12.07.2004

MEMOIRENFreudsche Leistungen

Wenn Kenner der Familie Freud den Namen Anna hören, denken sie sofort an die Lieblingstochter des großen Sigmund. Anna Freud setzte das Werk ihres Vaters fort, sie wurde eine bedeutende Psychoanalytikerin und Publizistin. Doch schon ihre Tante, eine von Sigmund Freuds Schwestern, hieß Anna - und auch ihre Geschichte, so zeigt sich nun, ist lesenswert. Anna Freud, die Schwester (1858 bis 1955), erlebte das typische Frauenschicksal ihrer Zeit, durfte immerhin Lehrerin werden und eine Weile berufstätig sein - ihre "glücklichsten Jahre", wie sie später meinte. 1883 heiratete sie den - ebenfalls jüdischen - Kaufmann Eli Bernays, widmete sich fortan dem Haushalt, den vielen Umzügen (der wichtigste war der nach New York im Jahre 1892) und ihren fünf Kindern. Ihre Erinnerungen kamen Anfang der dreißiger Jahre in Kleinstauflage bei einem Wiener Verlag heraus und wurden damals kaum beachtet. Nun hat der Freud-Experte Christfried Tögel sie neu herausgegeben.
Anna Freud schreibt assoziativ, lässt vieles, vor allem Heikles, weg. Dafür springt ein kundiger Anhang ein - etwa mit der Information, dass Anna von ihrem Mann oft betrogen wurde oder dass Bruder Sigmund eher Abstand zu ihr wahrte, obwohl (oder vielleicht gerade weil) er ebenfalls in die Bernays-Sippe eingeheiratet hatte. Anna hingegen war mächtig stolz auf ihren hochbegabten Bruder. Im Rückblick stört sie sich nicht daran, dass er als Einziger von den Geschwistern immer ein eigenes Zimmer hatte und dass ein für sie gemietetes Klavier aus der elterlichen Wohnung entfernt wurde, nur weil Sigmund sich gestört fühlte. Überhaupt waren es nach altem Rollenmuster Männer, durch die Anna Freud-Bernays Lebenssinn fand: Von den Töchtern erzählt sie kaum, die mütterliche Aufmerksamkeit galt wohl eher ihrem einzigen Sohn. Aus diesem gut gehegten Wesen ist denn auch ebenfalls ein wichtiger Mann geworden: Edward Bernays (1891 bis 1995) gilt als Erfinder der Public Relations.
Anna Freud-Bernays: "Eine Wienerin in New York". Hrsg. von Christfried Tögel. Aufbau-Verlag, Berlin; 272 Seiten; 19,90 Euro.

DER SPIEGEL 29/2004
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