogel) deutscher Stellen.
Ende Mai waren die Invasionsvorbereitungen nicht mehr zu übersehen. Tausende Lastwagen quälten sich in Konvois Richtung Plymouth oder Southampton. Auf den Kaianlagen der Hafenstädte türmte sich Kriegsgerät, Busse karrten Soldaten herbei. Zivilisten säumten die Straßen und schauten stumm auf die vorbeiziehenden Trecks. Zumindest den Zeitpunkt des alliierten Angriffs hätten die Deutschen kennen können. "Schon ein einziger deutscher Spion im Süden (Englands) hätte ausgereicht", so der britische Historiker Richard Overy, "das Geheimnis zu lüften."
Ihre letzte Chance erhielten Hitlers Späher einen Tag vor der Invasion, am 5. Juni 1944. Die BBC sendete den zweiten Teil einer Strophe von Paul Verlaines Gedicht "Chanson d''Automne" (Herbstlied): "Blessent mon coeur d''une langueur monotone" ("dass matt und wund vor Sehnsucht und vor Qual ich bin"). Die deutsche Gegenspionage hatte in Erfahrung gebracht, dass damit den Kämpfern der französischen Widerstandsbewegung der Beginn einer Invasion innerhalb der nächsten 48 Stunden signalisiert wurde.
Um 21.15 Uhr fing Unteroffizier Reichling von der 15. Armee die von der BBC verbreitete Verszeile auf und informierte sofort die zuständigen Kommandostellen. Doch in der Normandie geschah nichts. Das Hauptquartier in Paris meinte, die Alliierten würden kaum so verrückt sein und die Invasion im Radio ankündigen.
Adolf Hitler verbrachte daher einen netten Abend mit Eva Braun und seinem Gefolge auf dem Berghof. Er ließ sich die neusten Wochenschauen vorführen. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte hinterher in seinem Tagebuch:
"Wir sitzen dann noch bis nachts um 2 Uhr am Kamin, tauschen Erinnerungen aus, freuen uns über die vielen schönen Tage und Wochen, die wir zusammen erlebt haben. Kurz und gut, es herrscht eine Stimmung wie in den guten alten Zeiten."
Ähnlich entspannt zeigten sich die zuständigen Militärs. Großadmiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, erholte sich an seinem Urlaubsort; Generaloberst Hans von Salmuth, Oberbefehlshaber jener 15. Armee, welche die Alliierten so fürchteten, vergnügte sich bei der Jagd in den Ardennen; Generalfeldmarschall Rommel weilte bei Ehefrau Lucie-Maria im schwäbischen Herrlingen - sie hatte am 6. Juni Geburtstag. Generaloberst Friedrich Dollmann, Oberbefehlshaber der 7. Armee, in deren Abschnitt die Invasion stattfand, hielt sich im 175 Kilometer entfernten Rennes auf.
Die Wehrmacht hatte überhaupt nur eine Chance, die Invasoren zurückzuschlagen, wenn ihr Glück und Zufall zur Seite standen - so wie am sechs Kilometer langen Omaha Beach. Die 352. Infanteriedivision der Wehrmacht führte dort ausgerechnet am Morgen des D-Day eine Übung durch, was den alliierten Geheimdiensten entgangen war. Noch wichtiger: Auf Grund dichter Wolkenfelder verfehlten die Angriffe der alliierten Bomber die deutschen Stellungen um einige Kilometer.
Den GIs hatten ihre Offiziere erzählt, dass sie auf zweitklassige Söldnertruppen treffen würden. Heftigen Widerstand erwarteten die Amerikaner erst nach ihrer Landung.
Doch Generalfeldmarschall Rommel hatte sich beim Bau der Abwehranlagen von den Erfahrungen des Stellungskriegs 1914 leiten lassen: Der Strand war vermint, von Maschinengewehrnestern aus konnten die Wehrmachtsoldaten jeden Angreifer ins Visier nehmen, Artilleriegeschütze an den Enden des Abschnitts drohten anlandende Verbände von beiden Seiten zusammenzukartätschen. Ein tief ausgeschachtetes Grabensystem schützte unterdessen die Landser vor dem Bombardement durch die weiter draußen vor Anker liegende US-Flotte.
Die deutschen Schützen hielten die Maschinengewehre vor allem auf die Rampen der Landungsboote gerichtet, von denen die GIs ins Wasser sprangen (siehe Kasten Seite 66). "Die ersten Männer wurden zerrissen, ehe sie auch nur einige Meter
zurückgelegt hatten", berichtete später der Soldat Marshall, dessen Aufzeichnungen Experten als realistisch einschätzen. "Sogar die Leichtverwundeten ertranken, herabgezogen von ihrem schweren Gepäck." Innerhalb weniger Minuten färbte sich der Atlantik in Strandnähe blutrot. Diejenigen, welche es bis ins Trockene schafften, wichen auf der Suche nach Deckung ins Wasser zurück.
Nichts klappte wie vorgesehen. Einige Boote sanken, ehe sie das Ufer erreichten. Die bis zu zwei Meter hohen Wellen und der böige Wind trieben die La ndungsteams ab. Nur die Kompanie A des Regiments 116 landete an der vorgesehenen Stelle und bezahlte dafür einen hohen Preis, wie Ray Nance später berichtete.
Der Offizier gehört zu jenen über 1400 D-Day-Veteranen, die von Historikern des Eisenhower Center in New Orleans befragt wurden und deren Erinnerungen sich teilweise im Internet finden. Nances Boot näherte sich 19 Minuten nach der Kompanie A dem Omaha Beach. Zunächst klemmte die Rampe, aber dann öffnete sie sich doch, und Nance sprang ins kalte Wasser. Die Wellen schlugen ihm bis zum Hals, es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, ehe er den Strand erreichte. Doch von der Kompanie A, die er dort erwartete, war niemand zu sehen - "nicht eine einzige Menschenseele". Nance schaute sich um: "Da sah ich die Leichen im Wasser liegen, es waren so viele , dass sie sich berührten."
Die Wende am Omaha Beach kam mit Leutnant Dean Rockwell. Eigentlich sollte der Offizier die vier Panzer auf seinen Landungsbooten noch im tiefen Wasser absetzen - außerhalb der Schussweite der deutschen Geschütze. Die Tanks sollten dann, von Gummi-Ummantelungen getragen, an Land schwimmen. Doch die Brandung war zu stark, und fast alle bis dahin abgesetzten Panzer waren gesunken, ohne auch nur einen einzigen Schuss abzufeuern. Rockwell beschloss daher, die Boote auf den Strand zu setzen - und beendete damit das Gemetzel. Die Panzer rollten auf den Sand, ihre Kanonen zerstörten in kurzer Zeit nacheinander die deutschen Stellungen.
Von einem ähnlich blutigen Verlauf wie am Omaha Beach waren die Alliierten an allen fünf Landungsstellen ausgegangen. Allein bei den gut 20 000 Fallschirmjägern rechnete Oberbefehlshaber Eisenhower mit über 14 000 Mann Verlust.
Als der Krieg vorbei war - der inzwischen stramm konservative Ritterkreuzträger Heydte unterrichtete als Ordinarius Staatsrecht und hatte 1962 mit einer Anzeige wegen Landesverrats zur SPIEGEL-Affäre beigetragen -, wurde immer wieder die Frage diskutiert, ob alles anders gekommen wäre, wenn die deutsche Abwehr von Angriffsort und -zeit Kenntnis gehabt hätte.
Oberbefehlshaber Eisenhower mochte ein Scheitern der Invasion nicht ausschließen. In der Rocktasche trug er eine persönliche Erklärung, die er in diesem Fall veröffentlichen wollte. Von der Übernahme der alleinigen Verantwortung war darin die Rede; wahrscheinlich hätte Eisenhower eine Niederlage das Kommando gekostet. Ein Nachfolger für einen zweiten Versuch stand freilich schon bereit. Für den Sieg über Hitler hätten Churchill und Roosevelt ihren Armeen jeden Preis abverlangt. Gegen die alliierte Übermacht hatte Hitlers schwer strapazierte Wehrmacht auf Dauer keine Chance.
Premierminister Churchill verfolgte am Vormittag des D-Day im Kartenraum des Bunkers im Londoner Regierungsviertel den Verlauf der Operation "Overlord". Helfer aktualisierten ununterbrochen die Übersichten der Angriffe an den fünf Landungsstellen. Zufrieden telegrafierte Churchill nach dem Mittagessen an Stalin: "Alles hat gut begonnen. Die Minen, Hindernisse und Geschützstellungen haben wir weitgehend überwunden."
Gut zehn Monate später reichten sich Rotarmisten und GIs bei Torgau an der Elbe die Hand. Die Deutschen hatten ihren Weltkrieg verloren. KLAUS WIEGREFE
* Oben links: US-Bomber über der Normandie; oben rechts.: Entladung eines US-Landungsschiffs; unten links: Geschützfeuer des britischen Kreuzers Belfast ; unten rechts: USSturmtruppen am Strand; * Horst Boog, Gerhard Krebs, Detlef Vogel: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 7 . Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München, 2001; 831 Seiten; 49,80 Euro. Sowjetisches Propagandaplakat von 1944. * Günter Bischof/Wolfgang Krieger (Hg.): Die Invasion in der Normandie 1944 . Studien Verlag, Innsbruck 2001; 203 Seiten; 22 Euro.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 23/2004
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