02.08.2004

Die Bett-Falle

Starkino, wie man es in Frankreich liebt: Emmanuelle Béart als Nathalie soll einer müden Ehe auf die Sprünge helfen.
Im Idealfall wird Neugier sofort bestraft. Also etwa, wenn die Ehefrau heimlich die Handy-Mailbox ihres Mannes abhört, der auf Geschäftsreise war, und gleich einer weiblichen Stimme begegnet: "Es war phantastisch mit dir im Bett." Der Ehemann, abends, da er die Sache schlecht leugnen kann, verharmlost nach Kräften: "Ich dachte, dass du da drüber- stehst."
Die Frau kauft sich daraufhin erst einmal ein Paar "ziemlich teure Schuhe" und gerät dann - durch einen jener traumwandlerischen Zufälle, von denen das Kino lebt - in einen Sexclub, wo sie mit einer hübschen jungen Hure ins Gespräch kommt. Daraus folgt: Um den offenbar aus dem Ruder laufenden Ehemann unter Kontrolle zu kriegen, soll die Hure, getarnt als Studentin namens Nathalie, durch einen Auftritt in dessen Stammcafé die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich ziehen, eine Affäre anzetteln und der Ehefrau, die sie dafür bezahlt, über jedes Rendezvous detailliert Rapport erstatten. Das ist vielleicht keine wirklich gute Idee, doch ein viel verheißender Filmbeginn.
Wir befinden uns in Gesellschaftskreisen, wo das Bett nicht Falle genannt, doch, wenn es sein muss, gern zu einer solchen gemacht wird. Das heißt, wir befinden uns in einer spezifisch französisch-großbürgerlichen Art von Kino der großen Gefühle, bei dem man auch im Frivolen stets auf ein gepflegtes Ambiente Wert legt. Der aus Luxemburg stammenden Ex-Schauspielerin und Regisseurin Anne Fontaine, die bislang in Paris eher kleine sperrige Filme gemacht hat, ist mit "Nathalie" der Sprung in die Spitzenstarklasse gelungen: Fanny Ardant und Gérard Depardieu, die einst in Truffauts "Die Frau nebenan" in Leidenschaft füreinander entbrannten, spielen nun das Paar in den immer währenden besten Jahren, und ihre Versucherin ist Emmanuelle Béart, die Schöne, die ewig Lockende, die geheimnisvoll Unwiderstehliche.
Im Wesentlichen macht der Film sich die Sicht der Ehefrau zu eigen; das heißt, von den Begegnungen des Mannes mit der Hure ist nichts zu sehen, und zwangsläufig verschiebt das Interesse sich auf die Beziehung zwischen den beiden Frauen, auf die Art komplizenhafter Vertrautheit, die sie miteinander entdecken, und beginnt ein wenig ziellos zu erlahmen.
Im wirklichen Leben, falls das von Belang ist, wäre keine Hellseherin nötig, um das Dreiecksfiasko vorauszusagen. Im Kino aber, wo ganz andere Spielregeln gelten, könnte man doch verlangen, dass ein Arrangement, das so verheißungsvoll begann, eine plausible, überraschende und elegante Lösung findet. Hier sieht es so aus, als gäbe es keine.
Weil der Film natürlich das Eheglück retten will, muss die Hure, die sich zwar als Paartherapeutin bewährt hat, als Verliererin auf der Strecke bleiben. Alles in allem: Neugier ist strafbar, kann sich aber trotzdem lohnen. Die Kunst, eine gute Ehe zu führen, ohne einander zu nahe zu kommen, wäre etwas anderes. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 32/2004
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