21.06.2004

ÖSTERREICHStolze Brust

Ungebremst ist des Bürgers Drang nach Orden und Titeln. Bei der Vergabe staatlicher Auszeichnungen ist die Republik mindestens Europameister.
Als neuer Bundespräsident wird Dr. jur. Heinz Fischer, 65, dem österreichischen Volk erst wenige Minuten gedient haben, wenn er am 8. Juli, gleich nach seiner "Angelobung", für Verdienste um die Republik bereits einen Orden erhält. Im plüschigen k. u. k. Ambiente der Wiener Hofburg wird ihn sein Vorgänger Dr. Thomas Klestil mit der höchsten Auszeichnung des Alpenlandes dekorieren, dem "Großstern des Ehrenzeichens".
Zu viel des Lorbeers? Ach, gehn S''. Im traditionsbewussten Nachbarland, wo Orden und Titel stärker als anderswo über gesellschaftlichen Status und den besseren Kaffeehaustisch entscheiden, schreibt das Gesetz die Ehrung eines neuen Staatschefs vor: Kaum im Amt, gibt''s gleich Lametta. "Ganz nackert auf der Brust sieht''s nämlich schlecht aus", erklärt der ehemalige Zweite Nationalratspräsident, Universitätsprofessor Dr. Heinrich Neisser, die Wiener Logik, die dahinter steckt.
"Lachhaft" sei es, schimpft hingegen die Grünen-Politikerin Freda Meissner-Blau,
"was die Männer hier zu Lande anstellen, um an eine Blechplätschen zu kommen". Denn was den Oberen aus Wirtschaft und Politik recht ist, ist den Untertanen billig. "Inflationäre Ausmaße" habe die Gier nach Ehrungen angenommen, meint auch die Journalistin Elisabeth Horvath, die zu dem Thema gerade ein Buch verfasst hat**.
Böse Zungen behaupten, die einstige Donau-Monarchie leide noch immer unter dem Verlust von höfischem Glanz und Gloria. Wahr ist freilich: Wenn es um die generöse Verleihung von Auszeichnungen aller Art geht, ist Österreich mindestens Europameister.
Genau 1610 Orden mit so wohlklingenden Namen wie "Großes Goldenes Ehrenzeichen am Bande" oder "Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse" verteilte Klestil vergangenes Jahr. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi, in Italien für diese Angelegenheiten zuständig, wirkt daneben mit gut 500 Ehrungen ziemlich knauserig.
Auf die Bevölkerung hochgerechnet, zeichnete der Österreicher Klestil fünfmal so viele Landsleute aus wie sein jovialer deutscher Ordens-Bruder Johannes Rau. Hinzu kommen jene jährlich rund tausend Plaketten, die von den neun Landeshauptleuten verliehen werden, etwa der Tiroler "Adlerorden", sowie die ebenfalls von Klestil zu verordnenden, besonders begehrten "Ehrentitel der Republik Österreich".
Zwischen 1998 und 2003 ernannte er insgesamt 517 Kommerzialräte und 706 Professoren ehrenhalber. Gerade Letztere gelten dem etablierten Hochschuladel, der über die Ochsentour zu seinem Prädikat kam, als zuweilen windig. "Ein Lokalreporter mit dem Fachgebiet Blasmusik war darunter", mokiert sich der frustrierte Gutachter Gerhard Jagschitz, selbst habilitierter Professor für Geschichte.
Wie viele loyale Staatsdiener sich dank Klestil nun Kammersänger, Kanzleirat, Bergrat oder Forstrat honoris causa, Ehrenförster also, nennen dürfen, hat nicht einmal Autorin Horvath ermitteln können. Aufgefallen ist ihr aber, dass Auszeichnungen aller Art sprunghaft zugenommen haben, seit Bundeskanzler Dr. jur. Wolfgang Schüssel am Wiener Ballhausplatz regiert - in rechtskonservativer Allianz mit der FPÖ des gleichfalls promovierten Juristen Jörg Haider, der erst vergangenen Mittwoch von Klestil das "Große Silberne Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich" erhielt, die dritthöchste Auszeichnung des Landes.
Eitle Honoratioren aus Politik, Kommerz und Verwaltung würden einander auf inflationäre Weise titulär begünstigen, sagt Horvath, die 1999 bereits das Österreich-Enthüllungsbuch "Die Seilschaften" publiziert hat. Orden und Prädikate müsse man sich in der kratzfüßigen Donau-Republik "nicht in erster Linie verdienen, sondern erdienen", ergänzt Historiker Jagschitz. "Wir sind ein Obrigkeitsstaat alter Prägung, der auch in der Republik überlebt hat."
Heinz Anton Hafner, Leiter der staatlichen Ehrenzeichenkanzlei des Präsidenten, findet das "zu hart". Von seiner mit barockem Stuck und Goldbrokat-Tapeten verzierten Amtsstube in der Hofburg sieht er die Welt da draußen milder, mit landestypischer Gemütlichkeit. "Mit der Verleihung von Orden", sagt der Jurist Hafner, "will der Staat seinen Freunden im Ausland und verdienten Bürgern daheim besonderen Dank aussprechen."
Dabei müsse man halt manchmal "beide Augen zudrücken". Als etwa ein Politiker aus Kärnten empfahl, dem langjährigen Kassierer eines Taschenfeitel-Clubs, eines Vereins für Taschenmesserfreunde, einen Orden für seine Verdienste um das Sozialwesen zu verleihen, stimmte Klestil freudig zu.
Hafner weiß: Ein Orden macht einen Österreicher richtig wichtig, und sei es nur für einen Tag im Jahr. Denn das präsidiale Piercing am Band oder an rot-weiß-roter Schärpe wird standesgemäß zum Frack getragen. Und der ist nur beim Opernball und ähnlich feierlichen Anlässen angesagt.
Kein Wunder, dass sich die noch nicht Dekorierten eine ganze Menge einfallen lassen, um mit stolz geschmückter Brust die Treppen zur Staatsoper hochstapfen zu können. Vom Altmeister der österreichischen Fotografie, Peter Lehner, wird berichtet, dass er sich nach einer China-Reise in den siebziger Jahren das schwarze Jankerl einfach mit einer Mao-Plakette schmückte.
Was er für den schönen Orden habe leisten müssen, fragte ihn eine ältere Dame. Darauf Lehner: "Ich bin mit dem Herrn Vorsitzenden über den Yangtze g''schwommen." JÜRGEN KREMB
* Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider, FPÖ-Chef Herbert Haupt am vergangenen Mittwoch. ** Elisabeth Horvath: "Ihr persönliches Recht auf Orden und Titel in Österreich. Wie wird man Würdenträger/in?" Kremayr & Scheriau, Wien; 160 Seiten; 18 Euro.
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 26/2004
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