19.07.2004

ÖSTERREICHUngeregelter Genuss

Der Sexskandal am Priesterseminar von St. Pölten nagt an der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Österreich.
Auf dem Weg durch den Kreuzgang kamen Exzellenz die Tränen. Erst war es ein Bächlein. Dann, kurz vor der Sakristei, brach es sturzbachartig aus ihm hervor. "Ich weiß alles", stammelte er schluchzend. Als wäre die schreckliche Erkenntnis ganz unerwartet über ihn gekommen wie die elfte biblische Plage.
Dabei ist es gar kein Geheimnis, dass Bischof Kurt Krenn alles über die Hosentürlgeschichten im St. Pöltener Priesterseminar wusste. Schon Ende des letzten Jahres war ihm ja berichtet worden, dass es dort zuging wie in Gomorra vor dem Schwefelregen.
Krenn wusste von den Kinderpornos auf Seminarcomputern. Er kannte auch das Foto, auf dem sein Rechtsberater, Subregens Wolfgang Rothe, mit einem Eleven den Zungenkuss übte, und das Foto, auf dem Seminarleiter Regens Ulrich Küchl einem Schüler herzhaft nach dem dort so genannten Zebedäus greift.
Nur dass die St. Pöltner Sicherheitsdirektion sich nicht traute, im Milieu des 115 Kilogramm schweren "Fleischlaberl Christi" (Volksmund) so entschlossen zu recherchieren, als wäre er ein gewöhnliches weltliches Subjekt gewesen. Denn der Kirchenprinzipal rühmt sich guter Beziehungen zu höchsten Polizeidienststellen sowie zum Papst in Rom höchstselbst. Früher hat er sogar manchmal mit dem Pontifex gefrühstückt.
Deshalb blieben die "Bubendummheiten", wie Krenn sie nannte, tabu. Die Sache kam erst in Schwung, nachdem ein Unbekannter dem Weihbischof Heinrich Fasching einen Briefumschlag voll kompromittierender Schnappschüsse unter der Tür durchgeschoben hatte.
Kein Pfaffenhasser hätte die Story boshafter erfinden können. Die Saufgelage, die Nazi-Parolen, die Kinderpornos aus dem PC, mit dem sich die Seminaristen für kreischende Orgien antörnten. Und ein fettleibiger Oberpfaffe, der Wahrheiten verbiegt und sich selbst zum Wurschtl macht.
Die fraglichen Vorgänge waren alle gut dokumentiert. Bis auf den Fall des schwulen Priesteranwärters Ewald S., der vergangenes Jahr tot in der Donau trieb.
Bei der Hausdurchsuchung im Seminargebäude an der Wiener Straße wurden in acht PC 40 000 Pornobilder und zahllose Hardcore-Videos, zumeist polnischen Ursprungs, gefunden. Die Festplatten waren zum Teil so dicht mit virtuellem Schweinkram voll gestopft, dass die Seminaristen ihre E-Mails nicht mehr versenden konnten.
Zwei Priesterschüler erklärten, sie hätten die Wochenenden öfter in der Propstei Eisgarn bei Regens Küchl verbracht. Einem homosexuellen "Ehepaar" soll Küchl auch das Sakrament der Ehe gespendet haben.
Subregens Rothe - der wie Küchl inzwischen sein Amt niedergelegt hat - erklärte, gewisse Zärtlichkeiten seien als angewandte Nächstenliebe zu deuten. Wenn man zum Beispiel mal die kleine Feier am Heiligen Abend vergangenen Jahres nähme: Sie hätten eine Kerze angezündet, aus dem Evangelium gelesen und süßes Backwerk genascht. Dann hätten sie sich alle umarmt. Was sei denn schon dabei?
Richtig ist: Männersex wird auch in Österreich nicht bestraft. Dass allerdings nun Bischof Krenn die Schwulen in seinem Diözesanapparat so vehement verteidigt, wird allgemein als pikant empfunden. Ausgerechnet Krenn, der sich zu dem Standpunkt bekennt, Homosexualität sei eine schwere, unheilbare Krankheit.
Der Sexskandal in der niederösterreichischen Landeshauptstadt ist für die Wiener Amtskirche auch deshalb so verheerend, weil er das Vorurteil bestätigt, dass viele junge Leute ins Priesteramt drän-
gen, nicht weil sie Jesus lieben, sondern weil sie schwul sind und weil sie Geborgenheit in der homosexuellen Infrastruktur der Kirche suchen.
Die Neigung zu gleichgeschlechtlicher Liebe ist auch in Österreich kein Grund, einem Alumnen, wie die Eleven bei den Katholiken heißen, die priesterliche Ordinierbarkeit zu bestreiten. Doch auch den progressiven Klerikern fehlt es an Bekennermut. Dass sie die Homosexualität, die sie in den eigenen Reihen massenhaft duldet und protegiert, nach außen als Sünde anprangert, das nagt an der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Österreich.
Der "ungeregelte Genuss der geschlechtlichen Lust" ist verboten. Sex ist nach dem Katechismus nur innerhalb einer kirchlich geschlossenen Ehe statthaft. Priester, die nach den Regeln zur Ehelosigkeit verpflichtet sind, müssen aller sexuellen Lust entsagen. Ersatzhandlungen sind nicht erlaubt. Masturbieren, Prostitution, Homosexualität - alles verboten. Aber alles wird stiekum toleriert.
Der Sumpf, so forderte Bischof Egon Kapellari aus Graz, Vizechef der Bischofskonferenz, vergangenen Mittwoch, sei "schleunigst trockenzulegen". Darauf Krenn: Was in seiner Diözese passiere, gehe die Bischofskonferenz einen Dreck an.
Die wiederum hat zur Sache erklärt, für "alles, was mit praktizierter Homosexualität oder Pornografie zu tun hat", sei in einem Priesterseminar kein Platz. Woraus man lernt, dass für die österreichischen Bischöfe Pornografie und Homosexualität gleichwertige Formen ein und derselben sittlichen Verworfenheit sind.
Der Vatikan schweigt - im Einklang mit seiner uralten Neigung, Peinlichkeiten qua silentio zu kompensieren.
Kurt Krenns patscherte Loyalitäten, wie es auf Austriakisch heißt, waren schon vor zehn Jahren Grund für öffentliches Ärgernis. 1993 demonstrierten über 10 000 Katholiken vor dem St. Pöltner Dom, weil sich Krenn für den angeschlagenen Erzbischof Kardinal Hans Hermann Groër in die Bresche geworfen hatte.
Groër war ein "Schneebrunzer". So nennen die Wiener jene älteren Herren, bei denen die Triebe besser funktionieren als der restliche Organismus. Krenn hatte damals die Pädophilie-Vorwürfe gegen seinen Vorgesetzten als "denkunmöglich" zurückgewiesen. Gleichwohl musste Groër sein Amt zur Verfügung stellen, nachdem ein Lustknabe ausgesagt hatte, der hochwürdige Herr habe ihn am ganzen Körper eingeseift und mit rotem Kopf sein Glied gereinigt.
Die Causa Groër wurde dadurch beendet, dass der Vatikan den Verursacher ins Kloster der Nazarethschwestern bei Dresden überstellen ließ, damit er dort seine letzten Tage verbringe. Bei den Sachsen blieb Kardinal Groër nicht lange. Er kehrte heimlich nach Österreich zurück und starb. In St. Pölten. ERICH WIEDEMANN
* Ausriss aus dem Nachrichtenmagazin "Profil": Subregens Rothe (mittleres Bild, l.), Regens Küchl (rechtes Bild, l.).
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 30/2004
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