16.08.2004

TV-PRODUZENTENAlle Sender, alle Formate

Der ehemalige Sat.1-Chef Martin Hoffmann will rund um die Me, Myself & Eye AG die größte unabhängige Produktionsgesellschaft der Republik aufbauen.
Als das Geheimprojekt mit dem Codenamen "Adler" am vorigen Donnerstagnachmittag in einer Kanzlei in der Hamburger Innenstadt endlich notariell besiegelt und abends bei einem Italiener im feinen Stadtteil Harvestehude gefeiert wurde, war den Urhebern zumindest ein Coup schon mal geglückt: Der Deal, der im TV-Produktionsgewerbe gehörigen Wirbel auslösen wird, war nicht vorzeitig bekannt geworden - in der geschwätzigen Medienbranche ein kleines Wunder.
Der neue Sat.1-Chef Roger Schawinski wusste von nichts. Sogar der mächtige RTL-Boss Gerhard Zeiler hatte nichts läuten hören. Dabei sind beide unmittelbar betroffen - denn das Geschäft ordnet wichtige Teile ihrer Programm-Zuliefer-Industrie neu. Und ausgerechnet ein Ex-Kollege, Schawinskis Amtsvorgänger Martin Hoffmann, im Dezember vergangenen Jahres vom damaligen ProSiebenSat.1-Holdingchef Urs Rohner brüsk gefeuert, spielt darin pikanterweise eine Schlüsselrolle. Der studierte Jurist wird künftig nämlich wieder weite Teile des Sat.1-Programms mitgestalten - nun als einer der für den Sender wichtigsten Produzenten.
Mit Wirkung von diesem Montag wird Hoffmann, der seine plötzliche Freizeit unter anderem für eine Südsee-Kreuzfahrt mit seinem Freund Harald Schmidt nutzte, Vorstandschef der derzeit noch in Hamburg residierenden Produktionsfirma Me, Myself & Eye (MME), die rückwirkend zum 1. Januar 2004 die Münchner Moviement GmbH übernimmt und damit vor allem deren Produktionsfirmen Filmpool (Köln) und AllMedia Pictures (München).
Unter dem Dach der künftigen MME AG-Holding soll so ein neuer Produktionspool mit Standbeinen in unterschiedlichen TV-Sparten entstehen: Die börsennotierte MME ist vor allem auf Musikformate spezialisiert und produziert etwa die Chartshow "Top of the Pops" für RTL, die "Sunday Night Classics" für das ZDF und Reihen wie aktuell "Sex'n'Pop" für Arte. Die neue MME-Tochter AllMedia der Produzentin Heike Richter-Karst steht für anspruchsvolle Filmware wie "Die Mutter" (WDR) und lieferte für den NDR mehrere Folgen der Krimi-Serie "Polizeiruf 110".
Herzstück des neuen Produktionshauses wird aber die Kölner Filmpool der Produzentin Gisela Marx, die zuletzt vor allem mit Gerichtsshows und Doku-Serien aus dem Ermittlermilieu erfolgreich war. So produzieren die Kölner für RTL das "Jugend-" und das "Familiengericht" und Serien wie "Die Sitte". Vor allem - und hier wird es brisant - bestückt Marx aber mit der Mutter aller TV-Richterinnen, Barbara Salesch, mit "Zwei bei Kallwass" und der Kripo-Doku-Serie "Niedrig & Kuhnt" weitgehend die Nachmittagsschiene von Sat.1.
Mehr noch: Auch Hoffmanns Nachfolger Schawinski setzt auf die ehemalige WDR-Journalistin - so sehr, dass er ihr ausgerechnet sein derzeit wichtigstes neues Programm-Projekt anvertraute: Marx produziert die Männer-Besserungsanstalt "Kämpf um Deine Frau", bei der zwölf Beziehungsgescheiterte von September an in einem Container-Camp unter professioneller Aufsicht zu Supermännern gemacht werden sollen, die dann um eine zweite Chance bei ihrer Angebeteten betteln.
Vielleicht tröstet die Sat.1-Verantwortlichen, dass sich zumindest auf der Arbeitsebene so viel nicht ändern soll. Neben dem Holdingchef Hoffmann, der sich "vor allem um die strategische Programmentwicklung kümmern will", wird Gisela Marx im Vorstand für Filmpool verantwortlich bleiben. Auch der bisherige MME-Chef und -Mitgründer Christoph Post bleibt im Unternehmen, als Vorstand für die MME Produktions GmbH. Als Finanzvorstand (CFO) fungiert Christian Franckenstein, einer der Moviement-Partner.
Die MME AG lässt sich die Übernahme der Moviement 37,5 Millionen Euro kosten. Davon fließen mindestens 22,7 Millionen in cash, ein Drittel in MME-Aktien. Nach Abwicklung des Geschäfts werden die Altgesellschafter der Moviement etwa 30 Prozent an der neuen MME halten und damit die größten Anteilseigner sein.
"Wir schaffen mit dieser Fusion einen der größten unabhängigen Fernsehproduzenten in Deutschland, dessen besonderer Reiz es sein wird, alle Sender mit allen Programmgenres bedienen zu können", sagt Hoffmann. Für 2004 peilt er als Umsatzziel rund 80 Millionen Euro und einen zweistelligen Millionen-Vorsteuergewinn an. Auch die internen Planungen bei MME, den Standort Hamburg aufzugeben (SPIEGEL 16/2004), erscheinen nun in einem neuen Licht. Hoffmann bestätigt: "Das Ziel für die Holding und die MME GmbH ist Berlin." AllMedia und Filmpool sollen indes ihren bisherigen Standorten München und Köln treu bleiben.
Hoffmann sieht trotz der prekären Klienten-Konstellationen keine Probleme oder gar Auftragsstornierungen auf sich zukommen. Seinen Nachfolger bei Sat.1 hat er am Freitag angerufen und persönlich unterrichtet. Schawinski bestätigt, dass er vorher von dem Deal nichts wusste, sagt, er habe dennoch "no bad feelings" und finde die Neuigkeit "einfach toll". Auch Hoffmann gibt sich optimistisch: "Ich bin sicher, wir werden das professionell handhaben." Vielleicht ist ja der Ort der Vertragsunterzeichnung in der Hamburger ABC-Straße ein gutes Omen: Die Anwaltskanzlei befindet sich in einer Wohnung, in der Hoffmann sechs Jahre lang gelebt hat; unterschrieben wurden die Verträge in seinem ehemaligen Schlafzimmer. MARCEL ROSENBACH
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 34/2004
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