Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


05.07.2004

MUSIKINDUSTRIE

Computer contra CD

Von Schulz, Thomas

Der Online-Plattenladen iTunes von Apple bringt nun auch in Deutschland Bewegung ins erstarrte Musikgeschäft: Der Markt für Hits aus dem Internet hat sich mit einem Schlag vervierfacht. Auch in den CD-Markt kommt plötzlich Bewegung: Die Preise sollen sinken.

Steve Jobs liebt Musik, wenn auch vielleicht die falsche: Für Bob Dylan und die Beatles lassen sich nur noch die wenigsten jungen Musikfans begeistern. Wenn es ums Geschäft geht, verlässt sich der Apple-Chef deswegen auch nicht auf seinen eigenen Geschmack, sondern umgibt sich lieber mit jenen schillernden Stars, die bei seinen Kunden beliebt sind.

Zum Start seines Online-Musikladens iTunes in den USA vor einem Jahr ließ Jobs den Rap-Star Dr. Dre in der Öffentlichkeit schwärmen: "Endlich hat es einer richtig gemacht." Und als er iTunes vor gut zwei Wochen auch nach Europa brachte, sang die Soul-Königin Alicia Keys zur Premiere eine Hommage auf das neue Musikgeschäft von Apple: "The night time is the right time to listen to iTunes."

Tatsächlich haben nicht nur Musiker, sondern vor allem auch die Plattenbosse allen Grund, ein Loblied ausgerechnet auf einen Computerhersteller zu singen. Fast im Alleingang hat Apple den Musikkonzernen ein Geschäftsfeld eröffnet, das sie selbst über Jahre erst ignoriert, dann unterschätzt und schließlich nicht selbst organisiert bekommen haben: den Verkauf von Musik über das Internet.

95 Millionen Musiktitel wurden seit vergangenem Mai bereits weltweit über iTunes verkauft. Auch in Deutschland brach das neue System gleich alle Rekorde: Rund 250 000 verkaufte Songs zählte Apple schon in der ersten Woche.

Die Musikbranche ist in Aufruhr: Jahrelang schien sie kein Rezept zu finden gegen die Depression auf dem Plattenmarkt, gegen die unerbittlich sinkenden Verkaufszahlen selbst der großen Stars von Eminem bis Kylie Minogue, gegen die Jahr für Jahr einbrechenden Umsätze. Dass die Zukunft des Musikgeschäfts in der digitalen Welt liegt, war den Plattenfirmen zwar bewusst, an eigene Angebote aber trauten sie sich nicht heran.

Nun aber scheint die lang erwartete Wende im Musikgeschäft tatsächlich in Reichweite - ausgerechnet dank eines kalifornischen Computerherstellers mit einem Weltmarktanteil von unter fünf Prozent.

Endlich kommt Bewegung in die Musikbranche, sogar in den seit Jahrzehnten erstarrten klassischen CD-Markt: Neue Preise und Produkte sollen schon dieses Jahr auch hier wieder für mehr Käufer sorgen.

Der so unerwartete wie überwältigende Erfolg von iTunes wirkt offenbar wie eine Initialzündung. Fast im Wochenrhythmus lizenzieren die Musikkonzerne ihre Songs an neue Online-Händler. Aus weltweit 20 Internet-Musikshops vor einem Jahr sind heute bereits 100 geworden.

In Deutschland verkaufen seit vergangenem Jahr bereits Karstadt, MTV und Media Markt Musik über ihre Internet-Seiten, im Februar folgte RTL, im März Phonoline, im Mai öffnete AOL sein Angebot für alle Internet-Nutzer, Mitte Juni dann iTunes. Seit vergangener Woche ist auch Coca-Cola am Start, Sony folgt wahrscheinlich schon nächste Woche mit einem eigenen Angebot, und auch Microsoft steht bereits in den Startlöchern. Sogar die berüchtigte Mutter aller illegalen Internet-Musikbörsen, Napster, verkauft seit wenigen Wochen in England ganz legal Titel von Britney bis Beyoncé - und wird wohl auch bald in Deutschland loslegen.

Die Musikindustrie ist begeistert. 15 Prozent Umsatzanteil verspricht sich Warner-Chef Bernd Dopp in zwei Jahren von den Downloads. BMG-International-Chef Maarten Steinkamp schwärmt: "Das Online-Geschäft entwickelt sich ganz prächtig." Und bei Sony Music heißt es: "Dem digitalen Markt gehört die Zukunft."

Die Gegenwart dagegen liegt noch im Nebel, es fehlt an verlässlichen Informationen. Die Zahl der insgesamt in Deutschland in diesem Jahr online verkauften Musiktitel? "Das können wir nur schätzen", heißt es beim Bundesverband der Plattenindustrie. Wie viele Titel bei den verschiedenen Anbietern wöchentlich verkauft werden? "Wir sind noch am Rechnen", heißt es bei Sony. Wie groß der Anteil der Online-Verkäufe bis Ende des Jahres am Gesamtmarkt sein wird? "Das ist kaum vorherzusagen", heißt es bei Universal.

Das Rätselraten hat vor allem einen Grund: Die meisten Online-Händler veröffentlichen ihre oft noch stark schwankenden Verkaufszahlen nur sporadisch oder gar nicht. Die Vertriebsabteilungen der Plattenfirmen müssen sich ihre Marktdaten mühselig errechnen, indem sie ihre eigenen Verkäufe bei jedem Anbieter zählen und dann ihren Marktanteil schätzen - der bei jedem Anbieter je nach Zahl der bereitgestellten Titel schwankt.

Klar ist aber: Apple hat das Online-Musikgeschäft nach den USA auch in Deutschland auf den Kopf gestellt. Den rund 250 000 in einer Woche heruntergeladenen Musiktiteln bei iTunes standen zuletzt rund 80 000 Musiktitel wöchentlich bei allen anderen Anbietern zusammen entgegen, so die internen Hochrechnungen der Musikkonzerne. "Im Vergleich zu den bisherigen Angeboten sind die Verkaufszahlen von iTunes überragend, das weckt eine Menge Hoffnung für die gesamte Branche", sagt Stefan Weikert, der bei Edel Music das digitale Geschäft verantwortet.

Deutlich wird die potenzielle Bedeutung des Online-Geschäfts für die Musikindustrie mit Blick auf die CD-Verkäufe: Denn den vorvergangene Woche zusammengenommen rund 330 000 verkauften Online-Stücken standen nur 312 000 verkaufte CD-Singles gegenüber.

Den größten Anteil daran hat eindeutig iTunes, das offenbar auf dem besten Wege ist, den europäischen Markt ebenso zu dominieren wie den amerikanischen. Dort hält das Apple-Angebot einen Marktanteil von rund 65 Prozent. Davon profitieren auch die Plattenkonzerne: Von den 99 Cent, die Apple für einen Song nimmt, landen 69 Cent bei den Musikunternehmen. Der zum deutschen Medienkonzern Bertelsmann zählende Musikriese BMG etwa verkauft bereits mehr als 300 000 Titel über iTunes USA - in der Woche.

Doch iTunes allein kann die seit sieben Jahren anhaltende Dauerkrise der Musikindustrie nicht beenden. Dazu werden auch die anderen Online-Angebote kräftig zulegen müssen. Und deren Verkäufe sind eher enttäuschend. Gleichzeitig werden immer noch Hunderte Millionen Songs aus illegalen Tauschbörsen heruntergeladen.

Die von iTunes zunächst überrollten Online-Händler können trotzdem hoffen: Ihre eigenen Verkäufe brachen nach dem Start von Apple nicht ein. "Der Kuchen wächst ständig, eine Kannibalisierung unter den neu hinzukommenden Angeboten findet nicht statt", betont Stefan Possert, der bei Universal Music das Geschäft mit digitalen Medien leitet.

Sorgen machen sich die deutschen Musikmanager deswegen weniger über die Vorherrschaft eines Anbieters als über eine drohende musikalische Dominanz der ausländischen Konkurrenz. "Deutsche Künstler haben es bei den von internationalen Unternehmen betriebenen Musikangeboten wie Napster oder iTunes natürlich schwerer, einen prominenten Platz zu finden", sagt Universal-Manager Possert.

Auch beim deutschen iTunes-Angebot macht sich bemerkbar, dass es keine nationale Redaktion gibt. Das hat zum Teil skurrile Folgen - wenn etwa der Titel "Morgen Freeman" der deutschen HipHop-Band Beginner offenbar wahllos durch ein Übersetzungsprogramm geschickt wurde und nun als "Tomorrow you 're a free man" angeboten wird. Die aktuelle deutsche Nummer eins, der O-Zone-Hit "Dragostea Din Tei", ist gar nicht erhältlich, obwohl von der Plattenfirma bereitgestellt.

Vorerst bleiben die meisten Plattenfirmen bei ihren Planungen deswegen vorsichtig, sie setzen die aus dem Online-Geschäft erwarteten Einnahmen möglichst

niedrig an. "Alles, was wir dann mit Downloads verdienen, ist ein Bonus", sagt der auch für Deutschland zuständige BMG-Chef Maarten Steinkamp. In diesem Jahr hat die Plattenfirma so bereits 20-mal mehr mit digitaler Musik verdient als erwartet.

Aber so groß die Online-Wachstumsraten derzeit auch sind: Auf absehbare Zeit verdienen die Musikkonzerne ihr Geld mit CDs. "Die Musikwirtschaft ist derzeit in einer Übergangsphase: Unser altes Geschäftsmodell, der Verkauf von CDs, funktioniert nicht mehr annähernd so wie noch vor wenigen Jahren, die neuen Geschäftsmodelle wie Downloads und Entertainment-Inhalte fürs Handy können die Umsatzeinbußen aber kurzfristig nicht kompensieren", betont Warner-Chef Dopp.

Deswegen wagen sich die Plattenmanager nach langen Jahren des Nichtstuns nun endlich auch beim klassischen CD-Geschäft aus der Deckung: BMG will schon ab August versuchsweise ein neues gestaffeltes Preissystem einführen, Sony plant eine ähnliche Offensive für den Herbst.

"Wir müssen endlich kundenfreundlich werden und den Musikfans eine breite Auswahl bieten", sagt BMG-Chef Steinkamp. "Die Musikbranche hat viel zu lange einfach nur unbeweglich auf ihrem Hintern gesessen." Neue CDs sollen deswegen in drei Preisklassen gleichzeitig angeboten werden: Als Billigvariante für 9,99 Euro, als reguläre CD wie bisher für 12,99 und als Luxusausgabe für 17,99 Euro.

"Die Billigversion wird ähnlich wie eine selbst gebrannte kein Cover haben und nur aus der CD mit den direkt auf die Scheibe gedruckten Titeln bestehen", sagt Steinkamp. "Das ist unsere Antipiraterie-CD." Die in kleineren Stückzahlen aufgelegte teure Luxus-CD soll dagegen mit DVD-Zugaben und anderen Extras ausgestattet sein.

"Wir sind uns über die Erfolgsaussichten keineswegs sicher, vielleicht verlieren wir sogar Geld", betont der BMG-Chef. "Aber wir müssen endlich unsere Angebote an der Nachfrage ausrichten und Neues ausprobieren." Daher wird BMG auch gleich die Preise für ältere CDs senken und Katalogalben für 12,99 Euro statt wie bisher für mindestens 16,99 Euro verkaufen.

Steinkamp will damit bis zu einem Viertel mehr CDs verkaufen als bisher - und letztlich auch der Plattenindustrie wieder zu einem besseren, kundenfreundlichen Image verhelfen. "Es kann doch nicht sein, dass wir auf unsere Produkte Aufkleber mit 'Don't steal music' anbringen", sagt Steinkamp. "Da müsste doch eigentlich stehen: Vielen Dank, dass Sie etwas von uns kaufen." THOMAS SCHULZ



DER SPIEGEL 28/2004
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