19.07.2004

RIAS Bagdad

Ortstermin: Aus einem Berliner Dachgeschoss sendet das irakische Jugendradio „Telephone FM“.
Das Widerstandsnest liegt hinter einem Dickicht aus japanischem Zierhopfen, irgendwo in Berlin-Mitte. Brasilianischer Pop-Jazz dringt aus einem Glaskasten-Café, und über die Hoffassade spannt sich ein Satz von Walter Benjamin: "Man kann erklären: ein Werk, das die richtige Tendenz aufweist, braucht keine weitere Qualität aufzuweisen."
Es wirkt wie harmloser Widerstand: 90 Minuten, fünfmal die Woche, auf 104,1 Ultrakurzwelle. Aber doch gefährdet genug, um auf Türschilder zu verzichten. Die Namen und Gesichter der Hauptbeteiligten müssen im Dunkeln bleiben.
Im vierten Stock sitzen drei junge Iraker aus Bagdad und fürchten um ihre Familien zu Hause. Sie sind im Westen, und es gibt Verrückte genug im Irak, für die ist das schon Kollaboration mit dem Feind.
Sie machen, was sie zu Hause noch nicht machen können: unabhängiges Radio. Es ist ihr Widerstand gegen die Eintönigkeit der deutschen Irak-Berichterstattung und Widerstand gegen die Trostlosigkeit daheim.
Es ist der fünfte Sendetag. "Das Durchkommen ist das Härteste", sagt Klaas Glenewinkel. Er ist 33, er hat sich das Projekt ausgedacht und verbringt jetzt einen Großteil seiner Zeit damit, "00964790" in sein Telefon zu tippen, die Vorwahl eines irakischen Mobilnetzes.
"Dawud?", das ist der Name eines ehemaligen Rockmanagers, der für "Telephone FM" durch die Straßen Bagdads läuft und den anderen Irak aufspüren soll. "Dawud? Do you hear me?" Der Medienmacher Glenewinkel ist gleich nach Kriegsende mit einem befreundeten Journalisten nach Bagdad gefahren, die Stadt erinnerte ihn an Berlin nach dem Mauerfall: "Alle waren neugierig. Jeder wollte Geschäfte machen."
Dawud ist jetzt zu verstehen. Er sitzt in einem Internet-Café und versucht, Kontakt zum Sänger der Bagdader Heavy-Metal-Band Acrassicauda herzustellen.
"Es gibt dort 3-D-Programmierer, Galeristen, Videokünstler wie bei uns", sagt Glenewinkel, "es gibt Leute, die ihre Diplomarbeit über John Lennon schreiben - nur erfährt man bei uns nichts darüber."
Dawuds Stimme ist wieder verschwunden. Ein Anschlag? "Nein, wahrscheinlich ist er mit dem Fuß an das Kabel gestoßen", sagt Glenewinkel.
Nach dem Krieg gab es in der Front- und Trümmerstadt Berlin lange den RIAS, "Rundfunk im amerikanischen Sektor". Jetzt sitzen da drei Iraker aus Bagdad und senden in den US-Sektor, zu dem ihre Stadt geworden ist.
Ihre Aufnahmen werden per Internet nach Bagdad geschickt und dort zeitversetzt gesendet. Ihr Studio ist ein mit Styropor getäfelter, schwarzer Kasten. Mikrofone, Computer und Mischpult sind geborgt. Vielleicht wird der Sender irgendwann eine Frequenz bekommen, noch leiht er sich seinen Platz bei "Hot FM", dem Kommerzradio eines amerikanischen Geschäftsmannes.
"Klappt das Stange-Interview?" - Bernd Stange, bis vor kurzem deutscher Trainer der irakischen Fußball-Nationalmannschaft, muss um 15 Uhr angerufen werden. Dann kommen zwei Berliner Bands.
"Schlonak agati?" - "Was geht ab, Leute?" - heißt die Sendung, erst ein Jingle, eine kurze Anmoderation, dann kommt "The Bird", ein lästernder, dabei wie irr lachender Gossip-Korrespondent, der über Alltagsdramen in Bagdad berichtet. Die täglich wechselnden Gerüche der Kanalisation, das Leid inkompetenter Handy-Benutzer, die 55 Grad Celsius.
Rundfunk hat ein gutes Image bei jungen Leuten in Bagdad. Im Irak war das Radio aus London oder Beirut vor dem Krieg das einzig freie Medium. Radio ist billig, allgegenwärtig und nur schwer abzuwehren.
Wie jetzt die Guerilla.
Aber über Politik wird nicht geredet. Es gibt keine Nachrichten. Und bisher sei bei keinem der Höreranrufe aus dem Irak über Geiselnahmen und Selbstmordbomber gesprochen worden: "Sie fragen nach Musikgruppen und wie es sich im Ausland studiert", sagt Haroun Sweis vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, der das Projekt mitbetreut. "Der Krieg ist für sie nur ein Hintergrundrauschen." Vielleicht, weil sie nicht auch noch im Radio vom Krieg hören müssen, der sie umgibt. Vielleicht auch, weil es nicht gut ist, wenn alle Welt weiß, was man über solche Dinge denkt.
Schon vor Monaten, als man im Irak noch an eine Zukunft glaubte, klapperten Glenewinkel und seine Mit-Chefin Anja Wollenberg mögliche Sponsoren ab, bis sie im Auswärtigen Amt auf das Referat 610 stießen: "Dialog mit dem Islam". Dort bekamen sie Unterstützung und 83 000 Euro, um sechs Wochen lang probeweise auf Sendung zu gehen. Sie suchten Moderatoren und fanden drei im Irak, mit Hilfe des Auswärtigen Amts organisierten sie die Einreisepapiere.
Es waren Journalisten, die vorher bei der "Voice of Youth" von Saddams Sohn Udai gearbeitet hatten oder später bei der BBC. Die Verwandte im Krieg verloren, 13 Jahre Embargo überstanden und jetzt zwischen 20 und 30 sind. Drei Menschen, die draußen auf der Straße kein bisschen auffallen würden, aber rund dreieinhalbtausend Kilometer von der Heimat entfernt Angst haben müssen, ihren Namen zu nennen.
Draußen im Hof sitzen andere junge Leute bei Caffè Latte. Vier Stockwerke darüber, bei "Telephone FM", liegt ein Zettel mit Notizen für die Abmoderation. Harmlose Sätze: "Am Ende der Sendung wünschen wir euch einen schönen Abend. Hoffentlich werden wir uns morgen wiederhören."
In Bagdad klingt das anders.
ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 30/2004
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