DER SPIEGEL



ABENTEUER

Ankunft im Irgendwo

Von Bethge, Philip

Ein merkwürdiger Zeitvertreib gewinnt weltweit Anhänger: die Expedition zu den Schnittpunkten der Längen- und Breitengrade.

Am Ende der Expedition stehen zehn Nullen. Fünf Stellen hinter dem Komma zeigt der Navigationscomputer von Terje Mathisen an. Wenn sie alle auf null stehen, ist er am Ziel.

"Noch einen Meter weiter nach Westen", sagt Mathisen, den Blick starr auf den Mini-Bildschirm des GPS-Geräts geheftet. Mit leicht gesenktem Kopf springt der 46-Jährige im Zickzack über den Bergrücken in der norwegischen Hedmark. Kalt und zugig ist es hier oben auf dem Fonnåsfjellet. Unter den Stiefeln knirscht der letzte Schnee. Ein Schritt noch zurück. Bingo! N 62.00000°, E 11.00000°: Ankunft im Irgendwo.

"Zero-Dance" nennen Eingeweihte das merkwürdige Ritual - und eine wachsende Gemeinde ist ihm weltweit verfallen. Ausgerüstet mit tragbaren GPS-Empfängern, die per Satellitenortung den Weg zum Ziel weisen, zieht eine neue Generation von Entdeckern durch Namib-Wüste, Amazonas-Dschungel und arktisches Eis. Die Ziele ihrer Expeditionen: Schnittpunkte von ganzzahligen Längen- und Breitengraden.

"Wir nehmen eine organisierte Stichprobe der Welt", erläutert der Amerikaner Alex Jarrett, gleichsam der Häuptling der Geodaten-Jäger. Von jedem Ort der Erde sei ein solcher Schnittpunkt, Neudeutsch "confluence", maximal 79 Kilometer entfernt. "Ich hatte die seltsame Idee, jeden dieser Punkte zu fotografieren", berichtet Jarrett. "Ich konnte ja nicht ahnen, dass das irgendjemand ernst nehmen könnte."

Bei Hancock im US-Bundesstaat New Hampshire startete 1996 die Neuentdeckung der Erde. Ein geschenkter GPS-Empfänger war der Anlass. "Ich wusste nicht, was ich mit dem Ding anfangen sollte", erinnert sich Jarrett. Allein der Schnittpunkt 72 Grad westlicher Länge und 43 Grad nördlicher Breite lag ganz in der Nähe. Jarrett begab sich auf die Pirsch. Inmitten eines Sumpfes wurde er fündig: "Ich hatte eine Art Monument erwartet - doch da war nichts." Dieses Nichts stellte Jarrett als Foto ins Internet: ein paar Bäume im Schnee. Die Idee war geboren.

Wie Ameisen schwärmt seither das Heer der "Confluencer" aus. Das Hauptquartier der Bewegung ist unter www.confluence.org zu finden. Dort sind die Abenteuer der neuen Entdeckerzunft gesammelt. Über 4800 Möchtegern-Amundsens haben inzwischen mehr als 31 000 Fotos von rund 3500 Konfluenzpunkten in 148 Staaten gemacht.

US-Soldaten eilten im Irak per "Black Hawk"-Helikopter auf 34 Grad Nord, 43 Grad Ost. Ian und Jenny Phillipps nahmen die Karibikinsel Saint Lucia während einer Kreuzfahrt im Handstreich. Am Nordpol verewigte sich ein gewisser Nello Corsetti, der Kräfte sparend per Hubschrauber anreiste. Die 47 Punkte in Deutschland sind ohnehin längst gefunden. Die "Nachfahren von Johannes und Emma Wenzler aus Tuttlingen" etwa hielten auf der deutschen Wiese bei 48 Grad Nord, 9 Grad Ost gleich ein ganzes Familientreffen ab - mit 37 Wagemutigen bis heute das größte Expeditionsteam der Bewegung.

Oder Peter Messelberger: Der deutschstämmige Sizilianer, Codename "Captain Peter", ist der James Cook der Gemeinde. Auf 126 Schnittpunkte hat er es schon gebracht. Messelbergers Geheimnis: "Ich kümmere mich um die Punkte im offenen Meer." Als Kapitän befiehlt er an Bord des Frachters "Nova Scotia".

Aufnahmen vom wahlweise blauen oder grauen Meer stellt Messelberger ins Netz, mit der mehr oder minder dunstigen Silhouette fernen Landes am Horizont - eine Art globale Langeweile, die indes fast symptomatisch ist für das Projekt. Denn das große Problem der Confluencer: Dort, wo sich die Längen- und Breitengrade schneiden, ist meist nichts. Nichts Besonderes zumindest.

Vortrefflich lässt sich auf den Weltkarten der Internet-Gemeinde über den Erdball flanieren. Am Ende jedoch ist man kaum klüger als zuvor - ein Umstand, der von den Fans flugs zum Vorteil umgedeutet wird. "Bei uns kann man sich ansehen, wie es in einem Land an normalen, nicht vom Tourismus geprägten Orten aussieht", sagt Jarrett. Erstaunlich wenig Punkte lägen zudem in Städten.

So lockt die Confluencer wohl vor allem das prähistorische Glück des Jagens und Sammelns. Etwaige Orientierungsprobleme brauchen sie nicht zu fürchten. Auch dem unerfahrenen Fährtenleser weist die globale Flotte der GPS-Satelliten den Weg. Ein kleiner Pfeil auf dem Gerätebildschirm zeigt verlässlich in Marschrichtung.

Für den Norweger Mathisen sind es an diesem Tag sechs Himmelsspäher, die ihn mit zwei Meter Genauigkeit auf 62 Grad Nord, 11 Grad Ost zu einem der wenigen, in Europa noch nie zuvor besuchten Schnittpunkte führen. Motivationsprobleme für seine Expeditionen kennt der leidenschaftliche Orientierungssportler nicht.

"Ich will zu diesen Punkten, weil sie existieren", sagt Mathisen - eine schöne Aufgabe auch für den Ruhestand: Weltweit harren noch rund 13 000 Schnittpunkte ihrer Entdeckung. PHILIP BETHGE


DER SPIEGEL 23/2004
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