11.01.1956

GARTENBAU / ZÜCHTUNGDie Wunder-Erdbeere

Mitte August dieses Jahres wird Adolf Horstmann, der 54jährige Chef der Großgärtnerei Horstmann & Co. aus Elmshorn (Holstein), Zehntausende merkwürdiger Pflanzen mit "Topfballen in selbstatmenden Original-Plastikbeuteln" versenden. Die Beutel tragen in Fettschrift den Aufdruck: "Nur echt in dieser Packung" und den Hinweis, daß "jegliche Weitervermehrung strafrechtlich verfolgt wird", denn die Beutel enthalten etwas, was der Großgärtner Horstmann schlicht mit einem knappen Schlagwort bezeichnet: die deutsche "Wunder-Erdbeere".
Diese Pflanze ist seit Beginn des neuen Jahres Gegenstand spaltenlanger Auslassungen in Vereinsblättern der Kleingärtner und ergiebiger Diskussionsstoff in den Schrebergärtnervereinigungen. Adolf Horstmann hat in Millionenauflage Kunstdruck-Prospekte verschickt, die staunenden Gartenfreunden die "größte Sensation im Beerenobstbau" verheißen. Die Schlagzeile des Prospektes verkündet: "Ein Traum ging in Erfüllung."
Die Hamburger "Welt" seufzte in ihren Spalten poetisch: "Auch in der stillen bescheidenen Welt der Pflanzen gibt es noch Sensationen, Neuschöpfungen der Natur, die dem Begriff Wunder' oft am nächsten kommen, weil sie empfindsam ausgewogen sein müssen zwischen dem Wollen' des menschlichen Verstandes und dem Können' der natürlichen Schöpfungskraft."
Was der Prospekt des Großgärtners Horstmann, der sich wegen seiner großen Versand-Abteilung mit 360 Angestellten gern als den Neckermann unter den Gärtnern bezeichnet, den Gartenfreunden verspricht, ist tatsächlich fast ein kleines Wunder, nämlich: "Die erste immertragende Spaliererdbeere, die es auf der Welt gibt." Am Stock, am Drahtgitter, am Maschendraht, in Schalen oder Kübeln, in Balkonkästen oder auf der Terrasse, auf dem Dachgarten, am Gartenzaun, an Hauswänden und selbst in der Wohnung im Blumentopf könne man die neue Erdbeere kultivieren. "Man kann sie bis über zwei Meter hoch an jedem Drahtgitter oder an Stäben ranken lassen." Niemand brauche sich künftig noch zu bücken, um Erdbeeren zu ernten.
Immer und immer wieder, sagt Horstmann, entfalte seine Erdbeerpflanze neue Blüten, die eine durchgehende Erdbeerernte von Mai bis zum ersten Frost im November mit "wunderbaren, glänzend roten und vollaromatischen Früchten" garantieren. Wie dieses Wunder vollbracht wurde, darüber allerdings äußert sich Horstmann, der für die nach seiner Tochter Sonja benannte Wunder-Erdbeere Patent- und Warenzeichenschutz angemeldet hat, selbst seinen besten Freunden gegenüber nicht. Er hütet das züchterische Geheimnis der Wunder-Erdbeere "Sonja Horstmann" wie weiland die Alchimisten ihre Rezepturen. Nicht einmal die Anschrift des Züchters Reinhold Hummel, den er acht Jahre lang in strenger Klausur an diesem Erdbeerwunder arbeiten ließ, gibt er preis.
Auch Reinhold Hummel betrachtet die Geheimhaltung als züchterischen Imperativ: "Kein Züchter wird sein Geheimnis lüften. So ist heute auch noch die Ahnin von Tausenden herrlicher Rosen unbekannt." Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts gelang es nämlich einem Züchter, unter Hunderttausenden von Rosen eine einzige herauszufinden, die solche Erbanlage hatte, daß später aus ihr eine selten schöne weiße Rose gezüchtet werden konnte. Noch heute ist die die unter dem Namen "Frau Karl Druschki"
bekannte Blume für die Züchter ein Rätsel. Niemand weiß, wie sie gezüchtet wurde.
Reinhold Hummel hat aus einer seit 1940 bekannten, zweimal im Jahr tragenden Erdbeersorte und anderen Erdbeersorten - unter denen sich, wie er sagt, auch einige mit amerikanischem "Blut" befinden - die rankende "Sonja Horstmann" durch unermüdliche Kreuzungen herangezüchtet*.
In den ersten vier Jahren gewann er aus Hunderten, nach eigenem Rezept gekreuzten Pflanzen eine Unmenge von Samen. Er pflanzte und kreuzte, bis er eines Tages seinen Freunden melden konnte: "Es ist geschafft, von nun an wird es Erdbeeren von der Stange geben."
Aber Hummel wollte die Nachricht von der Konfektions-Erdbeere vorerst zurückhalten. "Es ist ja nicht wie bei Maschinen", sagt er, "die man immer gleich wieder aufbauen kann, wenn das zunächst entwickelte Modell nicht voll den Erwartungen entspricht. Pflanzen müssen immer wieder erst blühen und Früchte tragen."
Als Reinhold Hummel zum erstenmal eine Portion seiner Erdbeeren mit Schlagsahne verzehrte, registrierten seine Geschmacksnerven noch einige Nuancen, die seiner idealen Vorstellung von der Vollkommenheit seiner Züchtung nicht ganz entsprachen. Er experimentierte jahrelang geduldig weiter, bis er endlich mit dem Resultat zufrieden war: "Es ist eine dicke, saftige, vollaromatische Gartenfrucht geworden, von einer gesunden Robustheit, wie sie sich der Gärtner wünscht."
Erst Ende November sterben die Ranken der "Sonja Horstmann" ab und müssen dann entfernt werden. Die Mutterpflanze ist "winterhart". Und wenn die Erdbeer -Konsumenten auf der Straße noch Wintermäntel und Handschuhe tragen, treibt Hummels Spaliererdbeere schon wieder Ranken für die neue halbjährige Dauerernte.
Gärtner und Kleingartenfreunde sollen sich dieses "Wunder" allerdings etwas kosten lassen. Großgärtner Adolf Horstmann ("Ich habe schon über 300 000 Bestellungen auf die neue Erdbeere vorliegen") gibt die neue Erdbeerpflanze nur zum Einzelpreis von 5,75 Mark ab.
Die Super-Pflaume "Unika"
Im Hamburger Staatsinstitut für Allgemeine Botanik weiß man, daß Horstmann ein Faible für sensationelle Neuerungen im Reiche der Flora hat. Nicht immer hatte er mit seinen Experimenten Glück. Im Botanischen Staatsinstitut erinnern sich die Wissenschaftler an Horstmanns Superpflaume "Unika", die zwar hervorragend schmeckte, aber dennoch einen entscheidenden Fehler hatte: Sie ließ sich nicht vom Stein lösen.
Adolf Horstmann ist nun schon voller Eifer dabei, eine neue Sensation für die Gartenfreunde vorzubereiten: die Züchtung von Stangenbohnen, deren Schoten so groß sind, daß er diese Zukunftsbohne - falls die Züchtung glückt - später unter dem Slogan: "Eine Bohne - eine Mahlzeit" populär machen kann.
* Kreuzung: Übertragung der Pollen einer Pflanze auf die Narbe der Blüte einer Pflanze mit anderen Erbanlagen.

DER SPIEGEL 2/1956
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