DER SPIEGEL



THEATER

Flöten und beten

Von Höbel, Wolfgang

Der große Theatermann Peter Brook rief in einer Duisburger Werkhalle zu einer Toleranz-Andacht - und wurde beweihräuchert, dass sich die Stahlträger bogen.

Wo früher wüst Maschinen stampften und Schlote rauchten, herrscht heute paradiesische Harmonie: Vogelzwitschern ist zwischen den alten, von viel Grün umrankten Industriegemäuern im Emscher Park in Duisburgs Norden das lauteste Geräusch; hübsch mit viel Glas und Metall herausgeputzt, ragen die ehemaligen Stahlwerkhallen in den abendblauen Himmel; und an der milchgläsernen Eingangstür des schönsten Malocher-Palasts von allen steht ein kurz gewachsener Mann mit sehr schwarzem Seitenscheitelhaar und Brille und grinst so selig, als hätte er gerade pfundweise Glückskekse gefuttert.

Es ist Gerard Mortier, der umtriebige belgische Kulturmanager, der hier zur stolzesten Premiere seiner letzten Amtszeit als Chef der Ruhrtriennale die Gäste willkommen heißt; darunter viele wichtige Menschen aus dem Pott, die auch bei Sommerwetter trotzig festliche Kleidung tragen. Michael Vesper, Kulturminister in Nordrhein-Westfalen, zum Beispiel kombiniert sein dick eingegipstes Bein (vom Fußballspielen) mit stahlblaugrauem Edelzwirn und teddybärigem Feiertagslächeln.

Der berühmte britische Theatermacher Peter Brook präsentiert hier in Duisburgs Gebläsehalle die Uraufführung seines Werks mit dem etwas schrägen Titel "Tierno Bokar", das danach in Wien, Paris und der halben Welt gezeigt werden soll.

Weltniveau also. Und an einem solchen Jubeltag muss auch der jüngste Ärger um die Ruhr-Kultur vergessen sein: Multifunktionär Mortier ist nebenan in Recklinghausen gerade pompös als ehrenamtlicher Intendant der dortigen Ruhrfestspiele zurückgetreten, weil man seinen künstlerischen Leiter Frank Castorf hinausgeschmissen hatte - zuvor hatte Castorf mit arrogantem Getue und anstrengender Kunst so viel Publikum vergrault, dass er nur ein Drittel seiner Plätze voll bekam.

Doch weit weg ist an diesem Dienstag voriger Woche das Recklinghausener Gezeter, in Duisburg ist die Bude voll und alles auf Frieden, ja heilige Einkehr gestimmt: Hieß es doch schon vor der Premiere, es sei ein Stück der religiösen Toleranz, das Brook einstudiert habe - die Geschichte des afrikanischen Weisen Tierno Bokar, der von 1875 bis 1940 gelebt hat.

Tatsächlich sieht schon die Bühne aus, als würde hier im Dritte-Welt-Café ein Tanz- und Liederabend zur Förderung der globalen Sanftmut veranstaltet: ein Sandhaufen nebst knorrigem, auf halber Höhe abgeholztem Baumstamm in der Mitte, rechts zwei trötende und flötende Musikanten und ringsherum hellbraune Bastmatten.

In diese edle Meditationsstube schlurfen nun ein paar weiße und schwarze Schauspieler in prächtig schlichten Wallegewändern hinein - und tun so gut wie nichts. Genauer gesagt: Sie blicken sehr bedeutend und erhaben drein und tragen so stoisch wie nur möglich ihre Story vor.

Es war einmal mitten in Afrika, in Mali, wo der Sufi-Gelehrte Tierno Bokar, genannt der Weise von Bandiagara, zur zentralen Figur eines blutigen Glaubensstreits wurde; bei diesem Zank spielten erstens eine Teekanne, zweitens die französischen Kolonialherren und drittens die Frage mit, ob man als braver Muslim ein bestimmtes Gebet elf- oder zwölfmal zu sprechen habe. Aus eher nichtigem Anlass entstand also, wie auch im Christentum üblich, eine religiös motivierte Menschenschlächterei.

Was tut nun der als Prediger der Einfachheit bekannte Brook, um die Aktualität der Geschichte, die der malische Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ in einem Roman festgehalten hat, zu belegen?

Leider gar nichts: Eindreiviertel endlose Stunden lang lässt Brook von seinen unfassbar milden, ja wie unter schweren Schlafmitteln agierenden Schauspielern den Stücktext vortragen, den Marie-Hélène Estienne aus der Vorlage gebastelt hat: "Ein Leben klar wie ein Kristall, rein wie ein Gebet" werde erzählt, heißt es da zu Beginn; und so blumig geht's weiter. Mal ist das Wasser "eine Königin, die alles verschlingt", mal droht ein böser Vetter dem Helden, er werde ihn "rupfen wie ein Opferhuhn".

Als der Weise Tierno Bokar endlich final in den Sand sinkt, wirken die allermeisten Menschen im Duisburger Publikum ermattet und deprimiert - dabei waren sie doch wild entschlossen, die Mythen aus fremden Kulturen in all ihrer kristallenen Klarheit aufs Teuerste zu achten. So aber gibt's nur zaghaften Applaus, und das ganz zu Recht: Lessings "Nathan der Weise" ist ein Reißer der Weltversöhnungsdramatik gegen dieses spannungsfreie Aufsagetheater, und noch der Erfolgskitschier Paulo Coelho ginge durch als cooler Dokumentarliterat gegen Estiennes salbungsvolles Krippenspiel.

Die Kritiker der großen Feuilletons aber gaben sich hernach viel Mühe, das Duisburger Leier-Theater mit Weihrauch zu umnebeln: Eine "Parabel von anrührender Unmittelbarkeit", in der sich der aktuelle Clash der Zivilisationen spiegele, pries die "Frankfurter Allgemeine"; die "Süddeutsche" belobhudelte einen "großen Theaterabend" des "großen alten Zauberdoktors des Theaters".

Peter Brook selbst sah das wohl nüchterner. In einem Interview philosophierte er jüngst über Glanz und Elend des täglichen Neubeginns. "In der Morgendämmerung öffnet sich das Feld der Millionen Möglichkeiten, und es liegt an uns, ob wir sie am Abend genützt oder versäumt haben."

Nach der Versäumnisorgie von Duisburg war vom Regisseur weit und breit nichts zu sehen. WOLFGANG HÖBEL


DER SPIEGEL 29/2004
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