Von Schulz, Thomas
Das wirkliche Leben bei RTL hat mit der Fernsehwelt nicht viel zu tun. Es ist nicht bunt, nicht quietschig und schon gar nicht schillernd. Es besteht aus langen, kahlen Fluren in der Kölner Sendezentrale, verwinkelten Gängen mit vielen Türen, und dahinter sitzen niemals Günther Jauch oder Oliver Geißen, sondern allenfalls alerte Programmexperten, die sich von ihrem Boss gerade Quoten-Charts erklären lassen.
Gerhard Zeiler, 48, ist seit sechs Jahren Chef von RTL. Wenn er redet, schweigen meistens alle anderen. Oft hat das damit zu tun, dass er als Einziger nicht auf all die Tabellen und Grafiken starrt, die an die Wand geworfen werden, weil er jedes Detail im Kopf hat. An diesem Tag liegt es daran, dass die Zahlen nicht schön sind. Sie zeigen, was die Deutschen im Frühjahr im Fernsehen gesehen haben. Normalerweise viel RTL und wenig anderes. Normalerweise.
An diesem Tag ist große Programmkonferenz, und jeder, der bei RTL etwas zu sagen hat, ist da. Zeiler hetzt mit versteinerter Miene durch den deutschen TV-Alltag: Vormittag, Vorabend, Hauptsendezeit, Comedyfreitag, Spielfilmsonntag, Fußballmittwoch. Am Ende fällt viel zu oft jener Halbsatz, der jeden TV-Manager zusammenzucken lässt: "Marktanteile verloren".
Im ersten Quartal rutschte der RTL-Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen von 19 auf 17 Prozent im Tagesprogramm, von 19,2 auf 17,1 am Vorabend, von 21,1 auf 20 am Abend.
RTL ist damit immer noch der mit Abstand meistgesehene deutsche Fernsehsender. Von Montag bis Sonntag, tagsüber, abends und nachts. Selbst wenn RTL schwächelt, kommt die Konkurrenz nicht wirklich näher. Daran hat sich seit zehn Jahren nichts geändert. Allein im Jahr 2003 liefen 62 der 100 meistgesehenen Programme bei RTL.
Nur genau hier liegt inzwischen das Problem der Kölner: Sie sind es offenbar nicht mehr gewohnt, dass auch einmal etwas nicht funktioniert. Vielleicht liegt es daran, dass viele gar nicht mehr wissen, von wie tief unten ihr Sender kommt.
Damals, vor genau 20 Jahren, begannen 25 Dilettanten damit, aus einer "Garage in Luxemburg" (Zeiler) Fernsehen zu machen. Mit einem Etat von 25 Millionen Mark und einem Verlust von 24 Millionen im ersten Jahr. Damals sendete der erste Chef Helmut Thoma "Spielfilme, die vor uns zu Recht keiner gezeigt hat". Damals stand RTL im Hausjargon für "Rammeln, Töten, Lallen". "Wir haben Fernsehen mit der Portokasse des WDR gemacht", sagt Peter Kloeppel, heute Nachrichten-Star und einst ein Mann der ersten Stunde.
4,1 Prozent Marktanteil erreichte RTL 1988, ein kaum wahrgenommener Winzling gegenüber der öffentlich-rechtlichen Fernsehmacht. Dann aber kam der große Umbruch mit "Tutti Frutti" und "Schloss am Wörthersee", mit "Columbo" und der "Mini Playback Show". Schon 1993 wurde RTL Marktführer.
Der zweite Umbruch kam, als Thoma ging. Der RTL-Übervater, den sie erst "Puffmutter des deutschen Fernsehens" und später "Trivialgenie" nannten, wurde 1998 ausgerechnet von Zeiler abgelöst. Zwar auch ein Österreicher wie Thoma, aber sonst? "Sparkassenpräsident", "Erbsenzähler", "Kopfmensch" - hieß es.
Es war ein Kulturschock für den Kölner Sender, aber ein wirkungsvoller. Zeilers Leitformel "Jede Sendung muss Marktführer sein" haben alle 800 Mitarbeiter inhaliert. Der "Audience Flow", die Königsdisziplin der TV-Macher, wird von den RTL-Leuten so virtuos beherrscht wie von niemandem sonst, viel besser jedenfalls als bei der ARD etwa, wo auf "Verstehen Sie Spaß?" "Tagesthemen" und "Wort zum Sonntag" folgten und zwei Millionen Zuschauer gleichzeitig reflexhaft umschalten.
Jetzt steht RTL wieder vor einem Umbruch. Nicht weil Zeiler seinen Job schlecht macht. Er erledigt ihn eher zu gut. RTL Deutschland bescherte dem Mutterkonzern Bertelsmann im vergangenen Jahr 267 Millionen Euro Gewinn.
Und weil das mit Zeiler so prima läuft, beschlossen die Gütersloher vergangenes Jahr, ihn gleich auch noch das europäische Fernsehgeschäft managen zu lassen. Seither ist Zeiler nun zusätzlich Chef der in Luxemburg angesiedelten RTL Group, zu der 26 TV-Sender gehören. Das bedeutet für den gebürtigen Wiener nicht nur eine Menge mehr Arbeit, sondern auch mehr Macht. So viel, dass er sogar schon als neuer Bertelsmann-Chef gehandelt wird. Von solchen Diskussionen will der RTL-Chef allerdings nichts hören. Zeiler redet nicht gern über Zeiler. "Was soll das mit Fernsehgeschäft zu tun haben?", fragt er dann.
Klar ist aber, dass er die Doppelbelastung der beiden Chefposten nicht mehr lange bewältigen kann und will. 90 Stunden die Woche kämen da zusammen, sagt er, es ist "weit mehr als erwartet". Bis zum nächsten Frühjahr wohl will er einen Nachfolger für RTL Deutschland gefunden haben.
Und als sei das noch nicht genug, wird auch Zeilers Vize dem Sender offenbar nicht mehr lange erhalten bleiben. Hans Mahr, ebenfalls Österreicher und seit zehn Jahren "Informationsdirektor" von RTL, wird sich wohl noch in diesem Jahr einen neuen Job suchen. Der "Wiener Schmäh" zwischen ihm und Zeiler funktioniert nicht mehr.
Es gibt Momente, da wird das offensichtlich. Etwa bei einer der vielen gemeinsamen Konferenzen, wenn Mahr sich selbst als "bekannt aus Film, Funk und Fernsehen" vorstellt und Zeiler dann sagt: "Du meinst wohl: bekannt wie Falschgeld."
Die Hälfte seiner Zeit verbringt der RTL-Chef nun in Luxemburg statt in Köln, die andere Hälfte tut er so, als wäre er immer noch hier. Sein Kalender ist übervoll, weil jetzt alles in zwei Tagen passieren muss, was früher in fünf erledigt wurde.
Eine Stunde Zeit nimmt er sich für die Jahreskonferenz von IP Deutschland, das ist so etwas wie der Vertrieb von RTL. Die IP-Leute sind wichtig, denn sie müssen das Programm an die Werbekunden verkaufen, und um nichts anderes geht es schließlich.
Thoma hat früher gern gesagt: "Wir sind ein Transportunternehmen von A nach B." A ist der Werbetreibende, B ist der Zuschauer. RTL garantiert A die richtigen Bs: jung, konsumorientiert, aufgeschlossen. Unter Zeiler haben sich lediglich die Transportpreise drastisch erhöht.
Bis zu 60 000 Euro kostet es etwa, die im Schnitt 8,5 Millionen Zuschauer von "Wer wird Millionär?" 30 Sekunden lang auf das neueste Haarspray oder Automodell aufmerksam zu machen. Damit sich daran auch in schlechteren Zeiten nichts ändert, redet Zeiler vor seinen 50 Verkäufern erst einmal nicht von neuen Programmen, sondern von RTL. Schließlich haben die anderen bei Sat.1 und sogar bei der ARD auch viele Programme im Angebot, aber nicht so viele tolle Zuschauer. Als Erstes geht es darum, den Sender zu verkaufen, nicht das Programm.
"Was also ist RTL?", fragt Zeiler in die interne Runde, als spreche er mit einer
Kaffeefahrt auf Talkshow-Ausflug statt mit Medienprofis. Die Antwort steht wieder auf einem Chart. Es ist ein Kuchenmodell mit fünf gleich großen Stücken und fünf Begriffen: "Innovation, Jugend, Provokation, Events und Seriosität."
Die ersten vier Begriffe stammen noch aus den Urzeiten von RTL, die Seriosität ist aber erst in den letzten Jahren dazugekommen. Vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus: Nur 9 Prozent aller Zuschauer hielten RTL damals für "seriös und glaubwürdig" (ARD: 59 Prozent). 59 Prozent aber dachten an Gewalt (ARD: 7 Prozent) und 65 an Sex (ARD: 1 Prozent).
Dem Kölner Sender wurde schnell klar, dass man so zwar Marktführer werden, aber nicht bleiben kann. Also wurde der Rot- und Blaulichtanteil des Programms drastisch gesenkt. Heute, betont Zeiler, gehe es um "Für jeden etwas". Das ist für ihn "der Kern der Marktführerschaft". Und auch dafür hat der RTL-Chef eine Grafik. Auf ihr sind viele sich gegenüber stehende Namen zu sehen.
Sie sollen die Spannbreite des Programms symbolisieren. Da steht dann zum Beispiel auf einer Seite Günther Jauch und auf der anderen der Moderationsdarsteller Carsten Spengemann oder die prämierte Polizeiserie "Abschnitt 40" gegenüber der Dauer-Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Dann redet Zeiler noch über "Mut zu Neuem" und dass man sich von ein paar Fehlgriffen nicht irritieren lassen darf. Er sagt das, weil es davon in letzter Zeit doch einige gab, die Comedy-Reihe "Krista" etwa oder die Ekelshow "Fear Factor".
Alles nicht so schlimm, sagt Zeiler. Bei 75 bis 100 Formaten, die ständig in Entwicklung seien, kommt eben auch mal eines auf den Schirm, das floppt. Hauptsache, man mache es nicht "so wie die bei ProSieben". Die seien gerade in ein "Misserfolgsvermeidungsdenken" verfallen.
RTL dagegen hilft lieber bei den Misserfolgen der anderen nach. Gegenprogrammierung heißt das auf Fernsehdeutsch, und eigentlich beherrschen die Kölner das virtuos. Als ProSieben auf einen Quotenschub durch die Musik-Show "Comeback" hoffte, setzte RTL flugs die "ultimative Chart-Show" mit Oliver Geißen dagegen.
Für Sat.1 war "Star Search 2" eine der wichtigsten Sendungen des Jahres, was sie bei RTL natürlich auch wussten. "Wir machen ein Format, das nur einen Zweck hat: 'Star Search' vom Platz zu fegen", ruft Zeiler seinen Verkäufern zu. Allerdings wurde diesmal ausgerechnet das als Gegenformat erwählte "Star Duell" auch ein Totalflop. Was jedoch letztlich nicht so schlimm war, weil "Star Search 2" sowieso kaum jemand sehen wollte.
Das hätte man sich bei RTL eigentlich denken können, schließlich funktionierte auch die zweite Staffel der eigenen Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") nicht wirklich toll. Zwar lag die Quote noch weit über dem Senderschnitt von 17,9 Prozent. Aber wenn die erste Staffel eine Sensation war, wurde die zweite nur ein trüber Aufguss.
Die Enttäuschung ist groß. Die Show stand für die Durchschlagskraft des Marktführers und für ein fast arrogantes Erfolgsdenken: Wenn wir wirklich wollen, dann können wir mit einer Show einen Hype produzieren, über den das ganze Land spricht wie bei der Dschungel-Chose "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!"
Der "DSDS"-Kater hält noch an nach der großen Euphorie. "Leidenschaft bis zur Hysterie" beobachtete Günther Jauch damals. "Während 'DSDS' lief, war wochenlang jeder, den man bei RTL zu erreichen versuchte, in einer 'Superstar'-Sitzung", sagt Jauch. "Das war wirklich unfassbar." Auch bei der Finalshow der zweiten Staffel war jeder präsent, der bei RTL irgendwas zu sagen hat, Zeiler natürlich auch.
Es war sein zwölfter Besuch, "DSDS" ist seine Lieblingssendung. Er saß im Publikum, immer dort, wo die Kamera nicht hinschwenkt. Die fünf Millionen Zuschauer konnten nicht sehen, wie Zeiler mit dem aufgepeitschten Studiopublikum verschmolz: Er trommelte mit den Füßen, stand auf, klatschte, setzte sich wieder und trommelte weiter. "DSDS" ist eine anstrengende Show.
Vor der Sendung ging Zeiler zu den Garderoben der Jury. Dieter Bohlen stand auf dem Gang und begrüßte den RTL-Chef überschwänglich. Die beiden verstehen sich, vielleicht weil sie nach demselben Erfolgskonzept arbeiten. "RTL hat den richtigen Riecher für den Mainstream, so wie ich", sagt Bohlen. Zeiler findet das auch, aber das Wichtigste seien die "leidenschaftlichen Mitarbeiter". "So ein Quatsch", sagt Bohlen, "leidenschaftlich sind die bei Sat.1 in Berlin auch."
Wie es mit Bohlen und RTL weitergeht, steht noch nicht fest. Bohlen grinst: "Wenn uns nichts einfällt, dann geh ich eben in die nächste Dschungel-Show." Zeilers Mundwinkel zucken nur kurz. "Dieter, das kannst du haben." Bohlen lacht erschrocken. "Ihr könnt mich doch gar nicht bezahlen." Jetzt lacht auch Zeiler. Und schweigt.
Bohlen war sicherlich ein Erfolgsfaktor bei "DSDS", aber er ist kein wirkliches RTL-Gesicht, kein Quotengarant, den man auf jedes Format setzen kann, wohl wissend: Die Leute schalten schon ein - wie bei Geißen. Und vor allem bei Jauch, dem wichtigsten Gesicht des wichtigsten Senders im wichtigsten europäischen Fernseh-Land.
Jauch hat sich immer bemüht, Abstand zu RTL zu halten. Er hat kein großes Büro in der Sendezentrale, sondern ein 15-Quadratmeter-Zimmer in der Kölner Innenstadt. Dort teilt er sich einen Doppelschreibtisch mit dem "Stern TV"-Chefredakteur, eingerahmt von Kassettenstapeln, Papieren, offenen Kartons.
"Seit 15 Jahren dasselbe Chaos", sagt Jauch. Es klingt entschuldigend. Hinter ihm hängt eine Pinnwand, dort klemmt ein Zeitungsausschnitt mit einem großen Foto von ihm. "Ist Jauch der Einzige, der bei RTL arbeitet?", steht da.
Jauch ist seit 1990 bei RTL und so etwas wie die Wunderwaffe, die alle gern hätten. Er moderiert Fußball und Skispringen, die "SKL-Show", "Wer wird Millionär?", den Jahresrückblick und "Stern TV". Wenn er wollte, würden sie ihm auch noch ein Dutzend neue Shows andrehen.
"Das ist so ein Riesenladen, es kann eigentlich nicht sein, dass die keinen Nachfolger für mich finden", sagt Jauch. Was sei denn, wenn er irgendwann keine Lust mehr hat? Oder gegen einen Baum fährt?
Aber wahrscheinlich wollen sie gar keinen Nachfolger finden. Ist er nicht schließlich als Quotenmaschine eine der wesentlichen Erfolgsgaranten für RTL?
"Schlechte Sendungen sind auch durch gute Moderatoren nicht zu retten", sagt Jauch. Für das Fernsehgeschäft gebe es ohnehin nur eine unumstößliche Regel: Es gibt kein dauerhaftes Erfolgsrezept. "Das gilt auch für RTL." THOMAS SCHULZ
DER SPIEGEL 26/2004
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