21.06.2004

MUSLIMEAllah in Delmenhorst

Sie sind Fundamentalisten, ihr Held ist Ajatollah Chomeini, der Verfassungsschutz beobachtet sie. Von ihrer norddeutschen Provinzstadt aus werben die Brüder Özoguz für einen strengen Islam. Aber wie gefährlich sind sie wirklich? Von Barbara Supp
Er hat milde, braune Augen und einen Bart, den er kurz und gepflegt trägt, er steht hinter seiner Wohnungstür und grüßt einladend, die Hand gibt er nicht.
Yavuz Özoguz heißt er und ist "Fundamentalist", das sagt er selbst.
Yavuz Özoguz, Betreiber des islamischen Internet-Portals www.muslim-markt. de, das der Verfassungsschutz "mit Sorge" beobachtet und das ihm ein Gerichtsverfahren mit dem Urteil "Volksverhetzung" eingebracht hat, rechtskräftig ist es allerdings noch nicht.
Deutscher Staatsbürger, Doktor der Ingenieurwissenschaften mit guter Stelle im Öffentlichen Dienst. Vater von drei Kindern, verheiratet mit Fatima, die früher Elke hieß, aber das ist lange her.
Er wolle Brücken bauen, willkommen, sagt er. Er ist freundlich. Er irritiert.
Montagabend, im Wohnzimmer der Familie Özoguz in Delmenhorst bei Bremen trifft sich die Gruppe "Islamischer Weg".
Auf dem Fußboden ein Halbkreis von Männern. Auf grauer Couchgarnitur ein paar Frauen mit sorgfältig verhüllten Haaren, darüber ein Wandschmuck, auf dem groß und rot auf Arabisch geschrieben steht: "Oh, Hussein, du Märtyrer". Hussein, das ist der Enkel des Propheten, der verraten und getötet wurde, das geschah vor 1324 Jahren und ist ein Schmerz, der gläubige Schiiten noch heute quält. Daneben Porträts des iranischen Ajatollah Chamenei.
Wohlwollend blickt Chamenei in dieses Wohnzimmer in Delmenhorst.
Der Koran zuerst, Sure 33 wird verlesen, es geht um die gehorsamen, gläubigen, schamhaften, wahrhaftigen Männer und Frauen. Dann Salam, Brüder und Schwestern, "Bruder Yavuz hat das Wort".
Bruder Yavuz wird einen Vortrag halten, über einen Text, in dem es um Kopf-
tücher und Lehrerinnen geht. Es ist ein Text aus dem SPIEGEL. Er gefällt ihm nicht.
Millionen Musliminnen auf der Welt, steht in diesem Text, tragen das Kopftuch nicht. "Muss es denn richtig sein", fragt Bruder Yavuz, "was Millionen tun? Wenn Millionen Menschen zu Mördern werden, ist es dann richtig, dass sie das tun?"
Wir, "die wir unsere Frauen vor Terror schützen, wir werden so zu Terroristen gemacht".
Ein Aufschrei, er kommt aus dem Halbkreis der Männer, "was sollen wir tun? Werden sie nicht nur den Lehrerinnen das Kopftuch verbieten? Werden sie uns zwingen, unsere Töchter zu entblößen?"
"Es ist ein Unrecht. Dass sie uns zwingen wollen, ist ein Unrecht."
"Es liegt an den Frauen. Wir Männer können gar nichts tun. Ich schäme mich manchmal, vor meinen Brüdern. Meine Frau will kein Kopftuch tragen. Sie tut es einfach nicht. Und ich kann nichts tun."
"Aber nein, Bruder, nein! Es liegt nicht bloß an den Frauen. Es liegt an uns Männern. Ich habe mir eine Frau gesucht, die ein Kopftuch trägt. Wenn sie es nicht mehr tragen will - dann kann ich sagen: Du bist nicht mehr meine Frau."
Kurzes Schweigen.
"Ohne Kopftuch", sagt eine der Frauen auf dem Sofa, sie heißt Mihriban und hält
ihr Baby im Arm, "das ist für uns wie für andere Frauen ohne BH. Es ist Erziehungssache. Die Mädchen lernen das Kopftuch mögen. Es heißt: Man gehört dazu."
Man gehört zu dieser Familie Özoguz, die es normal findet, dass man im Sommer um vier Uhr morgens aufsteht, um sein Gebet zu verrichten, das erste von fünfen am Tag. Dass man im Ramadan fastet. Dass man nie Alkohol trinkt, und wenn jemand anders Alkohol trinkt, verlässt man möglichst den Raum. Man kauft keine Lufthansa-Aktien, weil Lufthansa Alkohol ausschenkt und damit Geld verdient.
Eine Frau gibt fremden Männern nicht die Hand. Eine Frau versteckt ihre Schönheit unter Kopftüchern und langen Gewändern und zeigt sie nur ein paar Blutsverwandten und dem eigenen Mann.
Und nicht dessen Bruder. Wenn Gürhan Özoguz, der mit Mihriban und den vier Kindern im oberen Stockwerk lebt, wenn dieser Gürhan seinen Bruder Yavuz im Erdgeschoss besuchen will, dann klopft er vorher, und die Frauen ziehen sich Tücher über den Kopf.
"Man darf nicht denken, es ist heiß, ich bin unterdrückt, ich schwitze, ich leide", sagt Mihriban. "Wenn man denkt, man leidet, dann leidet man auch. Nein, ich leide nicht."
Auf einem Schreibtisch surren zwei Computer. Sie erinnern daran: Dies ist nicht irgendeine Familie, die sich mit ein paar Gläubigen im Wohnzimmer trifft. Dies sind die Betreiber des "Muslim-Markts", einer der wichtigsten deutschsprachigen Islam-Adressen im Netz. Eine Familie mit Einfluss. Eine Gefahr?
Man kann sie nicht abschieben. Es sind Deutsche mit türkischem Namen. Man kann sie fragen, muss sie fragen, wie sie in diesem Deutschland leben wollen, mit seinen Gesetzen, seinen Sitten, seinem System. Abgeschottet? Missionarisch? Oder selbst zur Anpassung bereit?
Es ist eine Zeit, in der sich die Welt plötzlich sehr für Muslime interessiert. Der Kampf um Palästina, Mord und Grausamkeiten im Irak, Terroranschläge und Terroristenfahndung, die deutsche Kopftuch-Debatte, all das spiegelt sich wider und ruft Reaktionen hervor im Muslim-Markt, er ist Debattenforum und Branchenbuch und Heiratsmarkt und religiöser Ratgeber zugleich.
Wie führe ich eine islamische Ehe? Wie melde ich meine Tochter vom Schwimmunterricht ab?
Wie boykottiere ich Israel?
Wie führe ich ein gottgefälliges Leben, so, wie es Imam Chamenei befiehlt?
"Wir sind ''fundamentalistische Islamisten'' in Deutschland", heißt eine Doppel-Autobiografie der Brüder Özoguz, mit Anführungszeichen, eine kleine Koketterie. Früher jedenfalls waren sie keine Islamisten. Auch Fundamentalisten nicht.
Früher einmal, da waren Yavuz und Gürhan Özoguz zwei lebenslustige Ingenieurstudenten in Clausthal-Zellerfeld, die mit Mädchen tanzten und Gitarre spielten und stolz waren auf ihre Schallplattensammlung, Barclay James Harvest, Cat Stevens und eine Raubpressung von Pink Floyd. Sie wurden gläubig erzogen, doch nicht streng. Die Eltern sind Sunniten, wie die meisten türkischen Muslime, Geschäftsleute, die 1960 mit dem einjährigen Yavuz nach Hamburg gezogen sind. Dort kam Gürhan zur Welt, 1963, und 1967 dann die kleine Schwester Aydan, heute sitzt sie als Migrationsbeauftragte in der Hamburger Bürgerschaft, für die SPD. Ein Kopftuch trägt sie nicht.
Früher hätte die Brüder das wohl nicht gestört.
Es ist das Christentum, mit dem sie zunächst sympathisieren, damals in den späten siebziger Jahren, es geht um Südafrika, um Israel und den Kampf der Palästinenser, es geht um Nicaragua und Ernesto Cardenal - um ein Christentum, das sich als politisch versteht.
Dann aber, 1979, gibt es diese Revolution. Diese Revolution in Iran, die den Schah vertreibt und die USA beschämt und die CIA lächerlich macht; eine Art 1968 auf islamische Art, nur ist der Held dieser Revolution kein jugendlicher Rudi Dutschke, kein Ché Guevara, sondern ein eiserner, Turban tragender Greis. Yavuz Özoguz, fasziniert, beschafft sich die Bücher dieses Ajatollah Chomeini. Und findet, so sagt er es, den "frischesten Kämpfer für Gerechtigkeit, der je mein Herz berührt hat".
Also sind sie, beide, Schiiten geworden, nach iranischem Modell.
Sie haben sich ihren geistigen Führer gesucht, so wie es üblich ist bei Schiiten, erst Ajatollah Chomeini, dann seinen
Nachfolger Chamenei, nach Chomeinis Tod.
"Ich weiß, wie das auf Sie wirken muss", sagt Yavuz Özoguz im Halbdunkel eines norddeutschen Frühlingsnachmittags. Eine seltsame Prozession zieht durch die Stadt Vechta, Yavuz Özoguz hält sich am Rande, er gehört dazu und auch wieder nicht.
Eine Gruppe Männer, halb nackt, ihre Körper zeigen Spuren von Schlägen, blaue Flecken und manchmal auch Blut. Dann bekleidete Männer, Frauen und Kinder, dazwischen ein weißes, mit Tüchern und Blüten geschmücktes Pferd. Rote Farbe tränkt das Fell des Pferdes, wie Blut.
Dies ist ein Trauerzug, steht auf Flugblättern für Passanten, wir weinen um Hussein. Um ihn, der zum Märtyrer wurde, im Jahr 680 n. Chr., der sich falschen Herrschern nicht beugte und sterben musste, blutüberströmt kam sein Pferd zu den Seinen zurück.
Aschura, das hohe Fest der Schiiten. Aus dem Irak und dem Libanon kennt man die Bilder der blutüberströmten Männer mit frischen Wunden, die klagend und ekstatisch durch die Straßen ziehen. Eher milde wirken dagegen die Geißler von Vechta.
Yavuz Özoguz hält sich am Rande, er ist Schiit, aber er praktiziert so etwas nicht. "Das Extreme, die Imame haben es verboten. So steht es geschrieben. Es ist nicht erlaubt."
Er hat ein hellblaues Buch, um solche Dinge nachzuschlagen, es steht zu Hause in seinem Wandschrank, es heißt "Antworten auf Rechtsfragen", der Autor ist Ajatollah Chamenei. Und tatsächlich, die blutigeren Formen der Selbstverletzung, steht in Fatwa Nr. 374, können "die Schwächung der schiitischen Rechtsschule in den Augen der Menschen" bewirken. Also sollen die Gläubigen davon Abstand nehmen.
Fast alles ist geregelt in diesem Buch der Fatwas: Bartpflicht (ja), Schwangerschaftsverhütung (im Prinzip ja), Lotteriespiel (nein). Tanz ist verboten, "falls er in einer Weise erfolgt, die Lust stimuliert". Dasselbe gilt für "stimulierenden Gesang".
"Befolgen Sie das alles, Dr. Özoguz? Halten Sie sich daran?
"Man muss nachdenken, was der Ajatollah damit sagen will. Ist ein Stück von Michael Jackson stimulierend? Man prüft das. Und dann hält man sich daran."
Er zieht Souvenirs aus einem Schrank, es sind Andenken von Freunden, die in Mekka auf Pilgerschaft waren, eine Amphiole mit heiligem Wasser zum Beispiel, "das Krankheiten heilt, wie man sagt".
Auf dem Schreibtisch surren die Computer. Ein Poster dahinter zeigt den Felsendom in Jerusalem, jenen Ort, "von dem aus der Prophet in den Himmel aufgefahren sein soll".
"Soll?" Ein Vorwurf, sekundenschnell, erhoben von seiner Frau Fatima, die auf dem Sofa sitzt und lauscht. "Du meinst: aufgefahren ist."
Heiliges Wasser, das Kranke gesund macht. Der Ort, an dem der Prophet zum Himmel fuhr.
Von solchen Dingen redet Yavuz Özoguz, der Intellektuelle, der Scharfsinnige, Scharfzüngige, hat er etwa gelächelt, als er vom heilenden Wasser sprach? Es schien so. Aber vielleicht schien es nur so.
Sie leben in Delmenhorst, in einem bürgerlichen Haus mit bürgerlichen Nachbarn, die gern Kuchen essen bei Familie Özoguz, sehr normal. Letztes Jahr lud Yavuz die Kollegen von der Uni Bremen zum alkoholfreien Sommerfest im Garten ein, das Fest war ein Erfolg. Sein Sohn Sadik spielt Tischtennis im Verein. Er selbst ist Hobbytaucher. Die 12-jährige Zahra geht reiten, wie ihre Mutter auch.
In ihrer Schule, sagt Zahra, ist sie die Einzige, die ein Kopftuch trägt.
Ein kühler Tag auf flachem Land, Zahra lehnt am Zaun einer Pferdekoppel und sieht ihrer Mutter zu, die einer braunen Stute das Bocken austreibt, wie ist das, Zahra, wenn man zwischen den Welten lebt?
"Ich habe Freundinnen, die ich mag." Sie hat gute Noten. Sie wurde zur zweiten Klassensprecherin und zur dritten Schulsprecherin gewählt. Sie darf auf Klassenreisen mit, sie darf auch zum Sportunterricht, dabei trägt sie ihr Kopftuch und lange Hosen.
Beim Schwimmen fehlt sie, weil man dabei zu viel vom Körper sieht. Aber sie hat Schwimmen gelernt, als Kind.
"Sie schafft das. Wir haben ihr beigebracht, nicht mit dem Strom zu schwimmen."
Für Fatima, die Mutter, ist ihre Tochter "etwas Besonderes, das ist doch gut, oder nicht?"
Fatima hat sich selbst entschieden, etwas Besonderes zu sein, damals, als sie noch Elke hieß. Eine Bürgermeistertochter in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen, eine unzufriedene Tochter, die irgendwann, sie muss etwa 17 gewesen sein, bei ihrem Vater eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung herumliegen sah: "Der Islam und die Krise des Nahen Ostens". Sie fand Israel ungerecht, fing an, sich für Muslime zu interessieren. Sie nahm das Kopftuch, nannte sich Fatima, lernte Zollinspektorin und bestand darauf, dass sie im Beruf ihr Kopftuch trug.
Sie hat ihren Glauben selbst gewählt, so wie ihr Mann Yavuz auch. Wie aber, wenn ihr Sohn Huseyn, der bald 17 wird, eines Tages dasselbe tut? Sich einen anderen Glauben sucht? Oder ein Mädchen liebt, das nicht an Allah glaubt?
"Ich denke ja, dass ich dabei bin, mich der Wahrheit zu nähern. Er würde mir beweisen müssen, dass ich im Unrecht bin."
Die Wahrheit?
Die Wahrheit der Brüder Özoguz liegt im Koran und bei ihrem Ajatollah, was gar nicht so selten ist bei Naturwissenschaftlern; er kenne einige, sagt der Hamburger Islamwissenschaftler Udo Steinbach, die "ein Vakuum von Emotionalität" verspüren, die "ein Wertesystem suchen, und so mancher landet dann bei einem sehr gesetzestreuen Islam".
Er finde es gut, sagt dieser Steinbach, wenn solche Männer hervortreten in die Öffentlichkeit, wo man mit ihnen diskutiert. Aber "Bauchschmerzen" hat er schon. "Sie leben hier und bewundern ein theokratisches System. Sie wollen nicht die säkulare Gesellschaft. Eine wirkliche Verfassung, die hat für sie nur der Gottesstaat allein."
"Imam Chamenei weist uns an", sagt dazu Yavuz Özoguz in seinem Wohnzimmer, neben ihm sitzt nickend sein Bruder, "wir sollen uns an die Gesetze halten in dem Land, in dem wir leben."
Natürlich hat er mit Fatima Iran besucht, das war Anfang der Achtziger, mitten im Krieg. Sie fanden es großartig, dieses Land.
Der ideale Staat?
"Nicht der ideale, nein, aber die Richtung stimmt."
"Was müsste sich dort ändern? Was fällt Ihnen als Erstes ein?"
"Die Verkehrspolitik."
Nicht die Todesstrafe, nicht die Zensur. Nicht die paramilitärischen Schlägertrupps. Nicht die Tatsache, dass ein iranischer Wächterrat willkürlich Kandidaten von der Wahl ausschließen kann, warum auch, meint Yavuz, "dass man Verfassungsfeinde nicht kandidieren lässt, das gibt es doch auch in Deutschland".
Die Todesstrafe?
"Muss hoffentlich irgendwann nicht mehr vollstreckt werden. Leider ist es noch nicht so weit."
Die Prügelstrafe?
"Mir wäre das lieber", sagt Gürhan. "Ich würde lieber 50 Peitschenhiebe nehmen als fünf Jahre Knast."
Und Chomeinis Mordaufruf gegen den Schriftsteller Salman Rushdie?
"Das war ein Schutz", sagt Yavuz. "Ein Schutz für Rushdie, sein Leben war gefährdet durch Millionen von empörten Muslimen, die seine ''Satanischen Verse'' hassten, aber als die Fatwa gesprochen war, da war klar: Der Mann ist bedroht. Er wird Schutz bekommen. Und den bekam er auch."
Es kann nicht immer leicht sein, sich Grausamkeiten zu Vernunft und Moral zurechtzuerklären. Sie tun es. Eisern verteidigen sie ihr gelobtes Land. Sie könnten dort leben, wieso tun sie es nicht?
"Wir sprechen kein Persisch. Wir sind hier groß geworden. Unsere Kinder gehen hier zur Schule, wir haben unsere Arbeit, unser Haus." Sagt Gürhan, heftig, aber auch ein bisschen defensiv.
"Gott hat uns hierher geschickt, um Brücken zu bauen." Sagt Yavuz, milde, abgeklärt. Er spricht sanft, anders als Gürhan, der sich schneller aufregt. Yavuz der Versöhner, der Brückenbauer, so sieht er sich selbst. Eine Art Märtyrer: Ich will das Gute, seht her, wie sie mich verfolgen. Mit Worten verfolgen sie ihn und mit Paragrafen. Er hat alles ins Netz gestellt, die Anklage gegen ihn, das Urteil auch.
"Volksverhetzung" lautete der Vorwurf des Amtsgerichts Delmenhorst, es ging um ein "Palästina-Spezial" im Muslim-Markt, für das Yavuz die Verantwortung trug.
Eine Bildstrecke war dort zu sehen: deutsche Soldaten der NS-Zeit, die Wehrlose misshandelten, und israelische Soldaten von heute, die das Gleiche tun - beides kommentarlos nebeneinander gestellt.
Eine Rede von Chamenei war zu lesen, ein "Friedensplan für Palästina", der die Abschaffung des Staates Israel vorsah, eine Vorstellung, die den Özoguz-Brüdern gefällt. Aber nicht das war das juristische Problem. Das Problem war, dass es in dieser Chamenei-Rede hieß: Israel spiele mit dem schlechten Gewissen der Welt. Die ganze Menschheit solle "ihre Köpfe verbeugen, um der Gaskammern zu gedenken. Dabei sollen sie alle einem Märchen beipflichten, dessen Authentizität gar nicht klar ist".
Auschwitz-Leugnung, Volksverhetzung, befand das Gericht. Drei Monate Haft, lautete das Urteil, auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt, auch Yavuz Özoguz will weiterkämpfen, "wenn es sein muss, bis zum Verfassungsgericht".
Er wartet auf seine Berufungsverhandlung, und auch die Universität prüft zurzeit das Urteil. Er fürchtet um seinen Job.
Er, der "Brückenbauer", der doch versöhnen will, natürlich sei er kein Terroristen- und Extremistenfreund, jederzeit könne ihn die Polizei, könne ihn der Verfassungsschutz besuchen und alles prüfen, ohne Hausdurchsuchungsbefehl, "nur bitte mit Ankündigung. Dann können sich unsere Frauen verschleiern".
Er neigt Verschwörungstheorien zu, der 11. September 2001, wem nützt er? Den USA. Die Enthauptung des US-Bürgers Nick Berg im Irak, die weltweit im Internet zu sehen war, wem nützt sie? Den USA.
Aber im Diskussionsforum des Muslim-Markts geht er auch mahnend dazwischen, wenn ein Muslim namens Günter die Unmoral
der "Ungläubigen", der "Weintrinker und Götzenanbeter" beschimpft und die "moralische Anständigkeit der muslimischen Mitbürger" beschwört. Yavuz schreibt dann, dass die deutsche Gesellschaft "genauso wenig grundböse wie muslimische Gesellschaften grundgut" seien und dass "wir Muslime selbst bedauerlicherweise noch sehr fern sind von unseren Idealen".
Intensiv beobachtet ihn der Verfassungsschutz Niedersachsens, der zuständig ist für Delmenhorst; den Islamischen Weg und den Muslim-Markt halten die Ermittler "nicht für extremistisch, aber wir hatten beobachtet, dass er auf der Grenze steht". Seit seinem Prozess sei Özoguz allerdings "moderater" geworden; immer wieder steht jetzt auf den einschlägigen Palästina-Seiten, dass man nichts gegen Juden habe, "man muss abwarten", meinen die Verfassungsschützer, "wohin sich das bewegt".
"Wenn man ihn so trifft, wenn man ihm zuhört", sagt Henning Scherf, Bremens Oberbürgermeister, "dann könnte man denken: ein sehr moderater, vernünftiger Mann. Aber ..." Die Bürgermeisterstirn legt sich in Falten, Henning Scherf mag dieses Thema nicht. Er hat Sorgen genug.
Es ist ein Mittwochnachmittag im Bremer Rathaus, der Senat hat Bremer Bürger geladen zur Kopftuch-Diskussion. Henning Scherf würde gern ein Verbotsgesetz vermeiden, sein Bildungssenator Willi Lemke will es haben, unbedingt.
Es geht um das Kopftuch, aber es geht auch um das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen überhaupt, es geht um die Grenzen zwischen Politik und Religion. Es reden christliche, jüdische, muslimische Gläubige und auch Atheisten, es reden Lehrer, Schüler, Geistliche und Amtspersonen, manche beschwörend, andere erbittert, andere voller Ironie.
"Das ist Hysterie, nichts als Hysterie. Muslime stehen unter Generalverdacht."
"Kopftuchverbot ist Berufsverbot."
"Der Staat muss Grenzen setzen."
"Es trifft nur die Frauen. Nur die werden verdächtigt. Was ist mit den Männern? Ist das gerecht?"
"Ich bin Lehrer, wir sind eine multikulturelle Schule. Ich will nicht, dass sich eine Religion vor den anderen hervortut."
"Was stört Sie an diesem Kopftuch, das ich trage? Es schadet Ihnen nicht, warum soll es Ihnen schaden?"
"Es bedeutet: Männer stehen über den Frauen. Es wird schlimmer werden für Mädchen, die kein Kopftuch tragen wollen."
"Wenn Sie es verbieten, stellen Sie sich die Konsequenzen vor. Die Hälfte der Musliminnen wird in Privatschulen gehen, die andere mit Sweatshirt und Kapuze kommen, wollen Sie auch ein Sweatshirt-Kapuzen-Verbot?"
Es ist Yavuz Özoguz, der das sagt, und es applaudiert der Teil der Zuhörer, der bei jedem Kopftuch-Lob applaudiert, auch Fatima sitzt neben ihrem Mann und klatscht. Stolz sitzt sie da in der schwarzen Abaja, einem bestickten, den ganzen Körper verhüllenden Gewand. Manchmal murmelt sie Empörtes, aber leise nur. Als ein Muslim in der Reihe vor den Özoguz sich aufregt und gegen einen Redebeitrag wettert, beugt Yavuz sich vor, tippt dem Mann auf die Schulter, und tatsächlich, der Mann beruhigt sich und schweigt.
Es wird fast alles gesagt. Es ist eine gute Diskussion.
Am Morgen danach setzt sich Fatima an ihren Computer, klickt sich auf das Muslim-Forum und schreibt: "Warum dieser Hass auf den Islam?"
Yavuz überlegt jetzt, ob man Geld auftreiben und eine Schule gründen müsse, die den Lehrerinnen ihr Kopftuch erlaubt.
Er sammelt Meinungen, und er besteht darauf, dass er sie auf Deutsch bekommt. So ist sein Muslim-Markt nicht nur zu einem Forum geworden für Eingeweihte, sondern auch zur Quelle für jene, die verstehen wollen, wie Muslime denken. Ihre Ziele, ihre Absichten, ihre Verbitterung, ihren Zorn. Und ihren Spott, auch den.
Yavuz Özoguz hat eine Satire ins Netz gestellt, sie handelt von deutschen Frauen, die als Arbeitskräfte in ein afrikanisches Phantasieland gezogen sind. Sie sind dort Lehrerinnen geworden, und nun will man sie zwingen, ihren BH auszuziehen.
Weil es nicht üblich ist in diesem Phantasieland, einen zu tragen. Und weil sich des Terrorismus verdächtig macht, wer einen trägt.
* Oben: auf einem Wahlplakat in Teheran; unten: in Vechta.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 26/2004
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