29.05.2004

Die Bestie von Omaha Beach

Als die Amerikaner aus den Landungsbooten sprangen, hielt Hein Severloh mit dem Maschinengewehr drauf - neun Stunden lang.
Er weiß nicht, wie der Mann hieß, er weiß nicht, wie alt er war, er weiß nur, wie der Mann starb.
Der Mann kam aus dem Meer und suchte hinter dem Betonblock Deckung, dort unten am Strand. Der Schuss aus Hein Severlohs Karabiner traf den Mann in die Stirn. Der Helm des Mannes fiel in den Sand und rollte in die Wellen. Das Kinn des Mannes sackte auf die Brust, und dann stürzte der Mann, dann war er tot.
Das ist die Szene, die geblieben ist, 60 Jahre danach. Das ist Hein Severlohs Traum.
"Was sollte ich denn tun?", fragt Hein Severloh, er antwortet: "Ich dachte doch, dass ich nach hinten niemals wegkomme, ich dachte, dass ich um mein Leben schieße: Die oder ich, das dachte ich."
Also schoss er, neun Stunden lang.
Also tötete Severloh, "dreitausendmal", sagt der Historiker und Autor Helmut Konrad Freiherr von Keusgen, jener Mann, der Severloh betreut. "Ich weiß nicht genau, wie viele Menschen ich erschossen habe", das sagt Severloh. Ist die Zahl wichtig?
Am 6. Juni 2004 ist Hein Severloh ein alter Herr, 80 Jahre alt, er ist ein Herr im Anzug, mit grauen, zurückgekämmten Haaren, silberner Brille und langen Ohren, einer, der ein langes Leben leben durfte: der drei Jahre in Kriegsgefangenschaft war, ohne sein Geheimnis zu verraten, der zurückkam und heiratete, der vier Kinder aufwachsen sah, den Hof der Eltern übernahm und heute noch dort wohnt, in dem Fachwerkhaus in Metzingen in Niedersachsen.
Am 6. Juni 1944 ist Hein Severloh ein 20-jähriger Gefreiter, der in der Normandie, zwischen den Dörfern Colleville und St. Laurent-sur-Mer, Adolf Hitlers Atlantikwall verteidigen muss. Er ist der Bursche des Oberleutnants Bernhard Frerking von der 1. Batterie des 352. Artillerie-Regiments, sie wohnen bei einer französischen Familie unter dem Dach, es ist kurz nach Mitternacht, als Bernhard Frerking ihn weckt.
"Schnell, Hein, wir müssen los, sie kommen", sagt Frerking.
Das Widerstandsnest 62, "WN 62", liegt 25 Meter hoch im Kreidegestein der Steilküste. Unten, am Strand, gibt es damals eine Böschung, dann einen Minengürtel, dann Stacheldraht, dann einen Graben, der die Panzer stoppen soll. Darüber haben die Deutschen Bunker und Schützengräben angelegt, ein Labyrinth unter der Erde, man kann noch 60 Jahre später hineinkriechen und die Enge spüren.
Sie sind 30 Mann, und "jeder von uns dachte nur: Wie komme ich aus diesem Schlamassel lebend raus?", sagt Severloh. Es ist eine windige Nacht, die Wellen rollen. "Ich wollte nicht in diesen Krieg, ich wollte nicht nach Frankreich, ich wollte nicht den MG-Schützen machen", sagt Severloh, aber da liegt er nun, in einem verlorenen Weltkrieg, in der Normandie, hinter einem MG-42, Hitlersäge genannt.
Nein, den Befehl, bis zum letzten Augenblick zu schießen, hat er nicht bekommen, nicht wörtlich, nur diese Erklärung vom Oberleutnant: "Du musst in dem Augenblick anfangen mit Schießen, wenn sie ins knietiefe Wasser steigen und noch nicht auseinander laufen." Hat Severloh eine Alternative, hat er die Wahl?
Hein Severloh war beim Jungvolk, dann auf der Landwirtschaftsschule, 1942 wurde er eingezogen, dann kam er nach Russland. Er überlebte die Ostfront, weil er eine Mandelentzündung bekam und ins Lazarett geschickt wurde und zur Erholung nach Hause, von dort nach Frankreich. Der Zweite Weltkrieg, sagt Severloh, bedeute für Männer wie ihn "Kadavergehorsam und Überleben". "Halt den Mund, wenn Sie mit mir reden", sagen die Offiziere, und wenn Severloh sagt: "Ich dachte ...", sagen die Offiziere: "Überlass das Denken den Pferden, die haben größere Köppe."
Es dämmert am Morgen des 6. Juni 1944, als sie eine Wand aus Schiffen am Horizont sehen, "Mein Gott", denkt Severloh. Man reicht ihm die Patronengurte, 12 000 Schuss.
Es beginnt um fünf Uhr mit den amerikanischen Kampffliegern, die die Deutschen sturmreif bombardieren sollen; weil die Sicht so lausig ist, dass die Männer über den Wolken fürchten, unter den Wolken die eigenen Schiffe zu treffen, warten sie drei, vier Sekunden länger als geplant, und deshalb treffen ihre Bomben französische Zivilisten und französische Kühe hinter den deutschen Linien. "Ich habe nur Dreck abgekriegt", sagt Severloh.
Dann sind sie da, dann schießt er.
Zu zweit steigen die Amerikaner die Stufen hinab ins Wasser, "junge Bengels wie wir", sagt Severloh, er hält drauf mit seiner Hitlersäge, und wenn er einzelne Soldaten sieht, die sich den Strand hinaufschleppen, nimmt er den Karabiner.
Was ist es: Hass? Panik? "Nichts", sagt Severloh, "man denkt nichts, man ist ruhig, man tut es. Man weiß nur, dass die das Gleiche tun würden, wenn man sie ließe."
Die Stunden vergehen. Am Anfang waren die Amerikaner 600 Meter weit entfernt, jetzt sind es vielleicht 150 Meter, die Flut ist gekommen. Das Wasser dort unten ist rot gefärbt, die Brandung schiebt die Toten auf den Strand, überall liegen Leichen, aufeinander. Die Landungsboote
kommen in Wellen, es gibt Pausen, in denen das Maschinengewehr abkühlen kann. Severloh merkt, dass viele Kameraden längst abgehauen sind, aber er bleibt, wieso? "Ich hätte mein Leben lang ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn ich meinen Oberleutnant im Stich gelassen hätte", sagt er, "das ging nicht."
Er schießt.
In den letzten Stunden ist er der einzige Deutsche, der noch schießt am Omaha Beach, die Strömung treibt die Schiffe zu WN 62, die Amerikaner rudern mit den Armen und tauchen, sie irren sich, falls sie glauben, dass Wasser die Kugeln aufhält.
Um 15 Uhr ist es vorbei. Die ersten Panzer rollen auf den Omaha Beach, Amerikaner klettern die Anhöhe herauf. Und Oberleutnant Frerking, 32 Jahre alt, Lehrer für Englisch, Französisch und Sport, ein "altes Frontschwein" und ein "ganz feiner Kerl", so Severloh, befiehlt den Rückzug.
Severloh flieht durch die Krater, die die Kampfflieger in die Landschaft gebombt haben, und weiter hinten wartet er auf Frerking, der nicht kommt. Wenn Severloh 40, 50, 60 Jahre später in die Normandie fährt, besucht er ihn. Das Grab des Oberleutnants Frerking ist in La Cambe, es ist ein flaches Kreuz im Gras, es war ein Kopfschuss.
In der Nacht des 6. Juni wird Severloh gefangen genommen, elf Tage später bringen sie ihn auf ein Schiff nach Boston. Natürlich weiß er, dass er nichts sagen darf, "dann wäre ich nicht nach Hause gekommen", sagt er. Er muss auf Baumwoll- und Kartoffelfeldern und in Hotels arbeiten, 1947 kommt er nach Hause. Es dauert 13 Jahre, bis er "Der längste Tag" liest und auf den Namen David Silva stößt. David Silva wurde von drei Schüssen getroffen am Omaha Beach, er überlebte und wurde Militärpfarrer. Die Veteranen treffen sich in Karlsruhe, werden Brieffreunde, sie treffen sich am Omaha Beach.
"Hein hat mich nie um Vergebung gebeten, aber ich habe ihm verziehen", sagt David Silva, "das ist wichtig für ihn."
Der Autor Helmut Konrad Freiherr von Keusgen macht Severloh bekannt, der Fernsehsender ABC befragt ihn, in Amerika wird Severloh zur "Bestie von Omaha Beach". Ein Mann, ein Maschinengewehr, 3000 Tote? Insgesamt verloren die Amerikaner hier am 6. Juni 4184 Mann, aber es gab auch deutsche Granaten, es gab, zumindest in den ersten Stunden, noch andere Maschinengewehre, und viele Männer ertranken - es dürften in Wahrheit einige Amerikaner weniger gewesen sein, die Hein Severloh erschoss.
Wären 300 leichter auszuhalten?
Hein Severloh ist ein Mann, der bei Kaffee und Mineralwasser drei Stunden lang sehr nüchtern von all den Bomben, den Waffen und den Toten erzählen kann, von dem einen, dem längsten Tag, der sein Leben beherrscht, immer noch. Aber wenn er an diese zwei Männer denkt, den deutschen Oberleutnant Frerking und den unbekannten Amerikaner, dann weint er. Und jetzt, nach drei Stunden, kann er nicht mehr reden, weil er einen Schlaganfall hatte und viel schlafen muss. Es ist genug.
In den ersten Jahren hat er ständig von diesem Amerikaner und dem Schuss in den Kopf und dem rollenden Helm geträumt, das ist seltener geworden, immerhin. "Man darf es sich nicht vorstellen", sagt Severloh, "sonst kommt einem, auf Deutsch gesagt: das Kotzen." KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 23/2004
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