26.07.2004

SPEKTAKEL„Ich wurde kräftig angefeindet“

Nike Wagner, 59, neue Intendantin des Kunstfestes in Weimar, über Reizthemen ihres Festivals, das Musikgenie Franz Liszt und die Zukunft der Wagner-Festspiele in Bayreuth
SPIEGEL: Frau Wagner, in Weimar hat einst Ihr Ururgroßvater Franz Liszt den "Lohengrin" Ihres Urgroßvaters Richard Wagner uraufgeführt - aber was hat Sie bewogen, nun die Leitung des Kunstfestes dort zu übernehmen?
Wagner: Ich finde den Ort, seine Geschichte und ihre Brüche faszinierend. Weimar ist für mich ein Sinnbild des kulturellen Übergangs, Station und Experiment zugleich. Darum heißt das Kunstfest von jetzt an "Pèlerinages", nach Liszts frühem Klavierzyklus "Années de pèlerinage", was man goethisch wohl mit "Wanderjahre" übersetzen könnte.
SPIEGEL: Heißt das, Sie planen für das Festival, das am 20. August beginnt, Kultur für Durchreisende?
Wagner: Das nun sicher nicht. Ich möchte im Gegenteil von der Event-Eile weg und Traditionen spürbar machen. Doch gerade dafür ist die Durchreise ein gutes Leitmotiv: Alle großen Gestalten, die hier Kultur gemacht haben, kamen von außen und wurden nie völlig sesshaft. Seit Goethe und Schiller sind alle mehr oder minder gescheitert.
SPIEGEL: Gilt also auch für Sie: Selbst wenn Sie scheitern sollten, erfüllen Sie die Tradition des Ortes?
Wagner: Ja. Das macht einen jetzt, wo es losgeht, ganz gelassen.
SPIEGEL: Werden Sie nicht an den Erfolgen von Bernd Kauffmann gemessen, der in Weimar zum Kulturstadt-Jahr 1999 mit viel Spektakel klotzen konnte?
Wagner: Es gibt eine Menge Kauffmann-Nostalgiker in Weimar, aber ebenso viele, denen er verhasst ist. Mit beiden habe ich nichts zu tun. Mein Festivalkonzept setzt sich weder polemisch von Kauffmann ab, noch verlängert es ihn. Schon das Budget lässt das nicht zu. Ich wollte und will nur tun, was mir für diesen Ort sinnvoll erscheint.
SPIEGEL: Trotzdem setzen Sie Ihre Schwerpunkte anders.
Wagner: Ja. Schon Weimar als Musikstadt zu präsentieren wurde mir als "Paradigmenwechsel" ausgelegt. Wenn das wirklich so ist, bin ich ziemlich erstaunt und erfreut darüber. Mir waren zwei Hauptlinien wichtig: einerseits die Tradition des Ortes, vor allem die vergessene um Liszt und seine Weimarer Jahre; andererseits die Künste der Moderne und der Gegenwart. Dabei hatte ich richtig Glück, dass dank der großen MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin Kunstwerke der Weimarer Republik von dort nach Weimar reisen dürfen, die man sonst nie freigegeben hätte - das wird ein Event, wie er im Buche steht.
SPIEGEL: Und im Musikprogramm setzen Sie vor allem auf Franz Liszt?
Wagner: Nicht nur. Der Pianist András Schiff etwa hat uns zugesagt, 14 Tage in Weimar zu sein, länger als je zuvor an einem Ort - aber er hat anderes vor und beginnt beispielsweise einen Beethoven-Zyklus. Mein "Pate" Liszt ist dennoch in besten Händen: Gleich zu Beginn spielt der Kanadier Marc-André Hamelin das erste Buch der "Années de pèlerinage". Mir erscheint die Figur Liszts, dieses immer auch zersplitterten, aufregend Ich-losen Chamäleons, in vielem moderner als die Richard Wagners. Und was man können muss, um die pianistische Technik vergessen zu machen ...
SPIEGEL: ... Kennerworte - aber stoßen Sie mit solchem Insidertum nicht all jene ab, die sich einfach nur mal richtig amüsieren wollen?
Wagner: Das mag schon sein. Die Kulturmenschen finden mein Konzept wunderbar, diejenigen, für die Kultur dasselbe wie Unterhaltung ist, haben es kräftig angefeindet und gegen meine "Hochkultur" eine "junge Alternative" gefordert.
SPIEGEL: Sind Sie auf diese Forderung eingegangen?
Wagner: Nein, das ist mir zu dumm. Außerdem: "Jung" sind wir selbst. Junge Künstler machen hier ihr Theater, ihre Literatur, ihre Tanz-Installationen.
SPIEGEL: Nach Volksfest klingt das trotzdem nicht.
Wagner: Weiß Gott nicht. Mein Kunstbegriff hat damit nichts zu tun. Ich will Anspruchsvolles bieten und die Leute nicht betrügen, wie die Kulturindustrie das ständig tut. Viel interessanter sind die Erkenntnisse und Entdeckungen, die man dort machen kann, wo man meint, nur "strapaziert" zu werden - wie etwa in Heiner Goebbels'' Musiktheaterstück
"Eislermaterial". Das ist eine anrührende, aber oft eben auch richtig witzige Hommage an den Komponisten Hanns Eisler, der immerhin die DDR-Nationalhymne komponiert hat, eine kluge, hintergründige Erinnerung an die vielen verblassten, verpassten Utopien.
SPIEGEL: Außer Musik und Kunst bieten Sie zum Festivalthema "Heimweh" auch ein Salongespräch mit Prinz Michael von Sachsen-Weimar und Eisenach und anderen Gästen. Ist der Prinz, der für seine Familie gerade einen millionenschweren Vergleich mit dem Land Thüringen erwirkt hat, in Weimar nicht eine Reizfigur?
Wagner: Und ob. Mir war anfangs nicht klar, dass es in Weimar zwei Tabuthemen gibt: Aristokratie und Sozialismus. Adlige zu Wort kommen lassen oder wie in einem anderen Podiumsgespräch das "Heimweh nach der DDR" untersuchen, das schockiert. Dabei wäre Weimars Vergangenheit ohne Aristokraten undenkbar, genau wie sein jetziger Zustand ohne die vier Jahrzehnte Sozialismus. Peter Gülke, der Dirigent und Musikwissenschaftler aus Weimar, viele Jahre Professor in Freiburg, wird seine Erfahrungen mit der Stadt unter dem Titel "Fernweh und Nahkampf" beschreiben. Ein herrlicher Titel, finden Sie nicht?
SPIEGEL: Sie sind bekannt für Ihre ehrgeizigen Pläne zur Erneuerung der Festspiele in Bayreuth. Laufen Sie sich jetzt in Weimar warm für einen Job am Grünen Hügel?
Wagner (lacht): Nein, ganz ernsthaft, ich sehe das nicht so. Weimar interessiert mich, weil es Weimar ist. Diese grundwassertiefe Kulturvergangenheit und der unausrottbare Affekt gegen die Moderne, der auch zu Weimar gehört, damit lässt sich produktiv umgehen.
SPIEGEL: Das Widerständige, Prekäre im gewaltigen Sumpf der Tradition entdecken - all das wäre als Konzept nahezu wörtlich auf Bayreuth übertragbar.
Wagner: Es lässt sich nicht leugnen. Festgelaufenes aufbrechen, ohne die Kontinuität abzubrechen, Museales in Frage zu stellen, ohne den Werken den Garaus zu machen - so ähnlich habe ich es für Bayreuth mal skizziert.
SPIEGEL: Aber Sie selbst machen sich vorerst keine Hoffnungen darauf, dass die Entwürfe umgesetzt werden?
Wagner: Ich bin derzeit nur Beobachterin. Das private Szenario, das am Grünen Hügel inszeniert wird, kann ja jeder erkennen. Auch die konzeptuelle Krise ist seit Jahrzehnten deutlich. Kurz gesagt: Da redet ein ältliches Ehepaar den Regisseuren dauernd in ihre Entwürfe hinein - kein Wunder, wenn es auch mal zum Bruch kommt. Dass Lars von Trier den "Ring" abgesagt hat, fand ich bei allem, was durchgesickert ist, künstlerisch seriös.
SPIEGEL: Sie meinen, hier wird die Chance für modernes Operntheater vergeben?
Wagner: Sicher. Wenn man Avantgarde-Regisseure haben will, darf man sie nicht gängeln wollen. Im Rahmen der künstlerischen Freiheit lässt sich aber dennoch eine konsequente Linie denken - jedenfalls etwas Besseres als das momentane Chaos, dieses Wechselbad zwischen Verpackungsdesign, Eigenbrötlerei und Provinzialität. Aber dazu müsste ein anderer Geist in dieses Haus einziehen.
SPIEGEL: Könnte Wolfgang Wagners Tochter Katharina das sein?
Wagner: Sie hat es sehr schwer. Wenn es je ein dressiertes Kind gab, dann sie, und wenn es je ein gemachtes Bett gab, dann dieses. Irgendwann wird die Richard-Wagner-Stiftung dann die Verantwortung übernehmen müssen - ob es hier um die Kunst geht oder das Erlebnisbad genügt. Bayreuth spiegelt momentan den Zeitgeist nur, statt auch mal Widerpart zu sein.
SPIEGEL: Finden Sie, dass sich der Zeitgeist so rasch wandelt?
Wagner: Alles geht schneller, auch die Veränderungen im Verhältnis zur Kultur. Was neben den bekannten Klagen auch interessant sein kann. Ein Beispiel: Ich war mit meiner 22-jährigen Tochter im Münchner "Ring" von David Alden. Sie erklärte mir hinterher, dass einiges darin unmittelbar aus den Filmen von David Lynch inspiriert sei. Als ich nachfragte, was denn eine bestimmte Szene bedeute, sagte sie nur: "Was soll man da verstehen, wir sehen doch das Bild!" Das war Generationsunterschied in voller Breitseite. Während ich "verstehen" will oder mich die Umsetzungsvorgänge reizen, genügt vielen inzwischen die Oberfläche.
SPIEGEL: Und dem wollen Sie entgegensteuern?
Wagner: So einfach ist das nicht, wir haben eine Bild-Kultur. Umso mehr sollte man versuchen, die anderen Sinne zu fördern. Auch den Verstand.
INTERVIEW: JOHANNES SALTZWEDEL
* "Stützen der Gesellschaft" (1926), aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 31/2004
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