Von Feldenkirchen, Markus
Wenn der neue Führer der deutschen Arbeiterbewegung durch die Fußgängerzone von Schweinfurt streift, könnte man ihn auch für den Leiter der örtlichen Plusmarkt-Filiale halten. Oder für den Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer. Er trägt schwarze Slipper, dunkelgraues Hemd, Krawatte, helles Sakko und hält häufig sein Handy ans Ohr. Er wird gegrüßt, er grüßt zurück, er lacht.
Klaus Ernst ist eine Täuschung. Man könnte leicht auf die Idee kommen, er wäre harmlos und lieb, ein Mann zum Knuddeln. Die blauen Augen funkeln sanft, die Wangen zeigen tiefe Grübchen, er lacht selbst dann, wenn er zornig ist. Klaus Ernst ist oft zornig.
Seine Geschichte ist eine Geschichte des Aufbegehrens. Durch sein Leben ziehen sich Begriffe wie Kampf, Widerstand, Streik. Oder die kleine Ausgabe von alledem: 35-Stunden-Woche, Lohnausgleich, Feiertagszuschlag.
Seit einer Woche ist er einer von vier Vorsitzenden der "Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit", jenes Vereins, der im Herbst Linkspartei werden will. Schon jetzt ist der IG-Metall-Bevollmächtigte von Schweinfurt zum Gesicht der Bewegung geworden, vor der die SPD sich fürchtet.
Klaus Ernst kämpft nun gegen die mächtigsten Menschen im Land. Gerhard Schröder und Franz Müntefering kennen ihn gar nicht persönlich. Aber sie sind ziemlich erschrocken. Klaus Ernst mag den Kampf mit den Mächtigen.
Direkt nach seiner Wahl in den Bundesvorstand saß Klaus Ernst im Studio von Sabine Christiansen. Er sagte, man könne doch Manager aus China nach Deutschland holen, weil die im Vergleich zu deutschen Managern nur ein Drittel verdienen und die Betriebe so viel Geld sparen könnten. Sonst sagte er vor allem, was er alles nicht möchte: Hartz IV, Praxisgebühren, die ganze Agenda 2010. Die Zuschauer klatschten und Klaus Ernst lachte. Ihm gegenüber saß Michael Rogowski, der Kapitalistenführer. Und er, Ernst, der neue Arbeiterführer, hatte ihn bloßgestellt. Er, der kleine Schwache, ihn, den Reichen und Mächtigen. Klaus Ernst liebt solche Duelle. Sie machen sein Leben schön.
Vermutlich hat es schon damals angefangen, als Ernst 15 war, sich mit seinen Eltern überwarf, auszog, die Schule abbrach und fortan für sich selbst kämpfte. Schon damals hat er diese "Ich-gegen-die-widrige-Welt-Mentalität" entwickelt. Und auch seine Vorliebe für einfache Weisheiten, die er im Lauf des Lebens sammelte: "Wenn du in den Kühlschrank nix reinstellst, kannst du auch nix rausholen."
Er begann eine Lehre als Elektromechaniker. Bald legte er sich mit der Betriebsleitung an. Er gründete eine autonome Lehrlingsgruppe, er wollte mitbestimmen über die Ausbildung. Die Betriebsleitung versuchte, den Aufrührer loszuwerden. "Die wollten mir an die Existenz, diese Saubacken, nur weil ich mich politisch engagiert habe."
Ernst sagt, er habe damals etwas begriffen: "Es gibt die, die Geld haben, und die, die nix haben. Und die, die was haben, suchen die ganze Zeit, was sie denen, die nix haben, noch nehmen können." Es ist eine seiner gesammelten Weisheiten. Sie machen die Welt des Klaus Ernst einfach und übersichtlich.
Er sitzt bei seinem Lieblingsitaliener in Schweinfurt. Er bestellt Tunfisch-Schwertfisch Carpaccio, als Hauptspeise Nudeln mit Scampi, dazu Weißwein. "Die SPD hat ihre Grundsätze aufgegeben, all das, wofür sie 140 Jahre lang stand", sagt Ernst. "Das ist so, als ob der Papst öffentlich zum Gruppensex aufrufen würde."
Dreißig Jahre war Ernst Sozialdemokrat, bis er damit drohte, eine eigene Par-
tei zu gründen und die SPD ihn rauswarf. Er kann sich furchtbar aufregen über die SPD, den Kanzler und Müntefering "diesen Mitläufer". Seine drei Lieblingswörter sind "Sau", "Scheiße" und "Maul". Jedenfalls sagt er sie weit öfter als der Durchschnittsdeutsche. Vermutlich denkt Ernst, dass Arbeiter oder die, die nix haben, solche Wörter mögen.
Auf dem kleinen Platz vor dem Restaurant sitzen vier Rentner stumm um einen Baum. Ein paar Autos fahren vorbei, ab und zu ein Traktor. Es ist friedlich in Schweinfurt. Die Welt ist weit weg. Wenn Klaus Ernst früher zur Öffentlichkeit sprach, dann war die Öffentlichkeit das "Schweinfurter Tageblatt". Das war seine Welt. Klaus Ernst hat das eigentlich genügt. Und der Rest der Welt hat ihn nicht vermisst. Jetzt glaubt Ernst, dass er gebraucht wird, dort draußen.
Als er das Schreiben über seinen SPD-Ausschluss bekam, war er sehr traurig, sagt er. Das kleine alte Parteibuch hat er nicht zurückgegeben. Es liegt noch irgendwo zu Hause, in einer Kiste oder Schublade. Er möchte es behalten. "Vielleicht will ich es mir später noch mal ansehen, um mich daran zu erinnern, wie schön es damals war in der SPD."
Damals, das war 1972, der Wahlkampf für Willy Brandt, als Klaus Ernst gemeinsam mit einem Kumpel nachts Plakate der CSU überklebte, als er von der Polizei erwischt wurde und ihm drei Tage Jugendknast drohten. "Angenehm war das nicht", sagt er, "aber wir wussten wenigstens, dass es für eine gute Sache war." 1974 trat er dann in die SPD ein. Das mache man so als Gewerkschafter, hatte ihm sein IG-Metall-Vorgesetzter gesagt.
In der Schweinfurter IG-Metall-Zentrale, zwischen "Heimtier Fetzer" und "Anja''s Nagelstudio", steht ein Holzrahmen mit einem Foto von einem Alpenbauernhof. Der Hof ist 300 Jahre alt. Er sieht wunderschön aus. Seit ein paar Jahren gehört der Hof Klaus Ernst.
"Das Gras steht wieder viel zu hoch", sagt Ernst. "Wenn ich nicht tief überzeugt wäre, dass das mit der Wahlalternative sein muss und dass es funktionieren wird, säße ich jetzt schön auf meinem Hof."
Aber er kann da noch nicht sitzen. Er muss den Kanzler erschrecken. Er muss jetzt denen helfen, die nix haben, weil er einer von ihnen ist. Das sagt er, und er glaubt es auch.
Einmal, vor ein paar Jahren, hat der Personalchef einer Firma angerufen und ihm, dem Gewerkschaftsführer, angeboten, in die Privatwirtschaft zu wechseln. "Schauen Sie, guter Mann", hat Ernst da gesagt, "wen sehen Sie lieber, wenn Sie ins Kino gehen: die Schergen des Sheriffs von Sherwood Castle oder Robin Hood?" Es war kurz sehr still in der Leitung, dann beendete Ernst das Gespräch: "Na sehen Sie. Ich wünsche noch einen schönen Tag." MARKUS FELDENKIRCHEN
DER SPIEGEL 29/2004
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