DER SPIEGEL



LANDESKUNDE

Deutschland, ein Sommermärchen

Von Matussek, Matthias

Gründereifer und Angststarre, Lohnkürzungen und Proteste - eine Nation, die sich seit dem Krieg im Wesentlichen über ihren Wohlstand definiert hat, sucht nach neuen Haltepunkten. Eine Reise von Matthias Matussek

Der neue Bundespräsident Horst Köhler beschwor in seiner Antrittsrede den Mut zu notwendigen und schmerzhaften Veränderungen, und die Nation nickte - und begab sich in den Urlaub.

Ein Vorschlag zur Ferienlektüre: Vor 160 Jahren erschien Heinrich Heines "Deutschland, ein Wintermärchen", dieses schöne Sehnsuchtslied, diese endgültige Satire auf deutsche Schlafmützen und pompöses Blech.

Eine umgekehrte Reiselektüre: Wie würde Heine, aus Paris kommend, die Hauptstadt Berlin erleben? Würde er rätseln, ob hier noch aufgebaut wird oder bereits abgeräumt? Wie ist das heute mit den "Harfenmädchen", mit der "Zeitungsblätterwelt", wie mit den "heldenmütigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree"?

Die Hauptstadt feiert das Saisonende mit Presse-Partys. Auf der des Auswärtigen Amtes zeigt sich Joschka Fischer in seiner Eigenschaft als Kohl. Er entschuldigt sich bei seinen Mitarbeitern für Ausfälle, Beleidigungen, Ungerechtigkeiten des zurückliegenden Jahres mit den Worten: "Es wird ganz sicher wieder vorkommen."

Die Macht lacht, und der Beamtenchor lacht pflichtschuldig mit. "Mehr davon",

ruft einer. Und die Macht sattelt drauf. "Ich sehe, es sind Masochisten unter Ihnen", dröhnt Fischer.

Welche Zensur er sich selbst geben würde fürs vergangene Schuljahr? "Ach wissen Sie", sagt er, nach einer misstrauischen Pause, eingekeilt zwischen Büfettkante und Lautsprecher, deutlich genervt, "ich hab''s ja nie so mit Zeugnissen gehabt."

Rein physiologisch ist der Minister in einer fürs deutsche Gemüt durchaus populären Evolution rückwärts, zurück in die Wirtschaftswunderjahre, beleibt, beliebt, längst nicht mehr Bürgerschreck, sondern Bürger, ein Mann, der sich nach oben durchgetreten hat, genau das, was das Land nun braucht.

Allerdings klappt es bekanntlich genau damit überhaupt nicht. Fischer sagt: "Die kommenden Jahre werden noch härter."

Es gibt nur zwei Frauen auf dieser Party, die Neue von Fischer und Claudia Roth, und schon aus diesem Grund ist die Party

des Gegners die lustigere: viele, viele Blondinen, und die meisten sehen aus wie Michelle Hunziker.

Die "Bild"-Zeitung bietet das agonale Spektakel. Sie feiert in einer Arena am Fuße des Springer-Hochhauses, mit Fußball-Großbildwand und Schweinebraten. Holland verliert, aber das allein, darin sind sich alle einig, darf nicht genügen, weder für die Zukunft des deutschen Fußballs noch die der Nation.

Deutschland braucht Mut. Da Mut aber keine kollektive Kategorie ist, sondern eine individuelle, wollen wir herumfragen im bunten Maskenzug der Berliner Republik.

Was das Mutigste war, das er in seinem Leben gemacht hat? "Bild"-Chef Kai Diekmann bietet einen beachtenswerten Abenteuerurlaub durch Mittelamerika an und CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, auch nicht schlecht, seinen Wechsel zu Angela Merkel.

Peter Gauweiler, einer der letzten Konservativen! Ein Mann von systemverachtender Melancholie. In der Union ist der CSU-Bundestagsabgeordnete ein Einzelgänger. Mit den Konservativen verhält es sich ja so, dass sie nur die besseren Betriebswirte sein wollen. Das ist leider alles. Der wahre Konservative ist ein Subversiver in dieser durchgesetzten 68er Republik.

Gauweiler knurrt, "unsere können es auch nicht"; und zum Mannesmann-Prozess: "Völlig richtig, die Anklagen"; und zur Gesamtlage: "Wir haben doch keine Unternehmer mehr, sondern Unterlasser." Dann beschwört er eine neue Gründerzeit im Osten, Schnellzüge nach Moskau, und dann bemerkt er, dass ihm keiner mehr zuhört.

Alle fünf Minuten schwebt huldvoll TV-Moderatorin Sandra Maischberger vorbei. "Hallo", ruft sie, "na, ihr beiden", und sie weiß ganz genau, dass die beiden über sie lästern.

Es ist ein zeitraubendes, verschlingendes Geschäft, Person des öffentlichen Lebens zu sein und sich immer neue Talkshows über den Verfall des Landes auszudenken. Die Konkurrenz (Sabine Christiansen, Maybrit Illner) schläft nicht.

Deutschland ist im Eimer, das ist der Tenor, aber man hat durchaus Spaß dabei, und am Ende bekommt jeder ein Berliner Landbrot in die Hand gedrückt. Das ist der Cäsarenwitz, die plebejische Pointe dieser Nacht in der Hauptstadt: Brot und Spiele.

Kriegsende

Der Kran zum Richtfest der Frauenkirche in Dresden steht noch. Er steht da wie zum Bungee-Springen, trivial.

Der Wiederaufbau war ein poetischer Prozess. Solange die Dresdner bauten, so lange wurde von einem gemeinsamen Aufschwingen geträumt. Nun hat man den Traum fertig und zugemauert. Gleichzeitig hat man vor aller Augen einen Zeugen verschwinden lassen für ein Kriegsverbrechen, eines, das an Deutschen verübt wurde.

Jetzt sieht sie banal aus, die Frauenkirche, an diesem Platz mit der McDonald''s-Filiale, und das ist wohl der Preis für den gelungenen Wiederaufbau, den einer Kirche genauso wie den eines Landes: die Banalität.

Weiter vorn, an einer gusseisernen Laterne, steht ein Teenager-Pärchen vor einem Pappschild: "Dresden wie es einmal war - Erleben Sie 40 Minuten die Kunststadt Dresden vor der Zerstörung in einmaligen Original-Tonfilmaufnahmen aus den 30er Jahren. Im Verkehrsmuseum. Täglich außer montags".

"Lass uns gucken, was sonst so läuft", sagt das Mädchen.

Flucht aus dem Osten

"Wir brauchen alle mehr Mut."

"Wer sochtn däs?"

"Der neue Präsident."

Der Mann im Unterhemd nickt. Hoyerswerda, Wohnkomplex VI, dritter Stock, zweites Fenster von links. Sanierte Platte. In den Spalten wuschelt Unkraut. Der Mann schaut in die Ferne, hinüber zum anderen Wohnsilo. Dann ruft er nach unten:

"Mer gönn ja nisch alle in der Egge sitzenbleim."

Dabei macht er im Grunde genau das. Er ist einer der Letzten im Wohnblock. Der gegenüber ist bereits leer. Wird abgerissen. Hoyerswerdas Bevölkerung schrumpft wie die im ganzen Osten, doch von hier rennen die Einwohner am schnellsten weg. Vor der Wende gab es über 70 000, jetzt sind es gerade noch 44 000.

In Wohnblocks wie diesem war es, wo 1991 der Hass ausbrach. Vietnamesen und Mosambikaner wurden mit Molotow-Cocktails und Steinen aus der Stadt getrieben. Frauen in wattierten Morgenmänteln standen auf den Grasnarben, aufgeregte

Teenager riefen: "Guck mal, was die alles haben." Und die meisten sagten: "Die nehmen uns die Arbeit weg."

Es war nachts, ein widerwärtiger schwarzrotgoldner Alptraum. Es brannte aus den Fenstern.

Jetzt ist es tags und ruhig, und alles ist ausgestorben. "An 91 will ich nicht erinnert werden", sagt der lokale PDS-Vorsitzende Dietmar Jung. "Mittlerweile haben wir beispielhafte Projekte gegen den Fremdenhass, da kommen die Leute aus ganz Deutschland."

Gibt''s überhaupt noch Ausländer? Marcel und das Mädchen, das sich "Miss Piggy" nennt, beide 15, nicken. Kann sie nicht ausstehen, den Türken da hinten an der Döner-Bude, sagt Miss Piggy.

Allerdings, wenn der weg wäre, gäb''s keinen Döner, oder? "Stimmt", sagt Miss Piggy, nachdem sie lange nachgedacht hat.

Alle wollen sie weg hier. "Nach Italien vielleicht", sagt Marcel. "Oder in die Nähe von Nürnberg." Das klingt genauso weit.

Dietmar Jung hat während des Gesprächs verlegen zu Boden geschaut. Früher mal, in einem anderen Leben, war

er FDJ-Sekretär und hat den Internationalismus in Grußadressen gefeiert.

Früher gab es die "Schwarze Pumpe", Braunkohleabbau, 18 000 Leute hatten da Arbeit. Heute sind es noch 1000. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei 25 Prozent. Der Sozialismus war eine Erscheinung des Industriezeitalters, und er ist mit ihm untergegangen. Er bleibt als trotzige Erinnerung: Die PDS hat hier gut 30 Prozent.

Heute sind die Gruben zugeschüttet und überforstet, als hätte man ein Tuch darüber glatt gezogen. Es kann keine blühendere Landschaft geben. Hier sind drei Meere, sagt Dietmar Jung: "Das Sandmeer, das Bäumemeer, das Nichtsmehr."

Eine der missverständlichsten Bemerkungen über den Aufbau Ost ist wohl die, dass da in den vergangenen 15 Jahren 600 Milliarden Euro versickert seien. Versickert ist gar nichts. Man sieht jeden Cent.

Die Straßen von Hoyerswerda sind neu, und neu ist das gewaltige Lausitzer Einkaufszentrum. Um die Infrastruktur würde man Hoyerswerda in ehemaligen englischen Kohlegegenden beneiden. Das Problem ist nur, dass man in erster Linie Infrastruktur sieht und wenig Menschen.

Jungs Frau hat im historischen Stadtkern eine Geschenkboutique aufgemacht. Porzellanballerinen, Ledertruhen, Zwerge, die Skat spielen, deutsche Dichter, Denker, Komponisten als Briefbeschwerer. Viele Dichter, welch ein Reichtum!

Die Boutique liegt der Kirche gegenüber, zwischen zwei Arztpraxen, und sie hat trotz der wahrscheinlich allerbesten Lage im Umkreis von 100 Kilometern schwer zu kämpfen.

"Seit der Praxisgebühr geht gar nichts mehr."

Das sind immerhin jedes Mal zehn Euro. Früher hat man sich da schon mal einen Beethoven dafür gekauft.

"Potäntschl" des Südens

So sieht die Feldküche aus für die Anschlussschlacht an die Weltspitze: "Feinkost Käfer" am neuen schimmernden Münchner Flughafen. Die Gemüsesuppe wird im Nachkriegseinweckglas serviert - ein dekadentes Zitat aus den Entbehrungsjahren für die iPod-Generation. So was läuft nur in München.

Die Boss-Krieger, die hier anlanden, haben mit Nanotechnologie zu tun, oder sie schließen Deals ab oder melden wenigstens ein Patent an. Kurz: Hier landen die, die sich der Bundespräsident in seiner Rede zusammengeträumt hat.

Ein paar Minuten von hier, zwischen Feldern unter weißblauem Himmel, stehen die Hallen des Forschungszentrums Garching, der Reaktor der TU München, die Forschungslabors von BMW und seit ein paar Wochen das neue europäische Forschungs- und Entwicklungszentrum von General Electric.

Der profitabelste Konzern der Branche hat sich den Standort Deutschland ausgesucht, trotz seiner hohen Lohnnebenkosten, und der 38-jährige Chef Thomas Limberger erklärt, warum: "Ausbildungsstandard, Logistik, Infrastruktur, es gibt kaum was Besseres weltweit."

Limberger ist Optimist, was das Land angeht. Selbst die deutsche Nationalmannschaft, sagt er, hat "up-side-potential".

"Potäntschl" ist sein Lieblingswort. Ein Hoffnungswort. Auch Windkraft hat Potäntschl. Wasserstoff erst recht. "Das mit Autos zusammenzubringen, das wird das nächste große Ding."

Er führt Prototypen vor, dreidimensionale Herzscanner, Securityschleusen, Carbonkarosserien und diesen kleinen Roboterflitzer, den Molch, der mit Ultraschall durch Pipelines zischt, um sie auf Risse oder Brüche zu testen. "Zurzeit dauert der Technologietransfer von der Erfindung zur Anwendung acht Jahre, wir werden das auf drei Jahre runterbringen."

Einer wie er wird das schaffen. Von der Politik erwartet er, dass sie für den Standort Deutschland wirbt und ansonsten nicht im Weg steht.

Was das Mutigste war, das er je gemacht hat?

Von einem wie Limberger erwartet man eigentlich so was wie Bungee-Springen, Löwenreiten, Nanga Parbat. Er sagt: "Eine Familie gründen."

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Der Kanzler wirbt in München für seine Reformen. "Ein neues Lied, ein besseres ..." - wo, wenn nicht hier, im Deutschen Museum, unter den Büsten großer Erfinder. Noch immer ist Deutschland nach den USA das Land, in dem die meisten Patente angemeldet werden.

Draußen protestieren Kleinunternehmer und Tüftler wie Uli Sommer, der an einem Ein-Liter-Auto bastelt, gegen die Monopole. Drinnen ist das Pantheon geschmückt mit einem Spruch von Konfuzius, der klingt wie Gorbatschow: "Das Entscheidende am Wissen ist, dass man es beherzigt und anwendet."

Drinnen sagt Schröder, dass er an Hartz IV festhalten werde, egal was komme, und Siemens-Chef Heinrich von Pierer in der ersten Reihe nickt anerkennend, denn er hat wie jeder die letzten Umfragewerte für die SPD gelesen, die mittlerweile auf dem Grund der Isar angekommen sind.

Nach seiner Rede, zwischen Schinkenröllchen und Spargelspitzen auf dem Stehempfang, auch die Frage an den Kanzler: Was war das Mutigste in seinem Leben?

"Wie jetzt, privat oder politisch?", fragt er.

Privat wäre natürlich schön.

Er schaut sich um. 380 Kameras sind auf ihn gerichtet. Er lächelt und sagt: "Also, politisch auf alle Fälle das jetzt zurzeit."

Und schon zieht ihn sein Pulk weiter.

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Und die SPD sammelt sich in Katakomben. Sie sammelt sich im taubengrauen Untertagehörsaal der philosophischen Fa-

kultät der Universität München zu einem Programmforum mit dem Titel: "Die neue SPD - Menschen stärken - Wege öffnen".

"Ja, was ist denn soziale Gerechtigkeit?", ruft die SPD-Vizechefin Ute Vogt den rund hundert dämmernden Greisen und Sonderpädagogen zu, die sich hinter Hans-Jochen Vogel, der aufrecht und schlohweiß und hochrot in der ersten Reihe sitzt, versammelt haben, um sich, nun ja, Gedanken um soziale Gerechtigkeit zu machen.

"Ja, und da kommen die Leute zu mir und sagen zu mir'' das find ich nicht gerecht, da kann ich nicht mittun, das geht ans Eingemachte, und dann geht es natürlich um die Pflegeversicherung, um was denn sonst, Genossinnen und Genossen."

Ute Vogt macht schon durch ihren modisch-glänzenden Overall deutlich, dass sie zur neuen SPD-Generation gehört, aber wo werden all diese alten Reden gebacken? Im Auditorium erhebt sich eine Frau und schiebt sich dem Ausgang zu. Sie murmelt: "Ich glaube, diesen Textbaustein kenne ich schon."

Fest steht an diesem Abend, dass die SPD nicht nur keine Idee hat, wie sie aus ihrem Stimmungsloch herauskommen will, sie kann sie auch nicht ausdrücken.

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München war schon immer so anders, dass es Heine in seinem "Wintermärchen" nur beiläufig erwähnte. Es ist anders bis heute. Es ist die Stadt der höchsten technologischen Bewegung und gleichzeitig ein Ort absoluter Windstille.

Historische Störungen im Gesamtablauf wie die deutsche Einheit werden hier eher ungnädig zur Kenntnis genommen. Markerschütternder ist da schon, dass Charles Schumann seine Bar von der Maximilianstraße an den Odeonsplatz verlegt hat.

"In München gibt es die meisten Buchverlage", sagt Rachel Salamander, die Buchhändlerin, "viel mehr als in Berlin." Wer nach München kommt, muss darauf gefasst sein, dass es gegen Berlin verteidigt wird, selbst wenn er von ganz außen kommt. Es ist ein Reflex.

Rachel Salamander führt über die nächtliche Leopoldstraße in die Fürstenstraße, in den "italienischen Teil der Stadt", wo ihr Buchladen in die Nacht leuchtet wie eine prächtige orientalische Gedichtzeile von Else Lasker-Schüler.

Sie hat nur Literatur zum Judentum im Sortiment. Des Weiteren verkauft sie Chanukka-Konfetti, Kipas, Menoras.

Das Jammern über den enormen Finanztransfer in den Osten hält sie für völlig verfehlt. Sie hat die sinnigste, die unneidischste, die saloppste Deutung für all die Gelder. "Es sind Reparationszahlungen für einen verlorenen Angriffskrieg", sagt sie. "Und dazu noch sind es Zahlungen

in die eigene Tasche - was gibt es da zu jammern?"

Himmel und Hölle

Der deutsche Wirtschaftskrimi spielt in Düsseldorf. Das war schon immer so, denn der rheinische Kapitalismus war der Motor des deutschen Wirtschaftswunders. Jetzt steht er vor Gericht.

Was hätte Heine, der Düsseldorfer, der Jurastudent, für einen Spaß gehabt beim Mannesmann-Prozess, mit den Angeklagten und den Verteidigern, den Staatsvertretern und Prozessbeobachtern, den "spitzbübischen Manufakturwarengesichtern" und "Bierstimmen".

Vor dem Sitzungssaal L 111 des Landgerichts hängt ein Triptychon, das das religiöse Gefühl ansprechen soll. Himmlische Heerscharen für die Geretteten, der Weltenrichter in der Mitten, ein finsterer Teufel für die Verdammten. Thema: Abgerechnet wird zum Schluss.

Früher einmal hatte der Gedanke an eine letzte ausgleichende Gerechtigkeit die Niedrigen getröstet. Früher einmal hatte er sie versöhnt mit dem Skandal des ungleich verteilten Glücks.

Der Himmel gehört mittlerweile, auch dank Heine, nur noch den Engeln und den Spatzen. "Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten." In der Vulgärform heißt das: Jetzt will jeder ran. Und die, die es geschafft haben, grinsen in die Kameras und machen das Victory-Zeichen.

Das Triptychon ist ein unbeachteter metaphysischer Ladenhüter an diesem Morgen, an dem es um die Bedingungen des Aktienrechts geht und den kapitalistischen Triumphalismus eines Deals, in welchem die Angeklagten zweistellige Millionenbeträge verteilten.

Es sind die Tage, in denen Hartz IV endgültig beschlossen ist und der nachkriegsdeutsche Wohlfahrtsstaat endgültig abgeschafft. Das Land redet über Beträge wie 345 Euro.

Hier in Düsseldorf redet man über 57 Millionen. Die Verteidigung spricht von "angemessenen Vergütungen für den Vorstand" und davon, dass es zwischen dem Aktienrecht und dem Strafrecht ein "strafrechtliches Niemandsland" gebe.

"Zwischen innerbetrieblicher Transparenz und Bekanntmachung am schwarzen Brett des Betriebsrats gibt es doch wohl noch einen Unterschied", sagt der Verteidiger und schmeckt seiner Formulierung stolz hinterher, als wartete er auf einen anerkennenden Knuff von Josef Ackermann. Schwarzes Brett! Betriebsrat! KÖSTLICH!

Die Sitzungspause wird unterschiedlich genutzt. Deutsche-Bank-Chef Ackermann plaudert unter dem "Jüngsten Gericht", einige eher alternativ gekleidete Besucher sind auf dem Klo verschwunden, wahrscheinlich, um sich zu übergeben oder Bomben zu basteln, einige andere sind sitzen geblieben.

Wie der 22-jährige Christian B. im blauen Blazer, der einen Freispruch völlig in Ordnung fände und Prämien in Millionenhöhe erst recht. Die Hatz auf Unternehmer muss aufhören, sonst gehen alle ins Ausland. Sein Vater ist Unternehmer. "Der steht morgens um fünf auf, der arbeitet hart für sein Geld." So viel zum Thema 35-Stunden-Woche!

Gibt es eine höhere Gerechtigkeit? Bei genauerem Hinsehen herrscht auf dem Triptychon da draußen einige Verwirrung. Dort, wo die Gerechten glückselig in den Himmel fahren sollten, greifen sich fromme Frauen an den Kopf, Petrus grübelt über Sündenregistern, während der andere Flügel, die Höllenseite, wenigstens eine flotte Nackte bietet und damit einen absoluten Hingucker.

Im Grunde genommen heißt die Szene: Himmel und Hölle sind Auslegungssache, und seit wann ist Spaß verboten?

Unten auf einer Steinbrüstung vor dem Gericht wartet der 17-jährige, schulfreie, arbeitslose Dennis aus Mazedonien auf seinen Freund Mahmud, der ein paar Flure hinter dem Mannesmann-Prozess wegen Ladendiebstahls rangenommen wird.

"57 Millionen Abfindung? Boah eh!", sagt Dennis bewundernd. Er liebt das freie Unternehmertum. Er findet Deutschland geil, und er denkt überhaupt nicht dran, seinen Firmensitz ins Ausland zu verlegen. Das Mutigste, das er je gemacht hat? Will er lieber nicht drüber reden, du verstehst, ey.

Da kommt sein Freund aus dem Portal.

"Zwanzig Stunden Sozialarbeit", ruft Mahmud.

"Siebenundfünfzig Millionen", sagt Dennis.

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Auf der Kö, dem Laufsteg des rheinischen Kapitalismus, der sich nie so verschämt weggeduckt hat wie der schwäbi-

sche und der neben allem anderen der Ibiza-Stiefelette und dem weißen Nietengürtel zum Sieg verholfen hat, liegt das Pelzgeschäft Slupinski gleich ganz vorn.

Slupinskis Auslage wird dominiert von einer neuen Kollektion schwarzer Chinchillas mit brillantenbesetzten Gürtelschnallen. Die Pelze sehen sündhaft aus, teuer sind sie sowieso. Der Paletot könnte Nitribitt heißen und kostet 11 989 Euro.

Wer kauft so was? Haben die Leute überhaupt noch Geld dafür? Herr Slupinski lächelt rosig. Er sagt: "Ach wissen Sie, im Luxusbereich ist eigentlich alles in Ordnung."

So ist die Wirtschaftslage, die er noch mal verdeutlicht: "High geht, und low geht. Es ist die Mittellage, die Probleme hat."

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Es ist die Mittellage, die Angst hat.

Auf den Hartschalenstühlen im ersten Stock der Agentur für Arbeit in Düsseldorf wird die Mittellage an diesem Vormittag verkörpert von Monika B., 36, blond, Weißgoldkettchen, die früher Messeveranstalter betreut hat. Sie ist Alleinerziehende. Mehr als 35 Stunden geht bei ihr nicht. Mittlerweile schwer zu vermitteln.

Weiterhin ist da Programmierer Jürgen F., 34, Lederjacke, der mit seiner Ich-AG hängen geblieben ist, weil ein paar Kunden ihre Schulden nicht bezahlt haben. Dann Abdullah M., 54, weißes offenes Hemd, seit 15 Jahren arbeitslos, weil er "Probleme mit dem Rücken hat und auch mit dem

Sitzen und dem Stehen". Seine Kinder studieren mit Bafög. Dann ist da noch Srolek, korpulent, den Abdullah nicht mag, weil er Israeli ist.

Hier findet plötzlich eine ganz andere Verhandlung statt über den Wirtschaftsstandort Deutschland, eine härtere, und alle reden durcheinander und dabei immer lauter.

"Der Deutsche hat Angst."

"Angst bringt uns nicht weiter, wir brauchen Mut, das hat auch der Bundeskanzler gesagt."

"Das war der Bundespräsident."

"Wer hierher kommt, hat keine Chance mehr."

"Viele nützen das nur aus."

"Musst du gerade sagen, du bist doch Ausländer, bei euch zu Hause gibt''s doch gar nichts."

Eine aufgebrachte Sachbearbeiterin hat den Chef auf den unruhestiftenden Reporter aufmerksam gemacht und herbeitelefoniert. Herr Jäger bittet, ihm in sein Büro zu folgen.

Der Weg ist weit. Die Zimmertüren haben vierstellige Nummern. Rund 700 haben Arbeit im Arbeitsamt, Psychologen und Existenzgründer-Spezialisten an Computerterminals, und sie bieten alles an hier, nur eben selten Arbeit.

Das soll sich mit Hartz IV ändern. Das sei ja überhaupt das Ziel von allem: weniger Arbeitslosengeld, dafür aber schneller wieder Jobs. Zunächst müssen einige Millionen Formulare gedruckt werden.

Schließlich sein Büro. "Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren." Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Druck von Salvador Dalís Bild mit den zerfließenden Uhren.

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Abends, im Düsseldorfer Schauspielhaus, das sich wie eine weiße Welle an der Glaswand des Thyssen-Hochhauses bricht, wird der rheinische Kapitalismus nachverhandelt. Da wird dem Wirtschaftswunder-Deutschland nachgetaucht, hinunter zum Nullpunkt, hinab zur Niederlage, zur Scham, zur Amnesie.

Gezeigt wird Rainer Werner Fassbinders Melodram "Die Ehe der Maria Braun". Deutschland nach dem Zusammenbruch. Trümmerfrauen mit ihren Koffern, die auf ihre Männer warten und traurig tanzen mit GIs. Maria Braun liebt ihren Mann, der in Haft sitzt, und sie schläft sich mit anderen Männern nach oben.

"Ich stelle mir ein anderes Leben vor", sagt sie, "aber ich habe es nicht." Das ist der Realismus nach dem Krieg. Maria schafft es, indem sie sich verleugnet, wie sich das ganze Deutschland verleugnet. Das ist der Boden, auf dem wir alle laufen gelernt haben.

Dieser Boden zerbricht am Ende wieder. Was aus Trümmern auf der Riesenbühne zusammengefügt wurde, zerfällt in einer groß kreisenden, gespensterhaften Pirouette. Der Schluss zeigt auch: Keine Gesellschaft der Welt leistet sich den Luxus eines so mondänen Selbstgesprächs wie das des deutschen Subventionstheaters.

Maria Braun hat große dunkle Augen, einen Bubikopf und kommt aus Thüringen. Sie ist, lebensgeschichtlich, sozusagen einem anderen deutschen Trümmerhaufen entstiegen. Deutschland ist ein Land von Nullpunkten.

Während man ihrem munteren Geplapper zuhört, ihrem Leben von Erfurt über Berlin in eine Ehe und jetzt nach Essen, wo sie eine ganz dufte Truppe gründen werden, glaubt man ihr aufs Wort, dass sie vor der Zukunft überhaupt keine Angst hat.

Sie heißt Bettina Engelhardt, und sie schätzt am deutschen Publikum, dass es das Theater liebt, vor allem die Klassiker. Ihr Junge schläft an einem runden Tisch. Mignon und das fahrende Volk.

Sie stehen im trüben Kantinenlicht und heben Schnapsgläser und singen, denn es ist die allerletzte Vorstellung, und für einen Moment könnte man denken, dass sich auch Heine amüsiert hätte: "Es wächst heran ein neues Geschlecht, / ganz ohne Schminke und Sünden ... "

Die Rettung Deutschlands

In Bocholt gibt es das Café Dragone, acht Kinos und den kleinen Siemens-Ableger, der Deutschland gerettet hat, weil er die 35-Stunden-Woche erledigte. So steht das wenigstens in der "Zeit".

Auf dem Weg zu Siemens regnet es. Im ganzen Ruhrgebiet regnet es. Auch die 40-Stunden-Woche ist übrigens bereits überholt. Im Radio sagt BDI-Präsident Michael Rogowski, dass man ruhig auch mal 50 Stunden arbeiten könne. "Also ich arbeite 60 Stunden", sagt die Taxifahrerin.

Das Land revolutioniert sich atemlos. Alle arbeiten wie verrückt. Was soll man auch machen, bei dem Wetter?

Im Bocholter Werk, in dem in langen automatisierten Fertigungsstraßen Mobiltelefone zusammengesetzt werden, sieht man übrigens kaum noch Arbeiter. Ab und zu eine weiße Schürze, die an einem Regler dreht. "Mechatroniker", sagt der Mann,

der durch den Betrieb führt. "Das ist der neue Beruf."

Es sind Maschinen, die rund um die Uhr arbeiten können. Nur sonntagmittags fällt mal eine Schicht aus. Nicht wegen der Kirche, sondern weil die Maschinen geputzt werden müssen.

Der Betriebsratsvorsitzende Michael Stahl, 42, der einen randscharfen Schnurrbart trägt, hat TV-Angebote bis zum Abwinken, und natürlich steht Christiansen bei ihm auf der Matte. Er soll zwischen lauter Unternehmern und Politikern als - wahlweise vernünftiger oder zorniger - Arbeiter herumsitzen. Das lässt er nicht mit sich machen.

Konzernchef Pierer, sagt Stahl, hat das eiskalt gespielt. "Sie haben gedroht, das Werk nach Ungarn zu verlagern." Letztlich haben sie einem 25-prozentigen Lohnverlust zugestimmt. Stahl sagt: "Wir standen mit dem Rücken zur Wand."

Seit 50 Jahren, sagt er, hat Siemens hier alles mitgenommen. Und jetzt drohen sie wegzugehen. Natürlich, fügt er leise hinzu, habe er bei alldem auch an seinen eigenen Arbeitsplatz gedacht. Wenn das hier zu Ende wäre, wüsste er nicht, wohin. Wer nimmt schon einen aktiven Betriebsrat?

Stahl hat drei Kinder. Mit denen fährt er nun in den Urlaub nach Kroatien, im Wohnmobil. Ob er ein Buch mitnimmt? Vielleicht das von Walter Riester: "Mut zur Wirklichkeit". Ist ihm geschenkt worden. Hat Riester selbst signiert.

Er kommt einfach nicht dazu.

Entspannung findet er eher mit seinen Hunden, denen er das Apportieren beibringt. "Die hören auf mich", sagt er. "Wenigstens die."

Die Hartz-Reise

Er ist Personalvorstand beim Volkswagenkonzern, ein Konsenswunder, ein Reformer, der keine Wunden hinterlässt. Doch nun trägt einer der schmerzhaftesten Sozialeinschnitte seinen Namen. Der Beginn der Armut heißt Hartz. Ein Lunch mit ihm ist in Aussicht gestellt. Das Dossier zeigt einen freundlichen Grauhaarigen.

Am Fenster des ICE fliegt das Ruhrgebiet vorbei, und später in der Ferne tatsächlich der Harz, den Heine durchwandert ist, satte Maisfelder, Schulhöfe, ein Fußballfeld mit vier Männern in roten Trikots, und alle sehen aus wie Gerhard Schröder, und die Sonne hängt so tief wie auf den IG-Metall-Plakaten, auf die eine "35" gemalt ist.

Der ICE schnurt so sanft, dass sich der Kaffeespiegel in der Tasse nicht bewegt. Nirgendwo auf der Welt wird man so in den Schlaf geschaukelt. Über Kopfhörer Peter Sloterdijks Stimme, eine Vorlesung des Philosophen, die letzte vor der Sommerpause. Es geht um Nullpunkt-Phantasien, um Neubeginne.

"Na, wie kommen Sie in der Politik auf null?", fragt Sloterdijk. Unverständliches im Hörsaal. "Richtig", sagt die Stimme sanft, "durch Massenmord, wie noch?"

Die Stimme murmelt, bleiche Tücher wehen auf Leinen, romantische Gesichter aus Heines Reise tauchen in der Brunnentiefe auf, dann klingelt das Handy, und der Schriftsteller Joachim Lottmann sagt, dass es keine Generationen mehr gibt, dass alle in der Jugend-Rille hängen geblieben sind, und in Berlin, das ist am Handy zu hören, tobt ein Gewitter.

Wolfsburg hat einen milden Sommerabend. Der Zug hält praktisch auf dem Werksgelände.

Ein Paddelboot schiebt sich vor dem Kraftwerk den Mittellandkanal hinab. Ein Trommler sitzt im Bug. Die VW-Betriebsmannschaft trainiert fürs Drachenboot-Rennen.

Eine Nacht fällt über Wolfsburg, über Deutschland, wie sie surrealer nicht sein könnte. Der See schimmert blau, die Pavillons sind giftgrün, und in den gläsernen bernsteinfarbenen Rundtürmen stehen abholbereite Autos wie eingegossene Insekten.

Ein Sommernachtstraum, der aussieht wie die Dur-Auflösung eines Alptraums.

Wolfsburg. Natürlich ist es der ideologische Kern der Regierung. Natürlich leben wir nicht in der Berliner Republik, sondern in der Wolfsburger. Kanzler Schröder saß hier im Aufsichtsrat, und Wolfsburgs Personalchef Peter Hartz ist der Name auf den großen Reformprojekten, den Ich-AGs, den Arbeitsagenturen, den Einschnitten jetzt.

Man muss das verhexte Wolfsburg verstehen, um Deutschland zu verstehen, die Rüstungsschmiede, den Wiederaufbau, die Gastarbeiter, den Käfer als Volksauto, und nun das neue Wolfsburg, dessen Emanation die Autostadt ist, die vor vier Jahren an die Stelle von Lagerflächen, Kohlehalden, Öltanks gesetzt wurde wie eine Geisteraustreibung.

Sie ist ein Themenpark, der sein Thema - das Auto - buddhistisch belächelt. Es gibt kein Logo, keine Werbung. Dafür gibt es den Dufttunnel des dänischen Künstlers Olafur Eliasson. In die grünen Hügel sind Pavillons gestreut wie Tempel für die verschiedenen Hausgötter der gewachsenen Konzernfamilie, den Bentley, den Lamborghini, den Skoda.

Die Autoabholer können trommeln, große Eier rollen, ihre Kinder Gokart fahren lassen. Oder sie können durch einen Überraschungstunnel aus gleißend weißen Wülsten laufen, der mit Nebel gefüllt ist.

Man läuft also durch eine Wolke ins Nichts, in ein unbekanntes Jenseits, in einen

Neuanfang hinein, und dann steht doch nur wieder der eigene Ehemann am anderen Ende, und die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die seit neuestem messbar ist - sie hat vier Billionen Euro angespart in deutschen Haushalten, und sie verhindert, dass zum Beispiel VW gekauft werden.

Diese ganze Anlage ist eine gegen die Angst. Schöne neue Welt. In der hässlicheren alten geht der Termin mit Hartz baden.

Hartz hat Vorstandsrunden, den ganzen Tag. Das Werk Wolfsburg ist nur zu 70 Prozent ausgelastet, das hässlichste aller Wörter - "Gewinnwarnung" - hängt im Raum wie eine dunkle Wolke. Dagegen hilft zunächst mal keine Trommler-Zeremonie, kein Dufttunnel - knapp ein Drittel der Personalkosten soll eingespart werden.

Der Vorstand fährt durchs Werk. Und da auch wir die Fertigungshallen besuchen, geht die Jagd nach Hartz irgendwie weiter.

Herr Edge, der als britischer Besatzungssoldat in Wolfsburg hängen geblieben war, fährt uns vorbei an nickenden Robotern, an Laufbändern, unter himmelhohen Schienenzügen hinweg, an denen verpuppte Autos hängen wie Aliens, bevor sie gereizt werden und die Fruchtblase platzt.

Dort! Ein verlassenes Besichtigungsauto mit Blinklicht. Es ist leer. "Der Vorstand", sagt Herr Edge. Er muss hier irgendwo ausgestiegen sein, zu Gesprächen mit Maschinenführern.

Herr Edge fährt gegen alle Proteste scharf um die nächste Ecke und rollt weiter zur Touran-Fertigung, zu "einem weiteren Triumph von Hartz", den man sich als Visionär vorstellen muss. Das Modell 5000 mal 5000.

Es ist gleichzeitig Arbeitsbeschaffungsprogramm und profitable Idee. 5000 Arbeitslose sollen für 5000 Mark brutto Autos zusammenbauen. Chef der Gruppe ist Thomas Ulbrich, 38, kurz geschorener Schädel, Muskeln bis zur Lächerlichkeit, früher Kampfsportler.

Im Kino stellt so einer Spezialkommandos zusammen, die hinter feindlichen Reihen abspringen. Was das Mutigste in seinem Leben war? "Bin mit ''m Fallschirm abgesprungen." Na bitte. Seinen Trupp hat er aus ganz Deutschland rekrutiert. 45 000 Bewerbungen gingen ein, 3800 sind schließlich, nach mehreren Tests, genommen worden.

Loyale Frontsoldaten wie Carsten Fehse, 29, Magdeburg. Fehse mag das Team, das er "eine verschworene Gemeinschaft" nennt. Fehse hat noch keine Urlaubspläne. Er wird es machen wie immer: Er wird nach Berlin-Tegel fahren, sich eine Zahnbürste kaufen und den erstbesten Billigflug irgendwohin. Das Leben ist ein Abenteuer. Fehse, das ist der proletarische Prototyp der neuen Zeit.

Tief unter der Fertigungshalle, so tief, wie Heines geträumter Brunnen nur sein kann, verlaufen Fluchtwege zu einem Luftschutzbunker, der von den Nazis beim Bau gleich mit eingeplant worden war.

Heute ist der Bunker eine Erinnerungsstätte, die so neu ist wie die glitzernde Autostadt, als hätte man sich um eine moralische Kompensation für den Millenniums-Wohlstand bemüht. Über zwei Monitore flackern historische Aufnahmen mit langen Trecks ukrainischer Frauen, die vom Bahnhof her ins Werk strömen, um Tellerminen zusammenzusetzen.

In der Ecke eine Art Sarkophag mit zerbrochener Deckplatte, hüfthoch, darin eingemeißelt die Jahreszahl 1938 und das Hakenkreuz. Der Grundstein des Volkswagenwerks. Er soll auf dem Werksgelände später, nachdem die Trümmer weggeräumt waren, als Vogeltränke gedient haben.

So nahe ist das noch alles.

Wer in so kurzer Zeit so sehr wieder auf die Beine kommt, um den muss einem nicht bang werden. Das gilt für ein Werk genauso wie für eine Nation.

Nun gibt es nicht mehr die politische, nur noch die private Sorge, wie sie Heine in seinen "Nachtgedanken" um den Schlaf brachte: "Das Vaterland wird nie verderben, jedoch die alte Frau kann sterben."

Draußen, zwischen den Klinkerbauten und den Glasfassaden, verabschiedet sich der freundliche VW-Kommunikationschef und findet es sehr schade, dass es mit Herrn Hartz nicht geklappt hat.

Weiter unten fährt eine Phaeton-Limousine vom Gelände, im Fond ein grauhaariger Herr. Die Deutschland-AG geht in Sommerurlaub, um Kräfte zu sammeln.

Womöglich für einen heißen Herbst.

* Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831. * Der Berliner Künstler Helmut Stauss mit selbst gefertigten Hampelmännern. * Beim Aufsetzen der Turmhaube am 22. Juni. * Ehemaliger Vorstandsvorsitzender Klaus Esser, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor Prozessbeginn am 21. Januar. * Bei der Pressekonferenz nach der Klausurtagung in Neuhardenberg am 10. Juli.

DER SPIEGEL 31/2004
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Deutschland, ein Sommermärchen

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