Von Brinkbäumer, Klaus; Emcke, Carolin; Ilsemann, Siegesmund von; Mascolo, Georg
Manchmal hilft es ja, wenn man sich an Regeln halten kann. An Tabellen, an Dinge, die die Welt gliedern und begreifbar machen.
Im September 2001 gab es bei der Hafenbehörde von New York und New Jersey das Formular FA 2113, es war anzuwenden bei Kapitalverbrechen. Unter Punkt 13, "Tatzeit", war die Zeitspanne anzugeben. Es war die Strafanzeige Nr. 8919-0, und der Detektiv William J. Kehoe notierte die Zeitspanne "8.58 Uhr bis 9.30 Uhr". Er hatte ja Telefondienst gehabt, als dieses Verbrechen gemeldet wurde.
Und manchmal gibt es nichts Hilfloseres als ein Formular.
Die meisten Spalten der Anzeige 8919-0 sind leer, der Detektiv William J. Kehoe muss sehr ratlos gewesen sein am Morgen des 11. September 2001. Die Geschädigten (Ziffer 20) kannte er natürlich, das waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber zu Rasse und Geschlecht der Verdächtigen, zu Anschrift und besonderen Kennzeichen konnte Kehoe nichts sagen. Nicht einmal die Ziffern 72 und 73 füllte er aus: Ob die Täter "durch eine Tür, ein Fenster, über das Dach oder durch die Decke" eingedrungen waren, wusste er nicht.
Vor den Augen der Welt steuerten am 11. September 2001 Attentäter zwei entführte Passagierflugzeuge durch die Glasfassaden in die beiden Türme des World Trade Center (WTC) in Downtown Manhattan. Um 8.46 Uhr und 40 Sekunden traf Flug American Airlines 11 den Nordturm des WTC. Um 9.03 Uhr und 2 Sekunden traf Flug United Airlines 175 den Südturm.
Der Detektiv William J. Kehoe fasste unter Punkt 70 ("Details der Anzeige") in vier knappen Zeilen zusammen, was er wusste: "Durch absichtliches Herbeiführen des Absturzes von (2) Flugzeugen in die Türme Nr. 1 und Nr. 2 des World Trade Center haben unbekannte Personen zur angegebenen Zeit am Ort der Geschehens Eigentum zerstört und den Verlust von Menschenleben verursacht. Die leitende Untersuchungsbehörde für den besagten terroristischen Akt wird das FBI sein. Der Fall ist nicht abgeschlossen und wird untersucht."
Abgeschlossen ist der Fall "11. September" noch immer nicht. Untersucht wurde er 18 Monate lang - bis zum Donnerstag der vergangenen Woche, als der Bericht der Untersuchungskommission "9/11" in Washington verteilt wurde. Und nun? Nun gibt es eine Geschichte von Pech und unglücklichen Umständen, und es gibt immer noch Rätsel, aber es gibt auch eine Menge Antworten. Antworten sind das auf die Frage, was schief lief am 11. September, Antworten auf die Fragen nach Pannen, nach Vorgeschichte und Ursachen, nach Lücken im Sicherheitsnetz, Antworten auch auf die Fragen nach Schuld und Versagen von Organisationen und Regierung.
Und es gibt endlich Antworten auf die Frage, ob an jenem Spätsommertag tatsächlich fast 3000 Menschen hätten sterben müssen. Denn die Geschichte des 11. September 2001 ist nicht nur eine Geschichte von Tätern und Opfern. Sie ist auch eine Geschichte des Scheiterns einer Nation, und ihr Finale beginnt in den Morgenstunden in den internationalen Flughäfen von Washington und Boston.
BOSTON, LOGAN AIRPORT, 6.45 UHR. Der Terrorist Mohammed Atta trifft mit einem Flug aus Portland ein, gemeinsam mit Abd al-Asis Umari. Sieben Minuten später erhält Atta einen Telefonanruf von Marwan al-Shehhi, der sich auf einem anderen Terminal desselben Flughafens befindet. Sie reden drei Minuten lang, es ist ihr letztes Gespräch.
Am anderen Terminal checken Shehhi und Fajis Ahmed, Mohald al-Scheri, Ahmed al-Ghamdi und Hamsa al-Ghamdi für den Flug United Airlines 175 ein. Eine United-Mitarbeiterin am Ticket-Schalter bemerkt, wie unerfahren Shehhi und seine Begleiter wirken, sie verstehen die Standardfragen nicht.
Die Sicherheitskontrollen am Logan Airport werden von privaten Firmen im Auftrag der Konzerne erledigt. Pflichtprogramm, die Fluglinien sparen.
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Nach den Anschlägen werden sich die Flugbehörden als unschuldig darstellen. Nichts hätten sie gewusst, nichts hätten sie tun können.
Die Kommission sagt, dass die Flugbehörden über die Bedrohung durch Osama Bin Laden und al-Qaida informiert waren; die FAA, zuständig für Flugsicherung, habe Berichte darüber gehabt, dass Bin Laden seit den neunziger Jahren an Entführungen und an der Verwendung von Flugzeugen als Waffen interessiert war.
War es so, dann war die Flugsicherheit der USA in der Hand von gleichgültigen, trägen Leuten, vielleicht waren sie auch nur Dilettanten.
Sicher, keiner der Attentäter wäre für die Behörden schon beim Blick in die Papiere auszusondern gewesen; auf den Listen der gefährlichen Personen befand sich keiner der Terroristen. Aber da ist ja noch das "Computer-assisted Passenger Prescreening Program" (CAPPS), ein System zur Identifizierung von potenziell bedenklichen Passagieren. Aus allen Fluggästen filtert CAPPS problematische Kandidaten heraus. Auch von den 19 Attentätern werden 9 als problematisch erkannt.
Aber was passiert? Nichts passiert.
WASHINGTON D.C., DULLES INTERNATIONAL AIRPORT, 7.18 UHR. Madschid Mukid und Chalid al-Midhar nähern sich einer jener Sicherheitskontrollen, die von einer Videokamera erfasst werden. Sie legen ihr Handgepäck auf das Rollband der Röntgenmaschine und spazieren zwischen den Metalldetektoren hindurch. Beide lösen Alarm aus und werden zu einem zweiten Metalldetektor geschickt. Midhar kann weitergehen; Mukid fällt wieder durch, wird von einem Sicherheitsbeamten mit dem Handdetektor kontrolliert, dann darf er einsteigen.
Die Kommission für den 11. September vermutet, dass Multifunktionswerkzeuge, so genannte Leathermen, die tödlichen Waffen waren. Die enthielten, ganz legal, bis zu zehn Zentimeter lange Klingen. Erst zwölf Zentimeter lange Klingen sind verboten. Zwei Leathermen, die die Täter vor den Todesflügen gekauft haben, finden sich nicht im Gepäck, sie dürften im Passagierraum gewesen sein. Die "Qualität der Untersuchung" an der Sicherheitsschleuse sei "bestenfalls marginal" gewesen, schreibt die Kommission, denn natürlich hätten die Beamten den Grund für das Warnsignal der Detektoren finden müssen.
Aber das Warnsignal warnt niemanden.
BOSTON, LOGAN AIRPORT, 8 UHR. American Airlines Flug 11 nach Los Angeles rollt auf die Startbahn und hebt pünktlich ab. Von 8.09 Uhr an wird die Boeing 767 mit ihren 11 Crew-Mitgliedern und 81 Passagieren, darunter Mohammed Atta und vier Helfer, von der Flugaufsicht Boston Center in New Hampshire überwacht. Wenig später, es ist 8.13 Uhr, weist der Beamte der Nationalen Flugaufsichtsbehörde FAA die Piloten an, "20 Grad nach rechts zu drehen", was AA 11 zunächst bestätigt und dann ausführt.
Es ist die letzte Anweisung, die aus dem Cockpit beantwortet wird.
Sechzehn Sekunden später reagiert AA 11 nicht mehr auf den Befehl, auf 35 000 Fuß zu steigen. Auch über die Notfallfrequenz kann die Flugaufsicht keinen Kontakt zum Piloten der Boeing herstellen.
AA 11 antwortet nicht mehr.
Um 8.21 Uhr wird der so genannte Transponder der Maschine abgeschaltet, ein Gerät, das auf Anfrage Flugnummer, Flughöhe und Tempo angibt - und der arme Mann von der FAA verständigt nun seinen Vorgesetzten. Die Maschine müsse Probleme haben, sagen sie. Eine Entführung kommt beiden nicht in den Sinn.
Sie funken andere Piloten im Luftraum über Boston an und bitten sie, Kontakt zur stummen Boeing aufzunehmen. Da registriert der Controller, dass Flug 11 von seiner Route abweicht und in einen anderen Luftraum fliegt. Sofort beginnen die Beamten gefährdete Flugzeuge aus der Flugbahn der American zu treiben.
Um 8.24 Uhr sendet Flug 11 eine seltsame Botschaft: "Wir haben einige Flugzeuge. Bleiben Sie einfach ruhig, dann wird Ihnen nichts geschehen. Wir kehren zum Flughafen zurück." Wäre genug Zeit gewesen? Hätte die Luftwaffe Mohammed Attas fliegende Bombe abfangen können?
Sie bekommt diese Chance nicht, denn der FAA-Controller versteht nicht alles, was da gesprochen wird. Der Satzbaustein "Wir haben einige Flugzeuge" entgeht ihm. Dann kommt die nächste Ansage von AA 11: "Keiner bewegt sich. Alles wird gut gehen. Wenn Sie sich bewegen, gefährden Sie sich und das Flugzeug. Bleiben Sie einfach ruhig." Das ist nicht mehr falsch zu verstehen, das muss eine Entführung sein. Der Manager vom Boston Center weist die Techniker an, das Band mit dem soeben aufgezeichneten Gespräch noch mal sorgfältig abzuhören.
Es sind nur Minuten, fatale Minuten.
Zwischen 8.25 Uhr und 8.32 Uhr arbeitet sich die Nachricht von der Entführung der AA 11 langsam die Hierarchie der Flugaufsicht hoch. Das Kommandozentrum in Herndon erfährt von der Entführung der Maschine, die sich auf den New Yorker Luftraum zubewege.
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Die Flugsicherung der USA, das hat die Kommission unzweideutig festgestellt, ist ein elendig kompliziertes Konstrukt. Und sehr bürokratisch. Die Kommission hat ernsthaft gearbeitet in den vergangenen 18 Monaten, es ging ihr nicht darum, Sündenböcke zu finden und abzusägen; es ging ihr darum, Schwächen zu finden. Das Problem: Sie fand eine Menge Schwächen.
Die Flugkontrolleure der nationalen Behörde FAA arbeiten in 22 regionalen so genannten Air Route Traffic Control Centers, sie sind übers Land verstreut und koordinieren sich mit dem "Command Center" in Herndon, Virginia. Die 22 Kontrollzentren erstatten Bericht an die FAA-Zentrale in Washington.
Die vier entführten Flugzeuge des 11. September wurden im Wesentlichen von vier Zentren überwacht: Boston, New York, Cleveland und Indianapolis. Alle vier arbeiteten unabhängig voneinander, und im Bericht der Untersuchungskommission steht: "Das, was Boston Center wusste, war nicht unbedingt auch in New York, Cleveland oder Indianapolis bekannt."
Die Flugabwehr der USA kontrolliert und befehligt "Norad" ("North-American Aerospace Defense Command"). Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die Zahl der Flugzeuge verkleinert, über die Norad verfügen konnte. Am 11. September gab es nur noch sieben Alarmstationen mit jeweils zwei einsatzfähigen Abfangjägern.
Alle vier entführten Flugzeuge bewegen sich am 11. September im Northeast Air Defense Sector ("Neads"), dessen Zentrale in Rome (New York) sitzt. Die Neads-Verantwortlichen in Rome können auf zwei Alarmstationen und deshalb nur auf vier startbereite Jäger zurückgreifen.
Die am 11. September 2001 gültigen Regeln für den Ernstfall sehen eine absurd bürokratische Kommunikationskette vor, die möglichst viele Beamte in einem offenbar möglichst langsamen Prozess über
eine Notlage informieren soll. So nämlich stellten sich die Theoretiker eine Entführung vor:
Der Pilot einer entführten Maschine informiert den Flugkontrolleur über Funk oder durch das Abschicken des universalen Entführungscodes "7500". Der Kontrolleur informiert laut Handbuch seinen Vorgesetzten und der anschließend das Nationale Militärische Kommandozentrum (NMCC) in Washington. Dort sitzt ein hauptberuflicher "Koordinator für Entführungen", der den Fall ans Pentagon weiterleitet. Das NMCC bittet sodann beim Verteidigungsminister um die Genehmigung, die entführte Maschine begleiten zu dürfen. Diese Genehmigung geht dann in umgekehrter Richtung zurück.
Natürlich, hinterher ist man schlauer. Aber dieses Konzept ist ja tatsächlich eine Farce, weil es gleich drei Illusionen bis ins Regelheft der Flugabwehr geschafft haben: Das entführte Flugzeug wird leicht auszumachen sein; es gibt Zeit genug, sich des Problems in aller Ruhe anzunehmen; die Entführer wollen irgendjemanden erpressen und deshalb natürlich verhandeln. War das nicht auch vor dem 11. September schon schrecklich naiv? Phantasielos?
Der Abschlussbericht konstatiert: "Am Morgen des 11. 9. war das bestehende Regelwerk in jeder Hinsicht ungeeignet für den Anschlag, der folgen sollte. Die Reaktion der Offiziellen war ein hektischer Versuch, eine Landesverteidigung zu improvisieren für eine Situation, für die sie nicht vorbereitet oder ausgebildet waren."
Und darum hat Mohammed Atta an diesem 11. September keinen gleichwertigen Gegner. Darum geht es weiter, wie es weitergehen muss.
BOSTON, 8.34 UHR. Der Kontrolleur im Boston Center empfängt einen dritten Funkspruch: "Keine Bewegung, bitte. Wir kehren zurück zum Flughafen. Nur keine dummen Schritte unternehmen."
Und nun, endlich, ergreift Boston Center so etwas wie Initiative. Es entspricht nicht dem Protokoll, aber die Männer von der Flugaufsicht entscheiden sich, das Militär um Hilfe zu ersuchen. Sie beschließen, die Alarmstation von Atlantic City anzurufen, aber die gibt es nicht mehr, die ist schon längst geschlossen worden. Darum werden erst um 8.37 Uhr die Leute im Luftverteidigungssektor Neads über die Entführung von Flug AA 11 informiert.
FAA: Hallo. Boston Center, wir haben hier ein Problem. Wir haben ein entführtes Flugzeug, das sich auf New York zubewegt, und wir brauchen Eure Jungs, um ... wir brauchen jemanden, der ein paar F-16 oder so was da hochjagt und uns da raushilft.
Neads: Ist das echt oder 'ne Übung?
FAA: Nein. Dies ist keine Übung, das ist kein Test.
Neads ordert zwei F-15-Maschinen der Otis Air Force Base, und die machen sich gefechtsbereit, 153 Meilen von New York City entfernt. "Mit diesem Anruf begann die Luftverteidigung der Vereinigten Staaten von Amerika", steht im Bericht der Untersuchungskommission.
Doch vor lauter Aufregung haben die Akteure des ersten Flugabwehralarms seit Ende des Kalten Krieges etwas vergessen: Wohin sollen die Kampfflieger eigentlich dirigiert werden? "Ich weiß nicht, wohin ich die Jungs schicken soll", ruft einer der Männer von Neads, "ich brauche eine Richtung, einen Zielort."
Darum suchen die Leute von der Luftwaffe nun auf ihren Radarschirmen nach einer Spur der verschollenen Maschine.
Und dann ist es 8.46 Uhr. Es ist zu spät.
Um 8.48 Uhr, zwei Minuten nach dem Einschlag, als der Nordturm des World Trade Center schon in Flammen steht, meldet der Manager des New York Center der FAA in einer telefonischen Konferenzschaltung noch: "Okay, hier ist das New York Center. Wir beobachten das Flugzeug. Ich hatte ein Gespräch mit American Airlines, und sie haben uns mitgeteilt, dass sie vermuten, dass eine ihrer Stewardessen erstochen wurde und dass Leute ins Cockpit eingedrungen sind und die Kontrolle übernommen haben. Das ist so weit alles."
Um 8.50 Uhr, sie suchen immer noch, erreicht die Neads-Mitarbeiter die Nachricht aus New York.
Das Weiße Haus erfährt durch CNN, dass es überhaupt ein entführtes Flugzeug gegeben hat.
Um 8.53 Uhr sind die Otis-Kampfflieger in der Luft. Sie fliegen die Küste von Long Island entlang.
POLIZEIWACHE WORLD TRADE CENTER NR. 5, 8.48 UHR. Als Sergeant Alan DeVona seinen Posten in dem Nebengebäude der gigantischen Bürotürme verlässt, hört er über sich die Explosion. Sekundenschnell füllt sich der Platz vor ihm mit Trümmern. "Feuerbälle fallen vom Himmel", sagt er. DeVona löst Alarm aus, er weist die Polizeiposten im WTC an, Atemschutzgeräte bereit zu halten und mit der Evakuierung des Nordturms zu beginnen.
Als die ersten Menschen aus dem Treppenhaus B ins Freie drängen, bittet DeVona die Stadt New York um Katastrophenhilfe. Als DeVona Wache 5 verlässt, liegen in der Einfahrt des WTC zerschmetterte Leichen. "DOA's" nennt er sie, Amts-Englisch für "Dead on Arrival" - beim Aufschlag tot.
FEUERWEHRZENTRALE IM WTC, 8.53 UHR. Verzweifelt bemühen sich die ersten Feuerwehrkommandeure, funktionierende Fahrstühle zu finden. Die Rettungstrupps sollen so schnell wie möglich an den Ort der Katastrophe gelangen. 300 Höhenmeter mit schwerem Gerät über die Fluchttreppen zu erklimmen kostet viel zu viel Zeit. Eine halbe Stunde lang bemüht sich die Feuerwehr um Lifttransport, bis schließlich Techniker sagen, da sei erst mal nichts zu machen.
Ein Funkspruch meldet dem WTC-Polizeiposten: "Explosion im Untergeschoss". Der Posten korrigiert sich: "Explosion in den oberen Etagen". Die Züge der Port Authority rollen weiter in den Bahnhof tief unter den Türmen. Sie bringen immer mehr Menschen an den Ort der Katastrophe und damit in Gefahr.
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Man muss, wenn man die Retter kritisiert, natürlich im Kopf haben, was für eine Ausnahmesituation das war, was für eine Panik. Auf so etwas wie diesen Angriff kann keine Feuerwehr der Welt eingestellt sein - und wenn so etwas passiert, muss alles sehr schnell gehen. In den 17 Minuten zwischen 8.46 Uhr und 9.03 Uhr muss die größte Rettungsaktion der Geschichte New Yorks in Gang kommen. Darum ging es der Untersuchungskommission ja auch nicht um Bloßstellungen Einzelner, sondern um Systeme, um Muster, letztlich um Verbesserungen. Ein Kern der Kritik: fehlende Informationen. Selbst Präsident Bush hat der Kommission erzählt, dass er frustriert war über armselige, ständig abreißende Telefonverbindungen und unerreichbare Minister - und in New York kollabiert an diesem 11. September die Kommunikationsgesellschaft.
Der Notruf 911 ist nicht katastrophentauglich, moniert die Kommission. Wenig wird weitergeleitet, sortiert, koordiniert.
Und die Berichte aus den Hubschraubern über dem WTC erreichen die Männer am Boden nicht. Die Piloten melden das Herausbrechen von Teilen der Fassade und das Schwanken der Türme ziemlich früh - Fernsehzuschauer hören es, die Welt ahnt, was passieren wird, nur die Feuerwehrleute erfahren es nicht. Sie rennen hinein.
WEISSES HAUS, BÜRO DES VIZEPRÄSIDENTEN, KURZ VOR 9 UHR. Richard Cheney hat gerade eine Sitzung im Weißen Haus begonnen, als sein Assistent ihm sagt, er müsse den Fernseher einschalten, ein Flugzeug sei gerade in den Nordturm des World Trade Center gestürzt. Als der Vizepräsident sich noch darüber wundert, "wie, verflucht noch mal, ein Flugzeug den World-Trade-Center-Turm treffen konnte", sieht er, wie sich ein zweites Flugzeug nähert.
EMMA-E.-BOOKER-GRUNDSCHULE IN SARASOTA, FLORIDA, ZUR SELBEN ZEIT. Kurz nachdem der Konvoi des Präsidenten vor
der Schule eingetroffen ist, steht Andrew Card, der Stabschef des Weißen Hauses, neben George W. Bush. Der will über Bildung reden, 16 Kinder warten auf ihn, es ist ein kleiner Auftritt für einen Präsidenten, Routine. Der Berater Karl Rove erzählt Bush vom Absturz einer "kleinen zweimotorigen Maschine ins World Trade Center".
Um 8.55 Uhr, bevor Bush zur Veranstaltung in das Klassenzimmer geht, telefoniert der Präsident mit Condoleezza Rice, die im Weißen Haus in Washington in ihrem Büro sitzt; sie informiert Bush über eine zweimotorige Maschine, ein kommerzielles Flugzeug. "Das ist alles, was wir wissen, Mr. President", sagt sie.
WASHINGTON D.C., 9 UHR. Die wichtigsten Berater des Präsidenten sind weit verstreut: Cheney und Rice sind in ihren Büros im Westflügel des Weißen Hauses; Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist im Pentagon auf der anderen Seite des Potomac; CIA-Direktor George Tenet weilt beim Frühstück im noblen Hotel St. Regis, drei Blocks entfernt vom Weißen Haus; Außenminister Colin Powell befindet sich auf Auslandsreise in Peru.
WORLD TRADE CENTER, 9.03 UHR. Es ist der zweite Einschlag.
United Airlines Flug 175 von Boston nach Los Angeles hatte pünktlich abgehoben vor einer Dreiviertelstunde, an Bord waren 65 Menschen, darunter Marwan al-Shehhi und 4 terroristische Genossen.
Um 8.37 Uhr fragte der Controller vom Boston Center, der gerade panisch nach der verschollenen American Airlines Maschine suchte, an, ob die Piloten von UA 175 vielleicht die American 11 gesehen hätten. Hatten sie. Gerade eben. Die Piloten bestätigten es: "Ja ... wir haben einen verdächtigen Funkverkehr bei unserem Abflug aus Boston gehört, äh, mit jemandem ... äh, es klang, als ob jemand die Mikrofone einstellt und sagt ... äh ... alle ... äh ... sitzen bleiben."
Die letzte Nachricht von UA 175 betraf also AA 11, es war gespenstisch.
Um 8.41 Uhr erreichte Flug UA 175 den Luftraum über New York. Es war Pech, es war Zufall: Bei der FAA in Boston war an diesem Morgen ein und derselbe Kontrolleur für die Flüge AA 11 und UA 175 zuständig. Und weil der heillos überforderte Beamte noch mit der Suche nach American 11 beschäftigt war, bemerkte er nicht, was mit United 175 geschah.
Um 8.52 Uhr wurde Lee Hanson in Easton, Connecticut, von seinem Sohn Peter angerufen, Passagier auf UA 175. Peter sagte: "Ich glaube, sie haben das Cockpit übernommen. Ein Flugbegleiter wurde erstochen, und irgendjemand weiter vorn wurde anscheinend getötet. Das Flugzeug macht merkwürdige Bewegungen. Ruf United Airlines an!" Um 8.47 Uhr änderte UA 175 den Transponder-Code, niemand bemerkte es, ein paar Minuten später änderte sich der Code erneut.
Und dann kamen von UA 175 keine Signale mehr.
Die zweite Katastrophe geschieht gleichsam im Windschatten der ersten. Dass mehrere Flugzeuge ins Unglück stürzen könnten, damit rechnet keiner. Dieser Funkspruch, "mehrere Flugzeuge", das ist der Schlüssel. Aber der wird erst gefunden, als es zu spät ist.
Um 8.51 Uhr entdeckte der Mann von der FAA, dass United 175 den Code gewechselt hatte. Alle Anweisungen, alle Fragen, alle Hilferufe an die United blieben unbeantwortet. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, überprüfte der FAA-Mann erst einmal seine Geräte auf mögliche Fehler.
Über die Gefühle, über den Schock, das Entsetzen, die Trauer steht nichts in den Berichten der Kommission. Wie konnte der einsame Mann von der FAA weiterarbeiten nach dem, was geschehen war?
Er übergab alle Flüge, die er zu überwachen hatte, an andere Kontrolleure, und beorderte alle Maschinen im Luftraum aus der Gefahrenzone von UA 175.
Um 8.55 Uhr meldete die FAA-Kontrolleurin, die den Flug übernommen hatte, an ihren Chef in New York, dass United 175 vermutlich gleichfalls entführt sei. Der Chef versuchte, die anderen Regionalmanager zu warnen, aber er kam nicht durch; ihm wurde mitgeteilt, die Manager berieten über einen Entführungsfall und wollten nicht gestört werden.
Und wieder stand das ganze, komplizierte Räderwerk minutenlang still.
Um 9.01 Uhr endlich drang der Mann vom New York Center zur Kommando-Zentrale
in Herndon durch: "Wir haben mehrere Geschichten, die sich hier abspielen. Es eskaliert gerade. Mächtig. Wir müssen das Militär zu Hilfe holen ... wir stecken hier noch in einer weiteren Angelegenheit, wir haben ein anderes Flugzeug, das möglicherweise in der gleichen Situation steckt ..."
Das andere Flugzeug ist UA 175.
Und dies ist der einzige Hinweis, den die FAA-Zentrale und die Kommando-Zentrale in Herndon je von der Notlage der United erhalten. Dann bemerken die Kontrolleure in New York eine Maschine im Sinkflug, sie starren auf die Monitore. Jetzt ist es 9.03 Uhr, und schon wieder ist es zu spät.
Es wäre grotesk, wenn es nicht so grausam wäre - in genau diesem Moment meldet ein stolzer Techniker aus der FAA-Station in Boston den identifizierten Funkspruch.
Boston Center: Hey ... bist du noch dran?
New England Region: Ja.
Boston Center: Ich muss es noch einmal bestätigen, aber so wie's aussieht, sagt der Typ auf dem Band "Wir haben einige Flugzeuge". Nun, ich weiß nicht, ob das an dem Akzent liegt oder ob es wirklich mehr als eins gibt. Ich lass das bestätigen, und dann melde ich mich wieder.
Unidentifizierte weibliche Stimme: Sie haben was?
Boston Center: Flugzeuge, im Plural. Es scheint so, dass da noch eins ist, das auf das World Trade Center zielt.
New England Region: Da ist noch ein Flugzeug?
Boston Center: Ein zweites Flugzeug ist gerade ins WTC gestürzt.
New England Region: Okay. Wir müssen jetzt ... wir müssen das Militär jetzt dringend hinzuziehen.
Die Otis-Kampfflugzeuge werden nach New York geschickt, aber durch das Kreuzen über Long Island haben die Maschinen ihren Kraftstoff verbraucht.
Sie müssen tanken.
WEISSES HAUS, 9.05 UHR. Er rennt durch die Gänge. Er nimmt nicht wahr, an wem er vorbeirennt.
Er war ein paar Blocks entfernt, bei einer Besprechung, als ihn Lisa anrief, seine Kollegin, und sagte, dass ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen sei. "Dick, bis wir wissen, was dahinter steckt, sollten wir erst mal vom Schlimmsten ausgehen", sagte sie. Er war gerade vor dem Weißen Haus angekommen, als Lisa ein zweites Mal anrief und sagte: "Gerade eben wurde der zweite Turm getroffen."
Richard A. Clarke ist der Nationale Koordinator für Sicherheit, Infrastruktur und Antiterrorpolitik der USA. Er ist einer der wenigen Clinton-Männer, die von George W. Bush übernommen wurden.
Er rennt in das Büro des Vizepräsidenten Dick Cheney. Auch Rice ist dort. "Was halten Sie davon?", fragt Cheney, und Clarke sagt: "Das ist ein Angriff von al-Qaida, und die bevorzugen Simultanangriffe. Die Sache ist vielleicht noch nicht zu Ende."
Rice fragt: "Sie sind der Krisenmanager, was empfehlen Sie?"
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Später sagt Condoleezza Rice der Kommission des Kongresses, dass die Regierung Bush alles getan habe, was zur Verhinderung von Anschlägen getan werden konnte. Natürlich, konkrete Warnungen habe es leider nicht gegeben.
Das hat Clarke zweimal anders geschildert, vor der Kommission und in seinem Bestseller "Against all Enemies". Da schreibt er: "Im Juni hatte ich ihr eine Checkliste gegeben, die festlegte, was nach einem Angriff zu tun war. Damit hatte ich auch meine Ansicht unterstreichen wollen, dass eine große Sache auf uns zukam und wir in die Offensive gehen mussten."
Der Kommission liegt ein Papier vor, das George W. Bush am 6. August 2001 vorgelegt wurde. Überschrift: "Bin Laden zu Anschlägen in den Vereinigten Staaten entschlossen". Und, dies steht drei Jahre danach zweifelsfrei fest: In dem Dokument wird zwar auch vor Sprengstoffanschlägen gewarnt, die es nicht gab - aber die diversen Nachrichtendienste wiesen insgesamt zwölfmal auf die Gefahr hin, dass Terroristen Flugzeuge entführen und als Waffen einsetzen wollten.
War das zu oft?
War es so, dass die Geheimdienste der Regierung schon auf die Nerven gingen mit dem ständigen Gerede von al-Qaida?
Amerika gibt viele Milliarden Dollar im Jahr für 15 Geheimdienste aus. Warum haben die Geheimdienste im entscheidenden Moment so kläglich versagt?
Die Beziehung Amerikas zu seinem Todfeind Osama Bin Laden ist nicht ganz einfach zu verstehen. Da gibt es den CIA-Chef George Tenet, den die Bedrohung so sehr umtrieb, dass er noch Wochen vor dem 11. September sagte: "Ich spüre es kommen. Diesmal ist es eine große Sache."
Da gibt es den Terrorismusberater Richard Clarke. Er jedenfalls, so Clarke vor der Kommission, habe die Bush-Regierung immer wieder daran erinnert, dass al-Qaida wichtiger und gefährlicher sei als der Irak: "Bin Laden hat uns wie Hitler gesagt, was er tun wird."
Und es gibt Leute wie Paul Wolfowitz, Pentagon-Vize und Hardliner der Administration, der ausgerechnet in diesem Fall abwiegelte: "Sie erweisen Bin Laden zu viel der Ehre." Zwei Qaida-Analysten der CIA gaben bei ihren Anhörungen zu Protokoll, sie seien so frustriert über Bush & Co. gewesen, dass sie damals überlegt hätten, den Dienst zu quittieren und öffentlich zu warnen.
Was die Kommission in 18 Monaten zusammengetragen hat, ist die wohl gründlichste Untersuchung über das Innenleben, die Stärken, aber auch die Schwächen des Geheimdienstmetiers.
Es ist ja nicht so, dass die CIA sich für al-Qaida nicht interessiert hätte. In den späten neunziger Jahren machten die Amerikaner vor allem bei den europäischen Regierungen Druck, endlich gegen Bin Ladens Anhänger vorzugehen. Viel Erfolg hatten sie damit nicht. Vielen, auch den Deutschen, galt die Geschichte vom neuen Superbösewicht als aufgebauscht.
Wie al-Qaida funktioniert, verstanden die Geheimdienste bis zuletzt nicht. Eine Einheit, die die Ziele der Organisation analysieren sollte, nahm erst am Vortag der Anschläge ihre Arbeit auf. Selbst innerhalb der Geheimen-Gemeinde glaubten viele, dass Bin Laden überschätzt, die CIA nach dem Kalten Krieg nur auf der Suche nach einem neuen Feind sei. Gerade mal 50 tote Amerikaner gingen auf das Konto des Saudi-Arabers, spotteten die Kritiker.
Ein interner Appell - "Wir sind im Krieg" -, mit dem Tenet am 4. Dezember 1998 die Geheimdienstwelt zum Kampf gegen al-Qaida aufrief, blieb ungelesen. Ziemlich fassungslos stellte die Untersuchungskommission fest, dass die meisten der von ihnen vernommenen Zeugen von der Tenet-Botschaft nie gehört hatten.
Dass eine FBI-Beamtin darauf drängte, arabische Flugschüler in den Vereinigten Staaten zu überprüfen, erfuhr Clarke nie - und auch die Nachricht von der Festnahme von Zacarias Moussaoui, der seinem Fluglehrer aufgefallen war, weil er nur Passagiermaschinen fliegen wollte, drang nicht bis ins Weiße Haus durch. "Islamische Extremisten lernen zu fliegen", hieß die Überschrift eines Untersuchungspapiers, das auf Tenets Schreibtisch landete. Niemand verstand die Botschaft.
Die Regierung hat bei ihren Aussagen vor der Kommission die Schuld zurückgegeben: CIA und FBI hätten konkurriert und zu selten kooperiert, sagte Rice, "Fehler im System" nannte sie das. Doch zum System gehören beide Seiten, Dienste und Regierung.
Es gibt eine Zeugin, Lisa Edmonds, die vor dem 11. September 2001 beim FBI abgehörte Telefongespräche übersetzte. Es habe "konkrete Hinweise auf Anschlagsziele" gegeben, sagte Lisa Edmonds, "es wurden Städte genannt, größere Städte - mit Wolkenkratzern".
ÜBER WASHINGTON, 9.10 UHR. Die ersten zehn Minuten des Flugs American Airlines 077 sind nach Plan verlaufen. Die Flugaufsicht übergibt den unauffälligen Kandidaten an die Kollegen in Indianapolis. Um 8.50 Uhr gibt der Kontrolleur den Befehl zu steigen. AA 077 bestätigt. Es ist das letzte Lebenszeichen.
Um 8.54 Uhr weicht die American erstmals von ihrer vorgesehenen Flugbahn ab, mit einem Dreh nach Süden. Zwei Minuten später verschwindet sie vom Radarschirm in Indianapolis.
Der Mitarbeiter der FAA weiß noch nichts von der Katastrophe in New York, er weiß nicht einmal, dass es eine Entführung gegeben hat. In tiefster Ahnungslosigkeit vermutet er bei der signallosen AA 077 einen technischen Fehler.
Im Abschlussbericht der Kommission heißt es: "Als die Nachricht von den Entführungen nach und nach durchsickerte bei FAA und Fluglinien, scheint es dennoch niemandem in den Führungsetagen in den Sinn gekommen zu sein, vielleicht die anderen Flugzeuge unterwegs zu warnen, dass auch sie sich in Gefahr befinden könnten." Das Boston Center, das die ersten beiden entführten Maschinen betreut hatte, meldet sich im Herndon Command Center und weist darauf hin, dass man unbedingt "Nachrichten an die Flugzeuge in der Luft durchgeben müsste, um die Sicherheit für das Cockpit zu erhöhen".
Doch nichts geschieht.
Um 9.19 Uhr hat einer Mut. Ed Ballinger, ein Mitarbeiter von United Airlines, hält es nicht mehr aus und sendet auf eigene Faust Botschaften an seine 16 Transkontinental- Flüge: "Vorsicht vor Störungen im Cockpit - zwei Flugzeuge sind ins World Trade Center gestürzt." Eine der Maschinen, die diese Warnung auffängt, ist UA 93.
Um 9.09 Uhr wird der Verlust d er American an das Regional Office gemeldet. Es ist, als wäre drüben in New York nichts geschehen, denn erst um 9.24 Uhr geht die Information weiter an die Zentrale der FAA in Washington.
Langsam erfahren die Mitarbeiter in Indianapolis von den anderen Unglücksmaschinen, und langsam kommt ihnen in den Sinn, dass AA 077 vielleicht gar nicht abgestürzt ist. Vielleicht ist AA 077 ja die dritte fliegende Waffe.
Es wird hektisch. Alle suchen nun nach einem Radarsignal. Weil der FAA-Beamte die Maschine zuletzt in Richtung Südwest registriert hatte, suchen sie alle südwestlich der ursprünglichen Flugbahn. Für sechs Minuten taucht AA 077 noch einmal auf dem Radarschirm auf; niemand bemerkt sie, weil die Maschine sich nun östlich von ihrer ursprünglichen Position bewegt.
Um 9.20 Uhr gibt das Command Center den Befehl, nach Radarsignalen Ausschau zu halten. Um 9.32 Uhr finden die Leute von der Dulles Control Facility nahe Washington
ein unidentifizierbares Flugobjekt, das "sich mit hoher Geschwindigkeit ostwärts" bewegt. Reagan Airport, der Stadtflughafen der Hauptstadt, wird benachrichtigt. Das FAA-Personal informiert die Geheimdienste.
Die Luftabwehr erfährt von American 077 ganz und gar zufällig. In einem Gespräch zwischen FAA Center Washington und Neads, bei dem es um die Lage in New York geht, erwähnt der FAA-Mitarbeiter, dass "wir auch American 077 suchen - wir haben sie verloren".
Es ist 9.34 Uhr, als das Militär von der dritten verschwundenen Maschine Kenntnis erhält. Drei Fighter des ebenfalls nahen Luftwaffenstützpunkts Langley starten und fliegen Richtung Osten, warum dorthin? Das kann auch drei Jahre danach niemand erklären.
Erst als die unbekannte Maschine sechs Meilen südwestlich vom Weißen Haus auftaucht, dämmert es der Flugabwehr der Vereinigten Staaten, dass die Langley-Fighter nun dringend und sofort über der Stadt gebraucht werden. "Bring sie zum Weißen Haus", schnauzt der Mission Crew Commander - zu spät. Als das Flugzeug um 9.37 Uhr ins Pentagon rast, sind die Langley-Piloten 150 Meilen vom Tatort entfernt.
Im Abschlussbericht heißt es: "Die Verteidigung des Luftraums der Vereinigten Staaten am 11. September wurde nicht in Übereinstimmung mit den bestehenden Protokollen oder Ausbildung vollzogen. Es wurde von Zivilisten improvisiert, die noch nie mit einem entführten Flugzeug zu tun hatten, das versucht zu verschwinden, und von Militärs, die vollkommen unvorbereitet waren auf die Umwandlung von Flugzeugen in Massenvernichtungswaffen."
GRUNDSCHULE IN SARASOTA, FLORIDA, 9.05 UHR. Andrew Card, der Stabschef des Weißen Hauses, beugt sich herunter zu seinem Boss und flüstert ihm ins Ohr: "Ein zweites Flugzeug ist soeben in den anderen Turm eingeschlagen. Amerika wird angegriffen." Für alle hier steht fest, dass dies kein Zufall mehr ist. Im Kreis der mitreisenden Reporter klingeln die Mobiltelefone.
POLIZEIPOSTEN WTC, 9.11 UHR. Polizeibeamte, die gerade die Etage B-4 geräumt haben, werden ins 22. und ins 90. Stockwerk geschickt. Auch von dort haben sich Hilfsbedürftige gemeldet. Es wird ein Aufstieg in den Tod.
Im 51. Geschoss brennt bereits Flugbenzin. Ungläubig bittet der Polizeiposten unten um Bestätigung: "Das ist brennender Treibstoff", antwortet ein Beamter von oben. Der WTC-Posten will die Alarmmeldung an den Feuerwehrzug 10 weiterleiten - niemand nimmt ab.
GRUNDSCHULE IN SARASOTA, FLORIDA, 9.15 UHR. Präsident Bush geht aus dem Klassenzimmer in einen Warteraum der Schule und wird von seinem Stab über die Ereignisse in New York informiert. Per Telefon verständigt sich George W. Bush mit seinen wichtigsten Beratern: Vizepräsident Dick Cheney, Condoleezza Rice, Gouverneur George Pataki und FBI-Direktor Mueller - weder Verteidigungsminister Rumsfeld noch Außenminister Powell, noch CIA-Direktor Tenet werden von Bush kontaktiert.
Weil Bush eine Erklärung an die Nation abgeben will, vergehen Minuten, in denen seine Berater die richtigen Worte notieren. Keiner hier weiß etwas von anderen entführten Maschinen. Keiner im Stab des Präsidenten weiß, dass zwei Flugzeuge in den Händen von Terroristen im Anflug auf die Hauptstadt der Vereinigten Staaten sind.
George Bush will nach Washington, unbedingt.
FEUERWEHRZENTRALE WTC, 9.23 UHR. 20 Minuten nach dem zweiten Einschlag erreicht Sergeant DeVona und die WTC-Polizeiwache die Nachricht, dass zwei Flugzeuge das WTC getroffen haben. Die Kommission schreibt: Viel Zeit für mögliche Evakuierungen wurde verschenkt; Menschen, die sich niemals an Notfallübungen beteiligt haben, rannten nach oben und nicht nach unten; immer mehr Menschen werden ins Gebäude geschickt, als ein Einsturz längst wahrscheinlich ist.
FLUGÜBERWACHUNGSZENTREN IN DEN USA, 9.25 UHR. Landesweit tritt ein Startverbot für den gesamten zivilen Luftverkehr in Kraft. Alle bereits in der Luft befindlichen Zivilmaschinen werden zu ihren Startflughäfen oder zum nächsten Ausweichplatz beordert. Die Anordnung orientiert sich am Krisenplan "Scatana", der in den sechziger Jahren für den Fall eines Angriffs der Sowjetunion ausgearbeitet worden ist. 4546 Flugzeuge sind über den USA in der Luft und müssen nun landen.
NEWARK, NEW JERSEY, 9.28 UHR. Die United 93 ist mit Verspätung in den Tod gestartet, an Bord ist der Libanese Ziad Jarrah. 40 Minuten nach der geplanten Abflugszeit, erst um 8.42 Uhr, hob die Boeing in Newark ab. Jetzt, kurz vor halb zehn, gibt es den letzten normalen Funkkontakt zwischen FAA und Cockpit.
Eine Minute später hören Mitarbeiter der FAA in Cleveland "unverständliche Geräusche und Schreie oder Kämpfe". Dann, live über den Äther: "Raus hier, raus, verschwindet." Der Kontrolleur in Cleveland bemerkt erst jetzt, dass die United 93 um 700 Meter gesunken ist.
Um 9.32 Uhr bringt die dritte Übertragung aus dem Cockpit die Gewissheit: "Bleiben Sie sitzen. Wir haben eine Bombe an Bord." Um 9.34 Uhr wird die FAA- Zentrale informiert.
Um 9.39 Uhr meldet sich Ziad Jarrah in schlechtem Englisch aus dem Cockpit: "Hm, ist der Kapitän. Möchte Sie alle sitzen bleiben. Das ist eine Bombe im Flugzeug und fliegen zurück zum Flughafen, und unsere Forderungen zu erhalten ... (unverständlich). Bitte bleiben Sie ruhig."
Um 9.41 Uhr verliert das Cleveland Center der FAA das Signal von United 93.
Um 9.36 Uhr fragt Cleveland Center beim Command Center in Herndon an, ob jemand das Militär darum gebeten hat, mit Kampfflugzeugen die Maschine "abzufangen". Das Kommandozentrum antwortet, diese Entscheidung müsste ganz oben getroffen werden und sei in Arbeit.
UA 93 nimmt Kurs auf Washington.
Um 9.46 Uhr, 13 Minuten nachdem Cleveland Center um militärische Hilfe gebeten hat, drängt jemand in der Kommandozentrale darauf, dass das Hauptquartier in Washington mal langsam das Militär einschalten solle - in der Zentrale ist keiner der Entscheidungsträger zu finden: "Die sind gerade aus dem Raum gegangen."
Gegen 9.53 Uhr verschwindet United 93 über Pittsburgh. Es hat Kämpfe an Bord gegeben, die Passagiere haben sich erbittert gewehrt, haben versucht, ins Cockpit einzudringen. Jarrah, am Steuerknüppel, unternimmt wilde Flugmanöver, um die Passagiere am Eindringen zu hindern. Vergebens. Dann fragt er einen Kumpel: "Ist es so weit? Ich meine, sollen wir die Maschine runterbringen?" Der andere antwortet: "Ja, mach sie fertig, bring sie runter." Die Maschine stürzt in ein Feld bei Shanksville in Pennsylvania.
Die Flugabwehr Neads hatte UA 93 nicht geortet. Als die Abwehr erfuhr, dass UA 93 entführt war, stieg schon der Rauch aus den Trümmern auf.
SARASOTA, FLORIDA, 9.35 UHR. Unter Sirenengeheul und dem Flackern einer Kaskade von blauen, roten und weißen Blinklichtern verlässt die Kolonne des Präsidenten das Gelände der Grundschule. In hohem Tempo jagen die gepanzerten Fahrzeuge davon - zunächst in die falsche Richtung, weg vom Flughafen, wo die Air Force One startbereit darauf wartet, ihren kostbaren Passagier schnell in sichere Höhen zu tragen. Auf der rund zehnminütigen Fahrt erhält Bush die Nachricht vom Anschlag auf das Pentagon.
Nach einem anonymen Anruf im Weißen Haus hält der Secret Service auch den riesigen Präsidenten-Jumbo für ein mögliches Terrorziel. Die Geheimen drängen deswegen darauf, "Potus", so das Kürzel für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, in die sicherste aller Sicherheitszonen zu schaffen - in die Luftverteidigungszentrale Norad. Die ist vor Jahrzehnten tief in die Felsen des Cheyenne Mountain nahe Colorado Springs gesprengt worden. Es ist eine Kleinstadt mit eigenem Kraftwerk, Wasserversorgung und Vorratslagern.
WEISSES HAUS, 9.29 UHR. Konferenz. Was ist da draußen eigentlich los? Wer tut so etwas? Die FAA soll die anderen erst einmal auf den Stand der Dinge bringen. Aber 48 Minuten lang findet die Konferenz ohne die FAA statt, weil niemand die Flugsicherung darüber informiert hat, dass es eine Konferenz gibt.
Acht Agenten des Secret Service bringen ihren Schützling Dick Cheney in das bombensichere Presidential Emergency Operations Center (Peoc) tief unter dem Ostflügel des Präsidentensitzes, weil ein weiteres entführtes Flugzeug mit Kurs auf Washington gemeldet wird. Mögliches Ziel: das Weiße Haus. Auch Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Verkehrsminister Norman Mineta laufen ins Krisenzentrum.
Im unterirdischen Zugangstunnel machen Cheney und seine Beamten in einem Bereich mit Fernseher, Telefon und einer Sitzbank Halt. Von hier aus versucht Cheney den Präsidenten zu erreichen, aber es dauert, bis die Verbindung steht.
Sicherheitsleute wollen in den kommenden Stunden die vielen Konferenzen mithören, doch auch das ist schwierig: Cheneys Ehefrau Lynne schaltet ständig auf CNN um und dreht den Ton auf.
FEUERWEHRZENTRALE WTC, 9.40 UHR. Weite Teile des Gebäudes Nummer 5 im WTC sind geräumt. Sergeant DeVona fragt, ob irgendeine Einheit schon Atemschutzgeräte bekommen habe. Eine knappe Stunde nach Beginn der Katastrophe fehlt die Schutzausrüstung noch immer.
AIR FORCE ONE IN SARASOTA, FLORIDA, 9.45 UHR. Der Präsident erreicht seinen Stellvertreter. "Sieht aus, als sei hier ein kleiner Krieg im Gang, ich habe das vom Pentagon gehört. Wir sind im Krieg. Jemand wird dafür bezahlen", sagt Bush. Cheney rät von der Rückkehr nach Washington ab.
PENTAGON, 9.46 UHR. Das Büro des Verteidigungsministers versucht vergebens, Donald Rumsfeld zu finden. Der ist draußen, er hilft beim Rettungseinsatz.
WEISSES HAUS, 9.59 UHR. Stephen Hadley, der stellvertretende Sicherheitsberater des Präsidenten, fordert über die "Air Threat Conference" im Pentagon Jagdflugzeuge für den Begleitschutz von Air Force One an, die gerade in Sarasota abgehoben hat. Außerdem solle das Verteidigungsministerium Kampfpatrouillen im Washingtoner Luftraum einsetzen. "COG" ist in Kraft, "Continuity of Government", jener streng geheime Plan für die Fortsetzung der Regierungsarbeit nach einem Atomangriff auf die USA.
Unter dem Schutz von Kampfflugzeugen sollen die wichtigsten Regierungsmitarbeiter in Hubschraubern der Marineinfanterie ausgeflogen werden zu streng abgeschirmten unterirdischen Befestigungsanlagen, die auch einen Nuklearkrieg überstehen können. Nur Vizepräsident Richard Cheney will nicht weichen, bleibt im Weißen Haus, "ich mag diesen Brückenkopf, den wir dort mit all den Nachrichtenverbindungen aufgebaut hatten, nicht verlassen", sagt er.
In Bussen fahren die Mitarbeiter zu vielen der 75 unterirdischen Zentralen, die es im Großraum Washington gibt. Nicht einmal ihre Familien dürfen sie über Grund, Ziel und Dauer dieser Dienstreise informieren. Der Massenauszug der Beamten stürzt Washington für Stunden ins Chaos.
PENTAGON, GEGEN 10 UHR. Der stellvertretende Generalstabschef Richard Myers eilt von einer Sitzung im Kapitol zurück ins schwer getroffene Verteidigungsministerium. Bei seinem Eintreffen breitet sich Rauch im Lagezentrum aus. Daraufhin lässt Myers den Alarmstatus der Streitkräfte der Supermacht auf "Defcon 3" anheben - seit dem arabisch-israelischen Krieg von 1973 ist nicht mehr ein so hoher Bereitschaftsgrad angeordnet worden. Das widerspricht der Darstellung Bushs, er selbst habe diese Anordnung gegeben.
Und nun, endlich, kommen die Fragen. Wer hat das getan? Wer ist so mächtig?
H
Richard Clarke sagt, Leute wie Cheney hätten vom ersten Tag an das Wort "Irak" gemurmelt.
Die Kommission rügt das. Aus Iran habe es Unterstützung für die Terroristen gegeben, bei Ein- und Ausreise vor allem; und aus Pakistan, ausgerechnet auf Anweisung von Geheimdienstchef Mahmood Ahmed, habe Mohammed Atta eine Überweisung von 100 000 Dollar bekommen. Aber Irak? Es gibt keine Beweise für eine Verbindung, es gab sie nie. Warum ging die Regierung gegen den Irak so obsessiv vor? Und warum zögerte sie ausgerechnet immer dann, wenn es um Osama Bin Laden ging? Es ist ein Rätsel für die Kommission.
Es ging schon mit Bill Clinton los, und der berichtet mit sanfter Stimme über seine Jahre als Präsident, nur wenn es um zwei Personen ging, konnte sein Ton schon mal rauer werden. Eine heißt Monica Lewinsky. Die andere heißt Osama Bin Laden.
Ob er sich Vorwürfe mache, nicht genug gegen den Terroristenführer unternommen zu haben? Nein, sagt Clinton: "Wir haben alles versucht, ihn zu stoppen. Die meisten Leute haben Bin Laden nicht ernst genommen, aber ich schon."
Dutzende CIA-Agenten, darunter auch der inzwischen zurückgetretene Geheimdienstchef George Tenet, sind von der Kommission vernommen worden. Und alle lamentierten über angeblich verwirrende Vorgaben: Clintons Auftrag sei stets gewesen, Bin Laden zu fangen; ein gezielter Mord sei nie befohlen worden; na ja, die einzige Ausnahme: Wenn der Kerl bei einer Entführung ums Leben käme.
Richard Clarke hält die Aussagen für das Gejammer eines Geheimdienstes, "der bemitleidenswert unfähig war, den Auftrag auszuführen. Das Ziel des Präsidenten war ganz klar: Tötet Bin Laden".
"Sogar das US-Justizministerium", so erzählt es Clintons ehemaliger Sicherheitsberater Sandy Berger, habe damals "die Bemühungen, Bin Laden zu töten", unterstützt - als Akt der Selbstverteidigung. Und wenn es zulässig sei, mit Raketen zu feuern, könne es mit einer Pistole doch nicht verboten sein.
Für uns gelten andere Regeln als für das Militär, das sagte CIA-Chef Tenet vor dem Ausschuss. Seine Behörde habe die Anweisungen Clintons immer so verstanden: Fangt ihn - und wenn er sich wehrt und dabei getötet wird, ist es in Ordnung.
So konfus wie in der Zentrale ging es auch in Afghanistan zu. Die angeheuerten Agenten meldeten, Bin Laden in einem Autokonvoi gesichtet zu haben. Es seien Frauen und Kinder dabei gewesen, so dass in "Übereinstimmung mit den CIA-Richtlinien" der Angriff abgeblasen wurde.
BUNKER UNTER DEM WEISSEN HAUS, 10.10 UHR. Ein militärischer Adjutant des Weißen Hauses teilt den versammelten Regierungsmitgliedern mit, das Flugzeug im Anflug auf Washington - es geht um die abgestürzte United 93 - sei 80 Meilen vor der Hauptstadt und bittet um die Genehmigung, die Maschine abzufangen.
Vizepräsident Cheney genehmigt das Abfangen des Flugzeugs.
Der Adjutant kommt Minuten später wieder zu Cheney und bittet ein zweites Mal um die Bestätigung, das entführte Flugzeug abschießen zu dürfen. Joshua Bolten, Bushs stellvertretender Stabschef, wendet ein, ob Cheney sich diese Order nicht lieber vom Präsidenten bestätigen lassen wolle. Handelt er eigenmächtig? Gesetzeswidrig?
Sein Boss sitzt handlungsfähig in der Air Force One, die über alle Kommunikationseinrichtungen verfügt. Sicherheitsberaterin Rice glaubt sich an eine Konversation Cheneys mit dem Präsidenten George W. Bush erinnern zu können, in welcher der Vize um Weisung für die aufgestiegenen Jagdflugzeuge gebeten habe.
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Damals, als es in Afghanistan um Bin Laden ging, ließ Präsident Bill Clinton einmal tatsächlich Marschflugkörper abfeuern. Die Aktion 1998 war ein Fehlschlag, getroffen wurden Lager, Bin Laden war nicht dort. Danach überwogen stets die Bedenken. So sauer war einer der Bin-Laden-Jäger, dass er am nächsten Tag schrieb: "Ich bin sicher, wir werden noch bedauern, letzte Nacht nicht gehandelt zu haben." Und so frustriert war Clinton, dass er den General Hugh Shelton anraunzte: "Al-Qaida würde sich in die Hosen machen, wenn eine Gruppe schwarz gekleideter Kämpfer in der Mitte ihres Camps auftauchen würde."
Im Dezember 2000 trafen sich der scheidende und der neue Präsident für zweieinhalb Stunden im Oval Office. "Ich bedaure sehr, dass es mir in meiner Präsidentschaft nicht gelungen ist, Bin Laden zu kriegen", will Clinton gesagt haben. Bush mag oder kann sich daran nicht erinnern.
Der neue Präsident hatte dann den Irak im Kopf, von Anfang an. Erst am 4. September 2001 kam es zur Chefbesprechung über ein Problem namens al-Qaida. Clarke hat vor der Sitzung ein Memo an Rice geschickt. Der Ton ist harsch, Clarke schreibt: "Wir sollten an jenen Tag denken, an dem, wenn es uns nicht gelingt, al-Qaida zu stoppen, Hunderte Amerikaner in vielen Ländern, auch in den USA, tot sein werden."
All das kritisiert die Kommission. Diese Trägheit. Diese Unaufmerksamkeit. Diese schwachen Strukturen. Die Unklarheit, gerade wenn stark, schnell und klar entschieden werden müsste. Schön ist der Bericht der Kommission für niemanden, nicht für Clinton, nicht für die Feuerwehr, die Flugsicherung oder die Polizei, und für den Terrorkrieger Bush ist dieses Papier natürlich besonders grässlich; aber der peinlichste Teil der Untersuchung sind die Analysen über die Geheimdienste. Niemand sonst ist so kläglich gescheitert.
Man kann ja viel entschuldigen nach einem Attentat wie dem vom 11. September: Feuerwehr und Polizei kommunizierten miserabel - entsetzlich, fatal, aber nach welcher Katastrophe passieren keine Fehler?
Das mit den Diensten ist anders.
Die Dienste haben eine Aufgabe, sie sollen das Land beschützen. Sie haben versagt. Was die Kommission interessierte, war weniger persönliche Schuld, es waren die Gründe.
Und es scheint, als beginne die Geschichte vom Scheitern der Dienste mit dem Ende des Kalten Krieges. "In den neunziger Jahren hat die CIA und der Rest der Gemeinschaft noch damit gerungen, ihre Prioritäten neu auszurichten", schreiben die Ermittler. Die historische Neuorientierung fiel der CIA deshalb so schwer, weil ihre Ursprünge, 1947, eben in
jene vergangene Epoche einer in Blöcke gespaltenen Welt zurückreichen.
Weil die Beamten nach wie vor in einer Welt der Nationalstaaten dachten, konnten al-Qaida und Bin Laden nahezu unbemerkt im toten Winkel der Geheimdienste gedeihen. Auf eine transnational agierende Terrororganisation war niemand vorbereitet.
Aber die Kommission kritisiert auch eine andere historische Fehlentwicklung, welche die Geheimdienste als Frühwarnsystem völlig gelähmt hatte: eine Mediengesellschaft, deren dauernde Nachrichtensucht zu einer Überproduktion an gefälligen, kurzen Informationsfetzen führt, die aber Hintergrundrecherche vernachlässigt.
"Analyse ist mehr als ein Nachrichtenbericht", bemerken die Kongressrechercheure und monieren eine Art intellektueller Ausdünnung der Geheimdienstarbeit. Taktische Einschätzungen, strategische Analysen seien durch sendetaugliche Häppchen ersetzt worden. Durch die Gier nach frischer Ware wurden, so der Bericht, "wichtige Quellen abgezogen von systematischer, reflektierender Strategie-Analyse".
Diese Arbeit ist dann ungefähr das Gegenteil dessen, wozu Geheimdienste einst erfunden wurden. Und so geschah es dann. Wieder und wieder machen irgendwelche Berichte deutlich, wie viele Hinweise die verschiedenen Dienste und Apparate hatten. Niemand fügte das Bild zusammen und deutete es. Passivität und Langsamkeit gehören genau so zu den Quellen der Katastrophe wie nationalstaatliches Denken und Geheimniskrämerei.
AIR FORCE ONE, MIT UNBEKANNTEM ZIEL ÜBER FLORIDA, 10.18 UHR. In einem zweiminütigen Telefongespräch bestätigt Bush die Abschussorder Cheneys und unterrichtet seinen mitfliegenden Pressesprecher Ari Fleischer darüber. Nach dem Alarmstart, mit dem der Secret Service hofft, seinen wichtigsten Schutzbefohlenen jeder unmittelbar drohenden Gefährdung zu entziehen, wählen die Sicherheitsbeamten nun einen Zickzackkurs durch die USA. Er wird den Präsidenten nebst Stab und mitreisenden Journalisten von Florida nach Louisiana, über Nebraska und erst acht Stunden später wieder nach Washington DC führen.
WORLD TRADE CENTER, 10.28 UHR. Vor 29 Minuten ist der Südturm eingestürzt, die Helfer im Nordturm haben es nicht erfahren.
Bis jetzt nicht.
Dann stürzt der Nordturm ein.
LUFTVERTEIDIGUNGSZENTRALEN ÜBERALL IN DEN USA, 10.31 UHR. Über ein "military chat log", einen speziellen Kanal, erreicht Cheneys Abschussbefehl die Luftwaffenbefehlshaber. Norad-Regionskommandeur Generalmajor Larry Arnold hat die Weisung weitergegeben: "Der Vizepräsident hat uns ermächtigt, verdächtige Flugzeuge zu verfolgen und abzuschießen, wenn sie nicht reagieren."
Aber die Befehlsketten funktionieren langsam und manchmal gar nicht.
Einsatzleiter im Kontrollzentrum New York: Wir dürfen Flugzeuge abschießen, die nicht reagieren.
Fluglotse: Verstanden, Sir.
Einsatzleiter: Wenn Sie also jemanden umleiten wollen, und der reagiert nicht ...
Fluglotse: Der Chef sagt Nein.
Einsatzleiter: Nein? Es kam doch über den chat log - haben Sie irgendwelche Probleme mit diesem Befehl?
Tatsächlich kommt die Ermächtigung durch die Regierung bei den über Washington und New York kreisenden Air-Force-Piloten nie an. Sie flogen unter der Order "identifizieren und verfolgen".
Was hätte also verhindert werden können? Wenn die Flugzeuge früher aufgefallen und schneller identifiziert worden wären? Wenn Kampfpiloten am richtigen Ort gewesen wären mit den richtigen Befehlen?
Der Kommissionsbericht zeichnet das Bild einer Weltmacht, die keine Fähigkeit zur Selbstkritik aufbringt, die Missstände beobachtet, aber nicht korrigiert, die nicht vorausdenkt, die historische Veränderungen registriert, aber nicht analysiert und deshalb schon gar nicht angemessen reagiert.
Aber immerhin, manchmal blüht die Phantasie, die der Untersuchungsbericht bei den Hauptakteuren so vermisst hat. Vor zehn Minuten ist Verteidigungsminister Rumsfeld im National Military Command Center (NMCC) eingetroffen.
AIR THREAT CONFERENCE, 10.39 UHR.
Cheney: Schon mindestens dreimal wurden Anflüge auf Washington gemeldet. Auf Anweisung des Präsidenten habe ich die Ermächtigung erteilt, solche Flugzeuge abzuschießen.
Rumsfeld: Ist diese Anweisung an die Jagdflugzeuge weitergegeben worden?
Cheney: Ja, das ist geschehen.
Rumsfeld: Das heißt, wir haben im Augenblick da oben ein paar Flugzeuge, die diese Anweisung kennen?
Cheney: Stimmt. Und meines Wissens haben sie bereits zwei Flugzeuge runtergeholt. KLAUS BRINKBÄUMER, CAROLIN EMCKE,
SIEGESMUND VON ILSEMANN, GEORG MASCOLO
DER SPIEGEL 31/2004
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