07.06.2004

MEDIZIN

Massaker unter der Haut

Von Stockinger, Günther

Eine Untersuchung Bochumer Mediziner enthüllt erschreckende Missstände beim Fettabsaugen. An den vermeintlich harmlosen Schönheitsoperationen sterben in Deutschland jährlich Dutzende Patienten. Schuld sind mangelnde Hygiene und handwerkliche Fehler der Chirurgen.

Noch nie, versicherte der niedergelassene Chirurg seiner Patientin, sei es in seiner Praxis beim Fettabsaugen zu Zwischenfällen gekommen. Vier Tage später war die 43-jährige Frau tot - gestorben an einer "kotigen Bauchfellentzündung", weil ihr der Arzt die 30 Zentimeter lange Saugkanüle aus Edelstahl immer wieder wie einen Dolch durch den Dünndarm gerammt hatte.

Subkutane Fettabsaugungen ("Liposuktionen") gelten als banale Schönheitsoperationen. Die ausführenden Ärzte preisen die Prozedur gern als "Wohlfühlchirurgie", die kaum gefährlicher sei als ein Friseurbesuch. In Deutschland wie in den meisten westlichen Ländern zählt das Absaugen von Reithosenfett, Bauch- und Hüftspeck zu den am häufigsten durchgeführten ästhetisch-plastischen Eingriffen. Selbst Männer vertrauen zunehmend auf die Kraft der Vakuumpumpe und lassen sich Rettungsringe an den Hüften oder wabbelnde Fettbrüste korrigieren.

Doch häufiger als bekannt, kommt es bei den Schönheits-OPs zu lebensgefährlichen Zwischenfällen. Nur wird der Pfusch der Absaugspezialisten selten publik, weil sich der Kampf gegen die Fettpolster in einer Grauzone abspielt: "Die Branche arbeitet im Dunkeln, keiner weiß, was nach den Eingriffen aus den Patienten wird", kritisiert Hans Ulrich Steinau, plastischer Chirurg an der Universitätsklinik in Bochum, der auch als Gerichtsgutachter in Kunstfehlerprozessen auftritt.

In einer groß angelegten Untersuchung hat der Medizinprofessor jetzt versucht, den schwarzen Schafen seiner Zunft auf die Schliche zu kommen. Seine Mitarbeiter haben deshalb in den vergangenen Jahren auf Intensivstationen, in Pathologien und rechtsmedizinischen Instituten systematisch nach Liposuktionsopfern gefahndet.

Das Ergebnis ihrer Nachforschungen ist erschreckend: So stießen sie auf 66 Patienten, die zwischen 1998 und 2002 nach einer Fettabsaugung mit lebensgefährlichen Infektionen, durchstochenen Organen oder Lungenembolien auf Intensivstationen landeten. 16 von ihnen zahlten für die kosmetische Korrektur mit dem Leben.

"Von der gepriesenen Wohlfühlchirurgie kann angesichts dieser Komplikationsrate kaum die Rede sein", kommentiert das Fachblatt "Medical Tribune" den Horrorkatalog der Bochumer Studie.

Schon die kleineren Fehler der Liposukteure haben es für die Patienten häufig in sich. Hässliche Dellen oder Asymmetrien können an den Absaugstellen entstehen, wenn die Operateure die Fettdepots zu ungleichmäßig oder zu nahe unter der Haut abtragen. Bleibt zu wenig vom subkutanen Fettgewebe übrig, graben sich Cellulitekrater umso tiefer in die Haut. Taubheitsgefühle, Wasseransammlungen unter der Haut oder lang anhaltende Schmerzen setzen den Patienten oft wochen- und monatelang

zu - bei annähernd jedem zehnten Eingriff treten solche unliebsamen Begleiterscheinungen auf.

Weit schlimmer kommt es für die Patienten, wenn ihnen die Chirurgen zu viel Fett auf einmal abzapfen. Mit der Liposuktion dürfen nur einzelne störende Fettpolster abgetragen werden; der Eingriff ist ausdrücklich kein generelles Mittel gegen Fettsucht. Pro Sitzung sollten daher nicht mehr als zwei Liter, unter stationärer Überwachung nicht mehr als vier Liter Fett abgesaugt werden.

Doch viele der Fettklempner halten sich nicht annähernd an diese Empfehlungen. In über der Hälfte der von den Bochumer Ärzten untersuchten Fälle hatten die Schönheitschirurgen nicht nur hässliche Makel beseitigt, sondern gegen die allgemeine Fettleibigkeit ihrer Patienten angestochert. Brachialer Abspeckrekord: Einem 43-jährigen Mann injizierte der Operateur 27 Liter einer speziellen Lösung in die Fettschicht, die die Fettzellen aufquellen ließ und sie aus dem umgebenden Gewebe löste - der Patient lag prall wie ein Heliumballon auf dem OP-Tisch.

In einer achtstündigen Operation unter Vollnarkose saugte ihm der Arzt anschließend 24 Liter Fett aus über einem halben Dutzend Körperregionen ab. Zunächst schien alles gut zu gehen. Doch dann setzten an den riesigen Wundflächen unter der Haut starke Nachblutungen ein, die wegen der bei Liposuktionen üblichen Schwellungen unbemerkt blieben. Der Fettleibige überlebte das Massaker nur mit Hilfe der Intensivmedizin und gewaltiger Mengen von Blutkonserven.

Das Komplikationsrisiko wächst vor allem dann überproportional, wenn in einem Durchgang mehrere Problemzonen gleichzeitig mit der Absaugkanüle traktiert werden. Unter der Haut entstehen riesige Wundhöhlen, deren Ausdehnung bis zu einem Viertel der Körperoberfläche entsprechen kann. Leicht bilden sich Blutgerinnsel, die zu Lungenembolien oder Hirnschlägen führen können - besonders dann, wenn der Operateur aus Versehen die Thrombosespritze vergisst.

In über einem halben Dutzend der untersuchten Fälle hatte das Treiben der Liposukteure solche Gefäßverschlüsse verursacht. Die eingeschalteten Intensivmediziner befanden sich bei der Versorgung der Opfer in einer Zwickmühle: Um die lebensgefährlichen Blutpfropfen aufzulösen, benötigten die Patienten der Blutgerinnung entgegenwirkende Mittel - die andererseits in den Wunden unter der Haut zu lebensgefährlichen Nachblutungen führen konnten.

Vor allem durch mangelnde Hygiene bringen die Schönheitsoperateure ihre Patienten in Gefahr. Werbefotos von Schönheits-OPs zeigen Szenen, bei denen versierten Chirurgen die Haare zu Berge stehen: Die Patienten nehmen während des Eingriffs kleine Snacks zu sich; die absaugenden Mediziner tragen nur kurze Handschuhe, Unterarme und Ellenbogen sind nicht vom sterilen Operationskittel bedeckt.

Erst vor kurzem wurde in einem Fachblatt für plastische Chirurgie der Fall einer 39-jährigen New Yorkerin bekannt, die ein praktischer Arzt in ihrer eigenen Küche von ihren Fettpolstern am Bauch befreit hatte - die Patientin überlebte die schwere Infektion, die sie sich dabei zuzog, nur dank mehrerer Notoperationen; von Brust bis Schambereich klaffte hinterher eine große Wunde.

Auch die Bochumer Untersuchung zeigt, wie rasch mangelnde Hygiene zu unerwarteten Pannen führen kann. Schon ein paar Keime an der Kanüle reichen aus, um die Patienten in Lebensgefahr zu bringen. Mit jedem Stochern unter der Haut werden die Erreger überall im Gewebe verteilt. Dort haben sie leichtes Spiel: Die körpereigene Abwehr kann den Eindringlingen nur wenig anhaben, weil das Fettgewebe unter der Haut schlecht durchblutet wird. Große Blutergüsse, die beim Wühlen mit der Kanüle fast immer unter der Haut entstehen, wirken zusätzlich wie ein Nährmedium, in dem sich Keime explosionsartig vermehren.

Als häufigste Ursache für lebensgefährliche Komplikationen fanden die Bochumer

Forscher bakterielle Mischinfektionen, bei denen sich die Erreger entlang der Bindegewebshüllschicht der Muskeln rasend schnell durchs Gewebe fressen ("nekrotisierende Fasciitis"). Das Tückische daran: Während die Keime unter der Haut das Gewebe zerstören, ist oberflächlich außer einer leichten Schwellung nichts zu sehen.

In solchen Fällen können nur noch Notoperationen das Leben der Opfer retten. Die Chirurgen müssen die von Keimen vernichteten Areale radikal entfernen. Am Ende sehen die Patienten der Fettabsauger aus, als wären sie von hungrigen Raubtieren angefallen worden: Haut- und Muskelgewebe an den Absaugstellen fehlen; mitunter blinkt das Weiß der Knochen aus dem gähnenden Defekt. "Wenn man die Verwüstungen sieht", kommentiert Steinau, "fasst man sich an den Kopf, was da passiert."

Unerfahrenen Liposukteuren passiert es dabei auch noch, dass sie mit der vorn stumpfen Absaugkanüle die Bauchdecke durchstoßen und innere Organe verletzen. Selbst auf solche krassen Ausreißer stießen die Bochumer Forscher: Die Absauger hatten mit der Kanüle die Gallenblase oder in der Bauchhöhle liegende Blutgefäße der Patienten perforiert. Bei mehreren Fettabsaugungsopfern erwischte es den Dünndarm, weil die Mediziner Bauchwand- oder Nabelbrüche übersahen und das durch die Muskellücke quellende Organ wie ein Sieb durchlöchert hatten.

Die meisten lebensgefährlichen Komplikationen treten erst dann auf, wenn ambulant operierte Patienten schon wieder zu Hause sind und sich in trügerischer Sicherheit wiegen. Zur maximalen Kreislaufkonzentration des in riesigen Mengen verabreichten Lokalanästhetikums Lidocain etwa kommt es erst 16 bis 24 Stunden nach dem Eingriff; Überdosen dieses Medikaments können dann zu Sehstörungen, Krämpfen oder Herzrhythmusstörungen führen. Auch bei Nachblutungen oder fulminant verlaufenden Infektionen zählt für die Betroffenen jede Minute.

Dennoch halten sich die Operateure mit der Nachsorge oft nicht lange auf. Viele der Opfer waren in den von den Bochumer Forschern rekonstruierten Fällen nach Hause geschickt worden, obwohl ihnen Keime bereits das Gewebe zerfraßen oder der Inhalt des Dünndarms in die Bauchhöhle leckte.

Einer 42-jährigen Medizinerin etwa, der ambulant drei Liter Fett an Bauch, Hüften und Rücken abgesaugt worden waren, empfahl der niedergelassene Liposukteur, den Verbandswechsel selbst vorzunehmen. 20 Stunden nachdem die Frau die Praxis verlassen hatte, war sie tot: Gasbranderreger hatten sich in der Absaugwunde rasend schnell vermehrt.

Einem anderen Patienten, bei dem an den abgesaugten Stellen Eiterbeulen entstanden, verschrieb der niedergelassene Chirurg lediglich eine Packung Silikonhandschuhe, mit denen er sich die Pusteln selbst ausdrücken sollte. Wenige Stunden später war die Haut des Opfers bläulichschwarz verfärbt; nur die sofortige Notoperation bewahrte den Mann vor einem septischen Schock.

"Das Komplikationsmanagement ist desolat", klagt Marcus Lehnhardt, Co-Autor der Bochumer Studie. "Wenn Probleme auftreten, sind die Operateure mit ihrem Latein oft schnell am Ende. Doch sie sind Meister darin, schwere Zwischenfälle unter den Teppich zu kehren."

Die Bochumer Mediziner fordern deshalb strengere Regeln für das Fettmodellieren: Nur ausgebildete und erfahrene Chirurgen sollten künftig noch Liposuktionen durchführen dürfen. "Es kann nicht sein, dass einer nach zwei Wochenendkursen fröhlich drauflosoperiert und das Leben der Patienten riskiert", kritisiert Steinau.

Bislang aber darf in Deutschland jeder Mediziner mit der Absaugkanüle hantieren, der die Approbation besitzt - selbst gelernte Zahnärzte, so fanden die Bochumer Forscher heraus, betätigen sich hier zu Lande als Schönheitschirurgen.

Kein Wunder, dass es die Pfuscher auch mit der Aufklärung ihrer Patienten nicht so genau nehmen, wie verdeckte Ermittler der Stiftung Warentest unlängst bei Besuchen in Praxen, Kliniken und Schönheitsinstituten herausfanden: "Nicht einmal jeder sechste Chirurg", so das Ergebnis der Stichproben, sprach das Todesfallrisiko an. An diesem neuralgischen Punkt habe bei den Liposukteuren "oft nur vornehmes Schweigen" geherrscht.

Dabei ist das Sterberisiko gar nicht so gering: Bei der bislang gründlichsten Untersuchung über Liposuktionszwischenfälle in den USA, veröffentlicht im Fachblatt "Plastic and Reconstructive Surgery", errechneten die Ermittler eine Mortalitätsrate von 1 zu 5000 - einer von 5000 Fettabsaugungspatienten landet nach der angeblich harmlosen Schönheitsoperation im Leichenkeller. Bei schätzungsweise 150 000 bis 250 000 jährlich in Deutschland durchgeführten Liposuktionen sterben demnach Jahr für Jahr 30 bis 50 Patienten.

Solange die Fettbekämpfer jedoch keine Qualitätskontrollen zu fürchten brauchen, können sie in Frauenzeitschriften und Hochglanzbroschüren weiter ungestraft über die Harmlosigkeit der Eingriffe schwadronieren. Bei einschlägigen Medizinerkongressen brüsten sich die Koryphäen gern mit gewaltigen Fallzahlen, bei denen es noch nie zu Komplikationen gekommen sei.

Dem fassungslosen Bochumer Chirurgen Steinau ist genau dies vor kurzem passiert: Bei einer Ärzteveranstaltung stellte sich der Vertreter einer Schönheitsklinik aufs Podium und erzählte von Hunderten Fettabsaugungen, die er an seiner Klinik ohne Probleme durchgeführt habe.

Zufällig wusste es der Bochumer Mediziner besser: Er hatte das Sektionsprotokoll einer Patientin in der Tasche, die in derselben Klinik nach einer Liposuktion an einer massiven Infektion gestorben war. GÜNTHER STOCKINGER


DER SPIEGEL 24/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 24/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MEDIZIN:
Massaker unter der Haut