DER SPIEGEL



FILM

Drei Tussis auf Raumpatrouille

Von Höbel, Wolfgang und Wellershoff, Marianne

Mit der gigantisch erfolgreichen Westernkomödie "Der Schuh des Manitu" hat Michael "Bully" Herbig das beim Publikum beliebte deutsche Spaßkino revolutioniert. Nun will er mit der Science-Fiction-Parodie "(T)raumschiff Surprise" den Kinosommer retten.

Der Mann hat eine Mission - und von der lässt er sich auch durch widrigste Umstände nicht abbringen: Mag der deutsche Humor seit vielen, vielen Jahren auf dem Weltmarkt so beliebt sein wie britisches Essen, sein Traum sei es, sagt Michael "Bully" Herbig, "eines Tages den Regie-Oscar zu gewinnen".

Herbig zeigt sein sonnigstes, harmlosestes Gesicht, wenn er solche Sätze ausspricht. Man merkt ihm die Gelassenheit eines Menschen an, der es zu Geld und Ruhm gebracht hat - und sich alle Mühe gibt zu zeigen, dass er trotzdem der liebenswerte, knuffige und blitzgescheite Junge von nebenan geblieben ist.

Die drei Männer, die dem Glückskind Herbig nun zu noch mehr Ruhm und Geld verhelfen sollen, haben für derlei Nettigkeiten keine Zeit. Dringend müssen die tuntigen Herren Käpt'n Kork (Christian Tramitz), Mr. Spuck (gespielt von Herbig selbst) und Bordingenieur Schrotty (Rick Kavanian) ihre Tanznummer für die "Miss-Waikiki-Wahl" proben, denn sie wollen den Wettbewerb unbedingt gewinnen.

Da wird das Raumschiff "Surprise", das am äußersten Ende der Galaxie herumdümpelt und schon seit Jahren abgeschrieben schien, plötzlich von einem Notruf erreicht: Aus dem Fax rattert der Befehl, auf der Stelle zur Erde zurückzukommen. Denn "der Mars macht mobil" - die Bewohner des Roten Planeten, deren Vorfahren einst von der Erde dorthin emigrierten, wollen sich den Blauen Planeten im Jahre 2304 wieder untertan ma-chen. Natürlich haben Mr. Spuck, Käpt'n Kork und Schrotty nicht die geringste Lust, der Anweisung zu folgen - aber, nun ja, Befehl ist Befehl. Und so machen sich die schwuchteligsten Astronauten des Weltalls, sehr maulig, auf den Weg zurück zur Erde.

"Eine Mädchen-WG schlittert in ein Abenteuer hinein", so beschreibt Michael "Bully" Herbig, 36, die Story seines neuen Films "(T)raumschiff Surprise", der nächste Woche im Kino anläuft - in einem Massenstart mit rund 900 Kopien.

Die Erwartungen an die "Raumschiff Enterprise"-Parodie sind hoch: Mit 11,7 Millionen Zuschauern wurde Herbigs Winnetou-Komödie "Der Schuh des Manitu" vor drei Jahren zum erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilm. Um Enttäuschungen vorzubeugen, vielleicht auch der eigenen, gibt sich der Autor, Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent Herbig fürs Erste bescheiden: "Alles, was über eine Million Zuschauer ins Kino zieht, ist in Deutschland ein Erfolg."

Herbigs Western-Brüller war es zu verdanken, dass der Anteil des deutschen Films am Kinoumsatz 2001 auf 18,4 Prozent stieg, einen seit etlichen Jahren nicht mehr

erreichten Wert - und dieser Coup ließ die Branche jubeln, dass nun womöglich ein goldenes Zeitalter der Kinoparodien anbreche: Filmemacher nehmen ihr eigenes Handwerk und dessen große Erfolge auf die Schippe.

Allerdings brachte es der Komikerveteran Otto mit seiner "Titanic"-Veräppelung "Otto - der Katastrofenfilm" nur zu einem mäßigen Erfolg beim Publikum, Gerhard Polt brach mit der "Gladiator"-Verulkung "Germanikus" vor wenigen Monaten an der Kinokasse regelrecht ein. Auch "Derrick - Die Pflicht ruft", die Zeichentrickfilm-Hommage an einen deutschen TV-Krimihelden, hat in diesem Frühjahr mit 90 000 Zuschauern die Erwartungen der Produzenten enttäuscht. Dafür bewies jüngst die Edgar-Wallace-Veralberung "Der Wixxer": Das Parodiegewerbe lebt!

Bereits 1,7 Millionen Kinobesucher sahen sich in den vergangenen Wochen den Krimiklamauk an, in dem der Regisseur Tobi Baumann die längst klassischen deutschen Wallace-Verfilmungen der sechziger Jahre, wie "Der Hexer", verulkt. Deutsche Comedy-Stars wie Anke Engelke, Olli Dittrich, Oliver Kalkofe und Bastian Pastewka spielen im "Wixxer" die Hauptrollen - und beweisen trotz manchmal gnadenlos platter Scherze viel Liebe fürs humoristische Detail. Nicht nur die alten Stars wie Joachim Fuchsberger und Klaus Kinski werden mit großer Hingabe nachgeäfft, sondern ebenso neuere Hollywood-Schauerdramen wie "Das Schweigen der Lämmer".

Auch Herbigs "(T)raumschiff Surprise" ist - wie schon "Der Schuh des Manitu" - ein Akt der inbrünstigen Verehrung: Mit ähnlich charmanter Leidenschaft, wie sie Herbig und seine Co-Autoren einst an die deutschen Karl-May-Verfilmungen und deren Helden Pierre Brice oder Lex Barker verschwendeten, stürzen sie sich nun auf Captain Kirk, Mr. Spock und Scotty, die Heroen der amerikanischen Kultserie "Raumschiff Enterprise". Im Original waren alle sehr ernst und männlich, in Herbigs Version sind sie sehr schwul, sehr zickig und sehr lustig.

Bewährt haben sich die bayrisch sprechenden Spaß-Astronauten bereits in Herbigs Pro-Sieben-Sendung "Die Bullyparade", aus der auch die "Schuh des Manitu"-Zwillingsbrüder Abahachi und Winnetouch sowie ihr Freund Ranger hervorgegangen sind. Die Raumfahrer hatten in der TV-Show während der Zwei-Minuten-Sketche allerhand skurrile Abenteuer zu bewältigen: vom verstopften Raumschiffklo bis zum überraschenden Besuch des Modemachers Rudolph Moshammer, der die neue Frühjahrsuniform übergab.

Selbst überrascht von seinem Kino-Megahit mit dem "Schuh des Manitu", ließ Herbig, der einst seine Komikerkarriere als Moderator beim Münchner Sender Radio Gong begonnen hatte, die Fans per Internet abstimmen, welche seiner Sketchreihen als Nächste ins Kino kommen sollte: eine "Manitu"-Fortsetzung, "Sissi - Wechseljahre einer Kaiserin", das "(T)raumschiff" oder "Ein Film, wo keiner mit rechnet".

So fand der Regisseur ganz einfach heraus, welcher Stoff das größte Erfolgspotenzial hat: "Besser kann es doch gar nicht sein - das Publikum wählt sich seinen Film selbst", sagt Herbig, "im Marketing-Deutsch nennt man das ,Research'."

Doch schon bevor es überhaupt Marktforschung gab auf dem deutschen Kinomarkt, galten Klamauk und Humor bereits als stärkste Trümpfe im heimischen Filmgeschäft. In Deutschlands Kinogeschichte jagt ein Komödienboom den nächsten, seit die Blüte des Heimatfilms in den fünfziger Jahren verwelkt ist. Zunächst tollte Caterina Valente über die Leinwand, und Vico Torriani jodelte am Gardasee, dann rollte Heinz Erhardt im Käfer südwärts - und die Deutschen klopften sich begeistert auf die Schenkel.

Auf "Zur Sache, Schätzchen" und jede Menge Sexklamauk der Sorte "Liebesgrüße aus der Lederhose" folgten Gerhard

Polts "Man spricht deutsh" und Loriots "Pappa ante Portas", "Die Supernasen" und "Otto", die beiden letzten jeweils gleich in mehreren Fortsetzungen. Die von einem Millionenpublikum belachten "Werner"-Filme ließen die Kritiker der besseren Feuilletons ebenso stöhnen wie die deutsche Beziehungskomödie der Neunziger vom "Bewegten Mann" bis zu Detlev Bucks "Männerpension". Die Rezensenten ächzten auch in jüngster Vergangenheit unter dem Boom von Teenie-Klamotten wie "Harte Jungs", "Mädchen Mädchen" und "Feuer, Eis und Dosenbier", der das junge Publikum allerdings in Raserei versetzte.

Nur die Ostalgie-Komödien "Sonnenallee" und "Good Bye, Lenin!" fanden nicht bloß bei einem Millionenpublikum, sondern auch bei der Kritik Anklang: Offenbar war vor dem ernsten Hintergrund der deutsch-deutschen Teilung dann doch ein wenig Spaß erlaubt.

Michael Herbig allerdings bekam, als er den "Schuh des Manitu" 2001 in die Kinos brachte, von vielen Kritikern der großen Feuilletons nicht mal Verrisse. Man ignorierte ihn einfach - und staunte dann über den gigantischen Erfolg.

Das Abenteuer der Besatzung des "(T)raumschiff Surprise", die aus dem Weltall der Zukunft auf Zeitreise ins Mittelalter verschlagen wird, geht nun unter ganz anderen Bedingungen an den Kinostart. Verglichen mit dem eher schmalen Vier-Millionen-Budget von "Der Schuh des Manitu" ist diesmal auch viel Geld im Spiel: Neun Millionen Euro hat die Science-Fiction-Komödie gekostet, vor allem wegen der vielen digitalen Effekte.

Während in der "Bullyparade" beispielsweise noch ein Raumschiffmodell um einen Wasserball flog, ist es nun ein am Computer gebasteltes Gefährt, das erstaunliche Ähnlichkeit mit einem männlichen Geschlechtsteil hat.

Überhaupt ist der Humor des Films, typisch "Bully" Herbig, meist dreist pubertär: Mr. Spuck wirft Käpt'n Kork vor, er habe sich "doch nur hochgebumst", das Raumschiff hat einen "Marderschaden" und fliegt mit "Mopsgeschwindigkeit": Das seien "0,9888 Endlosschleifchen Lichtgeschwindigkeit", erklärt Herbig.

Manche Gags scheinen gar auf politische Brisanz abzuzielen: So stapft zu Beginn des Films eine Gruppe hochrangiger Militärs durchs Bild. Auf ihren Namensschildern steht "Blickfeld", "Reisfeld" und "Baumfeld"- was doch sehr an den US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und die Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice erinnert. Herbig aber beteuert: "Wir hatten damals, als wir das Drehbuch schrieben, nur einen Namen gesucht, mit dessen Endung man spielen kann."

Herbig ist bekennender Cineast - und das sieht man seinem Film auch an: Ein schrottreifes Space-Taxi, bei ihm gesteuert von Til Schweiger, zischt auch durch Luc Bessons "Das fünfte Element"; die Königin Metapha bedient herumfuchtelnd einen Computer - wie Tom Cruise in "Minority Report". Das militärische Sperrgebiet in der Wüste von Nevada, in dem Herbigs Film beginnt, heißt Area 51 - genau wie in "Independence Day" von Roland Emmerich. Und wie in Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum", der Mutter aller Science-Fiction-Filme, schweben immer wieder merkwürdige Gegenstände magisch durch den Raum.

Damit niemand die Zeitreise der Katastrophen-Astronauten vorab verreißen kann, ließ der Verleih Constantin bisher nur den ersten von fünf Akten vorführen. Außerdem habe man auch Angst vor Piraterie, behauptet Herbig, schließlich seien schon vor dem Start vom "Schuh des Manitu" Filmausschnitte im Internet zu sehen gewesen. Damals allerdings hielt das 11,7 Millionen Menschen nicht davon ab, ins Kino zu gehen.

Kürzlich hat sich bei Michael "Bully" Herbig ein amerikanischer Verleih gemeldet, der endlich den "Schuh des Manitu" ins US-Kino bringen will. Synchronisiert ist der Film zwar schon, aber bisher wollte ihn nur ein einziges Festival in den USA zeigen.

Die Amerikaner, erzählt Herbig, wollten die Western-Blödelei mit "fünf bis sechs Kopien in Los Angeles herausbringen, das finde ich schon wieder lustig". Das sei zwar noch nicht "spruchreif", aber falls es dazu kommt, dann "setze ich meine Mannschaft ins Flugzeug und schaue mir mit denen den Film in Amerika an".

Dann ist Herbig dem Oscar, von dem er schon so lange träumt, ein Stück näher gekommen. Zumindest räumlich.

WOLFGANG HÖBEL, MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 29/2004
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