Von Stampf, Olaf
Vor Kap Hoorn geriet die "Endeavour" in einen heftigen Sturm. Fünf Seeleute wurden über Bord gespült. Kapitän James Cook gab nicht auf. Stur segelte er weiter westwärts.
Völlig erschöpft erreichten die Abenteurer schließlich die Südseeinsel Tahiti. Kaum dort angekommen, ließ Cook eine astronomische Beobachtungsstation errichten: All die Strapazen hatte er nur auf sich genommen, um zu verfolgen, wie die Venus als kleiner schwarzer Fleck vor die Sonne wandert. Das Spektakel dauerte ganze sechs Stunden.
Der britische Entdecker war nicht der Einzige, der wegen des seltenen Himmelsschauspiels am 3. Juni 1769 um die halbe Welt reiste. Alle führenden Nationen hatten Expeditionen gestartet. Bei dem Forschungswettlauf ging es um ein Menschheitsrätsel: Wie groß ist die Entfernung zur Sonne?
Um diese "Astronomische Einheit" zu berechnen, war es erforderlich, den zeitlichen Verlauf der Mini-Finsternis ("Transit") an möglichst vielen weit voneinander entfernten Orten zu messen. "Aus den mühsam errungenen Messreihen ergab sich schließlich, dass der Abstand zum Heimatstern rund 150 Millionen Kilometer beträgt", sagt der Heidelberger Astronom Jakob Staude. "Erstmals erkannten die Menschen, wie riesig das Sonnensystem wirklich ist."
Kein heute Lebender hat jemals einen Venus-Transit gesehen. Doch nun ist es so weit: Erstmals seit 122 Jahren befleckt der Nachbarplanet an diesem Dienstag wieder die Sonnenscheibe, indem er sich zwischen Sonne und Erde schiebt (siehe Grafik).
Amateurastronomen auf der ganzen Welt fiebern seit Monaten der Mini-Finsternis entgegen. "Lassen Sie sich dieses Jahrhundertereignis nicht entgehen!", ruft die deutsche "Vereinigung der Sternfreunde" ihre Mitglieder auf. Aber auch die Profi-Forscher sind gespannt: Astrophysiker wollen den Transit unter anderem nutzen, um letzte Geheimnisse der Venus zu lüften.
Denn während der erdnächste Planet vor der Sonne entlangzieht, wird seine Atmosphäre durchleuchtet - wodurch sich wiederum das Sonnenlicht geringfügig verändert. "Wenn wir während des Transits das Strahlungsspektrum der Sonne untersuchen, gewinnen wir gleichzeitig neue Einblicke in die Vorgänge in der Venus-Atmosphäre", erläutert Hubertus Wöhl vom Freiburger Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik (KIS).
Die KIS-Forscher haben eines ihrer Sonnenteleskope auf Teneriffa in Stellung gebracht. Ihr Augenmerk gilt den Monsterstürmen, die oberhalb der Venus-Wolken mit Windgeschwindigkeiten von über 500 Stundenkilometern toben. "Wie dort so starke Winde entstehen, weiß niemand", so Wöhl. Ebenso rätselhaft sind Hinweise auf Lichterscheinungen in der Venus-Hülle, die wie Blitze aussehen - obwohl es dort gar keine Gewitter gibt.
Der Blick der Freiburger Forscher geht aber noch weit über das Sonnensystem hinaus. Sie wollen mit ihrem Observatorium auf Teneriffa testen, ob die Durchleuchtungstechnik sogar helfen kann, außerirdische Lebensformen zu finden.
Im großen Stil fahnden Astrophysiker nach Planeten außerhalb des Sonnensystems, die wegen der gewaltigen Entfernung nicht direkt zu erkennen sind. Eine der Nachweismethoden setzt auf Transit-Ereignisse: Wenn ein ferner, unsichtbarer Planet kurzzeitig das Licht seines Sterns abschwächt, gibt er dadurch indirekt seine Existenz preis - ähnlich wie eine Motte, die durch einen Scheinwerferstrahl flattert.
Vom Erdboden aus lassen sich so zwar nur heiße lebensfeindliche Gasriesen aufspüren. Vom All aus betrieben wäre die Suchtechnik jedoch empfindlich genug, um selbst kleinere, erdähnliche Himmelskörper zu entdecken. Schon in wenigen Jahren sollen neue Weltraumteleskope die Jagd auf die Zwillingserden eröffnen.
Manche Forscher glauben, dass sich dann sogar herausfinden ließe, ob woanders im All irgendwelches Leben existiert: Ähnlich wie jetzt die Venus, so ihre Hoffnung, könnte auch ein ferner Planet bei einem Transit einen extrem schwachen, aber gerade noch messbaren Fingerabdruck seiner chemischen Zusammensetzung hinterlassen. Schon das Vorhandensein von Sauerstoff wäre ein klares Indiz, dass auch am anderen Ende der Galaxis Bäume in den Himmel wachsen.
"Der Venus-Transit ist eine Art Probelauf", sagt Wöhl. "Ob es später tatsächlich gelingen wird, mit dieser Technik die Atmosphäre eines fernen Planeten zu durchleuchten, steht noch in den Sternen. Da werden wir sicher viel Glück brauchen."
So viel Pech wie den französischen Astronomen Guillaume Le Gentil dürfte aber wohl kaum einen seiner Nachfolger ereilen. Als der Himmelsforscher 1769 nach jahrelanger Odyssee die indische Küste erreichte, um von dort aus den historischen Venus-Transit zu beobachten, geschah das Unglück: "Über 10 000 Meilen war ich gereist, um zuzusehen, wie sich eine verhängnisvolle Wolke vor die Sonne schiebt."
Verbittert fuhr Le Gentil nach Hause - dort hatten seine Erben ihn bereits für tot erklärt und begannen gerade damit, seinen Besitz unter sich aufzuteilen. OLAF STAMPF
DER SPIEGEL 24/2004
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