05.07.2004

KLEINKUNSTSex and the Country

Die Kabarettgruppe Die Wellküren, ein kurioses Familienunternehmen aus der bayerischen Provinz, veräppelt den Mann und sein Zentralorgan.
Wer musiziert, sündigt nicht: "A Stubnmusi ist die beste Empfängnisverhütung", verkündet die Frau oben auf der Bühne, und ihre beiden Kolleginnen nicken ernsthaft. "Das haben unsere Eltern immer gesagt, und die müssen es wissen." So kann ein äußerst vergnügter Abend mit der bayerischen Kabarettgruppe Die Wellküren beginnen, die in Bayern weltberühmt ist und derzeit mit ihrem aktuellen Programm "Stubenmusik macht süchtig" durchs Land tourt.
Die Abenddarbietung kann jedoch auch anders losgehen, die Wellküren folgen keinem festen Schema, außer dass sie zuverlässig und auf höchstem Niveau bayerisches Volksmusik-Kabarett aus Frauenperspektive bieten und damit einzigartig in Deutschland sind.
Die Wellküren, allesamt Schwestern, plaudern dann weltläufig über Politik und andere Unerfreulichkeiten, über Oliver Kahn und seine amouröse Betriebsamkeit, über alles, was Frauen beschäftigt, naturgemäß gehören Wellness und Schönheitsoperationen dazu, Mutter-Kind-Wahn, Ehe, Dorfleben und natürlich der Mann und sein Zentralorgan - ein Teil der vergnügt-frivolen Lieder kann deshalb getrost unter den Oberbegriff "Sex and the Country" gefasst werden.
Bayerisch ist erotisch, finden die Schwestern - und die von ihnen entwickelte erotische Landwirtschaftsmetaphorik beherrschen sie ausgesprochen gut, kein Wunder, schließlich leben sie in Oberschweinbach, einem kleinen Ort westlich von München.
Im Nachbarort Günzlhofen sind sie aufgewachsen, in einer ganz und gar ungewöhnlichen Familie: Es war unausweichlich, dass die Schwestern Moni, Vroni und Burgi Musikinstrumente und den Dreigesang lernten, denn ihr Vater, Hermann Well, war Musiklehrer und Chorleiter, mit seiner Musikalität steckte er die ganze Familie an. Für ihn und seine Frau war es selbstverständlich, dass jedes der 15 Kinder ein Instrument lernte und man gemeinsam innerhalb der Familie Hausmusik, also Stubnmusi pflegte. Drei Söhne der Well-Familie machten bald als Biermösl Blosn von sich reden, ihre Schwestern, die Wellküren, begannen öffentlich aufzutreten, als ihre eigenen Kinder größer waren.
Vater Well ist 1996 verstorben, die übrige Familie trifft sich weiterhin regelmäßig
zur Stubnmusi, sehr zur Freude von Mutter Traudl Well. Die ist inzwischen 84 Jahre alt und fährt schon mal mit dem Mofa zwischen ihren 15 Kindern, 35 Enkeln und 8 Urenkeln hin und her, wenn sie nicht gerade Kurse an der Volkshochschule gibt oder unerschrocken bei ihren Töchtern auf der Bühne auftaucht, um die Zither zu zupfen.
Das tut sie natürlich nicht bei den frivolen Sangesstücken, sondern bei bayerischen Traditionsvolksliedern, die die Läster-Schwestern mit feinem Dreigesang und wahlweise Harfe, Tuba, Keyboard, Blockflöte, Hackbrett und Ziehharmonika darbieten.
Die Wellküren, bekennende Fans der Kultserie "Sex and the City", finden es ganz richtig, mit ihren Liedern ein wenig über männliches Gegockel zu spotten, bedichten aber auch voller Anteilnahme "da gschlogne Mo", den geschlagenen Mann.
Dass gerade die Männer sich kugeln vor Lachen, liegt, glaubt Moni Well, "an unserer Charmanz", und die ist es denn auch, die erwachsene Mannsbilder aus dem Publikum dazu bewegt, auf der Bühne übermütig zu schuhplatteln und sich im Bauchtanz lasziv zu wiegen. "Wir führen keinen vor, das merken die Leute, und verbiestert sind wir auch nicht", erklären die Schwestern.
Und weil Frauen ja auch so ihre Eigenarten haben, machen sich die Wellküren lustvoll über schönheitssüchtige Damen her: "Nach'm dritten Tog Heilfasten hob i mi vergessn und meiner Nachbarin von da Gesichtsmaskn d'Gurkn obafressen" heißt es in dem Gassenhauer "Wellness", der auch den Kult um Hildegard von Bingen parodiert.
In ihren Programmen, die die Wellküren ständig erweitern, schimpfen sie schon mal auf Edmund Stoiber, aber eigentlich ist große Politik ihre Sache nicht. An weltumspannende Erlösungsrezepte glaubt ja heute niemand mehr, deshalb erzählen die Schwestern in ihren Eigenkompositionen lieber vom richtigen Leben und seinem täglichen Unsinn.
Beim Arrangement helfen oft die Biermösl-Brüder Christoph, Hans und Michael, die auch altbayerische Moritaten modernisieren, jene musikalischen Glanzstücke, die von einer Kindsmörderin aus dem 18. Jahrhundert erzählen oder auch von der feschen Försterin, die mit einer Wilddiebin aneinander rasselt.
Solche hintersinnigen Songs sind auf der neuen CD "Das Mensch" zu hören, und sie klingen so schön, dass sogar ein schwarzer Pfarrer aus Zaire, der in Oberschweinbach wirkt, die Schwestern regelmäßig zum Musizieren in die Kirche einlädt, sehr zur Freude der Dorfgemeinschaft.
"Stubnmusi macht süchtig" - darin steckt auch eine pädagogische List: Mit Grausen sehen die drei Mütter die durchsexualisierten Musikvideos junger Popsängerinnen und sind froh, dass ihre Kinder nicht ständig vor der Glotze hängen, sondern auch alle ein Instrument spielen.
Denn die Musik, davon sind die Schwestern überzeugt, hält die bemerkenswert große Familie zusammen, bis heute. Im Herbst hat Mutter Well Geburtstag. 15 Kinder, 35 Enkel und 8 Urenkel werden sie befeiern - am musikalischen Programm wird bereits gearbeitet. ANGELA GATTERBURG
Von Angela Gatterburg

DER SPIEGEL 28/2004
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