29.02.1956

STREITKRÄFTE / HEUSINGER

Die tragische Laufbahn

(s. Titel)

Endlich mangelt ihm die Kraft und Lebendigkeit, ohne welche ein Truppenbefehlshaber seine Autorität auf die Dauer nicht zu behaupten vermag.

Der preußische Generaistabschef von Reyher über den Obersten im Generalstab Helmuth von Moltke, 1852.

Das Publikum hatte kaum ein Auge für den unscheinbaren General, der wie verlassen am Kasernentor wartete. Über den Kasernenhof des Andernacher Rekrutendepots schnarrten unterdes die Kommandos. Die erste Paradeaufstellung der bundesrepublikanischen Wehrmacht ging in Szene.

Westdeutschlands junge Mannschaft strich in letzter Minute schnell noch die Mantelfalten glatt, rückte die baumwollenen Koppelriemen zurecht und suchte ein letztes Mal vergeblich, die hochgestülpten Hosen über die Gamaschenschäfte zu zupfen. Theo Blanks Generalstäbler - am rechten Flügel: ein Generalmajor und fünf Brigadegenerale - zogen die Tellermützen in die Stirn. Die Inspekteure des Heeres, der Luftwaffe und der Marine bauten sich vor der Front ihrer Lehrkompanien auf. Der Inspekteur der Wehrmacht übernahm das Kommando.

Da war aber noch der General, der sich, ob der ungewohnten Öffentlichkeit schüchterner noch als sonst, am Kasernentor postiert hatte. Klein, geduckt, im weitgeschnittenen Mantel eher zart als untersetzt, entsprach seine unauffällige Erscheinung nur wenig dem herkömmlichen Bild glanzvoller militärischer Repräsentanz - trotz des goldbeladenen Mützenschirms und der drei goldenen Generalssterne auf den Schulterklappen*.

Wenn es nach Theo Blank gegangen wäre, hätte dieser General freilich nicht am Kasernentor Posten gefaßt, sondern auf dem Kasernenhof das Kommando geführt. Doch als der Mercedes des Bundeskanzlers im Andernacher Kasernement ausgerollt war, wurde es offenbar: Für den Generalleutnant Adolf Heusinger, 58, dem die Kundigen großzügigerweise den "schärfsten strategischen Verstand des ganzen Westens" nachrühmen, gibt es keinen Platz in der Kommando-Hierarchie der bundesdeutschen Streitkräfte. Heusinger meldete dem Kanzler nicht, er begrüßte ihn.

"Über meiner Laufbahn liegt eine große Tragik", kommentiert Heusinger jenen Spruch des Personalgutachter-Ausschusses für die Streitkräfte, dessentwegen der oberste Soldat der Bundesrepublik nicht kommandieren darf, auch nicht - wie die vier Inspekteure - im Auftrage seines ihm zugetanen Ministers. Heusinger gibt seinen bitteren Kommentar ohne Schärfe, doch auch ohne die Attitüde eitlen Selbstmitleids. Aus dem von Falten und Fältchen gekerbten Gesicht, dessen angestrengter Ausdruck durch den Charme der klugen Augen gemildert wird, spricht jener nüchterne Gleichmut, der schon zu Hitlers Zeiten aktenkundig wurde.

Der General, der als Operationschef des großdeutschen Heeres in vier höchst unbefriedigenden Kriegsjahren nie Mißvergnügen zeigte und nicht ein einziges Mal Gelegenheit fand, vernehmlich nein zu sagen, hat auch das fatale Gutachter-Urteil geschluckt. Wer erwartet hatte, Heusinger werde sich diesmal wenigstens krank melden, wenn nicht sogar ganz einfach gehen, sah sich enttäuscht. In der Bundeshauptstadt erinnerte man sich der Worte, die Heusinger bereits ein Jahr vorher gesprochen hatte: "Ich weiß, daß man mich den Cunctator (Zauderer) nennt."

Wie es dazu kam, daß ihn das Soldatenglück so beharrlich gemieden hat - Heusinger erklärt es so: "Es gibt für mich keine größere Freude, als in Andernach den jungen Soldaten gegenüberzutreten. Das war der Sinn meiner Berufswahl vor vierzig Jahren. Ich bin Soldat geworden, weil es mich reizte, solche jungen Menschen zu erziehen und zu führen."

Aber: "Leider bin ich nie dazu gekommen, weil ich immer in den Stäben saß."

Genau das war der Grund, der die Gutachter bewogen hatte, dem General, der nie ein Regiment geführt und "in den Stäben" immer auf dem zweiten Platz gesessen hat, den Zugang zu einem der beiden repräsentativsten Kommando - Plätze der neuen Wehrmacht - Inspekteur der Wehrmacht und Inspekteur des Heeres - für alle Zukunft mit der Beurteilung zu versperren:

> "Nicht geeignet als Oberkommandierender der Streitkräfte oder Oberbefehlshaber des Heeres" (SPIEGEL 51/1955).

Dem Personalgutachter - Ausschuß hatte es vorher obgelegen, sich Einblick in die Personalwirtschaft des Verteidigungsministeriums zu verschaffen. Was er dabei entdeckte, hatte gewisse Illusionen über eine universelle Eignung Heusingers zerstört. Die Personalsachen, zu allen Zeiten - vorzugsweise aber in derAufstellungsphase einer Armee - das wichtigste und diffizilste Ressort der Armeespitze, waren erstaunlich nachlässig geführt worden.

Beispielsweise hatte das Ministerium mit den Bürgen, die von den Reflektanten auf Offizierstellen schon vor Jahr und Tag benannt worden waren, in etlichen Fällen noch nicht einmal Kontakt aufgenommen. Meistens fehlten auch die vorgeschriebenen politischen Atteste über die Nachkriegszeit der Bewerber.

Zu diesem Debakel war es so gekommen: Der damalige Leiter der Unterabteilung "Personal" in der Militärischen Abteilung, der jetzige Brigadegeneral Brandstädter, hatte in all den Jahren, da die Bewerbungen einliefen, darauf vertraut, daß sein Referent, der jetzige Oberstleutnant von Kleist, das Geschäft vorantreiben werde. Kleist wiederum stimmte mit seinem Chef Brandstädter völlig darin überein, daß Ehrgeiz schädlich sei. Kleist setzte alle Hoffnungen auf seine Sekretärin d'Haussonville, die schon in der Personalgruppe P 3 (Generalstabsoffiziere) des Heerespersonalamtes in der Bendlerstraße zu Berlin ähnliche Dienste verrichtet hatte. Heusinger, dem die Dienstaufsicht über die Unterabteilung "Personal" oblag, war keineswegs aus seiner obligaten Reserve herausgetreten, sondern hatte die Finger aus dieser menschlich schwierigen Sache so gut wie ganz herausgehalten.

So viel bescheidene Zurückhaltung gab bei den Personalgutachtern den Ausschlag gegen Heusinger.

Dabei, hatte Heusingers Mangel an Initiative genau der Zurückhaltung seines Ministers in Personalfragen entsprochen. Das wurde klar, als Theo Blank den Wunsch der Gutachter, der Minister möge auch solche Generale und Obristen heranholen, die sich bislang nicht beworben hätten, mit einer etwas krausen Bemerkung beiseite wischte, die den gelernten Gewerkschaftssekretär verriet: "Ich bin wie ein Arbeitsamt. Wer sich bei mir meldet, wird beschäftigt. Wer wegbleibt, dem lauf' ich nicht nach."

Es konnte nicht wundernehmen, daß dieses Marktprinzip bei niedrigstem Angebot nur wenig Spielraum für ein planmäßiges Ausleseverfahren eröffnete. Daß beispielsweise der Generalmajor Laegeler als Inspekteur des Heeres auf dem Stuhl der Generalobersten von Seeckt und von Fritsch sitzt, verdankt der Schwabe, wenn nicht dem bloßen Zufall, so höchstens der alten Bekanntschaft mit seinem Landsmann Speidel, dem Inspekteur der Wehrmacht. Jedenfalls gibt es Hunderte von Generalen in Westdeutschland, die kaum weniger Befehlshaber-Qualitäten mitbrächten als Laegeler.

Im Bundeshaus und in der Ermekeilkaserne fehlt es denn auch nicht an kritischen Beobachtern, die nach dem "besten Mann" für das Heer Ausschau halten. Sogar der SPD-Bundestagsabgeordnete Helmut Schmidt, Kriegsoberleutnant und Batteriechef, zeigt sich bekümmert: "Unsere Aufgabe sollte es eigentlich nicht sein, starke Generale zu besorgen." Als erster Kandidat für das Amt des Heeres-Inspekteurs - das zur Zeit Laegeler innehat - gilt heute der General der Panzertruppen außer Diensten Röttiger, bei Kriegsende Chef der Heeresgruppe Italien.

Bei der Marine steht es nicht sehr viel besser. Ihr Inspekteur, der Kapitän zur See Zenker, führt die Geschäfte nur kommissarisch. Daß er sich bei seiner Ansprache vor der Marine-Lehrkompanie in Wilhelmshaven mit einigen Bemerkungen über den Fall Dönitz auf politisches Glatteis wagte und prompt ausrutschte, hat seine provisorische Position nicht gestärkt und dem Großadmiral in Spandau nicht geholfen. Dennoch bemühen sich die Admiralstäbler im Hause Blank nach Kräften, ihren Chef zu halten.

Der Plan, Zenker vom Fregattenkapitän außer Diensten zum Flottillenadmiral zu befördern - wobei er den Rang eines Kapitäns zur See übersprungen hätte -, scheiterte am Veto des Bundespersonalausschusses (für Beamte). Gleichzeitig aber rückte der Kapitän zur See außer Diensten Gerlach - der in der Abteilung "Marine" des Ministeriums unter Zenker rangiert zum Flottillenadmiral auf, ohne einen Dienstgrad zu überspringen.

Zenkers Gehilfen gingen auf Gefechtsstation. Sie forderten - wie im Hause Blank bei internen Schwierigkeiten seit je gang und gäbe - draußen, bei Parlamentariern und Presseleuten, Verstärkung an. Für den Flottillenadmiral Gerlach wurde dann eine Stelle gefunden, in der er dem Kapitän zur See Zenker keine Konkurrenz machen kann*. Die Admiralstäbler pfiffen den Alarm ab: "Wir haben den neuen Admiral außenbords gehievt."

Gleichwohl wird Zenker den Inspekteurposten früher oder später abgeben müssen. Sein designierter Nachfolger, der Vizeadmiral außer Diensten Ruge, ist Experte für Minenlegen, -suchen und -räumen. Viel mehr, als solcherart die Küsten der Nord- und Ostsee zu schützen, wird der bundesdeutschen Flotte nicht aufgetragen werden.

Nur der kommissarische Inspekteur der Luftwaffe, der Oberst Panitzki, hat bessere Aussichten, das Provisorium zu überdauern. Jedenfalls ist es Theo Blank bisher noch nicht gelungen, einen Fliegergeneral ausfindig zu machen, der etwas vom Fliegen versteht und so wenig Göring-belastet ist, daß er an der Personalgutachter-Barriere nicht zu Bruch ginge. In Sachen Galland halten mittlerweile mehrere Interessenten Material über Nachkriegs-Geschäfte parat, vermittels dessen sie den einstigen Jagdflieger-Inspekteur, sollte er sich bewerben, abzuschießen gedenken.

Wieviel Sternlein?

Was nun Heusinger selbst betrifft, so befleißigten sich die Personalgutachter des gehörigen Taktes, als sie dem Verteidigungsminister nahelegten, den General nicht auf die erste Kommando-Stelle der neuen Streitkräfte zu placieren. Theo Blank indes war für die leisen Zwischentöne der Gutachter auf beiden Ohren taub: "Wenn überhaupt jemand Vier-Sterne-General wird, dann ist das Heusinger."

Im ersten Zorn über Blank dachten die Gutachter daran, HeusingersAntrag schlichtweg mit der Zensur "Nicht geeignet" zu versehen. Man besann sich jedoch auf die menschlichen Persönlichkeitswerte des Generals, die von niemandem bestritten werden. Außerdem war den Gutachtern klar, daß Heusingers enorme operative Fähigkeiten dem Westen nicht verlorengehen dürften. Als Oberbefehlshaber allerdings wollten sie ihn keinesfalls zulassen.

Die Gutachter bestimmten aus ihrer Mitte den General der Panzertruppen außer Diensten Kuntzen, mit Heusinger Fühlung zu nehmen. Kuntzen hatte sich vor Zeiten als Adjutant des Chefs der Heeresleitung, des Generalobersten von Hammerstein -Equord, und als Abteilungschef im Heerespersonalamt für die Erledigung derart delikater Missionen qualifiziert. Er bat Heusinger, von sich aus zu verzichten, falls Theo Blank ihn an die Spitze der neuen Streitkräfte setzen wollte. Kuntzen bekam einen Korb.

Heusinger hatte zwar einige Zeit zuvor mit schöner Offenheit erklärt: "Das Schlimmste, was mir passieren könnte, wäre, wenn mich die Welle der Trägheit auf den Posten des Oberbefehlshabers hochspülen würde. Das gäbe wirklich eine Katastrophe, denn das kann ich nicht." Inzwischen aber hatte er diesem Posten Geschmack abgewonnen, so daß der Ausschuß-Emissär Kuntzen unverrichteterdinge zurückkam. Woraufhin denn die Gutachter dem General die Eignung als Befehlshaber einstimmig absprachen.

Der Gegenzug des Verteidigungsministers war schnell beschlossen. Theo Blank zog sich mit einem Trick aus der Affäre; er ernannte Heusinger zumVorsitzenden des Militärischen Führungsrats.

Dieses Kollegium ist blaupausengenau den Joint Chiefs of Staff nachgebildet, dem Gremium der "Vereinigten Stabschefs" im amerikanischen Verteidigungsministerium. In der deutschen Kopie waren für den Führungsrat ursprünglich die Inspekteure der drei Wehrmachtteile - Heer, Luftwaffe, Marine - und als Koordinator gemeinsamer Belange der Wehrmacht-Inspekteur vorgesehen. Der Wehrmacht-Inspekteur sollte zwar kein kommandierender Vorgesetzter der drei Wehrmachtteil-Inspekteure (Heer, Marine, Luftwaffe) sein; doch sollte er den Vorsitz im Gremium der Inspekteure führen und vier Sterne tragen, während die übrigen drei Ratskollegen nur mit drei Sternen geschmückt werden sollten.

Die vier Sterne waren nach Blanks Entwurf ursprünglich Heusinger zugedacht.

Als das Veto der Personalgutachter dem' Spitzenkandidaten Heusinger den ersten Kommando-Platz als Wehrmacht-Inspekteur vorenthielt, rückte in die ihm zugedachte Stelle - allerdings ohne vierten Stern - der Generalleutnant Speidel ein, der bis dahin von der Bonner Bildfläche nach Paris verschwunden war, nachdem er Ministern und Staatssekretären zu verstehen gegeben hatte, eine Stelle unter Heusinger sei für ihn unannehmbar.

Beide Generale, Heusinger und Speidel, rangierten im Hause Blank seit Januar 1951 nebeneinander, zunächst als freie Gutachter, ab Juli 1952 als Angestellte, ab November vorigen Jahres als neue Generalleutnante (drei Sterne). Beide sind gleich alt. Speidel war ein Jahr vor Heusinger Soldat geworden, dafür aber ist Heusingers erstes Generalleutnants-Patent ein Jahr älter als Speidels.

Bonner Auguren hatten rasch einen Doppelnamen für beide gefunden: "Castor und Pollux". In der Ermekeilkaserne war man vorsichtiger: "Wir sagen immer Die Zwillinge', weil wir nicht zu entscheiden wagen, wer der Castor und wer der Pollux ist*."

Speidel war nun nach dem Heusinger-Spruch der Personalgutachter in die Stelle eingerückt, in der - nach Blanks ursprünglichem Plan - Heusinger als Inspekteur der Wehrmacht gleichzeitig dem Militärischen Führungsrat präsidieren sollte.

Indes, Theo Blank hatte inzwischen einen Ausweg aus dem Heusinger-Dilemma ersonnen. Der Minister vervollständigte wiederum nach amerikanischem Muster das Kollegium der vier Inspekteure um einen fünften Ratskollegen, der nicht Inspekteur ist, sondern als quasi unparteiischer Vorsitzender des Führungsrats fungiert. Dieses Amt wurde dem Generalleutnant Heusinger angetragen, der seither - nach amerikanischen Begriffen - der oberste Soldat der Bundesrepublik ist, wenngleich er keine irgendwie geartete Kommandogewalt hat.

Zwischen den Joint Chiefs of Staff und dem Führungsrat Bonner Machart gibt es nun freilich einen bedeutenden Unterschied. Der Vorsitzende im Pentagon - zur Zeit Admiral Radford - verfügt über einen eigenen Generalstab, der bis zu 210 Offiziere - 70 je Wehrmachtteil - umfassen kann. Heusinger jedoch hat keinen eigenen Unterleib.

Ohne eigenen Stab wird also der Vorsitzende Heusinger im Führungsrat den vier - von ihren Stäben wohlinformierten und mit Material versorgten-Inspekteuren von Wehrmacht, Heer, Luftwaffe und Marine hilflos gegenüberstehen.

Diesen Mangel hatte Theo Blank im Auge, als er in seiner gewohnten Polterhaftigkeit schwadronierte: "In den Führungsrat kommen fünfzehn Moltkes hinein, wirkliche Köpfe." Mittlerweile ist die Zahl der Mitarbeiter, die Heusinger zur Hand gehen sollen, auf acht reduziert worden, unter denen dem Vernehmen nach kein Moltke sein wird. Dieser winzige Arbeitsstab soll vornehmlich Verbindung zu den vier großen Stäben halten. Heusinger malt sich unterdes seine militärische Zukunft so aus: "Ich möchte in völliger Ruhe, weit abgesetzt von der Routine der täglichen Arbeit, die echte Problematik der Zukunftsplanung studieren."

In dem Organisations-Entwurf des Verteidigungsministeriums, der in der vorletzten Woche das Bundeskabinett passiert hat, ist von diesen acht Heusinger-Gehilfen noch nicht die Rede. Theo Blank möchte erst einmal seinen Führungsrat und dessen isolierten Vorsitzenden Heusinger durchbringen, ehe er sich mit einer Vorlage über die acht Rats -Stäbler hervorwagt.

Es entspricht dem amerikanischen Vorbild, daß der Ratsvorsitzende Heusinger keine Kommandogewalt über seine vier Ratskollegen Speidel, Laegeler, Zenker und Panitzki ausübt. Amerikanisch ist auch, daß der Militärische Führungsrat als Ganzes lediglich die "Verwendungsbereitschaft der Streitkräfte" plant und den Verteidigungsminister darüber berät, jedoch keinerlei Weisungen oder Befehle an die Truppe gibt. Was allerdings in Washington nicht bedeutet, daß die Joint Chiefs of Staff etwa bar jeden politischen Einflusses wären.

Der Generalleutnant Heusinger kann es sich als sein Verdienst anrechnen, daß Bundeskabinett und Bundestag gegenwärtig keinerlei Mißtrauen gegen den sprichwörtlichen politischen Ehrgeiz der Generale hegen. Allerdings ist die Furcht vor der schon fast legendären politischen Macht der Militärs dennoch das tragende Motiv bei den Beratungen über den Oberbefehl und die Organisation des Verteidigungsministeriums.

Daß diese Debatte, die auf dem Bonner Fahrplan heute obenan steht, mit soviel Aufregung geführt wird, hat bündelweise historische, politische und technische Gründe. Seit der Zeit, da sich in Preußen die ersten zaghaften Tendenzen zum Rechtsstaat geregt hatten, war der Oberbefehl das Hauptthema der Verfassungskämpfe zwischen Krone und Parlament. Der eigentümlich preußische Dualismus zwischen Verfassungsstaat und Militärstaat lebte in der Weimarer Republik im Hickhack zwischen dem Reichswehrminister und dem Chef der Heeresleitung wieder auf. Noch heute geistert der Name des übermächtigen Reichswehrchefs Generaloberst von Seeckt wie ein Nachtmahr durch die Diskussionen der Bonner Wehr- und Verfassungsexperten.

Der Streit ging damals um den größeren Anteil an der Kommandogewalt*. Die Bedeutung dieser Kommandogewalt hebt sich von der aller anderen Hoheitsrechte dadurch ab, daß die Wehrmacht das einzige

staatliche Exekutivorgan ist, in dem auf Tod und Leben befohlen und gehorcht wird.

Hinzu kam damals - mit der Entwicklung der Marine und später der Luftwaffe zu autonomen Wehrmachtteilen neben dem Heer - die Konkurrenz der drei Oberkommandos um den größeren Batzen aus dem Haushaltstopf und um den stärksten Einfluß auf die Führung der Operationen. Wobei sich alle drei immerhin darüber einig waren, daß das ihnen übergeordnete Oberkommando der Wehrmacht überhaupt nicht operativ zu führen habe. Dies alles erklärt, warum es im Stammland der Soldaten und Organisatoren höchst selten geglückt ist, die Armeespitze so zu organisieren, daß politische Führung und militärisches Kommando zum Nutzen des Staates einheitlich funktionierten. Abgesehen davon, hat der Wirrwarr der Kommandostränge, die unzweckmäßigerweise nebeneinander herliefen und miteinander verknotet waren, den Nutzeffekt der Wehrmacht nicht gerade gesteigert. Befehl und Kommando

Die Weimarer Demokraten waren zwar bestrebt gewesen, eine Wehrverfassung zusammenzubasteln, die den Vorschriften des Versailler Vertrages und der Verfassungsordnung der parlamentarischen Demokratie gleichermaßen genügen sollte. Doch das Vorhaben mißlang schon im Ansatz.

Statt die ungeteilte Kommandogewalt dem Reichswehrminister zu geben, der parlamentarisch voll verantwortlich und - ohne Kanzlersturz - absetzbar war, beschloß die Nationalversammlung den Artikel 47 der Reichsverfassung:

> "Der Reichspräsident hat den Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht des Reiches."

Gleichwohl hat in der Praxis dann der Reichspräsident die Ausübung des Oberbefehls dem Reichswehrminister übertragen; die Bonner Parlamentarier aber wollten dieses Schema dennoch nicht übernehmen, sondern jede auch nur denkbare Abhängigkeit des parlamentarisch kontrollierbaren Verteidigungsministers - des alleinigen

Inhabers der ungeteilten Kommandogewalt - vom Bundespräsidenten ausschließen. Diejenigen der sogenannten Kommandosachen, die einerseits unter den Begriff des Oberbefehls fallen, andererseits aber dem Staatsoberhaupt traditionsgemäß zustehen, wie

> Ernennung und Entlassung der Offiziere,

> Verleihung der Orden und Ehrenzeichen,

> Bestimmung der Uniformen,

> Zeremoniell und

> Gnadenerweise,

sollen dem Katalog der bundespräsidialen Repräsentationsrechte im Artikel 60 des Grundgesetzes hinzugefügt werden.

Im Grundgesetz soll aber auch die Formel stehen:

> "Der Bundesminister für Verteidigung

hat die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte."

Dabei ist den Parlamentariern nicht verborgen geblieben, daß die beiden Einzelteile des Doppelbegriffs "Befehls- und Kommandogewalt" sprachlich und inhaltlich dasselbe bedeuten*.

Es liegt an der Vorgeschichte dieses Doppel-Gemoppels, daß sich die Bonner Wehrexperten seiner bedienen.

Jener General von Seeckt, dem die Historie den Versuch nachsagt, die Armee der unmittelbaren Kontrolle der vom Volk ausgehenden Staatsgewalt zu entziehen, hatte dem Reichswehrminister Noske im Januar 1920 über die provisorische Organisation des Reichswehrministeriums geschrieben: "Das Ministerium krankt an der engen Vermischung zweier naturnotwendig zu trennender Begriffe: einer Verwaltungsbehörde und eines kommandoführenden Stabes."

Weiter: "Die Einrichtung des parlamentarisch verantwortlichen, parteipolitisch gebundenen, an den verfassungsmäßigen Aufgaben des Gesamtkabinetts voll beteiligten Reichswehrministers ergibt ohne weiteres die Notwendigkeit, unter ihm an die Spitze der Armee eine kommandoführende Persönlichkeit, einen Fachmann, also einen General, zu stellen."

Der Reichstag akzeptierte Seeckts Forderung nach einem militärischen Oberkommandierenden. Da der Versailler Vertrag verboten hatte, die vom Ministerium unabhängige Kommandobehörde eines Oberbefehlshabers des Heeres einzurichten, brachte man sie im Ministerium unter, was ihrer Autonomie keinen Abbruch tat. Ebenfalls aus Tarnungsgründen taufte man diese Behörde, die de facto das Oberkommando des Heeres war, auf den unverfänglichen Namen "Chef der Heeresleitung"**.

Um für diesen Chef der Heeresleitung

- mithin für sich selber - die ungeteilte

Kommandogewalt einzuheimsen, jonglierte Seeckt mit Begriffen. Da das Wort Oberbefehl bereits an Reichspräsident und Reichswehrminister vergeben war, machte Seeckt aus eins zwei. Er erfand Unterschiede zwischen der Befehlsgewalt, die Präsident und Minister ausübten, und der Kommandogewalt, die er für sich in Anspruch nahm - bis die Interalliierte Militär-Kontroll-Kommission (IMKK), die den Vollzug der Militärklauseln des Versailler Vertrages in Deutschland überwachte, schließlich beanstandete, daß der Chef der Heeresleitung wie ein Oberbefehlshaber uneingeschränkt und unkontrolliert kommandierte. Reichspräsident von Hindenburg gab daraufhin, Anfang 1926, mit der Verordnung "Befehlsbefugnisse im Reichsheer" die direkte Kommandogewalt über das Heer an den Reichswehrminister zurück.

Da aber war es dieser Minister selber, der wieder preisgab, was er eben zurückgewonnen hatte. Der Reichswehrminister ließ es zu, daß vermittels der Geschäftsordnung des Reichswehrministeriums jene Befehls-Verordnung des Präsidenten praktisch aufgehoben wurde. Alle Kommandobehörden und Ämter des Heeres wurden im Paragraphen 5 dieser Geschäftsordnung als unmittelbar nachgeordnete Behörden "unter dem Chef der Heeresleitung" - nicht: unter dem Minister - bezeichnet. Seeckt behielt also die höchste Disziplinargewalt über alle Soldaten des Heeres.

Der Reichswehrminister dagegen beschied sich mit dem Kontrollrecht über seine Adjutantur und die drei Abteilungen des Ministeriums:

> Abwehr (Spionage und Spionageabwehr),

> Recht und

> Haushalt,

Die Organisation des Bundesverteidigungsministeriums, die Theo Blanks Juristen entworfen haben, ist grundsätzlich anders aufgebaut als die Kommandostruktur der Reichswehr (siehe Graphik Seite 29). Diesmal sind alle militärischen und zivilen Instanzen nicht nur-wie in Reichswehr-Zeiten - zum Schein, sondern de facto nach den Grundsätzen der zivilen Verwaltung im Ministerium nebeneinander untergebracht (siehe Graphik oben). Dabei spiegeln die zehn (sechs zivilen und vier militärischen) Ministerialabteilungen wider, wie die ministeriellen Aufgaben unterteilt sind.

Im Ernstfall führt die Nato

Den Abteilungen obliegt es, dem zivilen Minister die Grundlagen für seine Entscheidungen zu liefern, ihn über die Entwicklung auf allen einschlägigen Gebieten zu informieren und ihm die Ausübung seiner Kommandogewalt zu ermöglichen. Im Weimarer Staat bedurfte der Reichswehrminister solcher Hilfsdienste nicht. Die wichtigsten Entscheidungen traf damals der Chef der Heeresleitung allein, wie er denn auch seine eigene Kommandogewalt hatte.

Alle zehn Abteilungen des Bonner Verteidigungsministeriums unterstehen unmittelbar dem Minister und dessen Staatssekretär Rust, so daß Theo Blank über eine Vielzahl voneinander unabhängiger Informationsquellen verfügt und nicht auf den Vortrag eines einzigen Mannes a la Seeckt angewiesen ist.

Die vier militärischen Abteilungen ähneln den früheren selbständigen Oberkommandos der Wehrmacht und der Wehrmachtteile nicht einmal von fern. Ihre Leiter, die vier Inspekteure, sind nicht - wie einst die Chefs der Heeresleitung und der

Marineleitung oder die Oberbefehlshaber der Wehrmachtteile - mit eigener Kommandogewalt ausgestattet. Ihre Befugnisse, die sie aus der Reihe der zivilen Abteilungsleiter herausheben, sind in ihrem Inspekteurtitel klar umrissen: Sie haben das Besichtigungsrecht über die Truppe, die Wehrbereichskommandos und die Wehrstandortkommandos. Wenn sie kommandieren, so nur im Auftrage des Ministers. Die Soldaten sind also der Kommandogewalt des zivilen Ministers direkt unterstellt.

Der Kommandoweg des Verteidigungsministers wird allerdings unterbrochen, sobald es um die operative Führung geht. Das Nato-Kommando Mitteleuropa in Fontainebleau (Befehlshaber: Frankreichs Marschall Juin) wird voraussichtlich zwei Nato-Armee-Oberkommandos einrichten, denen die bundesdeutschen Armeekorps taktisch unterstellt werden. Die westdeutschen Luftwaffen- und Marineverbände, die in Horsten und Häfen Hamburgs und Schleswig-Holsteins stationiert sind, werden taktisch zum Nato-Kommando Nordeuropa in Oslo gehören (Befehlshaber: der englische General Mansergh).

Mithin: Der Oberbefehl und die Organisation der Wehrmachtspitze in Bonn ist vorzugsweise unter Friedensgesichtspunkten von Interesse. Im Kriege kommandiert nicht der Bonner Verteidigungsminister, sondern das Nato-Oberkommando Europa in Paris (Oberbefehlshaber: der amerikanische General Gruenther).

So kommt es, daß die Bonner Wehrexperten an Projekten basteln, mit denen sie der Nato-Kommandogewalt (siehe Graphik oben) Rechnung tragen wollen. SPD -Fachmann Erler denkt beispielsweise daran, die Kommandierenden Generale von Fall zu Fall im Bonner Führungsrat

zu gemeinsamem Ratschluß zusammenzubringen. Solche Troupier-Konferenzen sollen verhindern, daß der Minister "truppenfremd" entscheidet und daß die Nato-Armee-Oberkommandos ihre Befugnisse in die westdeutschen Korps hinein ausweiten.

Darüber hinaus hegt man in Bonn die Hoffnung, daß wenigstens einer der beiden Nato-Armeeoberbefehlshaber ein bundesrepublikanischer General sein wird: Generalleutnant Speidel oder General der Infanterie außer Diensten Matzky, jetzt noch Inspekteur des Bundesgrenzschutzes. Beide Generale haben als Militärattaches internationale Erfahrungen gesammelt. Arbeit, Gedächtnis, Phantasie

An der Spitze aller Überlegungen, wie man Einfluß auf die Nato-Führung nehmen könnte, steht jedoch der Gedanke, den Generalleutnant Heusinger nach Washington in die Standing Group, die höchste militärische Nato-Instanz, zu entsenden. Heusinger hat seine Planer-Qualitäten längst bewiesen. Die Aufmarschpläne für die Unternehmen Österreich, Sudetenland, Prag und die Feldzüge des letzten Krieges waren das Werk der Operationsabteilung im Generalstab des Heeres. Als Erster Generalstabsoffizier dieser Abteilung fungierte seit August 1937 der Major im Generalstab Heusinger.

Ein Aufmarschplan kam so zustande: Der Generalstabschef entwickelte zunächst in großen Zügen seine Gedanken über die laut "Führeranweisung" zu planende Operation. Danach rüstete sich der Erste Generalstabsoffizier der Operationsabteilung, also Heusinger, mit einigen Karten im Maßstab 1:1 000 000, weichen Bleistiften, Radiergummi und Boenicke-Zigarren aus und schloß sich mit diesen Utensilien in seinem Zimmer ein.

In Heusingers Kopf entstand an einem Tage der erste Grundentwurf des Aufmarsches, wobei ihm - nach übereinstimmendem Zeugnis seiner Vorgesetzten -die drei Haupteigenschaften des Generalstäblers zustatten kamen: stetige Arbeitskraft, ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis und eine Phantasie, die aus der Karte plastisches Gelände hervorzauberte und den eigenen Plan mit den Augen des Gegners sah.

Die Angriffspfeile, die Heusinger in die Karte einzeichnete, saßen meistens auf Anhieb so genau, daß ihre Grundrichtung bei den wochenlangen Beratungen hinterher kaum noch verändert zu werden brauchte. Mit einer Karte, in die der Operationsplan ins reine gezeichnet war, ging Heusinger zum Vortrag beim Abteilungschef, der die ersten zusätzlichen Details befahl. Danach folgten die Vorträge zu zweit beim Oberquartiermeister I und zu dritt beim Generalstabschef - bis zum Herbst 1938 Beck, der regelmäßig etliche Abänderungen wünschte. Heusinger: "Beim Vortrag vor Beck hatte man tatsächlich den Eindruck, als ob man dem alten Moltke gegenübersäße."

War der Operationsplan auf der Karte gebilligt, so begann die Hauptarbeit. Heusinger schrieb selber jedes Wort mit der Hand, um die Zeichnung in die sogenannte Aufmarschanweisung umzusetzen. Dieser Befehlstext ging hernach von Stufe zu Stufe denselben Weg wie vorher die Karte. Erst die 13. bis 19. Fassung erhielt Becks Plazet.

Mittlerweile hat Heusingers operative Kunstfertigkeit sogar die Bewunderung des Nato-Oberbefehlshabers Gruenther erregt. In der Tat, der "schärfste strategische Verstand des ganzen Westens" wäre im Nato-Spitzenkollegium, der Standing Group, am rechten Platz. Heusingers Aufgabe in Washington wäre es, die speziellen operativen Forderungen vorzutragen, die sich daraus ergeben, daß die Ostgrenze der Bundesrepublik zugleich Hauptkampflinie des Westens ist, vor der deutsches Land liegt und deutsche Soldaten stehen.

Ungewiß bleibt freilich, ob Heusinger in Washington das vermag, wozu er bei Hitler und Blank nicht in der Lage war: seine Auffassung durchzuboxen.

Heusinger stammt nicht aus einer jener Soldatenfamilien, in denen das militärische Gewerbe, Generation für Generation, vom Vater auf den Sohn überging. In der väterlichen Familie zu Braunschweig gab es lauter lutherische Pastoren, Forstbeamte und Schulmeister*. Der Vater residierte in Helmstedt als Direktor des städtischen Gymnasiums.

Auch die hannoversche Bauernsippe von Alten, der Heusingers Mutter entstammt, hatte der preußischen Armee bis dahin keine Offiziere geliefert.

Im Mai 1915 hatte der Notabiturient Heusinger denn auch noch zwischen den Berufswünschen Soldat und Forstmann geschwankt. Der Krieg erleichterte ihm die Wahl für die Armee. Er wurde Fahnenjunker im thüringischen Infanterie-Regiment 96. Von seiner unterdrückten Neigung sagt Heusinger: "Ich bin nur ganz kurz ausübender Jäger gewesen. Aber beobachtender Jäger bin ich heute noch mit großer Passion. Ich liebe die Vögel."

Außer den Tieren und der Kriegsgeschichte aber hat Heusinger mehr oder minder heimlich noch ein drittes Hobby, das bei einem General einigermaßen ungewöhnlich anmutet , gleichwohl aber nicht schwer zu erklären ist. Heusinger verblüfft montags selbst ausgepichte Fußballfans im Verteidigungsministerium mit exakten Auskünften über den Tabellenstand der Fußball-Oberliga. Was den General so zu sorgfältigen Fußball-Studien inspiriert, ist das Vergnügen am taktischen Kalkül, am Spielplan, der auf den Gegner zugeschnitten ist. Die Reißbrett-Pusselei des Bundestrainers Herberger ist eine Sache nach dem Geschmack des Generalleutnants Heusinger.

Dem Fahnenjunker Heusinger wurde der erste taktische Schliff auf dem Truppenübungsplatz Döberitz beigebracht. Der kriegsbedingte Kriegsschul-Ersatz dauerte sechs Wochen. Der Fähnrich wurde vor Verdun schwer verwundet und mit dem Eisernen K reuz 11. Klasse dekoriert. Der Leutnant verdiente sich als Zugführer und Kompanieführer in den Schlachten an der Somme und vor Arras die 1. Klasse hinzu. Mit der Schlacht in Flandern war dann - Herbst 1917 - der erste Gang für *Heusinger unversehens zu Ende. Die Engländer fingen den zum zweiten Male Schwerverwundeten.

Im Dezember 1919 aus England zurück, spielte er wieder einmal mit dem Gedanken, Forstwissenschaft zu studieren. Da starb der Vater, das Geld wurde knapp, und finanzielle Gründe zwangen den Heimkehrer, in der Truppe zu bleiben.

Als 1923 die erste Rangliste der Reichswehr herauskam - nach der Fama ständige Nachttischlektüre aller Hauptmannsfrauen, deren Ehegatten vor der Majorsecke stehen- "Steh' auf, wir wollen General werden!" -, hatte Heusinger die öden Leutnantsverrichtungen auf Kasernenhof und Exerzierplatz bereits hinter sich. Der Leutnant Heusinger stand in dieser Rangliste als Adjutant des III. (Jäger-) Bataillons I. R. 15 zu Kassel verzeichnet. Zum Oberleutnant wurde Heusinger nach knapp zehn Dienstjahren, am 1. April 1925, befördert. Mit einem Taktik-Kurs in Dresden holte er nach, was im Krieg versäumt worden war. Nachdem er als Zugführer in der Maschinengewehr-Kompanie des Kasseler Jäger-Bataillons einige Monate ausgelüftet worden war, wurde er zwecks Führergehilfenausbildung in den Stab der 5. Division nach Stuttgart kommandiert*.

Die Zwischenprüfung stand er 1929 durch und kam für das dritte der sogenannten Zauberlehrlings-Jahre ins Reichswehrministerium nach Berlin. Dort schnitt er so gut ab, daß er - immer noch Oberleutnant - nach Schluß der Generalstabsausbildung geradenwegs in die T 1, die Heeres- (später: Operations-) Abteilung des Truppenamtes (später: Heeres-Generalstabes) kommandiert wurde. Sieben Jahre danach, 1937, wurde er Erster Generalstabsoffizier und weitere drei Jahre später Chef dieser Abteilung, die im Kriege die Führungsunterlagen für den Chef des Generalstabes präparierte.

In Heusingers frühste Generalstabs-Zeit fiel die Heirat mit der Kunsthistorikerin Gerda Krüger, die an der Universität Würzburg zum Dr. phil. promoviert hatte. War es im Offizierkorps durchaus nicht die Regel, eine Akademikerin zur Frau zu haben, so bewies Heusingers Wahl seine intellektuelle Beweglichkeit, die bei Offizieren allerdings auch nicht immer anzutreffen ist.

Daß es überdies sogar für einen Offizier nicht unpraktisch ist, mit einer Akademikerin verheiratet zu sein, zeigte sich nach 1945, als der Generalleutnant außer Diensten Heusinger drei Jahre eingesperrt saß, während die Doktorin Heusinger sich und ihre zwei Töchter mit ihrer Arbeit in den Braunschweiger Museen durchbrachte. Tochter Ruth, 23, studiert heute Sprachen an der Bonner Universität, Tochter Ada, 16, geht zur Schule.

Die Karriere des Reichswehr-Offiziers war zunächst nur mühsam vorangeschlichen. Heusinger hatte fast anderthalb Dutzend Dienstjahre voll, als er 1933 zum Hauptmann avancierte. Dann unterbrach das für alle Generalstäbler obligate Truppenkommando Heusingers Dienst in der Operationsabteilung. Die 13. (Infanteriegeschütz-) Kompanie des Paderborner Infanterie-Regiments 18, die der Hauptmann Heusinger zwölf Monate lang führte, blieb - seit 1927 und für immer - die letzte Truppeneinheit, die unter seinem Kommando stand.

Das Heerespersonalamt stellte ihm zwar im Sommer 1939 für das Jahresende die

Kommandeur-Stelle eines Panzer-Regiments in Aussicht. Als aber Hitler seinen Krieg anfing, war Heusingers Platz nach dem Mobilmachungs-Stellenplan nach wie vor in der Operationsabteilung des Generalstabes.

Ein Vorstoß, den Heusinger im Kriege unternahm, um zur Truppe zu kommen, scheiterte an Hitler, der gerade den Generalstabschef Halder schlicht verabschiedet hatte. Heusinger hatte fairerweise für Halder Partei genommen und Hitler gebeten, ihn - Heusinger - an die Front zu versetzen. Gleichwohl hielt Hitler, damals in Personalunion Oberbefehlshaber der Wehrmacht und Oberbefehlshaber des Heeres, seinen Operationschef Heusinger im Generalstab fest: Er solle zunächst noch dem neuen Generalstabschef Zeitzler zur Seite stehen, der sich erst mal einarbeiten müsse; ein halbes Jahr später könne man über die Versetzung reden.

Ein halbes Jahr später jedoch existierte bereits jener Befehl Hitlers, der rund 30 Generale und Generalstäbler aufzählte, denen es verboten war, um Versetzung einzukommen, und die ohne Hitlers Zustimmung nicht versetzt werden durften. Der inzwischen zum Generalleutnant aufgerückte Heusinger stand auf dieser Liste ziemlich obenan.

Über seinen Anteil an der operativen Führung des letzten Krieges hat Heusinger in dem Buch "Befehl im Widerstreit" berichtet. Der Bericht ist in der Manier eines Filmdrehbuchs von Bild zu Bild interessant zurechtgeschrieben. Darüber hinaus ist dieses Buch das menschliche Selbstzeugnis eines Generalstäblers, der in fünf Kriegsjahren genau das getan hat, was er befehlsgemäß tun sollte und was er - seiner Konstitution nach - tun konnte.

Der mißverständliche Titel des Buches regt Theo Blanks Generalstäbler heute noch zu Kasinospäßen an: "Was macht Heusinger in der Ermekeilkaserne?" - "Er schreibt an der Fortsetzung seines Romans ,Befehl im Widerstreit'!"

Dem Operationschef Hitlers war die Fähigkeit eigen und nützlich, aus den Berichten und Meldungen die wirkliche Lage herauszulesen und haargenau formulierte Schlüsse aus der jeweiligen Situation vorzutragen. Dabei stimmte sein Urteil fast immer mit den Auffassungen der Heeresgruppen und Armeen überein. Die von Heusinger ohne jede Schönfärberei erarbeiteten Anträge des Generalstabes wurden dem Oberbefehlshaber Hitler vom Generalstabschef vorgetragen, der Heusinger als Führungsexperten zum Vortrag mitnahm.

Da Hitler indes über Führung nicht diskutierte, kam Heusinger meistens nur als Erklärer von Kartenzeichen oder als Referent von Lageberichten zu Wort. Auch dabei kam er den Wünschen Hitlers keineswegs entgegen. Heusingers Pech war, daß seine heftigsten Formulierungen, die in den Ohren Becks wie Unverschämtheiten geklungen hätten, für Hitler überhaupt nicht wahrnehmbar waren.

Der Rest der täglichen Arbeit bestand darin, Hitlers Weisungen, die nur höchst selten den Wünschen des Generalstabes, der Heeresgruppen und der Armeen entsprachen, auszufertigen und an die Truppe herauszugeben. Stereotype Einleitungsformel am Telephon: "Der Führer hat anders entschieden."

Dennoch hat sich Heusinger nie geärgert. Er blieb tagaus, tagein ruhig, freundlich, ausgeglichen. Niemand hat in diesen Jahren je einen Temperamentsausbruch des Operationschefs erlebt.

Heusinger leitete die Operationsabteilung vier Jahre lang ohne Zwischenfall. Sein Nachfolger als Operationschef, der nach dem 20. Juli 1944 eingesetzte Oberst im Generalstab von Bonin, war eben drei Monate im Amt, als er schon hinaus- und ins KZ flog, weil er eigenmächtig, doch vernünftigerweise, Warschau aufgegeben hatte.

Was am 20. Juli 1944 in Hitlers Hauptquartier geschah, daran war Heusinger nur als Leidender beteiligt. Es war genau fünf Minuten nach zwölf, als die Detonation des Stauffenbergschen Sprengstoffs Heusingers Vortrag zerriß. Heusinger hatte zwischen Hitler und der Bombe gestanden. Befund: Splitter in beiden Beinen, Verbrennungen an Kopf, Brust und rechter Hand.

Die Gestapo holte Heusinger nach zwei Tagen aus dem Lazarett Rastenburg in den Keller ihres Hauptquartiers an der Berliner Prinz-Albrecht-Straße. Dort wurde er mit dem Oberstleutnant im Generalstab Smend, dem Adjutanten des Generalstabschefs Zeitzler, konfrontiert. Smend gehörte zu den Verschwörern im Generalstab; er hatte Heusinger vor der Gestapo als Mitverschwörer bezeichnet. Bei der Gegenüberstellung widerrief er. Er wurde drei Tage später gehenkt.

Es ist Heusinger selber, der die Widerstandslegende zerstört, mit der vornehmlich amerikanische Blätter ihn umkränzen - offenbar in der Absicht, ihren Lesern die neuen deutschen Generale schmackhaft zu machen. Heusinger: "Ich habe Tresekow (zuletzt Chef der 2. Armee, Freund Stauffenbergs) gefragt, ob Churchill den Krieg beenden würde, falls bei uns ein Wechsel in der Führung einträte. Tresekow konnte diese Zusicherung nicht beibringen."

In der Gestapo-Haft hatte Heusinger eine globale Lage-Beurteilung verfaßt. Diese Denkschrift war das Thema der Audienz, die Hitler dem freigelassenen General unter vier Augen gewährte. Hitler hörte sich Heusingers letzten Vortrag stundenlang an, argumentierte dann, wie üblich, mit politischen Sprüchen dagegen und komplimentierte den General schließlich mit freundlichen Worten - aber ohne Ritterkreuz oder Deutsches Kreuz in Silber - aus dem Generalstab hinaus. "Herr Gehlen kam"

Der neue Generalstabschef Guderian überlegte: "Ich kann ihm doch keine Division und kein Korps geben. Sowas kann er doch nicht führen." Es wurde erwogen, Heusinger zum Chef des Kriegs-Karten- und Vermessungswesens zu bestellen, doch wurde dieser Plan alsbald wieder als unangemessen verworfen. Schließlich wurde Heusinger zur OKH-Führerreserve abgestellt, zur Verfügung des Wehrkreiskommandos Hannover.

Hannover war zuständig, weil Heusingers Familie inzwischen Zuflucht in Walkenried am Harz gefunden hatte. In Walkenried hielt sich der Zivilist Heusinger soweit wie möglich verborgen, bis die amerikanischen Angriffsspitzen näherkamen.

Da zog Heusinger die Uniform wieder an und suchte im Harz bei den letzten Nachhuten des deutschen Heeres Anschluß: "Ich bin aus Walkenried weggegangen, weil ich mich nicht vor den Augen meiner Familie festnehmen lassen wollte." Die Kampfgruppe des Panzergenerals Stumpff - Reste der Heeresgruppe Model, die aus dem Ruhrkessel herausgeschlüpft waren nahm den stets freundlichen Gast gern auf. Heusinger beschränkte seine Tätigkeit darauf, Rat zu geben und Streit zu schlichten.

Die Amerikaner waren schon bei Magdeburg über die Elbe weg, als die Gruppe Stumpff den Elbübergang bei Dessau -Roßlau nachexerzierte. Von dort marschierte sie gen Berlin, immer mit kompakten Kampfaufträgen versehen, die meistens so gefaßt waren, daß der Feind just die Stadt genommen hatte, die von Stumpffs Truppe erst noch besetzt und gehalten werden sollte.

Der Kreuz-und-Quer-Zug dieser letzten Tapferen - Gast Heusinger immer dabei - ging von Berlin durch die Tschechoslowakei, bei Passau aus dem Böhmerwald heraus, nach Augsburg und weiter über Traunstein an den Chiemsee - wobei Führung und Truppe sorgfältig darauf bedacht blieben, auch eine lose Tuchfühlung mit den östlichen und westlichen Angriffskeilen zu vermeiden.

Am Chiemsee geschah es, daß Heusinger zum letztenmal Vortrag hielt und zum erstenmal allein eine Entscheidung traf. Während die Unentwegten der Kampfgruppe Stumpff in die Berge kletterten, stellte Heusinger die Feindseligkeiten ein.

Die Lager Oberursel und Allendorf - in denen Heusinger Operationsberichte für die kriegsgeschichtlicbe Abteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums verfertigte - und das Nürnberger Gerichtsgefängnis, in dem er als Zeuge einsaß, waren die Stationen der nahezu dreijährigen Gefangenschaft.

Heusinger war gerade eben wieder frei, als ihn auch schon ein Mann aufsuchte, der während des Krieges zunächst unter, später neben ihm im Generalstab des Heeres

gewirkt hatte: der Generalmajor außer -Diensten Reinhard Gehlen (SPIEGEL 39/1954).

Gehlen wußte für Heusinger eine angemessene Beschäftigung, von der man überdies auch leben konnte. Er gewann ihn für seinen amerikanisch finanzierten Nachrichtendienst. Sagt Heusinger heute: "Herr Gehlen kam im Frühjahr 1948 zu mir und meinte, es sei sicherlich zweckmäßig, daß ich mich über die Entwicklung der militärischen Lage im Osten auf dem laufenden halte. Genau das habe ich bei Gehlen getan. Mit Agentendienst hatte meine Tätigkeit nichts zu tun."

In der Tat, Gehlen hatte den ausgedienten Operationschef zu wesentlich anders gearteten Zwecken als dem Nachrichtendienst engagiert. Der Nachrichten-Boss Westdeutschlands dachte damals nicht daran, es beim Sammeln und Auswerten von Nachrichten bewenden zu lassen.

Im Gegenteil, schon zwei Jahre, ehe Adenauer den Alliierten westdeutsche Soldaten offerierte, war Gehlen dabei, für alle Fälle vorsorglich ein neues Oberkommando des Heeres zusammenzubringen. Den Rang lief ihm dann freilich der Generalleutnant außer Diensten Graf Schwerin ab, den der Kanzler im Sommer 1950 zum ersten Sicherheitsbeauftragten der Bundesregierung bestellte. So endete denn Heusingers Engagement im Gehlen-Dienst, nachdem Gehlen ihn in Bonn angelegentlich empfohlen und Graf Schwerin ihn dem Bundeskanzler präsentiert hatte.

Es ist freilich zweifelhaft, ob Heusingers Dienst bei Gehlen dazu angetan war, den ungeteilten Beifall der Personalgutachter und des Bundeskabinetts zu finden. Sicher ist jedoch, daß die Bundesregierung dem Verteidigungsminister Theo Blank einen Strich durch seine Heusinger-Rechnung gemacht hat. Der Vorsitzende des Militärischen Führungsrates, der Generalleutnant Adolf Heusinger, wird nicht - wie Theo Blank es gewünscht hatte - den Titel Generalinspekteur führen.

* Die neuen vier Generaldienstgrade (in Klammern die Dienstgradabzeichen und die entsprechenden früheren Dienstgradbezeichnungen), Brigadegeneral (ein Stern, früher Generalmajor), Generalmajor (zwei Sterne, früher Generalleutnant), Generalleutnant (drei Sterne, früher General der Infanterie, Artillerie, usw.), General (vier Sterne, früher Generaloberst).

* Gerlach vertritt die Abteilung "Marine" bei den Etat-Verhandlungen mit der Abteilung "Finanz und Haushalt" des Verteidigungsministeriums und dem Bundesfinanzministerium.

** L. n. r.: Stalingrad-General Paulus, Hitler, OKW-Chef Keitel, Generalstabschef Halder, Heeres-Oberbefehlshaber von Brauchitsch, Heusinger,

* Castor und Pollux: in der griechischen Mythologie die Zwillingssöhne des Zeus. Castor war sterblich, Pollux unsterblich.

* Die Kommandogewalt umgreift sieben Teilbefugnisse: Disziplinargewalt, Personalhoheit (Beförderung, Stellenbesetzung), Operative Führung, Organisation, Ausbildung, Rüstung und Verwaltung.

* Reichswehr-Manöver 1930; zwischen Heye und Heusinger: Oberstleutnant Ritter von Schobert, als Generaloberst gefallen.

* Das Wort Kommando ist aus dem Italienischen entlehnt und heißt zu deutsch Befehl.

** Der Cheftitel ("Chef des Generalstabes") hatte bis dahin auf allen Stufen der Militärhierarchie immer den zweiten Mann bezeichnet. Der erste hieß Oberbefehlshaber, Befehlshaber oder Kommandierender General. Ausnahme: Der Kompaniechef war der etatmäßige Führer der Kompanie,

* Heusingers Bruder ist Oberlandesgerichtspräsident in Celle.

* Diese Lehrgänge bei den Divisionsstäben ersetzten die vom Versailler Vertrag verbotene Kriegsakademie.


DER SPIEGEL 9/1956
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