09.08.2004

Die große Luft-Nummer

Die Erdgasversorger strecken ihren Rohstoff - zum Nachteil der Kunden, sagen Experten.
Als pensionierter Kriminalbeamter hat Peter Hartmann längst verinnerlicht, nur an Fakten zu glauben. Doch genau an denen zweifelt er neuerdings - und mit ihm ein Großteil seiner Mitbewohner im niedersächsischen Hannoversch Münden.
Anlass für den kollektiven Kummer sind die von den örtlichen Versorgungswerken verschickten Gasabrechnungen. Kurioserweise war mit der Heizperiode 2001 bei mehr als 200 Haushalten der Verbrauch drastisch gestiegen, obwohl viele ihr Heizverhalten stark eingeschränkt hatten. In einem Fall zum Beispiel zogen aus einem Sechsfamilienhaus drei Parteien aus. Der Wasserverbrauch sank dort um 40, der Stromverbrauch um 32 Prozent. Gas aber wurde 5 Prozent mehr in Rechnung gestellt.
Ein Phänomen, dass Hartmann Anlass genug war, eine Bürgerinitiative zu gründen, um gegen die rätselhaften Rechnungen vorzugehen. Fachleute haben jedoch eine Erklärung für den vermeintlichen Zauber: "Gas wird zunehmend gestreckt. Dadurch steigt der Verbrauch", sagt Uwe Fröhlich, technischer Referent beim Bundesindustrieverband Heizungs-, Klima-, Sanitärtechnik (BHKS). Zwar ist die Verdünnung häufig eine technische Notwendigkeit, die Kosten aber hat offenkundig der Verbraucher zu zahlen.
Bereits seit den siebziger Jahren sinkt der Gasverbrauch pro Haushalt kontinuierlich. Nirgendwo wird "Energie sparen" größer geschrieben als hier zu Lande. Gleichzeitig ist Erdgas als Energieform beliebt wie nie zuvor. Mittlerweile heizt damit fast die Hälfte aller Privathaushalte.
Doch die Sparfreude wirkt sich gravierend auf die technische Infrastruktur aus. Weil die verbrauchte Gasmenge je Haushalt sinkt und gleichzeitig die Zahl der Anschlüsse steigt, verringert sich insgesamt das so genannte Durchleitungsvolumen. Die Folge: Der Gasdruck lässt nach, zum Teil massiv.
Damit eine fehlerfreie Funktion der Heizung oder des Gasherdes garantiert ist, muss jedoch ein gleich bleibend hoher Druck gewährleistet werden. Dazu reichern die Versorger das importierte Gas schlicht mit Zusatzstoffen an, die den Druck künstlich erhöhen. "Das kann billig zugekauftes Gas sein, das ist zum Teil ein Flüssiggas-Luftgemisch. Und manchmal ist es auch einfach nur Luft", sagt Fröhlich vom BHKS.
Nur in den seltensten Fällen lässt sich nachvollziehen, ob dieser Eingriff bereits bei einem der 18 Import- und Ferngasgesellschaften geschieht, ob die rund 70 regionalen Verteilerunternehmen neu mischen oder die fast 800 lokalen Stadtwerke.
Luft als Bestandteil des Erdgases? "Durchaus nicht ungewöhnlich", sagt Aribert Peters, Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher, "wenngleich sich die Gasversorger über die Zusammensetzung der Gase ausschweigen." Doch durch den Trick mit dem Druck sinkt in den meisten Fällen der Brenn- beziehungsweise Heizwert - bisweilen um mehr als 20 Prozent. In der Folge benötigen die Geräte mehr Stoff, weil sie auf einen bestimmten Brennwert festgelegt sind. Der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) beschwichtigt, dass es "in seltenen Fällen notwendig sein kann, kurzzeitig Zusatzstoffe wie etwa CO2 dem Versorgungssystem zuzuführen". Als Grund gibt die Branche jedoch nicht etwa zu niedrigen Gasdruck an, sondern einen zu hohen Brennwert, der beim "Naturprodukt Erdgas" mitunter auftreten könne und der durch die Maßnahme lediglich wieder "auf Normalmaß reduziert" werde.
Mit diesen offenbar gar nicht so seltenen Eingriffen bewegen sich die Gasversorger durchaus auf legalem Terrain. Die "Verordnung über Allgemeine Bedingungen für Gasversorgung von Tarifkunden" von 1979 genehmigt eine Druckveränderung, "falls dies in besonderen Fällen aus wirtschaftlichen oder technischen Gründen zwingend notwendig ist". Den zweiten Passus des Absatzes blenden die Versorger jedoch geflissentlich aus: "Bei der Umstellung der Gasart sind die Belange der Kunden zu berücksichtigen."
Denn eigentlich müsste der Preis pro verbrauchter Kilowattstunde im selben Maße sinken wie der Heizwert. Doch von Preisnachlass keine Spur. Im Gegenteil: Weil der Gaspreis an den Rohölpreis gekoppelt ist, steigt dieser in schöner Regelmäßigkeit immer zeitverzögert nach der letzten Preiserhöhung für Rohöl. "Die Verbraucher bezahlen letztlich für qualitativ schlechteres Gas einen höheren Preis", sagt Gasexperte Fröhlich.
Schon 1989 flogen einige kommunale Unternehmen auf, weil sie mehr Gas an ihre Kunden verkauften, als sie selbst von ihrem Lieferanten bezogen hatten. Inzwischen prangert selbst der Schwesterverband des BGW die Methoden an. In einem internen Rundschreiben an die Gasversorger monierte die Deutsche Vereinigung des Gas- und Wasserfaches im März, eine Marktüberwachung der Gasabrechnung durch die Eichbehörden hätte ergeben, dass "leider eine für das Gasfach nicht zufrieden stellende Durchführung" der Abrechnungen zu beobachten sei.
Den Geschäftsführer des städtischen Gasversorgers in Hannoversch Münden, Ulrich Brockhoff, ficht die Kritik nicht an. Bei ihm gehe alles mit rechten Dingen zu. Luft werde dem Gas nicht beigemischt. Die teils gigantischen Verbrauchssteigerungen im Jahr 2001 erklärt er sich ganz schlicht: "Es war halt kälter als sonst." JANKO TIETZ
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 33/2004
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