21.06.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEHart wie Holz

Ein Arzt lässt sich per Handy durch eine Schädeloperation leiten.
Der Tag hatte gut angefangen für Harry Moyle, so gut, wie es sich ein Elfjähriger nur wünschen kann: morgens Fußball mit der Dorfmannschaft, vier Tore geschossen. Danach noch zwei Runden Hockey, wieder ein paar Tore gemacht und von den Trainern zum besten Spieler des Tages gewählt. Für den Nachmittag stand noch ein Trip auf dem Motorrad an. Besser kann man einen Sonntag eigentlich nicht verbringen.
Harry lebt auf dem Land im Süden Australiens, die nächste richtige Stadt, Adelaide, liegt 350 Kilometer entfernt. Seine Eltern betreiben eine Rinderfarm, 1800 Tiere, bestes Premium Beef.
Und weil auch die 2500 Hektar Weideland den Moyles gehören, besitzt der kleine Harry mit seinen elf Jahren schon ein eigenes Motorrad: Auf Privatgelände benötigt er keinen Führerschein. Harry fährt eine Geländemaschine, eine 125er Yamaha Trial. Am späten Nachmittag heizt er los, querfeldein über die Wiesen. Seine Schwester, sie ist 13, fährt hinter ihm. Sie fahren, bis allmählich die Dunkelheit einbricht. Harry gibt Gas. Er will schnell nach Hause.
Seine Yamaha hat kein Licht.
Die Schwester findet Harry kurz vor der Einfahrt zum Hof. Er liegt ohnmächtig neben dem Motorrad, äußerlich fast unverletzt, nur am Kopf ein bisschen Blut. Sie alarmiert ihre Mutter.
Der Dienst habende Arzt im Krankenhaus von Naracoorte ist an diesem Abend Dr. Jeff Taylor, ein Allgemeinmediziner. Taylor ist 36 Jahre alt und seit drei Jahren hier draußen. Vorher hatte er eine eigene Praxis in der Großstadt, aber das wurde ihm schnell zu langweilig. Als Landarzt würde er mehr Abwechslung bekommen.
Naracoorte hat nur 5000 Einwohner, das Krankenhaus ist klein, und deshalb ist hier jeder Arzt für fast alles zuständig: Fieber, Herzinfarkte, Geburten. Nur die wirklich komplizierten Fälle müssen in Adelaide behandelt werden.
Taylor schaut sich den Jungen an. Er findet eine Fraktur auf der linken Schädelseite, außerdem steigt der Druck im Innern des Kopfes an, offenbar eine Gehirnblutung. Harry muss so schnell wie möglich in ein größeres Krankenhaus.
Wenig später starten in Adelaide die "Royal Flying Doctors" - ein Sanitäter- und Ärzteteam in einem Sechs-Millionen-Dollar-Flugzeug, ein fliegender Notarztwagen. Die Flugzeit bis Naracoorte wird knapp eine Stunde betragen.
Aber es ist nicht sicher, ob Harry so lange überlebt.
Der Druck im Schädelinnern schädigt das Gehirn, der Patient kann sterben. Wie ernst die Lage ist, lässt sich an den Augen ablesen: Die Hirnmasse drückt auf einen Nerv, die Pupille vergrößert sich. Normalerweise passiert das nur auf einer Seite, nämlich dort, wo die Schwellung sitzt.
Harrys natürliche Augenfarbe ist Braun. Aber als Jeff Taylor dem Kind in die Augen schaut, sind beide fast schwarz, so groß sind die Pupillen. Taylor kann nicht mehr auf die Flying Doctors warten. Er muss jetzt sofort ein Loch in Harrys Kopf bohren, damit der Druck im Schädel gemindert wird. Für so etwas ist er nicht ausgebildet. Er ruft Steve Santoreneos an, den Leiter der Neurochirurgie im Kinder- und Frauenkrankenhaus von Adelaide. "Okay", sagt der Experte, "wir machen es per Telefon: Ich sag Ihnen, wie es geht, Sie sagen mir, was Sie sehen."
Vor dem Operationssaal sitzt Sarah Moyle, Harrys Mutter. Taylor erklärt ihr, was er vorhat. Er sagt aber auch: "Niemand hier hat so eine Operation jemals durchgeführt. Ich weiß nicht, ob es gelingt. Aber ich weiß, dass Ihr Sohn stirbt, wenn wir es nicht versuchen."
"Ich bete für Sie", sagt die Mutter.
Taylor lässt sich wieder mit dem Neurochirurgen Santoreneos verbinden. Eine Schwester hält das Handy an Taylors Ohr, so dass der Arzt beide Hände frei hat. "Okay", sagt Santoreneos, "haben Sie einen Handbohrer?"
Taylor muss zwar durch die Schädeldecke bohren, darf aber auf keinen Fall das Gewebe darunter verletzen. Das muss Taylor erspüren können, deshalb die Handarbeit.
"Sie machen jetzt neben dem Ohr einen vertikalen Schnitt von vier Zentimetern", sagt Santoreneos.
"Hab ich", sagt Taylor.
"Jetzt schieben Sie die Muskeln an die Seite, bis Sie den Knochen sehen."
"Hab ich", sagt Taylor.
"Gut. Jetzt bohren."
Taylor setzt an. Es ist wie hartes Holz, er ist erstaunt, wie viel Kraft man aufwenden muss. Aber er merkt genau, wie der Bohrer durchkommt. Als er ihn absetzt, müsste Blut kommen, und der Druck müsste fast sofort nachlassen, hat ihm der Neurochirurg gesagt.
Aber es fließt kaum etwas, auch die Pupille verändert sich nicht. "Drehen Sie den Jungen um, und bohren Sie auf der linken Seite noch ein Loch", sagt Santoreneos. Die Schwestern betten Harry auf die andere Seite.
"Das Bohren kriege ich jetzt allein hin. Aber bleiben Sie dran, für alle Fälle", sagt Taylor, der Landarzt.
Diesmal hat er mehr Erfolg, der Druck im Kopf sinkt. Aber er soll noch zwei weitere Löcher bohren, jeweils zwei Zentimeter hinter den ersten. Taylor macht sich an die Arbeit, er kann nun direkt auf Harrys Gehirn schauen, er sieht graue Masse und wie es unter der Schädeldecke pulst. "Interessant", denkt er, und: "Wir schaffen es."
Das ist jetzt fünf Wochen her, Harry liegt noch immer in Adelaide. Er lernt gerade wieder sprechen und macht gute Fortschritte. Er spielt "Monopoly" und "Vier Gewinnt", und die Ärzte glauben, dass er in ein paar Monaten wieder Fußball spielen kann. ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 26/2004
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