26.07.2004

DIRIGENTENDer begnadete Eremit

Intendanten und Produzenten lockten ihn mit Traumangeboten. Aber der Stardirigent Carlos Kleiber, der jetzt 74-jährig starb, machte sich rar und stilisierte sich zum genialen Sonderling - ein Unikum der Musikgeschichte.
Keine Oper von Mozart hat er hinterlassen, keine Symphonie von Mahler. Nicht einen Takt Bach oder Bruckner, Schumann, Strawinski oder Schönberg. Es gibt von ihm keine Neunte von Beethoven und keine Erste von Brahms, nicht den riesigen Nibelungen-"Ring" und nicht mal die "Kleine Nachtmusik".
Er war der Maestro mit dem Nicht-Repertoire, der Virtuose der Verweigerung, mehr Phantom als präsent in der Tretmühle des Musikbetriebs und im Supermarkt der CD-Industrie. In den rund 40 Jahren seines aktiven Künstlerlebens hat er nicht mal ein Dutzend Einspielungen produziert, Solitäre sie alle. Aber er ist Kult wie kein Zweiter - Don Carlos, Wahnsinnstyp.
Fast ein halbes Jahrhundert lang hat der Dirigent Carlos Kleiber die klassische Musikszene genarrt, auf die Folter gespannt, enttäuscht und, wahrhaft im Handumdrehen eines genialen Taktierers, in hymnische Ekstasen versetzt; mit liebevoller Geduld hat das Publikum auf ihn gewartet und stets gehofft, dass er, der begnadete Eremit, noch einmal auftauchen würde aus seinem Versteck im Münchner Süden und sich auf irgendeinem Podium zeigen würde, irgendwo in der Welt.
Aus, vorbei. So eigenwillig seine Laufbahn verlief, so fern der Norm lief seine Lebensbahn aus: Unbemerkt vom Kulturbetrieb, der ihn stets liebevoll auf dem Kieker hatte, ist Carlos Kleiber, 74, bereits am 13. Juli in dem slowenischen Dorf Konjsica, in der Heimat seiner Mutter und seiner Frau, gestorben und beigesetzt worden. "Sein Andenken sei gesegnet", rief ihm jetzt der Kritiker Joachim Kaiser in der "Süddeutschen Zeitung" nach. Die Feuilletons setzten auf halbmast.
So ist denn die skurrilste Geschichte des modernen Interpretentums wirklich Geschichte geworden, diese Vita mit all ihren Skandalen, Affären, Krächen und ihren himmelstürmenden Starstunden am Ende. Die Causa Kleiber kann zu den Akten - aber zu was für welchen!
Schnittig war die Eleganz und fast dämonisch der Elan, mit der sich dieser Kapellmeister beispielsweise in Beethovens "Coriolan"-Ouvertüre zu stürzen pflegte. Mit ein paar Takten der "Fledermaus", dem bittersüßen Naschwerk aus seiner Wiener Bonbonniere, zwang er selbst abgebrühte Musiker auf die vorderste Stuhlkante und peitschte die Orchester ins Delirium: kein Schmäh, kein Schmonzes.
Die erotische Raserei, zu der Kleiber die chromatischen Räusche des Wagner-"Tristan" 1982 in seiner Dresdner Stereoproduktion hochfieberte, genießt die Wagner-Gemeinde bis heute als köstliches Narkotikum. "Was ist der Mann für ein Ereignis!", begeisterte sich schon damals die Münchner "Abendzeitung".
Webers "Freischütz" trieb dieser Kleiber mit perfekter Rasanz alle Lodentümelei aus. Verdis oft trivial vertränte "Traviata" wurde bei ihm zum strahlenden Trauerfall. Selbst der reichlich kandierte "Rosenkavalier" verbreitete bei ihm noch eine seidige Dekadenz, die süchtig machte.
Kein Musiktheater von Rang, das nicht regelmäßig um Kleibers Hände angehalten hätte, gerade so, als könne er sie dem maroden Betrieb heilend auflegen. Was für Bedingungen: Gagen fürstlich, Programme nach Wahl, so viele Proben wie gewünscht, und seien es 34, wie einst für "Wozzeck".
Aber der Maestro sagte meist: Nein, danke. Man könne, moserte Kleiber, heute ja "nicht einmal mehr ,Peterchens Mondfahrt' besetzen".
Einen Scheck über eine Million Dollar hielt der Wiener Staatsopernchef Ioan Holender jahrelang im Safe, für den Fall, dass Kleiber noch mal kommen wolle. Aber der Paradiesvogel ließ sich nicht mehr blicken.
Klar, da war was: jede Menge Bammel, Selbstzweifel, "Angst vor dem eigenen Genie" (Kaiser). Kleiber, der grandios Begabte, war zugleich der prominenteste Unsicherheitsfaktor des globalen philharmonischen Gewerbes. Kein Verlass. Komische Launen, groteskes Gehabe. Diva. Der ganze Mann ein Rätsel.
Bis er kam, zitterten die Veranstalter. Wenn er kam, zitterten die Musiker. Aber "wenn er dirigiert", schwärmte einmal die "Welt", dann "ist alles verziehen". Wenn, wenn, wenn. Früher verschwand er oft monatelang in den Bergen Jugoslawiens, "unauffindbar zwischen den Schafherden", wie sich ein Freund erinnert, mit einem Wohnwagen unterwegs oder im Zelt.
Schon 1966, als 36-jähriger Kapellmeister, pfiff er auf Usancen und Verträge. Gerade hatte er bei einem Gastspiel der Oper Stuttgart in Edinburgh eine grandiose Premiere
der Berg-Oper "Wozzeck" hingelegt, da sagte der Dirigent den zweiten Abend samt geplanter BBC-Übertragung wegen "heftiger Magenschmerzen" ab.
Ein Bauchweh mit Folgen: Der Deutsche Bühnenverein musste ein Zeugnis ausstellen, Ärzte gaben widersprüchliche Gutachten ab, ein Teil des Stuttgarter Ensembles boykottierte den unbotmäßigen Maestro, selbst der Landtag palaverte über die Affäre. Kleiber? Kopfschütteln.
Daneben, damals immerhin mit schöner Regelmäßigkeit, seine großen, mitreißenden Live-Auftritte, eine "Elektra" beispielsweise in Höchstspannung, eine gefährlich knisternde "Carmen" oder Wagners "Tristan" herrlich sinnlich im roten Bereich. Kleiber? Toller Mann.
Oder doch nicht? 1973 versetzte er die Hamburgische Staatsoper bei einem Gala- "Falstaff", ein Jahr später ließ er sie - "bin untröstlich" - auf einem "Rosenkavalier" sitzen. In New York warf er "Traviata" hin, in Wien "Traviata" und "Carmen". Nach seinem fulminanten Bayreuther "Tristan" 1974 sagte er im Folgejahr die vereinbarte Radioübertragung ab, Sender in aller Welt mussten sich mit Ersatz begnügen, der Grüne Hügel bebte. Fortan mied Kleiber die Stätte wie der Satan den Gral.
1980 durfte das Berliner Philharmonische Orchester ihn erstmals als Gast ankündigen. Er kam und floh - ohne Konzert. Die Wiener Philharmoniker, die ihm immer aus der Hand gefressen hatten, ließ er im Dezember 1982 mitten in einer Probe sitzen. Klopfte ab, legte den Taktstock hin und ging. Verduftet, einfach so. Im Hotel lag ein Zettel: "Bin ins Blaue gefahren."
Wenn es um Kleibers skurriles Sündenregister geht, fehlt nie die Story von dem doofen Gesicht, auch der SPIEGEL hat sie gedruckt. Der kapriziöse Kleiber und der italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli, Mimose der Spitzenklasse, hatten gemeinsam das fünfte Klavierkonzert von Beethoven aufgeführt, ein Triumph. Wenig später sollte das "musikalische Gipfeltreffen" ("SZ") für die Schallplatte wiederholt werden.
Doch da war die Harmonie der beiden Herren plötzlich dahin. Michelangeli hatte sich von seinem Klavierschemel erhoben, um Kleiber in der Partitur eine bestimmte Spielweise zu erläutern. Kleiber aber, so kolportierten vermeintlich hellhörige Insider, habe sich an der "dämlichen Visage" des tatsächlich blasiert dreinblickenden Klaviervirtuosen gestoßen, wortlos seinen Kram gepackt und das Weite gesucht. Die Aufnahme platzte.
Tatsächlich, das hat der Dirigent erst kürzlich einem Bekannten gestanden, sei die Geschichte so verlaufen: Michelangeli habe die Passage zu Recht beanstandet und den pingeligen Dirigenten also bei einem Lapsus ertappt. "In diesem Augenblick", so Kleibers Lesart, habe er nicht mehr den italienischen Klavierstar vor sich gesehen, sondern - traumatische Vision - seinen leibhaftigen Vater Erich Kleiber (1890 bis 1956), den großen Dirigenten und gnadenlosen Erzieher.
Zeitlebens war der despotische Herr Papa für Carlos das Maß aller Dinge geblieben, zeitlebens hatte sich der Junior dem Alten fast hilflos unterlegen gefühlt - "wie er kann ich das nie". Lange hatte Vater Kleiber seinem Filius ein Musikstudium auszureden und einen Job in der Chemie aufzuzwingen versucht; vergebens: Carlos debütierte 1954 in Potsdam unter dem Pseudonym Karl Keller.
"Schade, dass er musikalisch ist", soll der Übervater schließlich eingesehen haben. Aber da war es zu spät: Sein Leben lang fühlte sich Carlos als Kleiber zweiter Wahl - ein zwanghafter Wahn. Daher seine Hemmungen vor dem ersten Schritt aufs Podium, seine groteske Scheu vor der Kritik, sein immer dürftigeres Repertoire: Zuletzt hat sich der Alleskönner gerade mal mit einer Hand voll Stücke in die Öffentlichkeit gewagt.
Verpackt in Ruhmesblätter, die ihn fast unisono als aufregendsten Dirigenten der Welt feierten, wurde Kleiber sein eigener Christo und stilisierte sich zum Trappisten. In über 40 Jahren hat er kein einziges Interview gegeben und die Bitten darum stets höflich, meist auf einer Postkarte und am liebsten in Englisch, abschlägig beschieden: Nein, es tue ihm Leid, "Sie wissen doch", er sei uninteressant. "Yours sincerely CK."
Nie ist dieser CK in einer Talkshow aufgetreten, nie hat er sich auf irgendeiner PR-Kirmes blicken lassen und zuletzt sogar nicht mehr auf den großen symphonischen Umschlagplätzen, etwa in Wien, New York oder München. Lieber dirigierte er, wie im Frühjahr 1996, im abseitigen Ingolstadt für den Gegenwert (140 000 Mark plus sechsstellige Steuer) eines "mingblauen" Audi A8, den der örtliche Autobauer ihm als Gage aussetzte; oder er gab seinem langjährigen Gönner Leo Kirch zu dessen 70. Geburtstag ein symphonisches Ständchen; oder er flüchtete mit den Bayerischen Rundfunk-Sinfonikern in die philharmonische Diaspora Sardiniens, "da kommt kein Kritiker hin".
Zuletzt hatten diesen autistischen Sonderling nicht nur die Kräfte verlassen, sondern auch die famose Lust am Ulk. Vorbei die Zeiten, als er sich bei den Münchner Faschingskonzerten als Guru, Tennis-Boris oder Stehgeiger Strauß maskierte und auch schon mal mit dem Racket dirigierte, und immerhin 15 Jahre ist es her, dass er, der ewig Schweigsame, sich in einem Fernschreiben an den SPIEGEL als Arturo Toscanini aus dem "Himmel" meldete und dem Kollegen Sergiu Celibidache auf liebevollste Weise die Leviten las.
Der SPIEGEL hatte damals jede Menge von Celis Gifteleien über Kollegen gedruckt, und Kleiber alias Toscanini ließ den "lieben Sergiu" nun wissen, wie die Kollegenschelte da oben aufgenommen worden sei: "Du nervst, aber wir vergeben Dir. Vergeben gehört hier zum guten Ton."
Alles Weitere können Kleiber und Celibidache jetzt über den Wolken besprechen.
KLAUS UMBACH
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 31/2004
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