16.08.2004

VERMARKTUNG

Club der kriminellen Dichter

Von Schmidt, Caroline und Verbeet, Markus

Verbrechen soll sich nicht länger lohnen: Die Justizminister wollen mit einem neuen Gesetz verhindern, dass Straftäter am Verkauf ihrer Geschichte verdienen oder Fotos vom Tatort gegen Gebühr ins Internet stellen.

Muss man wissen, was ein Mensch denkt, der einen anderen zerlegt? Wie es sich anfühlt, einen fremden Penis abzuschneiden und in der Pfanne zu braten? Armin Meiwes meint: Ja.

Der "Kannibale von Rotenburg" ("Bild") lässt die Welt an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Er hat sie im Gerichtssaal gestanden. Er hat sie in einem Interview geschildert. Und er hat angekündigt, sie in einem Buch noch detaillierter darzulegen. Auch mehrere Dokumentarfilmer, sagt sein Anwalt, haben schon angefragt. "Der erste Kannibale, der Karriere macht", zürnt die "Frankfurter Allgemeine".

Doch der Karriere droht ein Knick. Ein neues Gesetz soll verhindern, dass Straftäter an der Vermarktung ihrer Geschichte verdienen - Verbrechen soll sich auch im Nachhinein nicht lohnen.

Eine Gesetzesinitiative Thüringens unterstützen die Justizminister aller Bundesländer. Sie haben die Bundesjustizministerin aufgefordert, eine geeignete Rechtsgrundlage zu suchen. Verhindert werden soll zwar nicht die Veröffentlichung selbst, wohl aber das Geschäft damit. Wenn Täter ihre Taten zu Geld machen, will der Staat die Gewinne abgreifen und an Opferschutzvereine überweisen, bevor der Täter den Erlös etwa ins Ausland schafft.

"Die Opfer und der Staat gehen leer aus, während der Täter fünf- oder sechsstellige Summen verdient - das darf nicht sein", sagt der thüringische Minister Karl Heinz Gasser. Er hat geschäftstüchtige Kriminelle vom Schlage eines Martin K. im Blick. Der niederländische Killer gewährt auf seiner Homepage kostenpflichtigen Zugriff auf Fotos vom Tatort. Für 1,84 Euro pro Minute ist das Opfer inmitten der Blutlache zu sehen.

Dieser Vertriebsweg wäre in Deutschland neu, nicht aber das Phänomen selbst. "Exklusiv von Medienunternehmen gezahlte Honorare gab es immer schon", sagt der Geschäftsführer des Deutschen Presserats, Lutz Tillmanns. "Versuche, die Geschichten medial zu vermarkten, waren und sind branchenüblich."

Der Jurist erinnert an den Fall Vera Brühne. Sie wurde 1962 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, weil sie gemeinsam mit einem Komplizen einen Starnberger Arzt und dessen Haushälterin ermordet haben soll. Das Verfahren ging ebenso in die Rechts- wie in die Pressegeschichte ein: Für exklusive Informationen zahlten die "Neue Illustrierte" und die "Revue" nicht nur an die Angeklagte, sondern auch an ihre Tochter und mehrere Zeugen.

Geschäftstüchtige Straftäter konnten sich hier zu Lande lange nahezu ungestört bereichern. "Manche Staaten der USA haben bereits vor einem Vierteljahrhundert entsprechende Gesetze erlassen", sagt Emily Silverman vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg.

Anlass war der mehrfache Mörder, der sich "Son of Sam" nannte und in den siebziger Jahren New York schreckte. Nach seiner Festnahme unterbreiteten ihm verschiedene Filmagenturen und Verlage solch lukrative Angebote, dass die Empörung über einen möglichen Mordsgewinn hochkochte und ein Gesetz erlassen wurde.

Das so genannte Son-of-Sam-Gesetz sei, so Silverman, vor drei Jahren sogar noch verschärft worden. Ein Polizistenmörder hatte eine hohe Entschädigung kassiert, weil er im Gefängnis schlecht behandelt worden war. "Diese Situation wurde als unerträglich angesehen", sagt Silverman. Das neue Gesetz entzieht den Tätern nun gegebenenfalls nicht nur Vermarktungserlöse, sondern Einkommen aus jeder denkbaren Quelle.

Eine weit gehende Regelung, die in Deutschland wohl gegen die Verfassung verstieße - und über die sich in Großbritannien ein gewisser Iorworth Hoare ordentlich ärgern würde.

Der britische Häftling sorgte in der vergangenen Woche für Schlagzeilen. Als Freigänger hatte der Sexualverbrecher einen Lottoschein ausgefüllt, der Gewinn bescherte ihm umgerechnet zehn Millionen Euro. Die Regierung kündigte sogleich eine Gesetzesinitiative an, wonach solche Glücksgewinne zumindest teilweise an Verbrechensopfer abzuführen sind.

So weit gehen die Justizminister in Deutschland nicht. Sie wollen an das Kapital der Kapitalverbrecher nur, soweit es durch die Vermarktung der Geschichte erzielt wird.

Vor sechs Jahren hatte der deutsche Gesetzgeber erstmals versucht, das Geschäft aus dem Gefängnis einzuschränken. Das so genannte Opferanspruchssicherungsgesetz gewährt Geschädigten seitdem einen besseren Zugriff auf die Erlöse - allerdings

nur so weit, wie ihnen Schmerzensgeld oder Schadensersatz zusteht.

"Das klappt bislang nur in sehr wenigen Fällen", sagt der Vorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring, Wolf Weber. Oftmals wüssten die Geschädigten schlicht nicht um ihre Rechte. Die "Juristische Rundschau" beklagte jüngst den "Dornröschenschlaf" des Gesetzes.

Dabei hat sich längst ein Club der kriminellen Dichter gebildet. Der Oetker-Entführer Dieter Zlof erzählt "Die Geschichte der 21-Millionen-Erpressung", der gelernte Postbote und falsche Oberarzt Gert Postel berichtet über seine "Doktorspiele", und der Immobilienpleitier Jürgen Schneider zeigte sich nach seinen milliardenschweren Hochstapeleien unverändert so dreist wie einst Felix Krull. Der Titel seiner 359-seitigen Offenbarung: "Bekenntnisse eines Baulöwen".

Kaufhauserpresser Arno Funke schließlich schildert ausführlich "Mein Leben als Dagobert". Die gebundene Ausgabe seines Erfahrungsberichts zum Preis von 19,90 Euro verkaufte sich rund 8000-mal. Dennoch habe Funke, sagt ein Karstadt-Sprecher, "bislang noch nicht einen Cent Schadensersatz geleistet".

Von einer "moralischen Skrupellosigkeit, die wir rechtlich nicht hinnehmen müssen", spricht der Kriminologe Arthur Kreuzer. Andererseits weiß auch der Gießener Professor, dass Straftäter ohne die zweifelhaften Zusatzeinkünfte wohl auf den Pflichtverteidiger angewiesen wären und sich nicht die teuren Dienste eines Spezialisten leisten könnten.

Die Vermarktung könne "durchaus ein legitimes Mittel sein", sagt der Vizepräsident des Deutschen Anwaltvereins, Georg Prasser, "etwa wenn jemand einen Justizirrtum korrigieren oder ein Wiederaufnahmeverfahren finanzieren will".

Doch wie der Anwaltverein rät die Bundesrechtsanwaltskammer ihren Mitgliedern zur Zurückhaltung. Geschäftsführer Frank Johnigk erinnert daran, dass "selbst eine günstige Mediendarstellung nicht hilft, wenn das Gericht anderer Meinung ist". In ihren "Thesen zur Strafverteidigung" stellt die Kammer fest: "Die ,Vermarktung' der Straftat durch den Beschuldigten ist nicht Aufgabe der Verteidigung. Sie kann zu den Interessen der Verteidigung in Widerspruch stehen."

Der Trickbetrüger Frank Abagnale schaffte es auch aus eigener Kraft. Als Teenager hatte er in 26 Ländern ungedeckte Schecks über insgesamt 2,5 Millionen Dollar ausgegeben - als angeblicher Pilot, Arzt oder Anwalt. Abagnale büßte erst fünf Jahre lang seine Strafe ab, dann machte er seine kriminelle Karriere zu Geld. Die Autobiografie des Verkaufsgenies landete in den Bestsellerlisten, Star-Regisseur Steven Spielberg setzte ihm vor zwei Jahren mit "Catch me if you can" ein Filmdenkmal.

Da hatte der umtriebige Abagnale bereits so viel verdient, dass er für seine Mitarbeit - Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio studierte zwei Tage lang seinen Charakter - kein Geld mehr wollte.

CAROLINE SCHMIDT, MARKUS VERBEET


DER SPIEGEL 34/2004
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