Von Diez, Georg
Ganz am Ende des Gesprächs, als sie von ihrem Vater erzählt hat und von Gesine Schwan, von den Regisseuren Bob Wilson und Einar Schleef, von den Grünen und von Attac - ganz am Ende sagt Nina Hoss den Satz, der für sie alles zusammenfasst, das mit der Kunst und dem Leben und der Politik. "Ich hasse es einfach", sagt sie, "wenn man etwas verrät. Ich hasse es, wenn man eine Sache verrät."
Nina Hoss ist eine Idealistin mit großen blauen Augen. Wenn sie auf der Bühne steht, dann möchte sie geheimnisvoll sein und ehrlich und wahr und keinesfalls öde wie sonst fast alles im deutschen Stadttheater. Wenn sie die Politik bestimmen könnte, dann würde sie den Politikverwaltern im Bundestag ordentlich einheizen, auch denen von den Grünen, jener Partei, die ihr Vater mal mitbegründet hat. Und wenn sie sich im Alltagsleben bewegt, dann ist ihr wichtig, dass sie jenseits allen Ruhmes und Glanzes "noch ganz normal im Bus fahren kann".
Nina Hoss, 28, trägt einen grauen Wollpullover und die blonden langen Haare zusammengebunden. Die Männer schauen sie meist nur kurz an, wenn sie am Tisch vorbeigehen, und wenn sie sie erkennen, schauen sie ein bisschen schamhaft wieder weg.
Sie fegt mit der Hand ein paar unsichtbare Krümel vom Tisch. In den Berliner Theatern spielt sie nur vor ausverkauften Rängen. Der Regisseur Bob Wilson schwärmt von ihrer Schönheit. Der Fotograf Terry Richardson hat Bilder von ihr gemacht, auf denen sie aussieht wie die hübsche Schwester von Romy Schneider. Nun ist sie für den Deutschen Filmpreis nominiert, dessen Verleihung am 18. Juni stattfindet, als beste Schauspielerin, für ihre Rolle in Christian Petzolds "Wolfsburg". Nina Hoss ist ein Star, der keinen Wert darauf legt, einer zu sein.
"Eigentlich bin ich ganz zufrieden so, wie es ist", sagt sie und spreizt ihre Finger auf dem Tisch. Sie redet von Romy Schneider. Die habe so viel hergegeben von sich, "das macht mir schon fast Angst".
Sie redet von Ute Lemper. Die sei "rausgeekelt worden" aus diesem Land.
Sie redet davon, wie schwer es ist, in Deutschland ein Star zu sein. Wegen des Neids, wegen der Skepsis, wegen der Verehrung, die nie bedingungslos ist. "Mir ist das zu anstrengend", sagt sie.
Sie hat gleich ganz oben angefangen. 1996 war sie "Das Mädchen Rosemarie" in Bernd Eichingers Film über die bezahlte Liebe und das frühe Ende der Prostituierten Nitribitt. Sie trug im Film ein Kopftuch und eine Sonnenbrille, aber ihr größtes Geheimnis war ihr Gesicht. Blass und schön und leer, wie eine lebendige Maske, die alles erzählt und nichts verrät. Im Leben will Nina Hoss viel; in der Kunst reicht ihr wenig.
Die Kritiker waren begeistert, Hoss bekam eine "Goldene Kamera" und ging brav weiter in Berlin auf die Schauspielschule.
Sie drehte in den nächsten Jahren noch mehr Filme, sie wurde berühmt und erhielt weitere Preise und blieb doch so normal, dass man sich wundern konnte. Womöglich hat das damit zu tun, dass ihr Vater während ihrer Teenager-Zeit sagte, "Gurken gehören in den Keller" - er meinte ihre Beine, die lang sind und schlank.
Als Kind wollte sie erst Sängerin werden, dann Schauspielerin wie ihre Mutter. Das ist das Theater-Gen. Schon als sie klein war, so sagt sie, habe sie sich vor dem Spiegel dabei betrachtet, wie sie weinte, "um zu sehen, wie das aussieht".
Auf der Bühne kann sie entrückt sein und quicklebendig, und das ist eine magische Mischung, die sie zum Theaterereignis macht. Das kann man in der inzwischen als Berliner Kult-Inszenierung bis nach Bogotá und Belgrad exportierten "Emilia Galotti" bestaunen, für die der Regisseur Michael Thalheimer im Jahr 2001 Nina Hoss frontal vor das Publikum stellte. Das ist nun ähnlich fulminant zu sehen bei Nina Hoss' Auftritt in der Thalheimer-Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Einsame
Menschen" am Deutschen Theater - der ganze Abend ist eine Art Solo für ein schlichtes, leidendes Frauenherz.
Am Anfang steht sie ganz still und schaut einfach ins Publikum. Ihr Blick wirkt leer, dann lacht sie, dann ziehen Wolken vorüber. Ihr Gesicht ist das Drama. "Ich liebe diesen Moment", sagt Nina Hoss. "Der Trick ist: Man muss klar denken. Sonst verlierst du die Leute, sonst werden die nervös." Aber so wie sie zeigt, dass hinter der blassen Stirn gerade ein Leben verblüht, kriegt sie die Zuschauer. Sie zieht die Hand zu sich heran wie ein Fischer sein Netz. "Zack, so hast du sie."
Sie lacht in solchen Momenten, und ihre breiten Lippen kräuseln sich an den Mundwinkeln ein bisschen ein.
Sie ist so gar nicht dieses Hühnchen der Emanzipation, das sie als Käthe in "Einsame Menschen" verkörpert. Nina Hoss gibt dieser Frau die Würde des Einfachen, sie geht durch diese Inszenierung mit einer schönen, gefährlichen Offenheit - "wie ein offenes Messer" heißt es über Büchners Woyzeck. Sie tut das kunstvoll untheatralisch und zeigt, wie diese Frau innerlich zu verbrennen droht.
Da gibt es zum Beispiel jene Szene, in der sie wieder frontal zum Publikum steht, sie schlägt sich mit der Hand ins Gesicht, wieder und wieder, ohne eine Reaktion.
Nina Hoss sucht das Feuer ohne Rauch, die schauspielerische Reduktion; deshalb arbeitet sie immer wieder mit den gleichen großen Regisseuren, die etwas Ähnliches aufspüren wollen. Schauspieler sein, so sagt Nina Hoss, das bedeute für sie beobachten und sammeln: Gesten, Menschen, Schicksale. "Ich begebe mich einfach gern auf eine Suche", sagt sie.
Zu ihren Lieblingsregisseuren gehörte Einar Schleef, das verstorbene Regie-Genie, mit dem sie vor seinem Tod noch an einem Monolog arbeitete. "Das ist wirklich tragisch, dass es den nicht mehr gibt", sagt sie.
Michael Thalheimer hat mit Schleef gemein, dass er eine starke ästhetische Form vorgibt, in der sich die Schauspieler ihren Freiraum erkämpfen müssen. Auch mit Bob Wilson hat Nina Hoss gearbeitet, als der Amerikaner am Berliner Ensemble "Leonce und Lena" mit der Musik von Herbert Grönemeyer inszeniert hat - eine weitere Kult-Veranstaltung, seit einem Jahr ausverkauft.
"Die Arme", schwärmte Wilson damals nach der Premiere, "haben Sie gesehen, wie sie die Arme bewegt?"
In den Theatern der Hauptstadt ist Nina Hoss ein Star - aber so richtig bereit für die große Hingabe scheinen weder die Zuschauer zu sein noch die Feuilletons, die vielleicht das Lieben verlernt haben.
Im Film immerhin verehren die Kritiker Nina Hoss. Trotzdem hatte "Wolfsburg", die überschwänglich gelobte Geschichte um einen Mann (Benno Fürmann), der Unfallflucht begeht und sich in die Mutter (Nina Hoss) des totgefahrenen Kindes verliebt, nur knapp zehntausend Zuschauer im Kino.
Am "Wolfsburg"-Regisseur Petzold, dessen Werk wie die Hauptdarstellerin für den Deutschen Filmpreis nominiert ist, mag Nina Hoss, "dass er das untersucht, was auch mich interessiert: zum Beispiel, was ein einziger plötzlicher Schicksalsschlag mit einem Menschenleben macht".
Dann spricht sie über das Leben und den Tod ihres Vaters Willi Hoss, von dessen Idealismus. Ihre Kindheit sei "unorthodox" gewesen. Erst war ihr Vater Betriebsrat bei Daimler-Benz, dann Sprecher der Grünen-Fraktion, dann Entwicklungshelfer in Brasilien.
"Er hatte den Drang, sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen", sagt sie. Gemeinsam klebten sie Wahlplakate, der Vater kettete sich in Ankara an, um gegen das Schicksal der Kurden zu demonstrieren, der habe sich "nicht verbiegen lassen".
"Ich habe seine Hände geerbt", behauptet sie und zeigt auf die schmale Krümmung am Mittelfinger. "Er war ja ein Top-Schweißer."
Bei der Wahl des Bundespräsidenten am vorvergangenen Maisonntag, wo sie von den Grünen als Wahlfrau in die Bundesversammlung geschickt worden war, habe sie Hans Filbinger durch die Reihen der CDU schleichen sehen. Gegen den hätten schon ihr Vater und ihre Mutter damals in Stuttgart gekämpft.
Sie redet aber nicht lang von Filbinger. Politiker sähen alle so müde aus, sagt sie, "so schrecklich müde, warum werden die so?"
Sie spricht von der "Solidarität, von der Weizsäcker neulich gesagt hat, es gebe doch genug davon - ich verstehe nicht, warum man diese Solidarität nicht für die Reformen nutzen kann". Sie spricht über die Türkei und die EU; sie spricht davon, dass Globalisierung doch heiße, dass die Reichen für die Ärmeren Verantwortung übernehmen müssten.
"Man muss das idealistisch sehen", sagt sie und klopft auf den Tisch, die Finger spitz nach vorn gestreckt.
Nina Hoss ist Glamour im Wollpullover, eine Diva mit politischem Gewissen.
Was denn das sein soll, ein Star, fragt sie einmal. Kaum jemand in Deutschland ist näher dran einer zu sein als sie. GEORG DIEZ
DER SPIEGEL 23/2004
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