19.07.2004

USADie Ängste des Bin-Laden-Jägers

Unter dem Siegel der Anonymität veröffentlicht ein aktiver US-Geheimdienstler massive Kritik an der amerikanischen Anti-Terror-Politik.
Der Agent sitzt auf einem zu weichen Samtsofa und kämpft gegen die Schwerkraft, die ihn in die Polster zieht. Die Jalousien sind heruntergelassen. Er hat die Wohnung einer Freundin in einem Vorort von Washington als Treffpunkt vorgeschlagen, weil er nachher wieder zur Arbeit muss. Er ist Anfang fünfzig, leicht übergewichtig, trägt Vollbart und Brille. Es ist heiß draußen, aber seine Füße stecken in karierten Wollsocken und hellbraunen, dicksohligen Schuhen. In der Brusttasche seines Hemds steckt - umgedreht - sein Dienstausweis. Man kann ihn Anonymus nennen oder Mike. Es spielt nicht wirklich eine Rolle.
Mike hat die meiste Zeit seines Berufslebens Feinde Amerikas gejagt. Für drei Jahre war er Kopf jener CIA-Einheit, die Osama Bin Laden zur Strecke bringen sollte. So steht es jedenfalls in den Zeitungen. Er selbst kann sich dazu nicht erklären.
Für jemanden, der nicht sagen darf, wo er arbeitet und wie er heißt, ist Mike im Augenblick ziemlich präsent: In den Buchhandlungen liegt seit vergangenem Donnerstag "Imperial Hubris" aus, zu Deutsch: "Imperiale Selbstüberschätzung" - seine Analyse, "warum der Westen den Kampf gegen den Terror verliert". Die "New York Times" hat ausführlich über das Buch berichtet und auch die "Washington Post". Alle großen Fernsehsender haben Mike interviewt. Ganz Amerika kennt jetzt immerhin seinen Hinterkopf und sein Profil.
Es ist keine schlechte Zeit für ein Buch über al-Qaida und die Geheimdienste. Vorletzte Woche erschien ein Report des US-Senats über die Fehlleistungen der CIA bei den Lageeinschätzungen im Irak. Und vergangenen Mittwoch präsentierten die Briten das Ergebnis der Untersuchung ihrer Geheimdienstarbeit. Es fiel nur deshalb etwas moderater aus, weil der Verfasser dieses Reports, Lord Butler, ein sehr höflicher Mensch und loyaler Beamter ist.
"Imperial Hubris" fällt ein vernichtendes Urteil: Nach Meinung des Autors macht nicht nur Unfähigkeit in der Geheimdienstspitze Amerika verwundbar. Daran seien genauso Karrierestreben in den oberen Rängen, Entscheidungsschwäche und der Unwille schuld, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.
Die zentrale These des Buches ist, dass die Führungseliten im Westen noch immer keine klare Vorstellung von der Natur des Feindes besitzen. Tatsächlich hätten die USA nicht nur eine kleine Gruppe fanatischer Terroristen gegen sich, sondern nahezu die gesamte muslimische Welt.
Mike sieht für die Amerikaner auf lange Sicht nur zwei Optionen: Entweder sie ziehen sich aus dem Nahen Osten zurück - oder sie setzen ihre Militärmacht mit jener Entschlossenheit ein, mit der sie im Zweiten Weltkrieg Feuer über Deutschland und Japan regnen ließen. Es klingt sehr radikal und ein wenig so, als ob da mehr als nur eine Rechnung zu begleichen wäre.
Dabei hat der Mann, der sich nun Anonymus nennt, eigentlich sein Leben lang geraden Kurs gehalten. Er hat vier Kinder, ein Haus mit Vorgarten, das beinahe abbezahlt ist, und wenn man den Agenten nach seiner politischen Einstellung fragt, sagt er, dass er noch nie einen Demokraten gewählt habe.
Zum Geheimdienst kam er über eine Stellenanzeige, das war vor 22 Jahren. Er stieg zügig auf, und als 1996 das Qaida-Referat gegründet wurde, fiel die Leitung an ihn. Doch dann gingen in immer kürzer werdenden Abständen Bomben hoch - auf einem US-Stützpunkt in Saudi-Arabien und an den amerikanischen Botschaften in Tansania und Kenia. Mit jedem Anschlag verdoppelten Mike und seine Leute ihre Anstrengungen. Sie arbeiteten Pläne aus für eine Entführung Bin Ladens, für ein Attentat, für Raketenschläge.
Jedes Mal gab es einen Grund, nicht Ernst zu machen. "Einmal hieß es, dass irgendein saudischer Prinz zu nahe sei, ein anderes Mal hätten Splitter eine lokale Moschee treffen können."
Auch wenn "Imperial Hubris" den internen Kampf nur streift, spürt man bei der Lektüre die Frustration und die schwelende Wut eines Mannes, der über die Jahre immer weniger Gehör fand. Irgendwann 1999 sagten ihm seine Vorgesetzten, dass er ausgebrannt sei und eine Pause brauche: "Ich war ihnen zu anstrengend geworden."
Ob er sich am 11. September 2001 bestätigt gefühlt habe? "Nicht bestätigt, eher traurig und wütend, weil ich wusste, dass wir die Gelegenheit gehabt hätten, Osama Bin Laden zu eliminieren."
Er hat jetzt nicht mehr viel zu verlieren. Sie haben ihn zur Seite geschoben, aber er wird ihnen nicht den Gefallen tun zu kündigen. Er darf nur nicht den Fehler machen, gegen die Auflagen zu verstoßen.
Vier Monate lang haben seine Vorgesetzten das Manuskript geprüft. Weil er keine vertraulichen Informationen benutzt hat, konnten sie nicht viel machen. Sie haben ihm nur diese Anonymitätsklausel verpasst.
Natürlich sieht Mike schwarz für die Zukunft: In Afghanistan werden die Taliban an die Macht zurückkehren oder irgendeine andere islamistische Gruppe. Im Irak wird der Kampf gegen die Aufständischen mehr Soldaten erzwingen, was wiederum den Widerstand noch weiter anfachen wird.
Der nächste Anschlag sei unausweichlich. Mike sagt, dass es jetzt nur noch um die Frage geht, ob al-Qaida schon diesmal mit Massenvernichtungswaffen zuschlägt. Und lächelt: Wenn er Recht behält, hat er es mal wieder vorausgesagt.
JAN FLEISCHHAUER
Von Fleischhauer, Jan

DER SPIEGEL 30/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.