22.02.1956

BALLON-AKTIONENDie Kiste kommt vom Himmel

Walerian Alexandrowitsch Sorin fuhr mit seiner Sis-Luxuslimousine 0-77 am Bonner Auswärtigen Amt vor, begab sich stracks zu Staatssekretär Professor Hallstein und vollzog seine erste amtliche Handlung als Botschafter der Sowjet-Union. Er protestierte.
In der sowjetischen Note, die Sorin am 6. Februar in Bonn überreichte, wird die Bundesregierung für die "illegalen Ballon-Aktionen" amerikanischer Organisationen von deutschem Gebiet aus verantwortlich gemacht. Diese Ballons, die in das Gebiet der Sowjet-Union einflögen, seien eine Gefahr für den zivilen Luftverkehr. Die Sowjetregierung erwarte von der Bundesregierung, daß sie alle notwendigen Maßnahmen ergreife, um den Start solcher Ballons von westdeutschem Gebiet aus zu verhindern.
Zwei Tage vorher hatten die sowjetischen Botschafter in Washington und Ankara ähnliche Protestschreiben überreicht. Dort behaupteten die Moskowiter, die Ballons seien mit photographischen Kameras ausgerüstet, mit denen Luftaufnahmen von sowjetischen Territorien hergestellt werden könnten.
In Washington wie in Bonn stellte man sich zunächst ahnungslos. Die Presse der Bundesrepublik kombinierte, es handele sich um einen Versuch der Sowjets, die Propagandaaktionen des Senders "Radio Freies Europa" in München zu unterbinden. Diese osteuropäische Emigranten-Organisation hat mit Hilfe amerikanischer Dollars und günstiger Winde in der Zeit vom April 1954 bis zum 21. Januar 1956 rund 400 000 Ballons mit 250 Millionen antibolschewistischen Flugblättern nach Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei segeln lassen.
Der Sprecher des amerikanischen Außenamtes wiederum, Lincoln White, beschrieb die Erscheinungen am Himmel der Sowjet-Union, die Moskau zu geharnischten diplomatischen Protesten veranlaßt hatten, als harmlose "Wetterballons" und meinte, es sei "unglaubhaft", daß solche Ballons Kameras enthalten, mit denen Luftbilder etwa von sowjetischen Rüstungszentren aufgenommen werden könnten. "Die Fernsehtechnik", ulkte der Sprecher, "ist noch nicht weit genug entwickelt, um auf diese Art und Weise Informationen zu erhalten. Man müßte also die Ballons auf der anderen Seite (der UdSSR) wieder aufsammeln. Dazu wäre jedoch ein ausgedehnter Einsatz von Patrouillenbooten in der Arktis und im Pazifik notwendig. Freiballons sind von den Windströmungen abhängig, und damit sind die Chancen, einigermaßen nützliche Luftaufnahmen zu erhalten, praktisch gleich Null. Alles, was man vielleicht dabei erhalten könnte, sind ein paar schöne Aufnahmen von Wolkenformationen."
An der These, daß es sich bei den Objekten des diplomatischen Notenwechsels lediglich um harmlose meteorologische Ballons handele, hielt auch der Sprecher der amerikanischen Luftwaffe fest. Allerdings gab er aufschlußreiche technische Einzelheiten der "Wetterballons" bekannt:
* In den letzten vier Jahren sind insgesamt 4000 derartige Wetterballons im Zuge der "Operation Moby Dick"* gestartet worden.
* Im Laufe des Dezember hat die amerikanische Luftwaffe 500 solcher Ballons 200 von Schottland, 300 von Alaska und fernöstlichen Stationen aus - aufsteigen lassen.
* Die Ballons sind unter Ausnutzung
stratosphärischer Strömungen in der Lage, einmal um den Erdball zu segeln.
* Die Gondeln der Ballons sind mit zwei
Kameras ausgerüstet. Eine Kamera photographiert in bestimmten Perioden die jeweiligen Barometerstände, die andere "Wolkenformationen" und "Wetterfronten".
* Der Flug eines Ballons kann durch Radiosignale von Erdstationen oder von Wetterflugzeugen aus gestoppt werden.
* Die zivile Luftfahrt wird nicht behindert, da die Ballons automatisch herabfallen, wenn sie nicht innerhalb der ersten 35 Minuten ihres Fluges eine Mindesthöhe von 30 000 Fuß (9144 Meter) erreicht haben.
Am Mittwoch vorletzter Woche beantworteten die Vereinigten Staaten die sowjetische Note und stellten fest, daß die "Wetterballons" mit Sicherheitsvorrichtungen ausgerüstet seien, so daß die Luftfahrt durch sie nicht behindert werde. "Zur Vermeidung von Mißverständnissen" hätten sich die USA jedoch entschlossen, keine weiteren Wetterballons zu starten, die nach den Erfahrungen der letzten Monate möglicherweise über sowjetisches Gebiet abgetrieben werden könnten.
Am folgenden Tage, dem 9. Februar, wurden die in Moskau akkreditierten Pressekorrespondenten zu einer Konferenz in das Spiridonowka-Palais eingeladen. Über dem Hofe schwebten träge in der kalten Winterluft etwa 50 riesige, an Seilen gefesselte amerikanische Ballons, die von den Sowjets über ihrem Hoheitsgebiet erbeutet worden waren.
Leonid F. Iljitschow, Sprecher des sowjetischen Außenministeriums, variierte in seiner Erklärung einen technischen Terminus des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles (SPIEGEL 4/1956): "Es handelt sich hier um Versuche amerikanischer Militärorgane, eine Politik zu betreiben, die an den Abgrund des Krieges' führen muß." Iljitschow rechnete vor, daß jeder Ballon etwa 50 000 Dollar koste und eine Last von 650 Kilogramm tragen könne.
Dann demonstrierte Oberst A. W. Tarantzow an einem erbeuteten Objekt, dessen Gondel etwa wie ein Haushalts-Eisschrank aussah, die Verwendungsmöglichkeiten eines amerikanischen Wetterballons: "Jeder Ballon ist mit einem Sender ausgerüstet, der in bestimmten Zeitabschnitten Signale ausstrahlt. Die radiokontrollierten Ballons sind in der Lage, das Gebiet der Sowjet-Union in sieben bis zehn Tagen zu überfliegen. Die Gondel mit den Kamera-Apparaturen kann dann auf bestimmte Radiosignale hin mit Hilfe eines Fallschirms abgeworfen werden."
Schließlich bescherte Oberst Tarantzow der Pressekonferenz eine Sensation. Er entnahm einem der Haushalts-Eisschränke einen entwickelten Film, erklärte, daß jede Kamera 450 bis 500 Aufnahmen machen könne, und ließ mehrere Negative auf einen Bildschirm werfen. Die Bilder zeigten ein bergiges Gelände und einen Flugplatz.
Wieder einen Tag später erklärte der amerikanische Außenminister Dulles, die Regierung in Washington sei bereit, die sowjetischen Proteste gegen die Ballon-Aktionen der US-Luftwaffe "zu respektieren". Aber er bestritt, daß die Ballons militärischen Zwecken dienten. Sie sollten nur wissenschaftliches Material für das internationale geophysikalische Jahr 1957/58 erbringen. Es sei "ein großer Zufall", wenn die Kameras einmal auch Bilder des Bodens aufnähmen.
Völkerrechtsexperten des State Department erklärten außerdem, die ganze Angelegenheit diene der Sowjetregierung nur als Vorwand, ein neues internationales Luftrecht propagandistisch vorzubereiten. Moskau wolle sich so die Möglichkeit schaffen, gegen die amerikanischen Weltraum-Satelliten zu protestieren, die 1957 gestartet werden sollen. Die Sowjets, so wurde gesagt, seien ernsthaft über die Möglichkeit beunruhigt, daß die Amerikaner dann große Teile des Erdballs und besonders auch sowjetisches und chinesisches Territorium photographieren könnten.
Die Wahrheit über die ganze Affäre ist diese:
Sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets versuchen bereits seit Jahren, die von Eisenhower auf der Genfer Konferenz vorgeschlagene Luftüberwachung auf ihre Weise durchzuführen. Die Sowjets sind vor allem an Alaska, Grönland und Kanada, die Vereinigten Staaten am gesamten Territorium des Ostblocks interessiert. Flugzeug-Spähtrupps beider Seiten, die Fernaufnahmen mit Infrarotfilmen anfertigen sollten, führten mehrfach zu Zwischenfällen.
Seit geraumer Zeit versuchen nun beide Mächte, statt der Flugzeuge große Ballons für solche Aufklärungszwecke einzusetzen - sowjetische Ballons wurden in der Türkei und in Japan geborgen -, wobei die Luftströmungen in der Stratosphäre die amerikanischen Experimente begünstigen. In Westdeutschland werden solche Ballons, die 70 Meter lang sind und einen Durchmesser von 15 Metern haben, vom Nato-Flugplatz Giebelstadt bei Würzburg gestartet.
Die in diesem Winter in Europa vorherrschenden Ostwinde geben der amerikanischen Luftwaffe eine zusätzliche Chance, große Teile des europäischen Rußlands schnell und sicher mit Hilfe solcher Ballons zu photographieren.
Da es einzelnen, in großer Höhe fliegenden Maschinen durchaus möglich ist, den Radarschirm des Gegners zu durchbrechen (SPIEGEL 39/1955 und 53/1955), stießen amerikanische Langstreckenbomber vom Typ B 52 im Januar mehrfach weit in den Luftraum der europäischen Sowjet-Union vor, starteten von Bord der Maschinen mit Kameras ausgerüstete "Wetterballons" und ließen sie von Höhenwinden nach Pakistan, dem Nahen Osten oder der Türkei treiben.
In den Sprachen dieser Länder ist für die ahnungslosen Finder der Ballonkörbe folgende Gebrauchsanweisung aufgemalt: "Diese Kiste kommt vom Himmel. Sie ist völlig harmlos. Ihr Inhalt besteht aus Wetterinformationen. Benachrichtigen Sie bitte die Behörden. Sie werden eine wertvolle Belohnung erhalten."
Um die Sache idiotensicher zu machen, ist die Gebrauchsanweisung für Analphabeten außerdem auf Bildtafeln dargestellt.
* "Moby Dick" ist der Titel eines Romans des Amerikaners Herman Melville, der die Jagd eines vom Vergeltungswahn besessenen Kapitäns auf den riesenhaften weißen Wal Moby Dick schildert. Die Wetterballons ähneln beim Start in Form, Farbe und Größe weißen Riesenwalen.

DER SPIEGEL 8/1956
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