Von Bethge, Philip
Die Araber hatten nichts zu befürchten. Ihre schweren Geländewagen genossen den Status diplomatischer Immunität.
Mit einer entsprechenden Bescheinigung des kasachischen Außenministers ging die Delegation von Scheich Mohammed Ibn Dismal al-Suweidi, Diplomat der Vereinigten Arabischen Emirate, im Süden Kasachstans auf Falkenjagd. Fangvorrichtungen sowie mehrere Tauben als Köder entdeckten kasachische Polizisten in den Toyotas, Mitsubishis und Nivas der Wüstensöhne. Unternehmen konnten die Beamten nichts.
Der Fall vom Herbst 1994, festgehalten in der kasachischen Zeitung "Caravan Blitz", ist ein Dokument mit Seltenheitswert. Nur ungern lassen sich die Scheichs in die Karten gucken. Für die Falken indes sind solche Vorfälle Alltag.
Artenschützer warnen: Der illegale Handel aus Zentralasien in den Nahen Osten hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Schätzungen zufolge zwischen 7000 und 14 000 Wander-, Ger- und Würgfalken werden pro Jahr nach Saudi-Arabien, Bahrein, Kuweit und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) geschmuggelt - die meisten durch organisierte Banden.
"Der Falkenschmuggel wird größtenteils über professionell ausgebaute, kriminelle Netzwerke abgewickelt", sagt John Sellar vom Sekretariat des Washingtoner Artenschutzabkommens Cites in Genf. Und Alan Parrot von der Union for the Conservation of Raptors (UCR) geht noch weiter: "Früher haben Einzeltäter die Tiere geschmuggelt - inzwischen sind die russische Mafia und ganze Regierungen verstrickt."
"Bei weitem die größte Wildtierschmuggel-Industrie aller Zeiten" sei entstanden, beklagt Parrot, der seine Erkenntnisse jetzt im Internet veröffentlicht hat. Politiker in Zentralasien, die Scheichs und Prinzen des Nahen Ostens sowie "korrupte Wissenschaftler" hätten einen Schwarzmarkt mit einem Volumen von 300 Millionen Dollar jährlich geschaffen. Parrot: "Das Überleben bestimmter Falkenarten ist akut bedroht."
Tatsächlich führt ein gut gebauter und attraktiv gefärbter Falke bei den Scheichs Arabiens zu mehr Adrenalinausstoß als jeder zum Geländewagen umgebaute Lamborghini des palasteigenen Fuhrparks. Traditionell begeistern sich die Bewohner der Arabischen Halbinsel für die Jagd per Vogel, bei der sich der trainierte Falke, seinem Instinkt folgend, mit messerscharfen Krallen und bis zu 320 Stundenkilometer schnell auf die Beute stürzt. Als "Halal", zum Essen geeignet, beschreibt der Koran ein Tier, das so getötet wird. Ideales Opfer des arabesken Halalis ist die Kragentrappe: Das Fleisch des sandfarbenen Wüstenvogels gilt als Aphrodisiakum.
Für Kragentrappe wie Falke war die naturnahe Hatz so lange kein Problem, wie sie von den Wüstensöhnen allein im sandigen Hinterhof des eigenen Beduinenzeltes betrieben wurde. Über Jahrhunderte erreichten Falken auf ihrem Zug die Arabische Halbinsel, wurden dort gefangen, im Winter für die Jagd benutzt und dann wieder in ihre Brutgebiete entlassen.
Seit jedoch das Öl den Scheichs zu Palast, Pool und Porsche verholfen hat, ist auch in Sachen Falken Prasserei oberstes
Gebot. Von jeher Zeichen der Ehrerbietung und Mittel der Diplomatie und Korruption, versuchen sich die Milliardäre bei jedweder Gelegenheit mit ihren Edelfalken zu überbieten. Auf luxuriösen Jagdausflügen lassen sie ihre auch "gefiedertes Kokain" genannten Schützlinge in den Wüstenhimmel aufsteigen. Kommt es dabei zu Flügelbruch, helfen Tierärzte in eigens eingerichteten Falkenkliniken.
Die Jagd hat solche Ausmaße angenommen, dass auf der Arabischen Halbinsel inzwischen keine einheimischen Falken und Kragentrappen mehr leben. Neue Quellen für die edlen Tiere erschlossen sich den Scheichs jedoch mit dem Zerfall der Sowjetunion. Seither besonders begehrt: weiße Gerfalken von der Kamtschatka-Halbinsel in Sibirien, schokoladenbraune Vögel aus dem Altai-Gebirge in Chinas Nordwesten, hell gefärbte "Aschkar"-Würgfalken aus der Mongolei und ihre außergewöhnlich großen Verwandten aus dem Himalaja.
"Die Nachfrage überschreitet längst das Angebot", sagt Cites-Mitarbeiter Sellar. Immer neue Vögel brauchen die Scheichs, um ihre teilweise Hunderte Tiere umfassenden Falkensammlungen mit frischen Preziosen aufzuwerten. Ältere Tiere werden aussortiert und fern ihrer Brut- und Überwinterungsgebiete ausgesetzt. Viele der Import-Vögel entkommen ohnehin auf der Jagd oder verenden früh, weil sie das ungewohnte Wüstenklima Arabiens nicht überstehen. Die Folge des Raubbaus am fliegenden Luxusgut: Besonders in Zentralasien gehen die Bestände der Greife rasant zurück.
In Kasachstan etwa ist die Zahl der bei den Scheichs besonders geschätzten Würgfalken - sie gelten als "hurr", "unschätzbar" - in den vergangenen zehn Jahren von 2000 auf heute nur noch 150 bis 200 Brutpaare gefallen. In der Mongolei gibt es von den Tieren nur noch ein Viertel des Bestands von vor fünf Jahren. Selbst in China, wo Falkenschmuggel in manchen Fällen mit dem Tod geahndet wird, sollen bis zu 1000 Vögel pro Jahr gefangen werden.
Bei gleich bleibender Nutzung, warnen Experten, sei in Zentralasien in 5 bis 15 Jahren mit dem Verlust der meisten fortpflanzungsfähigen Weibchen zu rechnen. Denn hohe Gewinnmargen lassen sich mit den Tieren auf dem Schwarzmarkt erzielen. Mehrere hunderttausend Dollar zahlen die Scheichs für begehrte Exemplare. Zwar unterliegen Falken den internationalen Handelsbeschränkungen der Cites. Den Schmugglern Zentralasiens ist mit derlei Paragrafenwerk jedoch kaum beizukom-
men. "Es gibt in diesen Ländern oftmals weder effektive Grenzkontrollen noch Regierungen, die dem Problem besondere Aufmerksamkeit schenken", sagt Alexander Schestakow von der Tierhandelskontrollorganisation Traffic. Schestakow berichtet etwa von "syrischen Studenten", die regelmäßig Falken aus der Mongolei über Moskau in die VAE schmuggeln. Das Problem: In der Transitzone des Moskauer Flughafens können die russischen Fahnder nicht zugreifen.
Selbst über die direkte Verwicklung der Scheichs in den illegalen Falkenhandel hat Schestakow Erkenntnisse. "Zumindest aus Usbekistan und Kasachstan wissen wir, dass die Araber den Regierungen Geld anbieten, um Falken fangen zu können", sagt der Artenschutzexperte. "Schmuggeln kann man das allerdings nicht nennen - die Scheichs werden offiziell eingeladen und mit Sondergenehmigungen versorgt."
Derlei Mauscheleien sind es, die nun auch den UCR-Experten Parrot bewegt haben, seine Informationen öffentlich zu machen. Der Ex-Falkner, der über Jahre in der Region gelebt und bis 1991 selbst Falken verkauft hat, will regelmäßige Falkentransporte vom mongolischen Ulan Bator aus nach Riad an Bord von Saudi-Regierungsjets über Jahre observiert haben.
Auf den Internet-Seiten der UCR bricht Parrot ein Tabu. Unter der Rubrik "Ten most wanted" nennt er die Namen höchster Regierungsvertreter Saudi-Arabiens und der VAE und beschuldigt zudem die Environmental Research and Wildlife Development Agency (Erwda), die höchste Naturschutzbehörde der Emirate, direkt in
den Schmuggel verwickelt zu sein. Parrots Vorwurf: Von der Erwda bezahlte Forscher würden mit Hilfe von Satellitensendern die Brut- und Überwinterungsgebiete der Falken ausspähen. Anschließend stellten sie ihre Daten den Scheichs zur Verfügung, die Vögel und Falkeneier dann einfach einsammeln könnten.
"Diese Behauptungen sind boshaft, unwahr und verleumderisch", entgegnet Mohammed al-Buwardi, Chef der Erwda. Und auch Nicholas Fox vom National Avian Research Center (Narc) der Emirate weist die Vorwürfe entrüstet zurück: "Natürlich bezahlen wir die Forschung - wenn wir es nicht täten, würde es niemand machen."
Kein Falkner, argumentiert Fox, könne Interesse daran haben, das Ende einer Falkenart herbeizuführen. Und tatsächlich bekommen zumindest die VAE inzwischen von vielen Artenschützern gute Noten. Ein 2001 von Cites-Beamten gegen die Emirate verhängtes Wildtier-Handelsembargo wurde wieder aufgehoben. Erst vorigen Monat kamen internationale Falkenexperten in Abu Dhabi zusammen, um über die Zukunft der Vögel zu beraten.
"Die Regierung der VAE versucht tatsächlich, die Situation zu verbessern", lobt die Cites-Mitarbeiterin Katalin Rodics vom ungarischen Umweltministerium. Jedem Falken werde in den Emiraten inzwischen ein Mikrochip unter die Haut implantiert. Ein Falkenausweis soll die Tiere unverwechselbar machen. Zudem versuche die Erwda, den Falknern in Gefangenschaft aufgezogene Tiere als Alternative zu wilden Falken anzupreisen. Falkenzuchtstationen, die die nötigen Vögel liefern könnten, gibt es mittlerweile auf der ganzen Welt. Allein 200 bis 300 Tiere pro Jahr züchtet Narc-Chef Fox selbst in Großbritannien. Auch aus Deutschland werden jährlich rund 1000 Zuchtfalken exportiert.
Dennoch bleiben Zweifel, ob die Araber die Falkenkrise auf Dauer wirklich in den Griff bekommen können. Gezüchtete "Super-Hybrid-Falken", befürchtet etwa der Artenschutzexperte Jörg Lippert vom Landesumweltamt Brandenburg, könnten die Situation eher noch verschärfen. Am Ende der Jagdsaison in die Freiheit entlassen, könnten sie sich mit wilden Artgenossen paaren und dadurch die genetische Ausstattung der einheimischen Falkenrassen ruinieren. Auch sind in Gefangenschaft aufgezogene Tiere bei den meisten arabischen Falknern nicht beliebt. "Sehnig, hasserfüllt, gierig, zornig und mörderisch" sollen Falken einem alten arabischen Traktat zufolge sein - doch diese Eigenschaften haben angeblich nur wilde Vögel.
Ohnehin haben die Artenschützer die Rechnung möglicherweise ohne die "Endverbraucher" (Fox) gemacht: Die Scheichs selbst lässt die Diskussion ziemlich kalt. Sie amüsieren sich ungebremst mit ihren gefiederten Lieblingen.
Eine merkwürdig anmutende Karawane formiert sich alljährlich zu Beginn der Jagdsaison Anfang November. Tausende Kragentrappen fallen dann aus dem Norden kommend in Pakistan ein, um dort zu überwintern. Von Westen dagegen nähern sich die VIP-Flugzeuge der Ölscheichs. An Bord der Learjets und C-130-Herkules-Transporter vom Golf: Hunderte lederbekappter Falken, allein darauf getrimmt, die Trappen zu meucheln.
Dann beginnt das, was Parrot den "Superbowl des Nahen Ostens" nennt. Mitunter Tausende Quadratkilometer umfassen die Jagdreviere der Hochwohlgeborenen. Eigene Flughäfen in der pakistanischen Provinz haben sich einige von ihnen bauen lassen. Andere nennen von Festungsmauern umgebene Paläste ihr Eigen oder lassen luxuriöse Zeltstädte errichten, streng bewacht von einem Heer bewaffneter Beduinen.
An Bord umgebauter US-Geländewagen oder mehrstöckiger Spezialfahrzeuge gehen die Scheichs dann auf Trappenjagd. Mehrere Monate bleiben die Jagdgesellschaften. Tausende Kragentrappen - sie stehen inzwischen auf der roten Liste der bedrohten Arten - fallen den Falknern alljährlich zum Opfer.
Erst im November vergangenen Jahres etwa wurde Scheich Sultan Ibn Hamadan al-Nahajan, Enkel des Emirs der VAE, mit seiner Jagdgesellschaft in der pakistanischen Wüste gesichtet. Er musste dort allerdings erfahren, dass die prasserische Beizjagd nicht mehr nur Freunde hat. Nachdem Sicherheitskräfte des Scheichs angeblich durch pakistanische Getreidefelder marodiert waren, attackierten sechs bewaffnete Khosa-Krieger auf Motorrädern das kronprinzliche Zeltlager.
Die Wut der Einheimischen hat einen einfachen Grund: Ihnen ist die Trappenjagd seit 30 Jahren verboten. PHILIP BETHGE
DER SPIEGEL 26/2004
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