Ich bin so lange in der Politik tätig", versicherte der ehemalige Prokurist und heutige Oberbürgermeister von Bonn, Peter Maria Busen, aufgeregt in der Stadtratssitzung am Donnerstag vergangener Woche, "daß ich einen Unterschied zwischen privater und offizieller Veranstaltung machen kann."
Eben das aber bezweifeln nach dem, was sich am Dreikönigstag in Bonns "guter Stube" - dem Sternsaal des Rathauses - abspielte, nicht nur die Sozialdemokraten und Freien Demokraten, die in dieser Stadtratssitzung Peter Maria Busens jüngstes Meisterstück mißbilligten, sondern auch der verärgerte Bundeskanzler und Bundespräsident Theodor Heuss, die unfreiwillig in eine kleinstädtische Komödie verwickelt worden waren.
Dem christlich-demokratischen Notar Wilhelm Daniels, dessen Fraktion im Bonner Stadtrat die absolute Mehrheit hat, blieb es vorbehalten zu erklären: "Ich glaube, durch die Sache selbst ist das Ansehen der Stadt Bonn nicht geschädigt worden."
Die Sache selbst, die Bonn derart erregte, wie es normalerweise nur der rheinische Karneval vermag, war der Geburtstagsempfang, den die Stadt am 6. Januar ihrem Ehrenbürger und Bundestagsabgeordneten* Konrad Adenauer gab.
Dieser Tag war nämlich zugleich der Verlobungstag der Bonner Oberbürgermeisterstochter Trude mit dem Dr. med. Bruno Menne aus Deuten in Westfalen. Und so kam es, daß Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss sich in dieser offiziellen Veranstaltung zu ihrem Erstaunen nicht nur von den Honoratioren der provisorischen Bundeshauptstadt umgeben sahen, sondern von der Oberbürgermeistersgattin Kläre auch mit den Worten überrascht wurden: "Darf ich Ihnen das Brautpaar vorstellen?" Fügung des Schicksals
Um ein übriges zu tun, hatte Oberbürgermeister Peter Maria Busen in schönem Familiensinn auch gleich noch die zukünftigen Schwiegereltern seiner Tochter mit eingeladen. Die betroffenen Familien kosteten dieses für den Familienvater Busen zunächst so glückhaft scheinende, sich erst später für den Politiker Busen als schmerzhaft peinlich erweisende Zusammentreffen an jenem Tag in vollen Zügen aus: Keine Minute ihren dicken Strauß Rosen aus den Armen lassend, stellte sich Oberbürgermeisterstochter Trude samt Verlobtem Bruno immer wieder den Blitzlichtern der Photographen. Die Photoleute wurden von der Oberbürgermeistersgattin Kläre angehalten, das junge Paar doch möglichst zusammen mit dem Bundespräsidenten und dem Kanzler im Bilde festzuhalten.
War schon das Erscheinen der Sippen Busen und Menne auf dem Empfang erstaunlich, so sollte die kleinstädtische Romanze doch noch einen weiteren Höhepunkt finden. Nachdem der größte Teil der offiziellen Gäste gegangen und die Veranstaltung im Sternsaal beendet war, nahm ein kleiner erlauchter Kreis im benachbarten Gobelinsaal zu einem Frühstück mit Konrad Adenauer und Theodor Heuss Platz. Zu den auserlesenen Bonnern gehörten der Prälat Stumpe, Landgerichtspräsident Dr. Schorn, Berghauptmann Dr. Funder und die Fraktionsvorsitzenden der Stadtratsparteien, ohne SPD.
Während diese Frühstücksteilnehmer ihre Gattinnen, die an dem vorangegangenen Empfang nicht teilgenommen hatten, diskret durch eine Hintertür in den Gobelinsaal schleusten, nahmen am unteren Ende der Tafel schon wie selbstverständlich Tochter Trude, Schwiegersohn Bruno und Schwiegereltern Menne Platz. Die Teilnahme der Jungverlobten hatte Busen zuvor in einer Ältestenratssitzung des Stadtrats abgesprochen; das Ehepaar Menne hatte er jedoch auf eigene Faust eingeladen. Es gab Königin-Suppe, Seezungenfilets, Rehkeule, Eisbombe und Kaffee.
Heute versichert der Kommunalpolitiker Busen: "Eine Vermischung von Verlobungsfeier und Empfang der Stadt ist mir nicht bewußt geworden." Der zeitliche Zusammenfall von Stadt- und Familienfeier ist, wenn man Peter Maria Busen glauben darf, eine zufällige Fügung des Schicksals: "Der Verlobungstag für meine Tochter war bereits im Oktober festgelegt worden. Geändert wurde lediglich der Tag des Empfanges für den Bundeskanzler. Der war ursprünglich auf den 9. Januar festgesetzt."
In Verhandlungen mit Staatssekretär Globke, so erklärte Busen vor dem Stadtrat, sei die offizielle Veranstaltung dann mit Rücksicht auf die Gesundheit des Bundeskanzlers vom Abend des 9. Januar auf den Mittag des 6. Januar vorverlegt worden. Da "die Kinder" sich aber am Dreikönigstag vor zwei Jahren kennengelernt hatten, mochte der Oberbürgermeister ihren Verlobungstermin auch nicht mehr verschieben.
Verschönt durch die erhebenden Eindrücke und Erlebnisse mit dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler fand die Verlobungsfeier am Abend des 6. Januar ihren familiären Abschluß bei einem kalten Büfett, das ebenfalls im Rathaus angerichtet worden war. "Sie werden mir nicht zumuten, zu versichern", warf sich Oberbürgermeister Peter Maria Busen am letzten Donnerstag vor seinen Stadträten und überfüllten Zuschauertribünen in die Brust, "daß das auf meine Kosten geschehen ist."
* Konrad Adenauer wurde als Abgeordneter des (nordrhein-westfälischen) Wahlkreises 69 (Bonn-Stadt und -Land) in das Parlament gewählt.
DER SPIEGEL 4/1956
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