Von Hoppe, Ralf
Der Abend ist skandalträchtig, man tuschelt, stupst sich an, da ist er. Welteke. Der geschasste, der vernichtete, aber ehemals höchste Bundesbanker, er sitzt auf einem blauen Sofa, das Sofa steht auf einer Bühne, eleganter Anzug, die Hände verschränkt, das linke übers rechte Bein geschlagen, es wippt ein bisschen. Ganz locker. Vielleicht auch nur gespielt. Es ist sein erster Auftritt nach dem Sturz, wahrscheinlich wird er heute Abend auspacken, die Presse beschimpfen, Intrigen shakespeareschen Formats enthüllen, der anonyme Brief, der feige Eichel, Blut wird fließen. Mikro-Probe, vier, fünf, sechs, sieben. Zwei Scheinwerfer.
Es ist fünf nach acht in der Bankenstadt Frankfurt am Main, Foyer des Städelmuseums. Etwa 50 Gäste, die Herren mit Einstecktüchern, Damen in Abendgarderobe. Hinter dem Podium ein riesiges Kunstwerk von Anselm Kiefer, Bleiplatten, grau, fleckig und striemig, darstellend, wie man einer Tafel entnehmen kann, die Heereszüge Alexander des Großen. Alexander, auch er ein Gigant, ein Gescheiterter.
Es wird gleich still im Saal, als der Moderator Ulrich Manz aufsteht, am Schnurrbart zupft und sagt: Alle Journalisten mögen zur Kenntnis nehmen, dass dies ein Hintergrundgespräch sei, nichts darf geschrieben werden, nach außen dringen.
Wie bitte?
Unruhe im Publikum, zwei Dutzend Journalisten sind da, sie schauen sich an, scharren. Weltekes linkes Bein wippt etwas schneller.
Ein Journalist, fünfte oder sechste Reihe, meldet sich, man könne wörtliche Zitate abstimmen, der Moderator blickt zu Welteke, der bleibt unbewegt. Ein anderer Journalist: Er sei eingeladen worden, die Veranstaltung quasi öffentlich, die Bedingung nicht akzeptabel.
Ernst Welteke schaut kurz hinüber, irritiert. Der Moderator guckt in die Luft.
Man fängt an. Die erste Frage: Herr Welteke, der Beruf Ihrer Mutter?
Hausfrau.
Ah, interessant, ganz normale Hausfrau?
Ganz normale Hausfrau.
Ah, und der Vater?
Kleiner Bankangestellter.
Ah, wie interessant, und wer hat Sie politisiert?
Der große Bruder.
Und wann bekamen Sie Ihre erste lange Hose?
Weiß nicht.
Der Mann antwortet, als wollte er nie wieder im Leben irgendwas gefragt werden.
Die Deutsche Flugsicherung GmbH, kurz DFS, Sitz in Langen bei Frankfurt, ist erstens zuständig für die Sicherheit im deutschen Luftraum und zweitens wahrscheinlich ein fabelhafter Verein; aber kein Mensch weiß das. Moderator Manz, selbst mal Redakteur beim SPIEGEL, hatte die PR-Idee, gelegentlich einen Salon abzuhalten, mit Häppchen, Prosecco und Journalisten plus illustrem Gast, zuletzt kam Heiner Geißler, da konnte nichts schief gehen, und jetzt ist es Welteke, da könnte. "Der Adlon-Fehler: Eine Geschichte von Moral, Macht und Medien." So steht es im Programm. Dass der Abend dem Bankgeheimnis unterliegt, steht da nicht.
Es ist drei Monate her, da trat Welteke als Bundesbankpräsident zurück, auf den ersten Blick wegen einer von der Dresdner Bank bezahlten Hotelrechnung von 7661 Euro und 20 Cent. In Wahrheit wurde er zurückgetreten, weil er die Dinge zu sehr ausgedehnt hatte - wie lange man bleibt, wenn man umsonst wohnt; wen man mitnimmt, wenn es nichts kostet. Und weil er den Gratisurlaub so begründete: "Wenn ich schon an Silvester nach Berlin fahre, dann dehne ich das doch ein bisschen aus." Weil Beamte und Regierungsmitglieder aber keine Geschenke annehmen und die Regeln nicht ausdehnen dürfen, zerplatzte die Karriere und wahrscheinlich auch Weltekes Bild von sich selbst.
Im Laufe des Abends zieht Welteke aus seinem Pilotenkoffer einen braun gebundenen Folianten. "Zeitungsausschnitte, alles aus dem April", sagt er. Er hält sie hoch, wie ein Beweisstück in einem Indizienprozess, aber ein Beweis wofür?
Eigentlich will er mit Journalisten nicht mehr reden, dennoch sitzt er auf einer Bühne, vor etwa 50 wildfremden Leuten, und es soll vertraulich bleiben. Die "Bild"-Zeitung sei geschmacklos, aber an diesem Morgen steht ebenda ein Interview, in dem er darlegt, warum er mit 8000 Euro nicht zurechtkomme, dass ein "Luxusleben nicht drin" sei.
Der Moderator fragt: Waren Sie Hans Eichels Freund?
Welteke, grummelnd: Na ja, Freund, kein Kommentar.
Als Bundesbankpräsident bezog er etwa 350 000 Euro Jahresgehalt, "Gott sei Dank", zitiert ihn "Bild", "habe ich rechtzeitig etwas zurückgelegt." Falls das Interview nicht ausgedacht ist, hat er Sinn für unglückliche Antworten.
An diesem Abend jedoch, auf dem Sofa im Städel-Foyer, gibt Welteke weder instinktlose noch dumme oder provokative Antworten - er gibt eigentlich gar keine Antworten. Der Moderator müht sich wie ein Vater, dass der Sohn endlich den Ball ins Tor schießt. Er bietet ihm eine Ecke an, er zwinkert, verspricht, den Ball durchzulassen. Aber Welteke läuft an, bremst, schießt nicht. Kein Kommentar. Das sagt er ziemlich oft.
Einst war Welteke ein Sieger, bewundert, aber nicht geliebt. Jetzt ist er ein Verlierer, und er könnte Haltung beweisen, Stil. Aber er raunzt, er muffelt. Die Welt ist niederträchtig, und er ist beleidigt. Als Bundesbankpräsident ein Verlierer, als Verlierer ein Versager. Ein trauriger Abend. RALF HOPPE
DER SPIEGEL 29/2004
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