21.06.2004

DOKUMENTARFILMDas Wunder von Bhutan

Mitten im EM-Fieber läuft in den deutschen Kinos ein kurioser Fußballfilm an: „The Other Final“ zeigt die beiden schlechtesten Mannschaften der Welt.
Fußball ist der Sport ewiger Wahrheiten wie "Ein Spiel dauert 90 Minuten" oder "Es gibt nur ein'' Rudi Völler". Und, auch das scheint zumindest für die nähere Zukunft festzustehen: Montserrat hat die schlechteste Nationalmannschaft der Welt. Montserrat?
Montserrat ist eine Insel in der Karibik mit einem Vulkan und 5000 Einwohnern. Bis Mitte der neunziger Jahre lebte diese britische Kronkolonie recht komfortabel von Sonne, Sand und Geldwäsche. 134 so genannte Offshore-Banken und zwei kolumbianische Drogenbarone residierten auf dem Eiland. Dann schlug das Schicksal zu: Erst vertrieben FBI und Scotland Yard die Banken, wenig später brach der Vulkan aus. Resultat, unter anderem: Der einzige Fußballplatz der Insel, begraben unter Lava und Asche, war unbespielbar.
Inzwischen hat Montserrat wieder ein Fußballfeld, dank einer 850 000-Dollar-Spende des Weltverbands Fifa. Und Montserrats Nationalspieler sind mittlerweile ein bisschen weltberühmt - dank eines tragikomischen Dokumentarfilms, der bereits bei diversen Festivals Preise abgeräumt hat und von dieser Woche an in deutschen Programmkinos läuft: das kleine Wunderwerk
"The Other Final", gedreht von Fußballfans aus, ausgerechnet, den Niederlanden.
Am Anfang stand ein Debakel. Nach einer Serie von Niederlagen verpassten die Niederlande im Jahr 2002 die Qualifikation für die Weltmeisterschaft - und viele Holländer fragten sich zerknirscht: Wer spielt noch schlechter als wir? Johan Kramer und Matthijs de Jongh, zwei Werbefilmer aus Amsterdam, guckten in die offizielle Weltrangliste der Fifa. Ganz unten, auf den Plätzen 202 und 203, entdeckten sie Montserrat und das Himalaja-Königreich Bhutan.
In beide Staaten schickten Kramer und de Jongh ein Fax mit dem Vorschlag, doch ein Länderspiel gegeneinander auszutragen. Das Wunder geschah: Nachdem sie sich auf der Weltkarte von der Existenz des Gegners überzeugt hatten, sagten Montserrat und Bhutan zu. Man einigte sich auf Bhutans Hauptstadt Thimphu als Austragungsort; der Termin wurde symbolisch gewählt: 30. Juni 2002 - nur ein paar Stunden, bevor in Yokohama Deutschland und Brasilien um den Weltmeistertitel spielten.
Kramer, 39, flog mit einem Kamerateam nach Montserrat, um die Karibik-Kicker bei den Vorbereitungen für das andere Endspiel zu beobachten. Er traf lässige Hünen - Amateure allesamt, die meisten im Hauptberuf Polizisten - mit Sinn für Humor. "Wir haben 24 Umkleidekabinen, eine für jeden Spieler", verrät der Trainer, "wir nennen die Kabinen ,zu Hause''."
In Bhutan, wo man sich der so genannten Zivilisation mit gebotener Vorsicht nähert - Fernsehen gibt es seit 1999, Fifa-Mitglied ist das Land seit 2000 -, wird derweil alles für die Ankunft der Gäste vorbereitet. Der Außenminister, ein zierlicher Herr in Landestracht, lächelt bescheiden; ein Spieler gestattet dem Kamerateam einen Blick in sein Schlafzimmer, wo er natürlich "vom Fußball träumt". Und immer wieder hüpft ein Ball durchs Bild, munteres Sinnbild für die Völkerverständigung im Namen von König Fußball.
Irgendwann stehen die Nationalspieler aus der Karibik tatsächlich auf dem Flughafen im Himalaja und staunen gemeinsam mit den Kinozuschauern, was dieser Sport alles anrichten kann: eine Reise um die Welt und zwei Nationen im Ausnahmezustand. Eine Woche bleiben die Gäste in Bhutan und werden dort gefeiert wie der brasilianische Sturmstar Ailton bei Werder Bremen; die Verständigungsprobleme sind übrigens vergleichbar.
Und das Spiel? Man tritt wohl niemandem zu nahe, wenn man behauptet, dass die holländischen Filmemacher ihr Handwerk deutlich besser beherrschen als die von ihnen porträtierten Sportler ihre Füße. Insbesondere die langen Kerls aus Montserrat sind von Beginn an von einer bleiernen Müdigkeit befallen (die dünne Luft! 2600 Meter über dem Meeresspiegel!). Den eher schmächtigen Bhutanern gelingt so bereits in der 4. Minute ein Kopfballtor. Die Leistung von Montserrats Torwart Cecil Lake erinnert dabei an Oliver Kahns kühnste Fehlgriffe.
Die Statistik nach 90 (im Film taktvoll gekürzten) Minuten: Bhutan besiegt Montserrat mit 4:0. Allein drei Tore, das wird die Spielervermittler in aller Welt aufmerken lassen, erzielt Bhutans Kapitän Wangyal Dorji. Auf den Rängen jubeln rund 25 000 Zuschauer; unbeeindruckt bleibt nur ein Hund, der ab und an über das Spielfeld streunt. Werbewirkung für den Fußball: immens; für die Sportartikelkonzerne Adidas und Nike: null - beide Firmen hatten es abgelehnt, das Spiel zu sponsern.
Montserrat ist immer noch Letzter in der Fifa-Weltrangliste, Bhutan dagegen hat sich mittlerweile auf Platz 189 vorgearbeitet. Viel wichtiger: Beide Mannnschaften haben - mit ein wenig Hilfe aus den Niederlanden - erreicht, wofür die bei der Europameisterschaft versammelten Millionäre erheblich mehr ackern müssen: die Zuschauer zu verzaubern. MARTIN WOLF
* Im Changlimithan-Stadion in Bhutans Hauptstadt Thimphu am 30. Juni 2002.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 26/2004
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DOKUMENTARFILM:
Das Wunder von Bhutan

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