29.05.2004

UNTERHALTUNG„Ich fühlte mich wie die Hexe“

Die österreichische TV-Moderatorin Arabella Kiesbauer, 35, über das Ende ihrer Talkshow und den Siegeszug der Fiktion
SPIEGEL: Frau Kiesbauer, am Freitag läuft auf ProSieben zum letzten Mal Ihre Talkshow - die letzte jener Sendungen, in der Gäste mit intimen Geständnissen einst ein Millionenpublikum fesselten und Kritiker verstörten. Reicht es jetzt auch Ihnen?
Kiesbauer: Ich halte es da ganz mit Franz Grillparzers Medea: "Was ich tu das will ich / Und was ich will - je nu das tu ich manchmal nicht."
SPIEGEL: Das heißt?
Kiesbauer: Zehn Jahre Talkshow sind genug. Ich will keinen Trend zu Tode reiten. Ich habe den Nachmittagstalk geprägt, der Nachmittagstalk hat die neunziger Jahre geprägt, aber jetzt haben wir 2004, und da ist ein anderer Trend angesagt.
SPIEGEL: Haben Sie alle Tabus gebrochen?
Kiesbauer: Natürlich sind wir an Grenzen gegangen. Das war das Konzept der Sendung. Am Ende, nach 2700 Sendungen und über 30 000 Gästen, war alles gesagt. Der Rest ist Schweigen.
SPIEGEL: Diese Einsicht hätten sich viele Kritiker schon eher gewünscht.
Kiesbauer: Am Anfang wurde "Arabella" in den Himmel gehoben und galt als Kultsendung. Aber dann gab es sehr viel Prügel. Ich stand oft stellvertretend für die ganze Formatgattung. Manchmal habe mich dabei gefühlt wie die Hexe, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll - von dem ich aber immer wieder versucht habe, mit erhobenem Haupt herunterzusteigen.
SPIEGEL: Sie fühlten sich als verfolgte Unschuld?
Kiesbauer: Nein, aber heute kann ich besser zugeben, dass wir manchmal über die Stränge geschlagen haben. Andererseits haben wir das Fernsehen demokratisiert. Jeder Mensch konnte plötzlich so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
SPIEGEL: Damit geht es nun zu Ende: Die Einschaltquoten Ihrer Talkshow sind in letzter Zeit stark gefallen. Dafür haben die Privatsender und das ZDF jetzt Erfolg mit pseudo-dokumentarischen Polizei-Serien oder Gerichtsshows, bei denen Drehbuchautoren jeden Satz bestimmen.
Kiesbauer: Umfragen und Quoten zeigen, dass die meisten Zuschauer nachmittags an Fiktion mehr interessiert sind als an der Realität. Dass heute nur noch mit Schauspielern gearbeitet wird - und nicht mehr, wie bisher in meiner Sendung, mit echten Gästen - ist den Leuten offenbar nicht so wichtig.
SPIEGEL: Auch in Ihrer Sendung haben sich die Gäste inszeniert - und wenn nicht, haben Sie kräftig nachgeholfen, damit der Gast einen bestimmten Typ verkörpert.
Kiesbauer: Aber meine Talkshow war von der Gattung her eher ein journalistisches Format. Wir waren der Authentizität verpflichtet. Es war immer alles echt, und das musste es auch sein. Der Gast hat eben eine Meinung vertreten, mit Leidenschaft oder zurückhaltender.
SPIEGEL: Leidenschaft ist gut: Einige Gäste haben verbal in Ihrer Sendung die Sau rausgelassen.
Kiesbauer: Wir waren da auch ein Ventil, ja. Aber das ist doch eher gut als schlecht. Viele Gäste haben spontan gemacht, was sie wollten, und ich habe das auch zugelassen. Es war eine Art antiautoritäres Fernsehen, und das hat die Sache auch für mich immer wieder spannend gemacht. Natürlich hatten auch wir immer ein Konzept, eine Dramaturgie. Aber was wir den Zuschauern nicht liefern wollten, waren nach Drehbuch minutiös geplante dramaturgische Höhepunkte.
SPIEGEL: Sie haben selbst dazu beigetragen, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verwischen. Im letzten Jahr haben Sie wochenlang die Erlebnisse einer angeblichen "Abschlussklasse" durchgenudelt. Das Ganze war inszeniert wie eine Dokumentation; tatsächlich waren alle Ereignisse - Sitzenbleiben, Selbstmordversuch, Schwangerschaft - erfunden. Gerade junge Zuschauer dürften darauf hereingefallen sein.
Kiesbauer: Das stimmt nicht. Dieses Format hat zwar auf meinem Sendeplatz stattgefunden, war aber nicht Bestandteil meiner Show. Wir haben außerdem von Anfang an gesagt, dass hier nur Schüler Schüler spielen - Schüler, die es auch in Wirklichkeit gibt. Auch den Initiator, der seine Klasse gefilmt hat, gibt es tatsächlich, aber er stand für die Show nicht zur Verfügung. Ich finde es wichtig, keinen Betrug am Zuschauer zu betreiben, sondern mit offenen Karten zu spielen.
SPIEGEL: Dennoch wollen auch Sie von Herbst an mit Schauspielern statt mit echten Gästen das Publikum zurückerobern - in der Pseudo-Talkshow "Das Geständnis". Braucht es wirklich noch so ein Format?
Kiesbauer: Die Quoten haben dazu Ja gesagt. Schon jetzt sind die halbstündigen "Geständnis"-Probeshows besser gelaufen als meine normale Talkshow, an der ich ziemlich hing.
SPIEGEL: Bisher standen Sie für Spontaneität, nun müssen Sie sich an Drehbücher halten. Das kann Sie nicht begeistern.
Kiesbauer: Mal sehen. Für spontane Ausflüge wird einerseits keine Zeit mehr bleiben. Aber in der Realität nach Drehbuch liegt ja auch ein bestimmter Reiz. Das ist mehr Schauspiel als Talk. Das heißt aber nicht, dass ich das jetzt als Kunst ansehe.
SPIEGEL: Ist das ein Niveauverlust?
Kiesbauer: Es ist ein Einschnitt in meine berufliche Laufbahn, den ich noch nicht ganz überschaue. Aber wie beim Talk will ich die moralische Instanz bleiben, die gewisse Werte vertritt und dafür sorgt, dass am Ende der Gute gelobt und der Böse gescholten wird. INTERVIEW:
NIKOLAUS VON FESTENBERG, MARTIN WOLF
Von Nikolaus von Festenberg und Martin Wolf

DER SPIEGEL 23/2004
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