11.01.1956

PHILOSOPHIE / SCHELLINGCaroline ist unerläßlich

In seinem neuesten Buch hat der Basler Philosophie-Professor Karl Jaspers eine Methode erprobt, die wie ein Schreckschuß für alle jene gegenwärtigen und zukünftigen Denker wirken muß, die hoffen können, in die Philosophiegeschichte einzuziehen. Jaspers hat nämlich - im Sinne der Existenzphilosophie, die nach den Zusammenhängen zwischen Sein und Menschsein (Existenz) fragt - den Wahrheitsgehalt eines Denksystems am privaten Verhalten des Denkers gemessen, vor allem aber an dessen Verhältnis zur Frau*.
Wenn diese Methode Schule macht, werden in Zukunft die Philosophen, die vor ihren Kritikern bestehen wollen, ganz anders als bisher auch darauf achten müssen, sich als Liebhaber, als Ehemänner und möglicherweise sogar als Witwer untadelig zu verhalten. Der in Oldenburg geborene, 72jährige Jaspers postuliert, daß am Denken immer der ganze Mensch beteiligt und daß ein Denker deswegen auch als Mensch und nicht nur als philosophischer Experte für sein Werk verantwortlich ist.
Das Buch von Jaspers stellt einen seit fast hundert Jahren für die Öffentlichkeit nahezu verschollenen Denker - Friedrich Wilhelm Schelling (1775 bis 1854) - quasi vor ein Tribunal, das untersucht, in welchem Maße Schellings Privatleben diesen Forderungen gerecht wird. Dabei rühmt und verwirft Jaspers mit einer Heftigkeit, die in philosophischen Werken äußerst selten zu finden ist. Er bekennt, daß er von Schelling "unvergeßliche Impulse" empfangen habe, und wirft ihm zugleich "Zauberei", "Magie" und Scharlatanerie vor.
"Mit Schelling", schreibt er im Vorwort, "habe ich seit mehr als dreißig Jahren philosophiert. Nach dem ersten Weltkrieg griff ich zu ihm in der Absicht, eine der vielen Narreteien der Philosophiegeschichte kennenzulernen; dann war ich betroffen, ja, hingerissen; dann studierte ich ihn mit dem Staunen darüber, wie sich so große Impulse gleichsam im Wahn verfangen."
Jaspers schreckt auch nicht vor persönlichen Angriffen zurück. Im Gegenteil: seine Attacken auf den "Neurotiker" Schelling, auf den großen Philosophen, der aber in seinen Briefen schändlich flunkert, auf den Mann, der beim Tode seiner ersten Frau sich in die Attitüde eines Entsagenden kleidet und es doch damit nicht ernst meint, sind gerade die konstruktiven Elemente dieses Schellingbuches.
"Man muß", rechtfertigt Jaspers seine rigorose Methode, "dieses moderne, in der Wurzel schon mit dem Keim eines Verderbens angelegte Philosophenleben sehen, wenn man sein Denken verstehen will. Unerläßlich ist das Wissen um Caroline."
Caroline, geborene Michaelis' das Enfant terrible der deutschen Romantik, war in ihrer dritten Ehe Schellings Frau. Jaspers macht geltend, daß unter bestimmten - allerdings seltenen - Umständen nicht einmal die Ehe eines Philosophen aus der Debatte über dessen Lebenswerk ausgeklammert werden kann.
Caroline war vierzig Jahre alt, als sie im Jahre 1803 den damals 28 Jahre alten Jenaer Philosophie-Professor Schelling heiratete, der zu jener Zeit trotz seiner Jugend als einer der größten Männer Deutschlands galt. Sie hatte ein bewegtes Leben hinter sich. Sie wurde 1763 geboren, heiratete mit 21 Jahren den Arzt Böhmer, hatte mit ihm drei Kinder (von denen zwei bald starben) und war nach vierjähriger Ehe Witwe. Es hielt sie nicht in dem Bergstädtchen Clausthal (Harz), in dem sie als Ehefrau gewohnt hatte. Sie zog nach Mainz, erlebte den Einmarsch französischer Revolutionstruppen und gab sich in einer Ballnacht einem französischen Offizier hin.
Als die Preußen im April 1793 Mainz zurückeroberten, wurde Caroline als Kollaborateurin auf der Feste Königstein interniert. Erst ein Vorläufer des heutigen "Persilscheins", den ihr Bruder in Berlin besorgt hatte, befreite sie aus der Internierung. In Lucka (Sachsen) brachte sie ihr uneheliches Kind zur Welt, das jedoch wiederum bald starb.
1796 heiratete Caroline den romantischen Literaten und Shakespeare-Übersetzer August Wilhelm Schlegel. Zwei Jahre später begegnete sie Schelling. Beide gaben bald für den Jenaer Studenten- und Professorenklatsch ein dankbares Objekt ab. Im Januar 1802 schrieb der damals in Jena studierende spätere Maler Anselm Feuerbach an seinen Vater: "Die wirklichen Eherechte (Caroline war noch mit Schlegel verheiratet) besitzt und übt aus Professor Schelling, wie allgemein bekannt ist." 1803 besaß Schelling auch die legalen Rechte an Caroline.
Die Bedeutung Carolines für Schelling und für dessen Philosophie sieht Jaspers darin, daß sie ihn durch ihre bloße Existenz aus der Sphäre des Katheder-Philosophen hob. "Er sah", schreibt Jaspers, "die undurchschaubare Frau, die, in ihrer Souveränität ungreifbar wie eine Undine, in ihrer Nüchternheit gefährlich wie eine Sirene, in ihrer sich selbst nicht durchschauenden Fülle ihres Herzens, geheimnisvoll wie gebunden und verborgen anmutete.
"Durch Caroline ist Schelling wach geworden, was ihn von den großen idealistischen Philosophen seines Zeitalters unterscheidet: weil er durch eine Frau gleichsam eingeweiht wurde, weiß er mehr von Mensch und Welt..."
Mit dieser Darstellung der Schelling-Ehe zielt Jaspers auf einen Punkt, der in seiner eigenen Philosophie eine bedeutende Rolle spielt und der erklärt, warum Jaspers sich so leidenschaftlich mit Schelling auseinandergesetzt hat. Es ist die Annahme, daß jede Philosophie von den Lebensumständen ihres Schöpfers ausgeht. "Nur am Leitfaden unserer menschlichen Erfahrungen und Willensakte wird gedacht, was im Grunde der Dinge geschehe", schreibt Jaspers.
Die Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der eigenen Situation als Teilhaber der Geschichte ist für den Existenzphilosophen Jaspers Voraussetzung des Philosophierens. Die Wahrheit, die dabei zu erfahren ist, sei freilich niemals die ganze Wahrheit Gottes, sondern es bleibe bei "Chiffren", die mehrdeutig, aber gleichwohl nötig seien.
Daß auch Schelling mit dieser Erkenntnis umging, ist nach Jaspers nicht ohne Schellings Begegnung mit der "undurchschaubaren Frau" Caroline zu erklären. Ihre Vitalität, ihre "unverwüstlichen Nerven" vermittelten ihm, dem Neurotiker, eine zum Philosophieren unerläßliche Begegnung mit der Wirklichkeit von "Mensch und Welt".
Schelling stellte "eine jener unvergeßlichen Fragen, die in der Philosophiegeschichte immer, auch wenn sie wie ein Echo auf längst Gedachtes anmuten, doch in ihrer Prägnanz auf einen einzigen Denker zurückgehen". Schelling fragte:
"Warum ist überhaupt etwas, warum ist nicht nichts?"
Zu einer Antwort auf diese Frage, die bis zu Schelling von einer Philosophie, die noch fest im Religiösen wurzelte, nicht durchdacht zu werden brauchte, führt etwa folgender Gedankengang: Alles, was ist (alles "Seiende"), kann nur begründet werden, indem man es ursächlich auf andere Dinge zurückführt. Alles, was ist, ist also immer nur insofern "wirklich", als es von irgend etwas anderem abgeleitet wird, was wiederum auf ein Drittes zurückgeht und so fort. So habe also alles Seiende nur "relative Wirklichkeit".
Die Ursachenkette des "Seienden" muß aber - so folgerte Schelling - irgendwo enden, und zwar bei einem "Sein", das keine Ursache mehr hat, das daher nicht nur relativ, sondern absolut wirklich ist. Das ist Gott. Die Antwort auf die Frage "Warum ist nicht nichts?" lautet also: Es ist nicht nichts, weil Gott ist.
Weil aber Gott durch eine weitere Ursache nicht zu erklären ist, der Mensch jedoch ohne die Annahme von Ursachen nicht denken kann, ist Gott für den Menschen unerklärlich. Bis dahin ist Jaspers mit Schelling einverstanden. Bei der Beantwortung der notwendig folgenden Frage aber - nach den Plänen Gottes nämlich - ist seiner Ansicht nach Schelling in die Irre gegangen. Hier wird Caroline der Prüfstein, der für Jaspers das Versagen Schellings sichtbar macht.
Als Caroline im Jahre 1809 - 46 Jahre alt - nach sechsjähriger, ungetrübt glücklicher Ehe mit Schelling starb, erwies sich, daß Schelling keiner großen Erschütterung fähig war. Jaspers: "Der laut ausgesprochene Entschluß der Weltentsagung nach Carolines Tod war wohl von dem Ernste einer Ergriffenheit, hatte aber nicht den Charakter der still das Dasein tragenden Unbedingtheit."
Wirklich war von der "Unbedingtheit" eines solchen Entschlusses bald nichts mehr zu spüren: Drei Jahre nach Carolines Tod heiratete Schelling ein zweites Mal. Er wurde jene Karikatur eines prophetischen Philosophen, als die ihn manche seiner später berühmt gewordenen Schüler - unter ihnen der schwäbische Dichter Rückert, der schweizerische Kulturhistoriker Burckhardt, der dänische Philosoph Kierkegaard und der Sozialist Friedrich Engels - geschildert haben.
Der spätere Mitbegründer des Kommunismus, Friedrich Engels - im Jahre 1842 neben dem Dänen Sören Kierkegaard auf der Bank des Hörsaales Nummer 6 in der Berliner Universität sitzend - schilderte ihn so:
"Ein Mann von mittlerer Statur, mit weißem Haar und hellblauem, heiterem Auge, dessen Ausdruck eher ins Muntere als ins Imponierende spielt, und vereint mit einigem Embonpoint, der mehr auf den gemütlichen Hausvater als auf den genialen Denker schließen läßt, ein hartes, aber kräftiges Organ, schwäbisch-bayrischer Dialekt mit beständigem Eppes' für Etwas, das ist Schellings äußere Erscheinung,"
Noch vernichtender urteilte Kierkegaard in seinen Briefen* über den Philosophen: "Schelling salbadert ganz unerträglich ... Seine ganze Potenzlehre bekundet die höchste Impotenz... Ich glaube, ich hätte ganz und gar dumm werden können, falls ich fortgefahren hätte, Schelling zu hören.'
Jaspers folgert: So wie Schelling im Leben wirkliche Erschütterung durch theatralische Gebärden ersetzte, so überspielte er auch als Denker die Wirklichkeit seines Daseins und seiner geschichtlichen Situation mit der Scharlatanerie einer angeblichen Einsicht in die Absichten Gottes. Trotz der ausdrücklich bezeugten Erkenntnis, Gottes Pläne mit der Welt seien in
ihrer Gänze für den Menschen nicht einsehbar, habe Schelling immer wieder den vermessenen Versuch unternommen, Gottes Absichten zu beschreiben.
Jaspers kritisiert ausdrücklich nicht, daß Schelling versucht, Aussagen über Gott zu machen. Er sieht in diesem Versuch vielmehr das entscheidende Ziel der Philosophie überhaupt und bezeichnet es als Merkmal der Größe Schellings, daß er den Versuch der Gotteserkenntnis unternimmt. Vermessenheit sieht er jedoch darin, daß Schelling so unbescheiden ist, seine Vorstellung von Gott für die ganze Wahrheit Gottes zu halten.
"Schelling", schreibt Jaspers, "ist nicht wie Kierkegaard oder Nietzsche mit seinem Leben wirklich in das Äußerste gegangen und daher auch nicht in seinem Denken." Zwar forderte Schelling: "Wer nicht kühn bei Gelegenheit sein Leben aufs Spiel setzen und mit ihm wie mit einem Kreisel umzugehen wagt, der ist ohne Frage ein solcher, der von Natur unfähig ist, es zu genießen, oder es nicht in seiner vollen Kraft besitzt."
"Das aber", kommentiert Jaspers, "ist gewiß etwas, was er selber nicht tat und nicht konnte, was ihm aber vielleicht angesichts Carolines als eine abenteuerlich ausgedrückte Wahrheit vor Augen stand, an der er teilzuhaben meinte, wenn er sie aussprach."
Darum führe Schellings Gottesdenken nicht in die "Verzweiflung", die nach Jaspers der Ausgangspunkt aller wirklichen Philosophie ist. Sondern Schellings Philosophie bette den Menschen in einen angeblich göttlichen Weltplan ein, der schließlich alles rechtfertige und den Menschen verführe, alles geschehen zu lassen.
So bleibt das Schelling-Buch von Jaspers eine Auseinandersetzung mit dem Philosophen, aber im gleichen Atemzug auch eine Auseinandersetzung mit dem Menschen Schelling. Für das Urteil über den Wert einer Philosophie werden ausdrücklich auch biographische Ermittlungen benutzt. Der Denker hat gleichsam persönlich für sein Denken zu haften.
Daß es aber dem Philosophen Jaspers bei seinem Ausflug in die romantische Philosophie Schellings womöglich nicht nur um eine historische Revision ging, deutete der Kritiker Christian Ernst Lewalter* mit seiner Frage an:
"Hat nicht dieses Gespräch (zwischen Jaspers und Schelling) einen schweigenden dritten Partner?" Lewalter entdeckte nämlich in dem Bild, das Jaspers von Schelling entwirft, eine "physiognomische Verwandschaft" mit der Figur des namhaftesten lebenden deutschen Existenz-Philosophen, nämlich mit Martin Heidegger.
Lewalter äußert den Verdacht, daß manche Sätze, die Jaspers über Schelling schrieb, auf Heidegger gemünzt sein könnten - so zum Beispiel dieser: "Er (Schelling) nimmt die Gebärde an, ein ganz einziges Wissen zu besitzen, das gerade ihm zuteil geworden ist. Etwas Weltwerdendes steht bevor. In kurzem wird es erscheinen. Er erweckt die Erwartung von etwas Außerordentlichem. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf sich ebensosehr durch das Wort wie durch das Schweigen. In diesen Gebärden, ohne Plan, bei instinktiver Sicherheit des Verhaltens im Bodenlosen, gibt er sich selber eine zentrale, eine fast übermenschliche Bedeutung, Gefolgschaft fordernd, die einzige wahre Autorität von dieser Zeit in Anspruch nehmend. .."
Wirklich ist in diesem Sinn eine gewisse "physiognomische" Verwandtschaft zwischen Heidegger und Schelling unverkennbar.
* Karl Jaspers: "Schelling - Größe und Verhängnis"; R. Piper Verlag, München; 348 Seiten; 22 Mark.
* Sören Kierkegaard: "Briefe"; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 278 Seiten; 15,80 Mark.
* In der Wochenzeitung "Die Zeit", 1. 12. 1955.

DER SPIEGEL 2/1956
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