15.02.1956

LITERATUR / MINOU DROUETDas ferngelenkte Wunderkind

Ein Morgen Ende Januar. In einem Bürozimmer des Schutzverbandes französischer Textdichter, Komponisten und Musikverleger sitzt ein achtjähriges Mädchen und schreibt ein Gedicht. Man hat die Tür des Prüfungszimmers abgeschlossen und die Telephonverbindung unterbrochen. Ein Aufpasser beobachtet das Mädchen durch eine Verbindungstür. Die Szene ist ein wenig lächerlich.
Es handelt sich um eine Art Aufnahmeprüfung, aber es geht um mehr. Die Achtjährige soll vor einer bürokratischen Instanz der Poeten ihre dichterische Originalität nachweisen.
Die kindliche Kandidatin der Poesie, Minou Drouet, ist seit einiger Zeit ein Streitobjekt der französischen Öffentlichkeit. Sie gilt als ein frühreifes Dichtergenie - für die einen. Die anderen behaupten, das dichtende Mädchen sei von seiner dem Okkultismus ergebenen Pflegemutter zu einem literarischen Betrug mißbraucht worden. Eine dritte Version besagt, daß die lyrische Produktion der Achtjährigen das Ergebnis von Gedankenzwang und suggestiver Beeinflussung sei.
Seit dem Spätsommer vorigen Jahres sucht die französische Presse das Geheimnis der Minou Drouet zu ergründen. Der "Fall Minou" wurde das Gesprächsthema der literarischen Cocktails, der Salons und der Akademien. Bewunderung mischte sich mit Spekulation, Intrige mit Mißgunst, magische Scharlatanerie mit dem Mirakel frühreifer poetischer Schöpfung.
In diesem Dschungel romanhafter Entstellungen, theatralischer Rechtfertigungen und sensationshungriger Schnüffelei ist es fast nicht mehr möglich, die wirkliche Rolle dieses ohne Zweifel ungewöhnlichen Kindes zu bestimmen, das die literarische Öffentlichkeit mit formsicheren Gedichten in Staunen versetzte.
Hinter der minderjährigen Poetin Minou steht wie ein Schatten die Pflegemutter. Ihr Einfluß auf das Seelenleben des Kindes ist offenbar unnatürlich intensiv. Suggerierte Erwachsenen-Sentiments und ursprüngliches Empfinden scheinen in den Gedichten Minous zu einer paradoxen Einheit zu verwachsen. Die achtjährige Lyrikerin Minou ist ohne das zwielichtige Klima der Gedankenüberfremdung kaum denkbar.
Minous Genie-Test vor der Bürokraten-Jury der Künstler kam durch einen Zufall zustande: Ein Komponist hatte zwei ihrer Gedichte vertont. Damit war die achtjährige Autorin zur "Textdichterin" geworden. Sie unterstand dem Reglement der Urheberrechtsorganisation S.A.C.E.M.*, in der die französischen Textdichter, Komponisten und Musikverleger zusammengeschlossen sind. Der Aufnahme in den Verband ging die "Befähigungsprüfung" voraus: die Falle, die - wie die Skeptiker
hofften - die "Affäre Minou" als freche Mystifikation entlarven sollte.
Die Examinatoren der S.A.C.E.M. spielten ihre Rolle mit Umsicht und Würde. Sie betrachteten mit respektvoller Skepsis die hexenhaft wirkende Demoiselle Claude Drouet, die mit dem blonden Wunderkind Minou aus der Bretagne angereist kam, um sich der Jury zu stellen. Sie isolierten die Pflegemutter an einem sicheren Ort, redeten mit väterlichem Wohlwollen auf die Examenskandidatin ein und dachten sich vier Themen aus, von denen sich Minou eins aussuchen durfte.
Minou wählte den "Himmel von Paris". Sie brauchte eine halbe Stunde für ihr Gedicht, dann hopste sie mit ihrem Plüschhund und dem mit runden, gleichmäßigen Schriftzügen bedeckten Blatt Papier von ihrem Schreibtisch-Schemel und fixierte den Aufpasser im Nebenzimmer
erwartungsvoll durch ihre Nickelbrille. "Ich bin fertig, Monsieur", sagte sie. Auf ihrem Blatt stand - mit willkürlicher, regelloser Interpunktion - zu lesen:
Himmel von Paris,
geheime Last Fleisch
das uns stoßweise
aus dem offenen Maul der Häuserzeilen
zwischen erleuchteten Zahnstummeln
einen Strahl von Blut
ins Antlitz spuckt
Himmel von Paris,
Cocktail aus Nacht und Angst
den man mit leichtem Zungenschlag schlürft
mit leise pochendem Herzen
aus einer Neonröhre
Himmel von Paris,
an dem die Kirchen
wie gierige Scherenschnitte
spitzzahnig knabbern
Himmel von Paris,
flammender Tüll
den eine ermattete Hand
mit Grün und Weiß heftet
auf den mit Schweigen gepolsterten Samt
Finger, den gestern ein naschhafter Knabe
in einen Johannisbeertopf tunkte
und der zwischen zwei Dächern
den Beweis seiner wilden Freßgier
verstecken möchte
unermeßlich fahles Rot
schlotternder Bauch
morgenrot- und sturmfarbener
so nah fühl ich dich so lastend
so dargeboten wie ein Schlachtfeld
wuchernd in blutrotem Gras
wie fühle ich
warum nur
meinen Leib auf dir ruhen
keinen Sinn mehr hat die Straße für mich
mir ist das wirklich zu dumm
als ging ich auf dem Kopf herum
so festgeschweißt ist mein Leib
Himmel an dich
Das Gedicht war von allen bekannten Minou-Gedichten am kühnsten und sichersten in der Wahl der Metaphern, kraß und herausfordernd in seiner Realistik, spielerisch und humorvoll im Feuerwerk der Einfälle, dabei "literarisch" geschickt und "passend" gemacht - dem Anschein nach das Werk einer "Professionellen der Poesie".
Der technischen Meisterschaft der Form entsprach die intellektuelle Verständlichkeit des Inhalts: das Thema war klar und brillant abgehandelt. Aber die gestaltende Kraft bewegte sich an der Oberfläche, sie begnügte sich mit dem glücklich gefundenen Bild.
Das war der Einwand der meisten Minou-Kritiker, die das Phänomen der Achtjährigen einen Augenblick lang vergaßen und ihre Wunder-Poesie nach gebräuchlichen Maßstäben beurteilten. Der Ton der Gedichte war konventionell-literarisch, die Technik formelhaft und auf allzu perfekte Weise vertraut mit der Manipulation sinnbegrenzter Bilder und Bezüge. Der altkluge literarische Manierismus der Minou-Poesie, der kichernde oder schwermutschwärmende Sarkasmus ihrer Briefe, die raffinierte und methodische Koketterie mit der Welt der Erwachsenen, der sie sich mit effektvollen und raren Floskeln, witzigen Apercus und originellen Titulierungen der Briefempfänger anbiedert - dies alles brachte die Mißtrauischen schon früh auf den Verdacht, daß hier eine "lenkende Hand" im Spiel sein müsse. Aber seltsamerweise war gerade der erste unter den ernsthaften Kritikern, der die Gedichte und Briefe Minous in Manuskriptform zu Gesicht bekam und darüber ein begeistertes Urteil abgab, eine allseits anerkannte literaturkritische Kapazität, Mitglied zweier französischer Akademien: der Schriftsteller und emeritierte Medizin-Professor Vallery-Radot, ein Enkel des Bakteriologen Louis Pasteur. Er war von der spontanen Inspiration des dichtenden Wunderkindes völlig überzeugt.
"Ich empfand beim Lesen ihrer Gedichte", so äußerte sich Vallery-Radot später in der Zeitung "Figaro", "dieselbe Erhebung und Erschütterung, die mich erfaßte, als ich Debussys ,Pelleas' zum ersten Male hörte." Vallery-Radot, der fanatischste Verteidiger der Genialitäts-These im Falle Minou, machte den Franzosen den bitteren Vorwurf, sie hätten durch ihre Haltung in der Affäre Minou bewiesen, daß sie Genialität nicht mehr ertragen können. "Warum soll ein dichtendes Kind nicht schon in frühen Jahren die Wundergabe entfalten, die es empfangen hat?" verteidigte er das mutmaßliche Genie des frühreifen Mädchens. "Genialität ist ein außernatürliches, ungeheuerliches Geschenk - dem Menschen, der es empfängt, oft selber fremd und unbewußt."
Der Minou-gläubige Professor Vallery -Radot hatte von der Existenz des poetischen Wunderkindes in einem Gespräch mit Lucette Descaves erfahren, einer Professorin für Klaviermusik am Famser Konservatorium. Minou lebte mit ihrer Adoptivmutter, der Demoiselle Claude Drouet, in dem bretonischen Kleinstädtchen La Guerche, 40 Kilometer von Rennes entfernt. Sie war kränklich und extrem sensibel.
Die Adoptivmutter entdeckte bei der Sechsjährigen Anzeichen einer anscheinend außergewöhnlichen Musikbegabung. Sie schickte Minou zum Klavierunterricht in die Kreisstadt Rennes, wo Minous Klavierlehrer der Demoiselle Drouet bald empfahl, die musikalischen Anlagen ihres Pflegekindes im Pariser Konservatorium von der Klavierpädagogin Lucette Descaves prüfen zu lassen.
Die Begegnung mit Lucette Descaves fand am 19. Juli 1954 statt. In dem "autobiographischen" Merkblatt, das Minou ein Jahr später ihrem Verleger schickte, ist von dieser Begegnung als einem Ereignis der "Offenbarung" die Rede, der "zweiten poetischen Geburt": "Sie (Lucette Descaves) hat mich nicht entdeckt, wie man so sagt, sie hat mich erschaffen", schwärmte Minou. "Ich bin in jener Sekunde wirklich geboren worden, als ich an ihrem Flügel die Musik hörte. Ich wußte nicht, welche Musik man in den Worten findet."
Die Vermutung, Minou habe genialische Musikbegabung, bestätigte sich jedoch nicht. Minou besitzt eine musikalische Sensibilität, die zu gewissen Hoffnungen berechtigte, aber ihr Musiktalent ist nicht schöpferisch, sie ist kein musikalisches Wunderkind. "Minou Drouet", urteilte nüchtern Lucette Descaves, "ist ein vielversprechendes, sehr begabtes Kind - aber ich habe nichts Genialisches an ihr bemerkt. Ich habe auch niemals eine außergewöhnliche Unterhaltung mit ihr geführt - mit einer Ausnahme: Sie saß auf meinen Knien, ihr Gesicht entstellte sich und bekam einen mysteriösen Ausdruck. Sie sagte höchst merkwürdige Sätze, wie im Zustand der Trance."
Am Tage nach dem Besuch im Konservatorium schrieb Minou an Lucette Descaves einen Brief, der mit der zärtlichen Anrede "mon amour" beginnt. Er ist der erste von über 200 Minou-Briefen, die zunächst an Lucette Descaves und später an zahlreiche Bekannte gerichtet waren. Dem Briefeschreiben widmete Minou täglich viele Stunden. Zwischen zwei Briefabsätzen tauchten die ersten Gedichtzeilen auf. Als Minou an der Reaktion ihrer Briefpartner merkte, daß ihre poetischen Versuche besonderes Interesse fanden, streute sie in ihre Briefe immer häufiger ganze Gedichte ein.
Das schalkhafte, geheimniskrämerische, prätentiöse Betteln um die Gunst der Welt der Erwachsenen - Minou: "Die Erwachsenen kleiden sich als Feinde, man weiß nicht warum" - wurde endlich belohnt, als Professor Vallery-Radot bei Lucette Descaves die Mappe mit den Minou -Briefen las. Er entdeckte das Wunder, das man Frankreich nicht vorenthalten dürfe, er sah Minou, "die uns eine Botschaft aus dem Anderswo bringt", endlich in der großen nationalen Schablone - in der Perspektive Rimbauds.
"Meine Sonate in G"
Der Hinweis auf das frühreife Genie dieses großen Lyrikers, der die "Botschaft aus dem Anderswo" in schmerzenden, glühenden Erleuchtungen erfuhr, ist in Frankreich längst zu einem Slogan entartet, der einen kommerziellen Wert hat. Bernard Grasset, der ein anderes "Wunderkind", den 16jährigen Raymond Radiguet (SPIEGEL 39/1953) verlegte, den amoklaufenden Zyniker unter den literarischen "enfants terribles", sprach zu dessen Entdecker Cocteau das geistreich höhnende Wort: "Das Genie ist kein Faktum. Sechzehn Jahre sind ein Faktum."
Auch die acht Jahre Minous waren ein "Faktum", das der Genie-Protektor Vallery-Radot dem händereibenden Manager des damals achtzehnjährigen Erfolgs-Früchtchens Francoise Sagan ("Bonjour Tristesse"), dem Verleger Rene Julliard, bei einem schwärmerischen Tischgespräch leicht mundgerecht machen konnte. Julliard studierte mit skeptischem Interesse das literarische Oeuvre Minous. Danach fand er schließlich, daß eine zwanglose Inspektionsreise in die Bretagne mit seinem Terminkalender zu vereinbaren sei.
Er fuhr nach Pouliguen an der atlantischen Küste bei St. Nazaire, wo Minou und ihre Adoptivmutter ein kleines Sommerhäuschen bewohnten, das sie nach der Hauptkarte in einem Kartenspiel "Le Nain Jaune" - "Der gelbe Zwerg" - getauft hatten. Minou hatte zu jener Zeit eine Augenoperation durchgemacht, die sie von der "großen Angst meines armen, kleinen Lebens", zu erblinden, befreien sollte. Die Operation war gelungen, aber das Kind von dem Erlebnis noch innerlich aufgewühlt, seine Phantasie aufs höchste gereizt.
Julliard fand also eine verstörte, aber sehr lebhafte, mit einer ganz neuen Erlebnissphäre beschäftigte Minou, die sich dem willkommenen Gesprächspartner wie eine Klette anhing. Sie glänzte mit Erwachsenen-Apercus, nannte Julliard "meine Sonate in G", sich selbst ein "lebendes Fragezeichen" oder ein "kleines, wildes Tier, das die Stimmen mit dem Pelz der Angst bedecken". Sie unternahm mit ihrem Besuch Spaziergänge am Meer, rezitierte Minou-Gedichte - manchmal stockend. mit kleinen Sinnveränderungen, die auch Entstellungen oder ganz einfach Gedächtnislücken sein konnten.
Aber Julliard entdeckte keine Gedankenbrücken oder Schlüsselworte, die auf die obskure Aktion einer "lenkenden Hand" hätten schließen lassen. Dagegen bemerkte auch er plötzliche Erstarrungen, Zustände der Abwesenheit, in denen Minou mit der "farblosen Stimme einer Schlafwandlerin" sprach, so wie es schon Lucette Descaves beobachtet hatte. Er konstatierte zwar einen starken psychischen Einfluß der Pflegemutter auf das Kind, eine pädagogische Energie, die ein Programm vermuten ließ, aber er entdeckte keine okkulten Tricks, die eine Erklärung für die Atmosphäre des Geheimnisvollen und Beklemmenden um Demoiselle Drouet und ihr dichtendes Pflegekind sein konnten.
Der Pariser Verleger ist kein Psychologe, sondern Geschäftsmann: Das Genie Minou war für ihn das Objekt einer Kalkulation, in der es keinen Rechenfehler geben durfte. Darum ließ Rene Julliard, der nicht an Betrug und mystische Scharlatanerie glaubte, aber trotzdem ein Geheimnis witterte, in der Vergangenheit der mysteriösen Demoiselle Drouet nachforschen. Was er herausbekam, gehört in die rührselige und erhebende Rubrik der "Romane, die das Leben schrieb" - es ist exemplarischer, gelebter Kitsch, eine Leierkastenmelodie aus der französischen Provinz.
Minou heißt in Wirklichkeit Berthe -Marie Tröhorel, geboren um die Mittagsstunde des 24. Juli 1947 in einer Stadt des Departements Cötes-du-Nord, uneheliche Tochter der Cbeile-Marie Tröhorel, die den lästigen Bastard der öffentlichen Fürsorge überließ. Die Stunde der Geburt Minous war den Astrologen, die sich bald über die Affäre hermachten, ein planetarischer Beweis: Im Augenblick der Geburt hatte die Sonne im Mittagskreis und der Mond am östlichen Horizont gestanden. Keiner der Planeten stand im Zeichen der Erde - eine Konstellation, die angeblich ein seltenes, von Idealismus, Schöpfergeist und Gemütstiefe erfülltes Schicksal ankündigt.
Solche okkulten Signale des Außerordentlichen gab es in der Geburtsstunde der Pflegemutter Demoiselle Drouet allerdings nicht. Das inzwischen 50jährige Fräulein mit dem scharfgeschnittenen Habichtsprofil und dem hintergründigen Gehabe der klassischen Dorfhexe wurde als legitime Tochter eines ehrbaren bretonischen Sägereibesitzers geboren. Sie war bis zu ihrem siebenten Lebensjahr blind und später so kurzsichtig, daß man sie von der Schule nehmen mußte.
In ihrem Unglück griff Claude Drouet zum Trost der schönen Seelen, den Büchern. Sie wurde die ewige Autodidaktin, die den Spott der Simplen mit dem Hochmut der Bildung bestrafte: Sie war das gelehrte Dorffräulein mit den Ticks der vorzeitigen alten Jungfer.
Demoiselle Claude Drouet gab Nachhilfestunden in den Sprachen, die sie aus ihren Büchern gelernt hatte: Latein, Englisch, Deutsch. Insgeheim schmiedete sie Verse; ihre Alexandriner wurden die Plage der schöngeistigen Monatsschriften. Zwei ihrer Novellen wurden gedruckt; sie waren bejammernswert hölzern und einfallslos. Ihren Hader mit dem Schicksal besänftigten die okkulten Wissenschaften. Hier fand sie endlich ein Gebiet, auf das ihr so leicht keiner folgen konnte. Die Drouet legte Karten, las aus der Hand und deutete, vom Dämon der Hysterie animiert, die Zukunft. Sie lebt in bescheidensten Verhältnissen von dem Einkommen, das ihre 80jährige Mutter aus einigen Einfamilienhäusern in La Guerche bezieht.
In diesem düsteren und scheinbar verpfuschten Leben sah das ältliche und häßliche Fräulein Drouet nur noch eine einzige Chance, mit der Welt in einen Kontakt zu kommen, der ihren Sehnsüchten entsprach: Sie konnte ein Kind adoptieren und dessen frischere Existenz mit allen jenen Hoffnungen befrachten, um deren Erfüllung sie selbst gekommen war. In einem Pariser Waisenhaus holte sich die Wahrsagerin Claude Drouet unter 200 Kindern das armseligste heraus: ein krankes, unterernährtes Wesen, das kaum sprechen konnte. Sie pflegte dieses Kind mit tyrannischer Liebe, hielt es von jedem äußeren Einfluß fern und dressierte es methodisch - wofür, wußte nur sie.
In den Straßen von La Guerche, wo das Fräulein beheimatet ist, sah man Minou, neben der Pflegemutter trippelnd, aus einem Lehrbuch die Namen der Städte und Flüsse Frankreichs repetieren. Die Klatschbasen zeigten verstohlen mit dem Finger auf die Szene: Niemand glaubte an die Geschichte des Waisenkindes. Minou war für sie das leibliche Kind der "Dorfhexe" von La Guerche, denn sie hatte die gleichen kurzsichtigen, kranken Augen, das verschlossene, hintergründige Wesen und den frühen Bildungsdünkel der Demoiselle Drouet.
Die Dörfler empörten sich, als sich das Fräulein in der Schule neben dem Katheder der Lehrerin installierte, um den Abc-Unterricht des Genie-Kindes mit eigenen Augen zu überwachen. Als Claude Drouet aus der Schule verjagt wurde, nahm sie Minou mit sich. Die dürre Weisheit, die der Nachwuchs der Dörfler dort mühselig zu begreifen suchte, schien ihr für ihr Ziehkind nicht genug. Hinter verschlossenen Gardinen lehrte sie Minou nach eigenem Plan.
Dieser Unterricht vollzieht sich nach Claude Drouets Aussagen so: "Morgens beim Waschen und Anziehen und während des Frühstücks lehre ich sie Kopfrechnen, Erd- und Naturkunde, Heimatkunde und Geschichte. Während ihrer Schreibübungen und wenn sie dichtet oder Briefe schreibt, findet dann zwanglos der Unterricht in Schrift und Sprache statt, und unsere Unterhaltungen dienen der Anregung zu Beobachtung, Urteilsfähigkeit, zum Nachdenken und zur Kritik am Wortgebrauch. Während der Mahlzeiten setzen wir diese Unterhaltungen fort. Zumeist sitzt Minou am Klavier. Abends beim Ausziehen und Zubettgehen höre ich ihr die am Morgen gelehrten und während des Tages noch einmal wiederholten Dinge ab."
In dieser tyrannischen Welt einer Genie-Schöpfung aus der Retorte war Minou der "Homunculus", das fertige, schmächtige Menschlein aus dem Rezeptbuch der Alchimisten. Sie schien das Produkt einer Wette, mit der sich das Fräulein dem Schicksal gegenüber ins Recht setzen wollte.
"Habt ihr mein von Farbe und Wangen entblößtes Gesicht betrachtet?" schreibt die Kinderhand Minous. "Dies ist kein Gesicht, nur ein Dreieck, das seinen Platz einnimmt, weil etwas sein muß, das schreit: Hier bin ich', und das Haare und Hals zusammenfügt."
Das Blutleere und Unwirkliche war das eigentlich Gespenstische an dem Fall Minou - das Element der Magie, das die mißtrauische Grobheit der Kritiker und Reporter später vordergründig in die Formel der Mystifikation oder auch des simplen Betruges übersetzte. Aber die Mystifikation, nach der sie suchten, erwies sich am Ende nur als Imitation, als Fähigkeit zur Nachahmung des Gebärdenspiels der Genialität.
In ihren Briefen kommentiert Minou, die mit ihren acht Jahren nun einmal noch keine Erwachsene sein kann, immer nur die Gefühle der Erwachsenen in der Art einer Erwachsenen. Sie redet die Frau des Verlegers Julliard als "meine Arabeske" an, einem Reporter schmeichelt sie: "Es singt um Sie. Mir ist, als tränke ich aus einem Glas Sekt." Sie spielt eine Rolle, in die sie hineingedrängt worden ist. Sie spielt sie glänzend und fast ohne Stocken - aber ihre Worte sind schließlich doch nur leere Gesten und Gebärden der Poesie.
Minou weiß offenbar genau, was man von ihr erwartet. Sie kennt die Verpflichtung des Lyrik-beflissenen Wunderkindes: das kleine, originelle Apervu auf dem Dessert-Teller der Gönner, das genialische Plappern im Jargon der Literaten. Nach
einem Besuch in Paris kommentierte sie in einem Brief an Verleger Julliard schwärmend und mit raffinierter Schmeichelei eine Szene, die sie in seinem Hause beobachtet hatte:
"Madame Julliard war auf dem Boden, auf den Knien, Sie traten ins Zimmer, knieten sich zu ihr, Sie nahmen ihre Hand und sagten: Guten Tag, wie geht's?' Aber sie sah auf Dame Blanche (den Pudel) auf dem Teppich, und sie verlor das Schönste, einen liebevoll-bangen Herzensblick, den sie nie wiederfinden wird. Sie könnte über die ganze Erde laufen und alle Versailles wiedersehen, nichts würde das aufwiegen, was ihre Stimme durchschwang, eine Stimme, die die Stille nicht zerstörte, und was in Ihrem Blick lag, als Sie sie ansahen, ein Blick, der über sie glitt, wie nur der Morgennebel durch einen Wald gleiten kann, der zwei Arme um ihren Hals gleiten ließ, ein Blick, der soeben die Sonne über einem Weizenfeld aufgehen zu sehen schien und ihr die duftende Wärme dieses Augenblicks brachte. Ich konnte meine Worte danach nicht wiederfinden."
"Als sie zu mir sprach", schreibt Minou von der Frau des Verlegers, "hörte ich nicht so sehr ihre Stimme, sondern etwas Schönes aus Samt, das sang, das von so weit kam und so weit ging, etwas Tierisches, das die Melodie der Blätter am Ende des Sommers hatte . . . Aber die Stimme der Augen, der Haut, der Hände, der Duft, oh, dagegen ist man machtlos."
Nachtlampen-Produkte
Das ästhetische Schwärmertum, diese Berufssprache der professionellen "litt&rateurs" der Pariser Salons, ist eine der Lieblings-Attitüden Minous. Hier meldet sich unter der schönen, glatten Oberfläche der Worte deutlich eine Geschmacksrichtung, die im Schwulst zu Hause ist, in der Sphäre der unechten Gefühle, die zur verlogenen Höflichkeit der Erwachsenen gehört.
Entzückt von seinem Fang, aber noch immer mit dem Gedanken an einen Rückzug spielend, wagte Rene Julliard Ende September vorigen Jahres die Erkundung der Kritiker-Meinung. An 500 Privilegierte schickte er - vermutlich nicht ganz ohne Skrupel, wie dieser zunächst begrenzte Test erkennen ließ - ein erstes Lyrik -Bändchen der Minou und lud die Empfänger ein, von dem "Phänomen Minou" Kenntnis zu nehmen. Das war zugleich auch eine Einladung an die Öffentlichkeit, sich im Widerstreit von Skepsis, Staunen und Unbehagen die Frage zu stellen, ob ein "kleines Mädchen von (damals) sieben Jahren" diese "Sätze, diese Worte, diese Verse selbst gefunden haben kann".
Die Reaktion der Öffentlichkeit schillerte, wie zu erwarten, in allen Tönungen zwischen hellstem Entzücken über das neue National-Genie, menschlichem Bedauern über das "arme, kleine Mädchen" mit den "Nachtlampen-Produkten" ihrer nur psychiatrisch erklärbaren Pseudo-Dichtungen, zwischen degoutierter Ablehnung ihrer unkindlichen Frühreife und der Empörung über den - vermuteten - Betrug durch die Pflegemutter Minous.
Kopfschüttelndes Unbehagen empfanden alle Konsumenten der Minouschen "Nachtlampen-Produkte", als sie in der plötzlich hellhörig gewordenen Boulevard-Presse diesen Minou-Vers abgedruckt fanden:
Meine Geliebte hab' ich gefragt
warum sie es liebt ihre Schultern
zu zeigen.
Lachend hat sie mich aufgeklärt:
Du mußt dich daran gewöhnen
denn das ist mein Metier,
ihr Metier,
die Berühmtheit.
Wie das Fieber kann das um sich greifen,
also hab' ich voll Trauer gesucht,
was du, meine Liebe,
in ein paar Jahren
deinen Gästen wirst zeigen können...
Entsetzt kommentierte die Psychologin Dr. Latzarus dieses erstaunliche Produkt: "Ich habe oft mit Fällen für die öffentliche Jugendfürsorge zu tun. Es kommt häufig vor, daß arme kleine Kinder sogenannte Verse machen ... Aber man findet nicht jene frühreifen Erfahrungen, wie sie sich in dem Gedicht' enthüllen, in dem das Kind (Minou) seine Geliebte' fragt, warum sie es liebt, ihre Schultern zu zeigen' ... Wie spricht man wohl in der Umgebung dieses Kindes, daß es solche Fragen abhandeln kann ... Mein Herz ist nichts als ein dummer, kleiner Schneeschläger', schreibt die Arme an einer anderen Stelle. Wenn man die Wissenschaften der Psychiatrie und der Hygiene konsultiert: Diese Aussage genügte für sich allein schon, um das Kind unter Beobachtung zu stellen."
"Nein, Madame!" schrie daraufhin tief verletzt der Minou-Verteidiger Professor Vallery-Radot in einem offenen Brief, den der "Figaro" abdruckte: "Minou Drouet ist kein armes kleines Mädchen, sondern einfach ein geniales Wesen! Sie ist abnorm vielleicht im Sinne der Psychotechnik, aber es gibt, Madame Psychotechnikerin, Anomalien im Schönen wie im Häßlichen. Armselige Wissenschaft, Ihre Psychotechnik, die nichts als Häßliches sieht!"
Der Schwarm der Literaten, Exegeten und professionellen Genie-Deuter machte sich lustvoll daran, das "Ereignis Minou" zu kommentieren. Der Kritiker des "France -Observateur" konstatierte den "durchdringenden Blick auf das Leben, die Erwachsenen, die Welt", der schaudern mache: "Er (der Blick) ist der eines Kindes, das schon tausend Existenzen gelebt haben muß. Vor ihm, in seinen Augen wiegen wir nicht schwer." Andere rühmten das "bittere, von Unglück, Leiden und Tod durchdrungene Wissen" des Kindes. Sie verwiesen auf den scheinbar offenkundigen Einfluß "der gesamten modernen Poesie von Rimbaud bis zu den Surrealisten", die das kleine Mädchen "niemals gelesen" haben konnte.
Daß es einen solchen Einfluß aber tatsächlich geben müsse, eine Art genialisches Plagiat des Genies Rimbauds, das die "lenkende Hand" dem Kinde als Modell vermittelt hat, schien aus dem Gedicht "Chanson" hervorzugehen, in dem eine freilich sehr vage formale Verwandtschaft mit Rimbauds "Trunkenem Schiff" erkennbar war:
Mein Herz ist ein leichtes Boot
ein leichtes Boot ohne Leine
ein Boot dem die Weite
den traurigen Wink ihrer Hand bietet.
Mein Herz ist ein eiliges Boot
das es drängt weiter hinaus
zu ziehen als seine Träume
Sein Hafen heißt Nirgendwo'
auf seinem Bug liest man Anderswo'
gemalt in Rot
von meinen Tränen...
Mein Herz ist ein leichtes Boot
bespannt mit den Strahlen des Mondes
sein Segel schlägt im Wind
Sein Segel, gemacht von einer Wolke
von einer Wolke von Blut
die auf die Wange des Himmels schlägt
wie eine Kralle die aufreißt
die Klaue meiner gekrümmten Finger
rot von meinem Leid
die um Gnade bitten wollen
dafür, daß sie sich um nichts schließen konnten
als um die große Stimme der Töne.
Die Fakten-Jäger und Verfechter der Betrugsthese entdeckten schließlich in dem Rimbaud-ähnlichen "Chanson" der Minou ein anscheinend konkretes Indiz für das Plagiat: das altfranzösische Wort "amarre" nämlich, das Minou für Bootsleine verwandt hatte. "Amarre" war ein "Schlüsselwort" Rimbauds, das dieser für die moderne Poesie wiederentdeckt hatte. Es ist ein "Bildungswort", das aus dem Holländischen stammt und weder in Schul- oder Kinderbüchern noch in der Alltagssprache der bretonischen Fischer vorkommt.
Die orthodoxen "Minouisten" vom Schlage des Professors Vallery-Radot allerdings wehrten diese Entdeckung gelangweilt ab: Sie hatten den Bildungs-Einfluß der Pflegemutter im Prinzip keineswegs bestritten. Er war ein natürlicher Bestandteil der Genie-These.
Diese Genie-These hat immerhin genügt, einen wahren Minou-Rummel zu entfachen. Ein Impresario bot 50 000 Dollar für eine "Minou-Welttournee", gegen die der "Figaro" wütend protestierte: "Man ist partout entschlossen, aus einem kleinen Mädchen, das außergewöhnlich begabt zu sein scheint, ein Monstrum zu machen ... Was uns angeht, wir lassen den Vorhang fallen." Dem Literatur-Reporter des "Figaro" hatte Minou ein Apercu über ihre Eindrücke von einer Mittelmeerreise mitgegeben: "Mir war, als versuchte ich eine Ansichtspostkarte zu verschlucken, die nicht hinunter wollte, weil sie zu groß war."
In der allgemeinen Inflation der Wertungen, der literarischen und psychologischen Schlagwort-Urteile, stellten kopfscheu gewordene Pennäler ihrem Lehrer, dem Gymnasial-Professor Andre Dhotel, Schriftsteller und "Femina"-Preisträger von 19551, die ganz naive Frage, was er als Pädagoge zum Fall Minou zu sagen habe. Dhotel zitierte Piaget und Wallon, die Autoritäten auf dem Gebiet des kindlichen Denkens.
"Das Kind hat ein prälogisches Denken", dozierte Dhotel, "das die Erwachsenen mit ihrem logischen Denken zum Verschwinden bringen wollen. Aber das noch nicht vollständig erzogene' Kind lehnt sich dagegen auf. Zunächst dadurch, daß es stets eine alogische Idee mit der logischen Idee zu verbinden sucht, die man ihm aufzwingt. Schließlich schafft es sich eine eigene Gedankenwelt, in die es fliehen kann, wenn es von den Forderungen des logischen Denkens, die die Welt der Erwachsenen ihm stellt, beschützt sein will.
"Stellen Sie sich nun ein Kind vor, das von seiner zartesten Kindheit an eine geistige Ausbildung aushalten mußte, die es normalerweise im doppelten oder dreifachen Zeitraum verarbeitet hätte. Sein prälogisches System ist verletzt. Also erbricht es, wenn ich so sagen darf ... Jedesmal, wenn es herausgefordert wird, wenn eines der Worte, wenn eine der Ideen, die ihm wehgetan haben, ausgesprochen wird, antwortet es mit einer Art Beschwörung, die ihm erlaubt, die Wirklichkeit aufzulösen und zu überwinden. Das ist Minou Drouet."
Dhotel zitiert den Genfer Kinderpsychologen Jean Piaget, der in seinen Untersuchungen über die kindliche Vorstellungswelt das Wesen des kindlichen Realismus als Magie beschrieben hat. Das Kind verwechselt das Zeichen und die Sache, das Abbild und den Gegenstand. Es kann deshalb auch den Traum nicht erklären. Dieses natürliche magische Verhalten, die eigene Vorstellungswelt und die Realität in der gleichen Sphäre zu erleben, ist das authentisch Kindliche in der Poesie Minous.
Es gibt Wunderkinder, deren Frühreife wie eine Krankheit ist, von der sie genesen: Sie sind gegen die Genialität immun geworden. Bei deAl meisten Wunderkindern, die geniale Erwachsene wurden, kündigt sich das Genie als Kaprice an und nicht als die Vorwegnahme künftiger Größe. Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik*, sprach und las im Alter von drei Jahren drei Sprachen. Zum Wunderkinder-Panoptikum der Geschichte gehören der italienische Dichter Tasso (1544 bis 1595), der mit drei Jahren Grammatik studierte und als Siebenjähriger mit Latein und Griechisch vertraut war, der Humanist Melanchthon, der mit dreizehn Jahren lateinische Verse schrieb, der französische Philosoph Pascal, der als Elfjähriger eine wissenschaftliche These verfaßte, und andere Geistesgrößen.
Im Minou-Taumel der Literatur-Gazetten verhallte der Hinweis des Gymnasiallehrers Dhotel auf das "magische" Verhalten des Normalkindes fast ungehört. Eine sachliche Diskussion des Falles Minou war in diesem Stadium des Streitgesprächs um das angebliche Genie nicht mehr möglich.
Kein Interesse für Sonnenuntergänge
Ihren Höhepunkt erreichte die "Minou -Schlacht", als die Frauenzeitung "Elle", ein einflußreiches Klatschblatt in literarisch veredeltem Stil, zwei Reporter beauftragte, den "Betrug" der Pflegemutter Mincus aufzudecken. Die beiden beobachteten mit der Kleinen einen Sonnenuntergang, der Minou völlig kalt ließ: "Sie interessierte sich für nichts anderes als für ihren Pudel Cadi", berichtete "Elle". "Sie sah nicht einen einzigen roten Sonnenstrahl, der das Meer durchleuchtete wie ein Farblichtwerfer."
Die "Elle"-Detektive forschten die Kleine auch nach dem Sinn seltener Worte aus, die sie in ihren Texten gebraucht hatte - mit dem Hintergedanken, durch diese Art philologischer Fallenstellung endlich das Lenkungs- und Täuschungs-System der Mutter zu entlarven. Sie fragten nach dem Wort "horrifuire", das es in keinem Lexikon der französischen Sprache gibt, das aber Minou gebraucht hatte.
Minou zeigte sich ahnungslos. Das Wort "ogive" (gotischer Spitzbogen) übersetzte sie mit "Säule", obwohl sie es bis dahin im richtigen Sinne gebraucht hatte. Schließlich zeigte man ihr das von ihr verfaßte Gedicht "Fließendes Wasser". Minou behauptete, es nicht zu kennen. Als vermutlichen Autor nannte sie den französischen Dichter Lamartine (1790-1869), von dem sie einmal gehört hatte.
"Man fragt sich", überlegten die Reporter, "warum die poetischen Formulierungen Minous immer auf ein Schlüsselwort der Mutter hin erfolgen." Als Beispiel zit ierten sie eine Unterhaltung, der sie beigewohnt hatten:
Mutter: "Siehst Du diesen Teekessel aus Zinn?'
Minou: "Zinn ist wie ein Marsch ohne Sonne."
Mutter: "Sie (die Besucher) wollen die Salzschwemmen ansehen."
Minou: "Die Salzschwemmen sind wie Butzenscheiben, in denen das Glas mit Schnee gerahmt ist.' Für die "Elle"-Reporter war der Verdacht, daß ein Schwindel vorliege, danach fast zur sensationellen Gewißheit geworden. Im Minou-treuen "Figaro" aber konterte der Dominikanerpater Lelong den "Elle"-Artikel mit einem Minou-Dementi, das er sich von dem Miniatur-Genie selbst besorgt hatte. Minou habe gesagt: "Ich dachte: Wenn die mich reinlegen wollen, will ich's mal selber tun. Im stillen habe ich vielleicht gelacht." In der Zeitschrift "La Vie Catholique" verteidigte der Journalist Xavier Grall Minous Desinteressement am Sonnenuntergang: "Wenn die Reporter glauben, daß Poeten vor jedem Sonnenuntergang . . . überwältigt zusammensinken, dann haben sie nichts vom Wesen der Poesie verstanden, und es ist nicht überraschend, daß sie auch von dem Fall Minou Drouet nichts begriffen haben."
Das Konzept der Kartenlegerin
Doch die "Elle"-Aktion hatte bereits eine Lawine ins Rollen gebracht. Ein "Enthüllungs"-Wettlauf setzte ein, bei dem es nicht mehr um Wahrheit oder Unterrichtung ging, sondern um Prestigefragen zwischen feindlichen Clans, Zeitungs-Trusts, Akademie-Cliquen, Literaten- und Reporter-Korporationen.
Graphologische Sachverständige tauchten auf, die Minous Schrift auf Manuskripten untersuchten und dann behaupteten, die Adoptivmutter oder zumindest ein Erwachsener habe hier mit verstellter Schrift die Feder geführt. Minou wurde zur Klausur in die Wohnung des Verlegers bestellt: In den Niederschriften und poetischen Versuchen, die in dieser moralischen Quarantäne entstanden, häuften sich Klischees und Wiederholungen.
Als die Inspiration in der Klausur versiegte, kam Minou mit dem "Wolken" -Gedicht heraus, einem ihrer besten. Aber das "Wolken"-Gedicht gab es leider schon im Entwurf: Minou hatte drei Wochen vorher für die Reporter der Illustrierten "Match" die gleichen ersten fünf Zeilen geschrieben, ohne daß Verleger Julliard davon wußte:
"Wolken, Hecken aus Federn
Schaumvögel
Vögel mit großen Flügeln
die ihr von meinem Anderswo kommt
Wolken, schlagender Leib eines
überlisteten Tieres...
Julliard hatte auch dafür eine plausible Erklärung. Er sprach von dem "organischen" Wachsen des Gedichts, nicht mehr von der "Spontaneität" der Inspiration. Im übrigen widersetzte sich Minou Versuchen, sie längere Zeit von ihrer Mutter getrennt In Klausur zu halten. Nach einigen Tagen, die sie im Hause Julliards von ihrer Mutter getrennt zugebracht hatte, schrieb sie an Claude Drouet verzweifelt: "Komm! Ich bin wie ein Schrei nach Dir. Du bist, was ich vermisse, was ich brauche, komm!"
Als aber Julliard sich anschickte, mit seiner Autorin Minou Drouet ins große Geschäft überzuspringen, als das Minou -Oeuvre "Arbre, mon ami" - "Baum, mein Freund - Gedichte und Briefauszüge", versehen mit einem "Gelbbuch" der Affäre, Im Handel erscheinen sollte, spielten die Anti-Minouisten ihren letzten belastenden Trumpf aus.
Sie veröffentlichten einen Brief, den Claude Drouet 1948, Jahre vor der Adoption Minous, an einen Pariser Verleger geschrieben hatte. Es handelte sich um das Begleitschreiben zu einem "Feenmärchen", das die Drouet zur Veröffentlichung anbot. "Ein kleines blindes Mädchen offenbart darin die wunderbare Welt", hieß es in dem Brief, "die es schließlich in seinem Herzen hat schaffen können, um sich dahinein zu flüchten, wenn man sie zu sehr quält."
Hier war das "Konzept", das man so sehr gesucht hatte, die offenbar langgehegte Idee der Rechtfertigung einer gescheiterten Existenz in einem anderen Ich, das die Gestalt des "kleinen blinden Mädchens" annehmen sollte. Das Interessanteste war nun nicht mehr Minou, sondern der "Cas de soreellerie", die Verhexung, die Andre Breton, der Prophet und Theoretiker des Surrealismus, das "große Unternehmen" der Demoiselle Claude Drouet nannte: "Die Sybille... ich zeige mehr als Bewunderung; ich verehre ihr großes Unterfangen, ihren Versuch, ihr Leben in der Gestalt eines kleinen Mädchens noch einmal zu leben und Im Angesicht der hassenswerten Welt aus ihrer beider Herzen eines zu machen."
Ein Experte der Parapsychologie, Michel Pobers, Direktor des Instituts für Forschung über zeitgenössische Psychologie in Utrecht, der über das mediale Problem der Affäre befragt wurde, schloß die Medium-These als abwegig aus. Minou schreibe nicht im Zustand der Trance. Sie fühlt sich nicht besessen von einem "jenseitigen" lenkenden Geist. Eine Telepathie oder hypnotische Beeinflussung durch die Pflegemutter hielt Pobers theoretisch für möglich, praktisch für unwahrscheinlich, weil alle darauf hindeutenden Symptome fehlen.
Aber er räumte die Möglichkeit einer "seelischen Zusammenarbeit" ein, einer Lenkung auf unbewußtem oder bewußtem Wege, die durch ein besonderes Klima der "Seelenverwandtschaft" entstehen konnte: "Gedächtnis und Einbildung überdecken sich im kindlichen Kunstwerk. Das dichtende Kind kommt stets wieder auf die gleichen Worte, die gleichen Bilder und Reime zurück; Selbst-Erinnern, Selbstplagiat und unbewußtes Plagiat sind nicht nur häufig, sondern in gewisser Weise der kindlichen Schöpfertätigkeit innewohnend."
Es gibt immerhin ein Zeugnis von Minou, das darauf schließen läßt, daß es in ihrer verhexten Welt auch normal zugehen kann: "Der Hintern der kleinen Mädchen ist doch ein vermaledeites Geschenk des Himmels, die Nerven der Mütter zu beruhigen", schrieb sie bekümmert in einem ihrer Briefe.
Während im Strudel der Argumente und Gegenargumente, der Behauptungen und der Widerlegungen in der französischen Öffentlichkeit alle Klarheit über das achtjährige verseschreibende Mädchen Minou unterzugehen droht, gab Jean Cocteau zu dieser Affäre einen ebenso einleuchtenden wie bequemen Kommentar. Er erklärte: "Alle Kinder sind genial, nur Minou nicht."
* Societe des auteurs, compositeurs et editeurs de musique
* Er erhielt den Prix Femina für seinen Roman "Unerreichbares Land".
* In der Kybernetik werden mehrere Wissenschaftsgebiete zusammengefaßt, die Steuerungs- und Regelungsvorgänge (Automation) betreffen.

DER SPIEGEL 7/1956
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