01.02.1956

SCHREIBMASCHINERevolution der Tasten

Ebenso gespannt wie optimistisch erwartet August Dvorak, Direktor eines Forschungsinstituts an der Universität Washington, die Resultate eines Experiments, das in diesen Tagen in der amerikanischen Bundeshauptstadt unter staatlicher Aufsicht beginnen soll. Der Ausgang des Versuchs wird nämlich über die Richtigkeit seiner These entscheiden: Durch eine simple Veränderung der üblichen Schreibmaschinen-Tastatur, behauptet Dvorak, könnten die Durchschnittsleistungen der Millionen Stenotypistinnen in den USA um 35 Prozent gesteigert werden.
Obwohl Dvorak seine Tastatur-Neuordnung schon seit 1934 propagiert, fand sich bis vor kurzem keine Firma oder Behörde bereit, die Statistiken und Leistungskurven des Universitätsmannes durch praktische Versuche zu überprüfen. Von einer Revolution auf dem Tastenfeld erwarteten die sonst gar nicht so konservativen amerikanischen Büro-Praktiker nur Verwirrung und erhöhte Kosten.
Aber gerade der Hinweis auf die Kosten war es, mit dem Dvorak schließlich die General Services Administration (GSA) - die oberste Dienststelle für alle Büroangelegenheiten der bundesstaatlichen Verwaltung - für sein Projekt gewinnen konnte. Er rechnete dem GSA -Chef Edmund F. Mansure vor, daß in den Ministerien und Behörden rund 800 000 Schreibmaschinen benutzt werden. Der Durchschnittspreis jeder neuen Maschine betrage etwa 125 Dollar, der Einbau einer neuen Tastatur nach dem Dvorakschen System aber nur 15 Dollar. Wenn die These von der 35prozentigen Leistungssteigerung stimmt, dann könnte die GSA Hunderttausende alter Maschinen abstoßen und eine erkleckliche Zahl von Schreibkräften entlassen.
Dieses Argument leuchtete dem Behördenboss Mansure ein. Sparmaßnahmen machen - besonders in einer Zeit, in der Präsidentschaftswahlen dicht bevorstehen - einen guten Eindruck. Und so werden nun zwölf ausgewählte weibliche und männliche Schreibkräfte täglich vier Stunden lang auf die neue Tastatur des August Dvorak umgeschult. Wenn sie auf den Versuchsmaschinen das gleiche Anschlagtempo erreicht haben, das sie auf ihren alten Maschinen schafften, sollen sie sich mit einem ebenfalls zwölfköpfigen Team "orthodoxer" Schreiber von gleichem Leistungsstandard messen.
August Dvorak sieht dem Ausgang des Wettkampfes, der bis April dauern soll, zuversichtlich entgegen. Schließlich ist seine Tastenanordnung das Ergebnis komplizierter Bewegungsstudien der Schreibfinger. Die heute übliche Tastatur ist dagegen zu einer Zeit entstanden, in der wissenschaftliche Rationalisierungs-Methoden nahezu unbekannt waren. Seit rund 80 Jahren wird sie in fast allen Ländern mit lateinischer Schrift nahezu unverändert benutzt, obwohl sie auf jene erste serienmäßig hergestellte Schreibmaschine des amerikanischen Buchdruckers Charles Latham Sholes zurückgeht, der sich seine Erfindung 1868 patentieren ließ.
Die Bewältigung der vielen technischen Probleme beim Bau seiner Wundermaschine, die später von der Firma E. Remington & Sons in Serie hergestellt wurde, hatte den biederen Buchdrucker in einen solchen Siegesrausch versetzt, daß er nicht mehr viel Mühe darauf verwandte, die Tasten nach irgendwelchen Gesichtspunkten zu rdnen.
Ursprünglich hatte er die Tasten einfach in der Reihenfolge des Alphabets gruppiert (worauf noch heute die Gruppe
"- -"g" - "h" - "j" - "k" - "l" in der zweiten Tastenreihe von unten hinweist). Erst nachdem ihm die Fabrikanten gut zugeredet hatten, bequemte sich Sholes, die Häufigkeit bestimmter Buchstaben und Satzzeichen in der englischen Sprache zu berücksichtigen.
Damals brachten auch andere Erfinder neue Schreibmaschinentypen heraus. Um den Wirrwarr der verschiedenen Muster zu beenden, erhob 1888 ein "Kongreß der amerikanischen Maschinenschreiber" in Toronto die Tastatur des Buchdruckers Sholes zum "Standard-Tastenfeld". Es wurde bald darauf in allen zivilisierten Ländern mit lateinischer Schrift eingeführt, obwohl die Tastenanordnung in anderen Ländern - entsprechend der Häufigkeit der einzelnen Buchstaben in der jeweiligen Landessprache - eigentlich ganz anders hätte aussehen müssen. Die einzige Korrektur, die man in Deutschland an der Tastatur des amerikanischen Buchdruckers vornahm, war der Austausch der Buchstaben "z" und "y" und die Hinzufügung der Umlaute "ä", "ö" und "ü".
Als Dvorak die Wirksamkeit der noch aus den Gründerjahren des Maschinenzeitalters stammenden Standard-Tastatur analysierte, stellte er unter anderem fest, daß in einem englischen Text bei dem üblichen Zehn-Finger-System die linke Hand 57 Prozent der Arbeit leisten muß, die rechte dagegen nur 43 Prozent. Das war ein krasses Mißverhältnis im Hinblick auf die Tatsache, daß die meisten: Menschen Rechtshänder sind. Dvorak stießt sich auch daran, daß der Buchdrucker Sholes bei der Anordnung der Tasten nicht die unterschiedliche Kraft der einzelnen Finger berücksichtigt hatte. So muß beispielsweise das in jedem Text häufig vorkommende "a" vom kleinen Finger angeschlagen werden.
Aus diesen und manchen anderen Überlegungen entwickelte Tastatur-Revolutionär Dvorak sein eigenes System. Die auffallendsten Kennzeichen seiner Anordnung sind die Aufeinanderfolge der Vokale "a" "o", "e", "u" und "i" in der zweiten Reihe von unten und die Bereitstellung der in Jahreszahlen ständig auftauchenden Zahlen 1 und 9 für die am meisten aktiven Zeigefinger. Durch weitere Umstellungen hat Dvorak das Arbeitsverhältnis zwischen rechter und linker Hand so weit korrigiert, daß die rechte Hand jetzt mehr Arbeit (56 Prozent) übernimmt als die linke (44 Prozent).
Während die amerikanische Öffentlichkeit durch Zeitungsberichte immer wieder auf das Washingtoner Experiment hingewiesen wird, ist ein ähnlicher Versuch in Deutschland bisher von der Öffentlichkeit kaum beachtet worden.
Auf Anregung des Initiators der Berliner Rationalisierungsschau hat das "Alpina"-Büromaschinen-Werk in Kaufbeuren (Allgäu) ebenfalls eine Maschine mit verändertem Tastenfeld entwickelt, in dessen Buchstaben- und Zeichen-Anordnung die Häufigkeitserscheinungen nicht der englischen, sondern der deutschen Sprache berücksichtigt sind.
Die erste Reaktion auf diese kühne Neuerung war wenig ermutigend. Obwohl das "Alpina"-Modell zunächst nur Ausstellungszwecken dienen und zur Diskussion anregen soll, fühlte sich der "Arbeitsausschuß Schreibmaschinen im Fachnormenausschuß Maschinenbau" bereits zu der brüsken Verlautbarung bemüßigt, "daß an dem genormten Tastenfeld ... unverrückbar festgehalten wird".
Mit deutscher Gründlichkeit hat die Redaktion des Fachblatts "Burghagens Zeitschrift für Bürobedarf" die Tastatur der "Alpina"-Ausstellungsmaschine mit dem handelsüblichen Standard-Tastenfeld verglichen. Die bis auf zwei Stellen hinter dem Komma genau erarbeiteten Vergleichsziffern ergeben, daß auf der neu entwikkelten Tastatur 43,24 Prozent aller Anschläge aus der normalen Grundstellung der Hände (auf der zweiten Tastenreihe von unten) ausgeführt werden, während das bei dem alten Tastenfeld nur für 17,46 Prozent der Anschläge möglich ist.
Auch das Arbeitsverhältnis zwischen rechter und linker Hand verändert sich. Beim Standardmodell muß auch für einen deutschen Text die linke Hand mehr arbeiten (58,5 Prozent), bei der neuen "Alpina" -Maschine dagegen nur etwa genau soviel wie die rechte (50,6 Prozent). Während die muskelschwachen vierten und fünften Finger beider Hände bisher zwei Drittel der Anschlagarbeit leisten müssen, geht ihr Anteil bei der Versuchstastatur auf etwa ein Viertel der Gesamtleistung zurück.
Weder die "Alpina"-Leute noch die technischen Redakteure von "Burghagens Zeitschrift für Bürobedarf" wagen indessen so kühne Prophezeiungen über eine Leistungssteigerung der Stenotypistinnen zu machen wie August Dvorak, der mit seiner neuen Tastatur "jedem Geschäftsmann viel Geld ersparen" will.
* Davor: Erfindertochter Sholes.

DER SPIEGEL 5/1956
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