04.04.1956

BONN / GLOBKEBöse Erinnerungen

Es war die Stunde, in der rechts des Rheins von Rhöndorf aus die motorisierte Kanzler-Kavalkade aufbrach, um Konrad Adenauer in sein Schweizer Ferienlager zu bringen. Links des Rheins, im Palais Schaumburg, saß der zurückgebliebene Hüter des Bundeskanzleramtes, Staatssekretär Hans Globke, 57, und ließ wissen, daß sich Leitartikler und parlamentarische Vorbeter der Opposition von links bis rechts in den vergangenen Wochen vergeblich die Finger wundgeschrieben und die Köpfe heißgeredet hatten, um seine Entlassung zu erreichen. Globke sagte: "Solange der Kanzler bleibt, bleibe ich da."
Leise, fast beiläufig fielen die Worte. Kein Triumph schwang in der dunklen, einschläfernden Stimme mit. Und dennoch wird gerade in dieser sachlichen Feststellung, die kein anderer Staatssekretär, ja auch- kein einziger Bundesminister wagen würde, ein Hauch der Macht Hans Globkes spürbar.
Am Abend vor diesem Gespräch und vor des Kanzlers Abreise in die Schweiz hatte Konrad Adenauer über den Rundfunk eine Abschiedsbotschaft an die Bundesbürger gerichtet. "Vorgänge, die mir sehr ernste Sorge machen", so hatte der westdeutsche Regierungschef in seiner schlichten Art gesagt, veranlaßten ihn "aus staatspolitischen Gründen" zu einer besonderen Bemerkung:
"In immer stärkerem Maße werden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens öffentlich angegriffen und herabgesetzt... Böse Erinnerungen an die Weimarer Zeit werden wach, in der vor der Verunglimpfung maßgebender Persönlichkeiten nicht haltgemacht wurde."
Und dann fiel aus dem Munde des Bundeskanzlers ein bemerkenswerter Satz: "Die Leichtfertigkeit, mit der man augenblicklich mit den guten Namen von Menschen umgeht, ist geeignet, das aus den Trümmern wiedererstandene demokratische Leben unseres Landes zu gefährden."
Obgleich Konrad Adenauer den "guten Namen" nicht nannte, dessen Verunglimpfung ein nationales Unglück heraufbeschwören könnte, wußte in Bonn jedermann, für wen der Kanzler in seiner letzten Vorurlaubsstunde eine Lanze brach: für seinen getreuesten Gehilfen, Hans Globke.
Allein: Am Vorabend einer anderen Abreise hatte derselbe Konrad Adenauer über denselben Hans Globke eine andere Bemerkung fallen lassen, die - wenn auch nicht wie seine Radio-Botschaft für die Öffentlichkeit bestimmt - wohl geeignet ist, den Staatssekretär im Bundeskanzleramt in einem anderen Licht und die gegen ihn entfesselte Kampagne verständlicher erscheinen zu lassen:
Nach Abschluß einer der ungezählten Europa-Konferenzen in Paris war es geschehen, daß der Kanzler in seinem Quartier an der Seine die Vorbereitungen für seine bevorstehende Rückkehr heim in den Bonner Bund selbst überwachte. Während er durch seine Zimmer-Suite spazierte, lauschte er mit einem Ohr dem Vortrag seines früheren - inzwischen verstorbenen - Pressechefs Paul Bourdin und überwachte mit einem Auge das Packen seines Konferenz-Gepäcks durch einen Bediensteten.
Im Schlafzimmer angekommen, verhielt er seinen Schritt und nahm vom Nachttisch einen schmalen - Band, der ihm nach den tagesfüllenden deutsch-französischen Freundschaftsbeteuerungen als Abendlektüre gedient hatte.
"Verjessen Se nich, dat einzupacken", mahnte er den Bediensteten. Und zu seinem Mitarbeiter gewandt: "Dat bring ich dem Herrn Globke mit." Dem Paul Bourdin gelang ein Blick auf den Einband. Es war Stefan Zweigs Biographie von Napoleons verschlagenem Polizeiminister "Joseph Fouché".
Fouche, "Herzog von Otranto", dessen Wesen und Wirken zu studieren nach der anzüglichen Ansicht Konrad Adenauers für Hans Globke gewinnbringend wärt, wird vom französischen Lexikon "Nouveau Larousse" (1934) so charakterisiert: "Ihm fehlte nichts an Geschicklichkeit, wenig an Verstand, alles an Tugend." Balzac rühmt ihm nach, er habe "mehr Macht über Menschen besessen als selbst Napoleon." Und Stefan Zweig gesteht, den französischen Memoiren- und Geschichtsschreibern gleich welcher Couleur "läuft sofort die Galle in die Feder, sobald sie nur seinen Namen hinschreiben: Armseliger Intrigant, glatte Reptiliennatur, niedrige Polizeiseele ...
Vor so gearteten Schmähungen, wie sie dem Joseph Fouché statt Kränzen mit ins Grab gelegt wurden, wird der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Hans Globke, heute noch durch das Strafgesetzbuch geschützt. In den vom Recht gezogenen Grenzen indessen haben sich auch seine Zeitgenossen in den vergangenen Jahren nach Kräften bemüht:
Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Mellies warnte den Bundeskanzler schon 1951 im Bundestag, daß sein "engster Mitarbeiter einmal eine schwere Belastung vor der Geschichte für Sie sein wird". FDP-Chef Thomas Dehler stöhnte - kaum einen Tag in der Opposition - dumpf: "Globke hat einem Geist gedient, dem Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind." Der sozialdemokratische Jurist Adolf Arndt apostrophierte den vom Staatssekretär im Palais Schaumburg geleiteten "Klüngel" als "Bundessicherheitshauptamt" und Globkes Taten in der Vergangenheit als "juristische Prostitution".
Die Gazetten mühen sich redlich, immer neue Titel für den vielgelästerten Vertrauten des Kanzlers zu finden, angefangen von der "leisetretenden Sphinx" über die "schwarz-graue, Erminenz", bis zur "Spinne im Bonner Netz".
"Was sind Sie nur für ein Mensch?", fragte Mitte März die "Frankfurter Rundschau". "Sie kleben mit einer Dickfelligkelt, die einem Elefanten Ehre machen würde, an Ihrem Posten", konstatierte zur gleichen Zeit die "Stuttgarter Zeitung".
Bundeskanzler Konrad Adenauer hat diesen Mann seit sieben Jahren allein gegen alle Angriffe und Attacken der politischen Scharfschützen in Bonn abgeschirmt und gehalten. Wird im intimen Zirkel des Palais Schaumburg etwas gegen den Staatssekretär vorgebracht, winkt er nur ab: "Ach, lassen Sie mal, der liebe Herr Globke..." Werden die Angriffe in der Öffentlichkeit geführt, klettert der greise Kanzler unverzüglich aufs Podium des Parlaments.
Viermal hat er von dort bereits für Globke gestritten. Im Bundestag bekannte er, "daß ich in, der langen Zeit, in der ich im öffentlichen Leben ... tätig bin, kaum jemals einen Beamten kennengelernt habe, der mit gleicher Pflichttreue und gleicher Objektivität seines Amtes waltet, wie Herr Globke."
Als Thomas Dehler im Februar in einer Pressekonferenz erklärte, Typen wie der geschäftsführende Bundespressechef Edmund Forschbach und dessen Vorgesetzter Hans Globke würden sich "besser in Franco-Spanien als in einer deutschen Demokratie ausnehmen", da fand Konrad Adenauer vor seinen journalistischen Teegästen im Palais Schaumburg kein Wort der Verteidigung für seinen verlegen dabeisitzenden Pressechef. Für den Staatssekretär aber: argumentierte er mit seinem schlichten Humor: "Nun soll er auch noch in die Falange, wo er doch gar kein Spanier ist."
Als der Journalist Hans Ulrich Kempski von der "Süddeutschen Zeitung" vor Ostern Hans Globke besucht hatte, um ihn für das Münchner Blatt zu, porträtieren, stöberte das Bundeskanzleramt den Kempski wenige Tage später im verschwiegenen FDP-Tagungsort Wimpfen auf, um ihm eine Einladung Konrad Adenauers ins Palais Schaumburg zu übermitteln: Der Kanzler wollte vor dem Münchner Journalisten für seinen Mitarbeiter Globke zeugen. Sagte Konrad Adenauer zu Kempski: "Globke kennt nur absolute Hingabe - an die Sache." Er, Adenauer, werde auch dann weiter zu seinem Staatssekretär Globke halten, wenn das im Wahlkampf 1957 als eine Belastung empfunden werden sollte.
Hans Globke hat seinem Kanzler diese Loyalität vielfach vergolten. Er weiß, ohne darüber zu klagen, daß die seit Anfang des Jahres erhobenen Anwürfe gegen ihn in Wahrheit auf seinen Herrn gezielt sind; denn noch wagt niemand die offene persönliche Fehde gegen den Bundeskanzler, weil sie bei dem Ansehen, das der einst so große alte Mann im Volk immer noch genießt, leicht gegenteiligen Effekt haben könnte.
Als Auftakt begnügen sich Konrad Adenauers Feinde mit einem Stoß in den Vorraum der Kanzler-Macht, gegen Hans Globke. Aber es gibt keinen Zweifel daran, daß dieser Feldzug das Ende der Ära Adenauer ankündigt. Er ist die Ouvertüre einer, Götterdämmerung am Rhein. Konrad Adenauer: "Mich unter diesen Umständen von Globke zu trennen, wäre eine menschliche Gemeinheit und Treulosigkeit."
Diese Schroffheit der Aussage richtet sich weniger gegen SPD und FDP, deren Einwände Adenauer mit leichterer Hand wegzuwischen pflegt. Vielmehr haben einflußreiche CDU-Leute zu erkennen gegeben, daß sie niemand anderen als Hans Globke für die glücklosen Schritte verantwortlich machen, die der alte Kanzler seit seiner Krankheit getan hat. Das Kunststück, die gesamte FDP an die Seite der Opposition gedrängt zu haben, wird Globke zugeschoben, ebenso der erfolg- und grundsatzlose Wahlrechtsstreit, der dem Ansehen der CDU geschadet hat. Der Sturz Arnolds und der Sturz Eulers, beides wird Globke zur Last gelegt. Wo immer den Kanzler sein Glück und sein politisches Fingerspitzengefühl im Stich lassen, zieht Globke den Groll auf sich, was die beiden Männer nur desto nibelungenhafter zusammenschmiedet.
Die Kusine in München
Hier also werden schon die Grenzen aller möglichen Vergleiche zwischen Napoleons Polizeiminister Fouché und des Kanzlers Staatssekretär Globke sichtbar. Gemeinsam sind ihnen nur die Quellen ihrer Macht: Das Wissen um die Menschen und ihr Tun und der nächste Platz am Ohr des Herrschenden. Doch während der in klösterlicher Zucht aufgewachsene Joseph Fouché diese Macht als Politiker skrupellos im großen Stil für sich mißbrauchte und nacheinander Religion und Revolution, Direktorium, Konsulat und Kaisertum verriet, setzt Hans Globke seine Macht mit juristischer Akribie und Pedanterie als loyaler Beamter uneigennützig und ausschließlich für den Kanzler ein.
Die Macht, die Hans Globke für seinen Kanzler wahrnimmt, ist nicht gering und wächst ständig. Er ist heute der einflußreichste Beamte Deutschlands. Sein Arm reicht weiter, als der jedes Bundesministers, denn es ist der verlängerte Arm des Bundeskanzlers.
Seine Stellung ist mit der eines Staatssekretärs in der Reichskanzlei der Weimarer Republik unvergleichbar, weil der Bund innenpolitisch zwar formal weniger Kompetenzen besitzt als das Reich besaß. das Gewicht des durch das konstruktive Mißtrauensvotum nahezu unabsetzbaren Bundeskanzlers jedoch um ein Vielfaches größer ist, als das eines Reichskanzlers Weimarer Art, der jederzeit durch ein einfaches Mißtrauensvotum, gestürzt werden konnte. In vierzehn Weimarer Jahren regierten zwölf Kanzler, in sieben Bundesjahren einer. Der Herrschaftsraum des deutschen Kanzlers ist schmaler geworden, seine Position stärker. Das Ergebnis: konzentrierte Macht. Sie wird von Hans Globke verwaltet.
Der Kanzler bestimmt nach dem Grundgesetz "die Richtlinien der Politik". Vorbereitung und Ausführung dieser Politik werden von seinem Staatssekretär mitbestimmt. Sämtliche Entscheidungen auf Kabinettsebene werden von Globke bearbeitet. Er stellt die Tagesordnung der Kabinettssitzungen auf. Die Ministerien schicken ihre Kabinettsvorlagen, auch die Personal-Vorschläge, an ihn. Hans Globke trägt sie dann dem Kanzler vor. Und dieser Vortrag, in den Globkes Meinung unvermeidlich einfließt, ist naturgemäß ein wichtiges Element der "einsamen Entschlüsse" Konrad Adenauers.
Diese Stellung Globkes wird schließlich untermauert durch die Verfügungsgewalt über den nicht abzurechnenden "Reptilienfonds" in Höhe von 12,5 Millionen Mark (1956), die Aufsicht über das Propagandainstrument, der Bundesregierung, das Presse- und Informationsamt unter dem beflissenen Edmund Forschbach, und die Weisungsbefugnis an die beiden größten Geheimdienste des Bundes, das Bundesverfassungsschutzamt - das an sich der Dienstaufsicht des Innenministers untersteht - und die Nachrichtenorganisation des Generals a.D. Reinhard Gehlen.
So wie die physikalischen Gesetze das Wackeln eines dreibeinigen Schemels ausschließen, bewahren diese drei Säulen den Sessel des Staatssekretärs Globke vor jedem Kippen.
Die so geartete Tätigkeit des vielseitigen Hans Globke - er ist einer der höchsten "Geheimnisträger" der Bundesrepublik bringt es mit sich, daß seine Gestalt nur selten auf dem demokratischen Jahrmarkt der Eitelkeiten im grellen Jupiter-Licht der Öffentlichkeit auftaucht. Und wenn er einmal sein lichtes, freundlich eingerichtetes Büro im Erdgeschoß eines Seitenflügels des Palais Schaumburg und seine geliebten Akten und Dossiers im grünen Stahlschrank im Stich läßt, um frische Luft zu schnappen, dann meistens in ebenso heikler wie geheimer Mission.
So reiste er Anfang 1953 - die Bundestagswahlen- standen vor der Tür - nach Bayern. Der bayrische CSU-Ministerpräsident Ehard schien sich dort zu einem Kristallisationspunkt für eine große Bonner Koalition zwischen, CDU/CSU und SPD zu entwickeln. Globke fuhr im Mercedes 300 über die Autobahn nach München und konferierte stundenlang mit seinem alten Freund aus Berliner - Tagen, Josef ("Ochsensepp") Müller - dem damaligen CSU-Vorsitzenden -, und dem bayrischen Regierungschef Ehard.
Von der "großen Koalition" wurde später nicht mehr gesprochen. Meint der bescheidene Hans Globke: "Eigentlich trieben mich Verwandtenbesuche nach München. Ich hatte Erbauseinandersetzungen mit einer dort lebenden Kusine." Der CSU-Politiker Franz-Josef Strauß pflaumte daraufhin wenig später Konrad Adenauer an: "Es geht eben nichts über Familiensinn, Herr Bundeskanzler."
Es war nicht das einzige Mal in jenem Wahljahr, daß Hans Globke sein in bayrischen Gesprächen geschultes Verhandlungsgeschick bewies. Als die Weigerung des katholischen Bischofs von Würzburg, Dr. Julius Döpfner, die neue Ochsenfurter Zuckerfabrik gemeinsam mit einem protestantischen Geistlichen zu weihen - im Juni 1953, vor dem Bundestagswahlkampf -, den für die Christlich-Demokratische Union besonders gefährlichen Konfessionsstreit jäh auflodern ließ (SPIEGEL 29/1953), war es wiederum der Staatssekretär Globke, der sich unbemerkt nach Süden aufmachte, um in einer Unterredung mit dem Bischof die bajuwarischen Wogen zu beruhigen. Einen Tag später empfing sein Kanzler im Palais Schaumburg den protestantischen Bischof Dibelius. Die christliche Einheit war in letzter Minute gekittet.
Spaziergang auf dem Roten Platz
Hans Globke ist zusammen mit dem Kanzler-Freund und Bankier Robert Pferdmenges derjenige Mensch, der Konrad Adenauer im politischen Raum am nächsten steht. Pferdmenges steht neben, Globke unmittelbar unter dem Bundeskanzler. Pferdmenges berät den Regierungschef in der Konzeption seiner Politik, Globke berät ihn bei der Ausführung dieser Politik. Beiden vertraut Konrad Adenauer in ungewöhnlichem Maß, beide sind für die Opposition Symbole reaktionärer Restauration, und beide haben - ein Treppenwitz der Historie höchst revolutionäre Verwandte.
Ein Onkel von Robert Pferdmenges schrieb gemeinsam mit Karl Marx, das "Kommunistische Manifest" von 1848: Friedrich Engels. Ein Urgroßvater Hans Globkes stieg im selben Jahr als Revolutionär auf die Barrikaden Düsseldorfs, und ein Urgroßonkel Globkes war dort Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei.
Wie groß der Spielraum des Vertrauens ist, in dem der Bundeskanzler seinem Gehilfen freie Hand läßt, kommt in dem Verdacht eines Bundesministers zum Ausdruck, daß viele jener Globke-Befehle an Kabinettsmitglieder, in denen der Staatssekretär sich auf einen angeblich geäußerten Wunsch oder Willen des Kanzlers beruft, überhaupt ohne Wissen Konrad Adenauers geschrieben werden. Ähnliches klingt in einem in der parlamentarischen Demokratie ungewöhnlichen Schriftwechsel an, der, zwischen dem FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Dr. h. c. Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg und Hans Globke geführt wurde.
Unter dem Datum vom- 29. Februar 1956 erhielt der kürzlich aus Amerika zurückgekehrte Freie Demokrat folgendes Schreiben:
"Sehr geehrter Herr Abgeordneter! In den Vereinigten Staaten sind weite Kreise, wie dem Herrn Bundeskanzler durch einen Brief aus West New York mitgeteilt worden ist, über Äußerungen bestürzt, die Sie in den USA gemacht haben sollen. Dieser Mitteilung zufolge sollen Sie wiederholt erklärt haben, daß der Herr Bundeskanzler an einer Wiedervereinigung der sowjetischen Besatzungszone mit der Bundesrepublik nicht interessiert sei, weil die CDU dann ihre Mehrheit und er selbst seine Stellung als Regierungschef verlieren würde. Durch derartige Äußerungen werde das Ansehen der Bundesrepublik und das Vertrauen, das der Herr Bundeskanzler in den Vereinigten Staaten genießt, schwer geschädigt, und die von Präsident Eisenhower und dem Herrn Bundeskanzler betriebene Politik der Wiedervereinigung ernsthaft gefährdet. Der Herr Bundeskanzler bittet Sie hierzu um eine Stellungnahme. Mit vorzüglicher Hochachtung! Globke."
Seine Stellungnahme sandte der, Prinz zu Löwenstein aus seinem Urlaub in Meran am 12. März unmittelbar an den Kanzler.
"Erst heute kam ich in den Besitz eines überaus befremdlichen Briefes ... des Herrn Staatssekretärs des Bundeskanzleramtes, Dr. Globke. Obgleich sich dieser Brief auf Sie beruft, fiele es mir schwer, anzunehmen, daß Sie ihn gekannt haben. Denn sicherlich würden Sie es nicht billigen, daß von seiten der Exekutive Mitglieder des Deutschen Bundestages ihrer wirklichen oder angeblichen Äußerungen wegen zur Berichterstattung aufgefordert werden. Denn das hieße ja, die verfassungsmäßigen Kompetenzen von Regierung und Parlament umzukehren . . ."
So geartete Vorwürfe dringen nicht unter Hans Globkes Haut. Bescheidener und beschaulicher als die meisten Mächtigen und Möchtegerne in der "Hauptstadt unter Reben" wacht dieser erste beamtete Diener der Bundesrepublik mit nie erlahmender Sorgfalt darüber, daß die Fäden hinter den Kulissen der Bonner Szene sich nicht verwirren oder gar abreißen, ehe sie im Palais Schaumburg, im "Haus des Bundeskanzlers", zusammenlaufen, wo Hans Globke Bürovorsteher ist.
Zeitiger als seine Sekretärinnen sitzt er frühmorgens an seinem Arbeitsplatz; später als der Kanzler verläßt er das Palais. Seine hohen Schnürstiefelchen, wie sie im Kreis der Bundesprominenz außer ihm nur Baden-Württembergs gewesener Regierungschef Reinhold Maier trägt, schauen in der Zwischenzeit wie ein Sinnbild hausbackener Solidität, unter seinem Schreibtisch hervor.
Wer gesehen hat, wie bekümmert dieser Mann während des Kanzler-Besuchs in Moskau an einem glühendheißen Septembertag - umringt von Sowjetmenschen in Hemdsärmeln und dünnen Kleidchen - auf einem privaten Spaziergang im hochgeknöpften schwarzen Anzug mit Schweißperlen auf der Stirn über den Roten Platz vorm Kreml stiefelte, der ahnt, wie dem Staatssekretär jeder Schritt zuwider ist, der ihr, aus der festgefügten Welt des Palais Schaumburg führt.
Weiße Wäsche unter schwarzer Weste
Nur selten beehrt er einen der politischen, Salons der neugemachten Bonner Gesellschaft mit seinem Besuch zur Cocktail-Stunde; wenn, dann meist am Arm seiner stattlichen Gattin Augusta, einer geborenen Vaillant aus Remscheid. Häufiger trifft man ihn in den regelmäßigen Sitzungen des Rotary-Clubs und bei den Kommersabenden der zum "Cartellverband der katholischen "deutschen Studentenverbindungen", also zum CV, gehörenden Bonner Bavaren.
Globkes vom Dokumenten-Studium etwas kurzsichtige Augen hinter der scharfgeschliffenen randlosen Brille mit goldenen Bügeln mustern dabei stets unaufdringlich aufmerksam die Schar der Gäste; seine Gedanken scheinen währenddessen fern bei seinen Akten zu weilen.
So wie Herr und Hund sich nach Jahren zu ähneln beginnen, scheint das, Profil dieses Mannes von seinen papiernen Lieblingskindern geprägt: Sein Gesicht trägt Farbe und Falten des nie versiegenden grauen Stroms der durch seine Hände gleitenden, verknitterten und verblichenen Akten. "Der Herr Globke ist ganz anders als er aussieht", sagt Konrad, Adenauer, "er sieht so streng aus, sie haben alle Angst vor ihm."
Fern von jeder Prunksucht oder dem Wunsch nach äußerer Dokumentation seiner Macht, der sich bei seinem Kollegen vom Auswärtigen Amt, dem Staatssekretär Walter Hallstein, oft, auf so possierlich-groteske Art widerspiegelt, ist des Kanzlers Staatssekretär doch von einer kleinen eitlen Schwäche nicht frei: Zuweilen liebt er es, allzu Vorwitzige einen Zipfel seines Einflusses und seiner Allwissenheit spüren zu lassen.
Als der "Daily Express"-Reporter Sefton Delmer ihn 1954 besucht hatte und sich gerade verabschieden wollte, hielt ihn Hans Globke von sich aus zurück: Ob es Herrn Delmer nicht interessiere, einen Mann kennenzulernen, der in seinem Vorzimmer warte? So schloß ausgerechnet Sefton Delmer zwischen Tür und Angel im Palais Schaumburg Bekanntschaft mit dem sonst so auf Anonymität bedachten Geheimdienst-General Reinhard Gehlen, Und als der SPIEGEL Dem Staatssekretär Konrad Adenauers eröffnete, er plane diese Titelgeschichte über ihn, entgegnete, Globke: "Das ist mir seit mehreren Wochen bekannt."
Stets wie aus dem Ei gepellt, mit weißer Wäsche unter der meist schwarzen Weste, taucht der "liebe Herr Globke" immer dann aus dem Schatten des Kanzlers auf, wenn ihn sein Herr, benötigt. Sobald sich Konrad Adenauer im Palais Schäumburg oder im Parlament hilfesuchend zur Seite oder nach hinten neigt, schiebt ihm sein Gehilfe auch schon- einen bekritzelten Notizzettel zu oder wispert ihm die erwünschten Informationen ins Ohr. Stundenlang spazieren die beiden im Park des Bundeskanzleramtes auf und ab.
Wie heißt der Bundeskanzler?
Als der Kanzler im September 1955 seinen weltgeschichtlichen Ausflug nach Moskau unternahm, war Globke, der bis dahin bei den Auslandsreisen seines Chefs stets zu Hause den Aufpasser spielen mußte, zum erstenmal mit von der Partie. Im Kreml mochte Konrad Adenauer nicht auf seinen ergebensten Ratgeber verzichten. Globke war einen Schritt vorgerückt.
Sowjet-Außenminister Molotow behandelte den Bonner Staatssekretär wie einen lieben Verwandten und nannte ihn einen "reizenden Menschen", was Anfang März der SED-Sekretär des sowjetzonalen "Ausschusses für Deutsche Einheit", Girnus, mit "internationalen diplomatischen Gepflogenheiten" zu entschuldigen suchte.
Ministerpräsident und Marschall Bulganin brachte an Hans Globkes 57. Geburtstag zwischen dem ersten und dem zweiten Akt von "Romeo und Julia" in einem Séparée des Bolschoi-Theaters einen Toast auf ihn aus; heute erinnert sich der "bestinformierte Mann in Deutschland" nicht ohne kollegiale Bewunderung: "Die Sowjets kannten unsere Personalien haargenau."
Chruschtschew tauschte, in Moskau sogar sein Wodkaglas mit Globke, um so etwas wie Brüderschaft zu trinken. Globke dazu: "Ich wußte erst gar nicht, was er wollte." Immerhin, der Gläsertausch kam zustande. (Ein halbes Jahr später war Hans Globke, der strenggläubige Sohn der römisch-katholischen Kirche, zum Geburtstag des Papstes in Rom, wahrscheinlich als der einzige Gläubige, der schon buchstäblich an dem Becher des erklärten Antichristen im Kreml genippt hatte.)
Vollends offenbar wurde das unaufhaltsame Aufrücken Hans Globkes in der politischen Hierarchie Westdeutschlands jedoch erst nach der Rückkehr aus Moskau durch die Krankheit des Herrschenden. Als Konrad Adenauer sich, seelisch und körperlich geschwächt, zu Bett legte, übernahm sein Staatssekretär die Macht bis auf Widerruf. An Hans Globke, nicht an den sogenannten Vizekanzler Franz Blücher, wurde Konrad Adenauers Macht automatisch delegiert.
Eine Laune der Geschichte ließ durch den Herzanfall Dwight D. Eisenhowers kurz darauf auch in den Vereinigten Staaten die absonderliche Situation eintreten, daß in, einer Demokratie ein nicht gewählter, zum Dienen berufener Bürokrat zum Regieren gezwungen wurde in Amerika war es der Assistent des Präsidenten, Sherman Adams.
Aus Washington berichtete die "New York Times": "Hier herrscht das wachsende Gefühl, daß Mr. Adams jetzt mehr Macht ausübt als irgendein Mensch in Amerika." In Bonn beschwerte sich die SPD über, den unhaltbaren Zustand, "daß der Bundeskanzler Globke heißt".
So offenbarten die Präsidenten-Demokratie in Amerika und die Kanzler-Demokratie in Westdeutschland fast gleichzeitig einen überraschenden Konstruktionsfehler.
Die Ursachen für den Machtzuwachs der Chef-Gehilfen waren diesseits wie jenseits des- Atlantik, die gleichen: Sherman Adams dort und Hang Globke hier waren die einzigen Menschen, die jederzeit Zutritt und Telephonverbindung zu den zwar noch amtierenden, aber nicht mehr voll regierungsfähigen Regierungschefs hatten. Sie waren damit zum einzigen Trichter geworden, durch den die Herrscher auf dem Krankenlager ihre Informationen und die Minister im Kabinett ihre Instruktionen erhielten, und sie allein konnten wissen, ob das, was an einem Ende des Trichters hineingetan wurde, am anderen unverändert wieder herauskam.
Ihre Einflußmöglichkeiten auf ihre die "Richtlinien der Politik" bestimmenden Regierungschefs und auf die ausführenden Organe hatten sich so über Nacht vervielfacht. Alle Entscheidungen zweiten Ranges, mit denen die Patienten nicht behelligt werden konnten, mußten sie ohnehin allein treffen.
In Washington verriet Eisenhower: "Die einzige Person, die wirklich versteht, was ich zu tun versuche, ist Sherman Adams." In Bonn gestand Adenauer: "Ich wüßte keinen, der Globke ersetzen könnte."
Durch die Ereignisse gezwungen, das bevorzugte Halbdunkel im Schatten des Kanzlers zu verlassen, sah sich Hans Globke sofort Angriffen ausgesetzt, deren Charakter die gleiche Wandlung durchgemacht hatte: Wurde in den letzten Jahren mit Vorliebe aus dem Hinterhalt auf ihn gezielt, formierten sich nun die Kräfte zur offenen Feldschlacht.
Anlaß dazu bot die von Hans Globke forcierte Koalitionskrise, die zum Ausscheren der FDP aus der Regierungsfront führte. Thomas Dehler zürnt noch heute, wenn er berichtet, wie er in den drei letzten Koalitions-Konferenzen im Dezember im Kabinettssaal des Palais Schaumburg dem Kanzler gegenübersaß. Zur Linken Adenauers schrieb Hans Globke Zettel auf Zettel und reichte sie Konrad Adenauer. Thomas Dehler: "Er zog die Giftpfeile aus dem Köcher, die der Bundeskanzler dann auf mich abfeuerte."
Bereits am 15. Dezember hatte der FDP-Chef darüber hinaus noch einen anderen Grund zu bitterer brieflicher Klage: "Sehr verehrter Herr Bundeskanzler! Mein Wunsch, die Bandaufnahmen der Koalitionsbesprechungen überspielen zu lassen, ist nach längeren Verhandlungen von Herrn Dr. Globke abgelehnt worden . . . Ich richte daher an Sie die Bitte, das Überspielen . . . zu gestatten. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr sehr ergebener Thomas Dehler." Er bat vergebens.
Mit dem Austritt der FDP aus der Koalition hat Thomas Dehler jetzt den Kampf gegen Hans Globke aus schalldichten Konferenz-Räumen in die Versammlungssäle verlegt; statt vertraulicher Briefe werden Leitartikel gekreuzt.
Nur allzu bereit schloß sich die SPD unverzüglich seiner Kampagne an. Der sozialdemokratische Abgeordnete Heinrich Georg Ritzel forderte Ende Februar im parteiamtlichen Pressedienst, daß "sich der Bundestag mit dem Problem Globke" befaßt.
Auch Himmler rettete Juden
Die Munition so unterschiedlicher Verbündeter, wie es die Todfeinde Thomas Dehler und Adolf Arndt nun einmal sind, ist dabei die gleiche, mit der schon in der ersten Legislaturperiode vergeblich gegen die rechte Hand des Kanzlers gefeuert wurde: Der Kommentar, den Hans Globke im Dritten Reich gemeinsam mit dem damaligen SS-Obergruppenführer und Staatssekretär im Reichsinnenministerium, Dr. Wilhelm Stuckart, zu der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung geschrieben hat.
Wieder und wieder hatten in den ersten drei Bundes-Jahren die Sozialdemokraten den Hans Globke deswegen im Parlament auf die Hörner genommen; sie empfänden es als "eine Schande", daß der Kommentator der Nürnberger Judengesetze im Bundeskanzleramt beschäftigt sei. Und wieder und wieder versuchte Konrad Adenauer seinen Getreuen vor dem Plenum reinzuwaschen: Die Besatzungsbehörden hätten Hans Globke überprüft, und Juden hätten sich bei ihm für ihre Rettung bedankt. Zwischenruf: "Auch Himmler hat Juden gerettet." Konrad Adenauer: "Ich meine, wir sollten jetzt mit der Naziriecherei Schluß machen." Nach diesem
Appell an das nationale Gewissen herrschte tatsächlich drei Jahre Ruhe. Bis vor kurzem.
Die Wahrheit über die Vergangenheit Hans Globkes liegt wie so oft etwa in der Mitte der sich widersprechenden Behauptungen.
Hans Globke wurde am 10. September 1898 als Sohn eines Tuchhändlers in Düsseldorf geboren. Er wuchs zusammen mit vier Geschwistern auf, machte am Kaiser-Karl-Gymnasium in Aachen sein Abitur, war Artillerist im Ersten Weltkrieg, Student der Rechte in Köln und Bonn und Regierungsassessor in Aachen. 1929 trat er als Doktor juris utriusque (Prädikat: magna cum laude) und Regierungsrat ins Preußische Innenministerium in Berlin ein.
Nach der Übernahme ins Reichsinnenministerium und der Machtergreifung blieb ihm von den Referaten, die er ursprünglich verwaltet hatte, nur das Anhängsel des Personenstandsrechts: Sein Referat für Verfassungsrecht war von der Zeit ausgehöhlt worden, sein Saar-Referat hatte man dem heutigen Landtagspräsidenten des Saarlandes, Heinrich Schneider, übergeben, der es - wie Hans Globke meint - "sehr sachlich geführt hat".
Der damalige Oberregierungsrat Hans Globke hat an der Ausarbeitung der auf dem Nürnberger Parteitag 1935 verkündeten Rassengesetze nicht mitgearbeitet. Freiwillig aber entschloß er sich zu ihrer Kommentierung, während sein Staatssekretär Stuckart eine Einleitung zu dem Kommentar schrieb*. Globke heute: "Stuckart meinte, wir sollten den Radikalen in der Partei zuvorkommen." An den 5000 Kommentar-Exemplaren verdiente Hans Globke etwa 3000 Reichsmark. Eine Überarbeitung des Kommentars für eine zweite Auflage lehnte er unter Hinweis auf Arbeitsüberlastung ab.
Die Geschichte vom Dreiachteljuden
Der Bundeskanzler, der kein Hehl daraus macht, daß er selbst niemals einen solchen Kommentar geschrieben haben würde, wies dennoch 1951 Hans Globkes freiwilliges Rücktrittsangebot wegen dieser Vergangenheit vorwurfsvoll ab: "Das hätten Sie nicht sagen dürfen." Seitdem hat der Staatssekretär nie mehr um seine Entlassung gebeten: "Das hätte der Bundeskanzler als undankbar empfunden."
Konrad Adenauer ist nicht der einzige, der Globkes Rassen-Kommentar milde entschuldigt. Die Vorwürfe jüdischer Deutscher gegen den Autor sind heute verstummt, seit der Herausgeber der "Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland", Karl Marx, sich durch fünf Gutachten jüdischer Juristen überzeugen ließ, daß der Globke-Kommentar mit Abstand der günstigste vor vier vorhandenen Kommentaren war.
Auch hat der ungekrönte "König der internationalen Juden", Nahum Goldmann, bei seinen Besuchen im Palais Schaumburg festgestellt, mit welcher am Rhein seltenen Verve sich Hans Globke für den Israel-Vertrag und die Wiedergutmachungs-Gesetzgebung einsetzt. Selbst der Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Walter Menzel, sagte: "Der Kommentar ist für mich als Anwalt von Juden in der Nazizeit eine Fundgrube für die Verteidigung gewesen."
Menzels Fraktionsfreund Dr. Adolf Arndt hingegen zürnt: "Ebensowenig wie es möglich ist, die Satzung eines aus Verbrechern gebildeten Ringvereins oder die Hausordnung eines Bordells zum Gegenstand einer rechtswissenschaftlichen Erläuterung zu machen, ist es möglich, das Nürnberger Recht als geeignet für ein juristisches Buch zu behandeln."
In der Tat kommentierte Globke streckenweise auf eine Art, die Arndts harte Wertung verständlich macht. So begründete der heutige Staatssekretär des Bundeskanzleramtes etwa den Paragraphen 3 des "Blutschutzgesetzes" ("Juden dürfen weibliche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren in ihrem Haushalt nicht beschäftigen") damit, dieser Paragraph sei nötig, um deutsche Hausmädchen "vor rasseverderblichen geschlechtlichen Gefährdungen zu schützen ... Ein jüdischer Haushalt liegt ... vor, wenn ein jüdischer Mann Haushaltungsvorstand ist oder der Hausgemeinschaft angehört ... Ein männliches Kind ist dabei bis zu dem Zeitpunkt nicht als Mann anzusehen, in dem mit der Erreichung der Geschlechtsreife gerechnet werden muß, das heißt bis zur Vollendung des sechzehnten Lebensjahrs... Der jüdische Mieter eines möblierten Zimmers ohne Familienanschluß ist nicht Angehöriger der Hausgemeinschaft des Vermieters. Nimmt der Mieter aber am Fanilienleben des Vermieters teil, nimmt er insbesondere die Mahlzeiten gemeinsam mit der Familie ein, so gehört er zur Hausgemeinschaft." Nach Globkes Ansicht sollte also eine ,arische" Familie, die ihren jüdischen Untermieter mit am Tisch essen ließ, deswegen kein Hausmädchen unter 45 Jahren engagieren dürfen.
Was an Groteskem herauskommt, wenn ein preußischer Beamter mit überkommener Akribie die widerlichen Paragraphen der Rassengesetze kommentiert, liest sich so: "Der Dreiachteljude, der einen volljüdischen und einen halbjüdischen Großelternteil besitzt, gilt als Mischling mit einem volljüdischen Großelternteil, der Fünfachteljude mit zwei volljüdischen und einem halbjüdischen Großelternteil als Mischling mit zwei volljüdischen Großeltern."
Globke wählte auch nicht immer die mildeste Auslegung: "Ein voll deutschblütiger Großelternteil, der etwa aus Anlaß seiner Verheiratung mit einem Juden zur jüdischen Religionsgemeinschaft übergetreten ist, gilt . . . für die rassische Einordnung seiner Enkel als volljüdisch. Ein Gegenbeweis ist nicht zugelassen. Diese Regelung erleichtert die rassische Einordnung erheblich . . . Wie lange der Großelternteil der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hat, ist gleichgültig. Auch eine nur vorübergehende Zugehörigkeit genügt."
Niemand anders als der Volksgerichtshof-Präsident Roland Freisler bezeichnete Globkes Werk als "besonders wertvoll". Er schrieb in der "Deutschen Justiz": "Man hat... alles, was man in der Praxis benötigt, hier aufgenommen ... Der Kommentar kann wohl in keiner juristischen Handbücherei fehlen."
Globke hat die Unrechts-Paragraphen durch seinen Kommentar nicht zu bagatellisieren vermocht, wie der Brief einer Witwe an den CDU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich Krone beweist, die den Staatssekretär des Kanzlers anklagt, mitschuldig zu sein am Tod ihres - nach den Rassengesetzen: polnischen - Gatten.
Der Kommentator Globke bediente sich zuweilen einer NS-Terminologie, zu der er keinen materiellen Anlaß hatte; so spricht er von "nationalsozialistischer Erkenntnis", wo "nationalsozialistische Auffassung" genügt hätte.
Und er hat in seinem Kommentar mindestens in zwei Punkten die bestehenden Gesetze nicht gemildert, sondern verschärft:
> Er erklärte eine im Gesetz nur "verbotene" Eheschließung zwischen einem "Deutschblütigen" und einem Juden im Ausland für "strafbar", obgleich eigentlich "die im Ausland begangenen Verbrechen und Vergehen grundsätzlich nicht verfolgt" werden.
> Er verweigerte Katholiken jüdischer Abkunft das im Konkordat ausdrücklich vorgesehene Recht, sich im "schweren Notstand" ohne vorangegangene standesamtliche Eheschließung von der Kirche trauen zu lassen.
Verrat an den Bischof
Das ist der Passivsaldo von Hans Globkes braunem Soll und Haben. Ihm gegenüber steht ein Leitz-Ordner voller beachtlicher Persilscheine. Konrad Adenauer ließ 1951 der Einfachheit halber dieses Buch unter eigens zu diesem Zweck nach Bonn geladenen Chefredakteuren kursieren.
Schreiben von Philipp Auerbach, dem durch Selbstmord geendeten Präsidenten des bayrischen Landesentschädigungsamtes, und Georg Dertinger, dem ersten Außenminister der Sowjetzonen-Regierung, der heute im Zuchthaus sitzt, von Kardinal Graf Preysing-ehemals Bischof von Berlin - und Ferdinand Friedensburg - dem CDU-Abgeordneten - lagen dort einträchtig nebeneinander. Sie alle bescheinigten, daß Hans Globke nur formal gefehlt habe und in Wahrheit "immer dagegen" war.
Professor Theodor Eschenburg: "Ich war Trauzeuge einer Ehe zwischen einem ,Arier' und einer 'Halbjüdin', die nur durch Globkes Hilfe zustande kommen konnte. Er hat sehr mutig und sehr geschickt sehr vielen geholfen."
Presseamts-Referentin RuthMüller: "Dr. Globke hat meinen jüdischen Vater aus dem Arbeitslager Leuna geholt."
CDU-Abgeordneter Otto Lenz, der Vorgänger Globkes auf dem Posten des Staatssekretärs im Bundeskanzleramt: "Als ich nach dem 20. Juli im Gefängnis saß, erklärte sich Globke auf meine Kassiber-Bitte bereit, mir einen gestempelten Bogen des Reichssicherheitshauptamtes hereinzuschmuggeln, auf dem ich dann mit Hilfe eines SS-Führers meine Entlassung verfügen wollte. Hans Globke hat im Dritten Reich mehr als einmal Kopf und Kragen riskiert."
Des Kanzlers Staatssekretär gesteht heute selbst, daß die Lektüre seines Kommentars "furchtbar und widerlich" sei. Es gehört zur Dämonie des Dritten Reiches, daß ein Beamter, der kühlen Verstandes Paragraphen kommentierte, die Millionen ins Unglück stürzten, christliche Hilfsbereitschaft entwickeltes sobald ein Einzelschicksal seinen Weg kreuzte, ein ihm bekannter Verfolgter in Fleisch und Blut an seine Bürotür klopfte.
Die von Globke erläuterte Unmenschlichkeit machte auch vor seiner eigenen Familie nicht halt. Ein Bruder seiner Mutter war mit einer "Halbjüdin" verheiratet; seine westpreußischen Verwandten mußten, sofern sie unter die Nürnberger Rassengesetzgebung fielen, ihre Höfe verlassen und als Polen in Baracken unterkriechen, wo sie der Kommentator dieser Gesetze besuchte.
In jener Zeit konnte Hans Globke sein Talent des "Um-die-Ecke-Denkens" zum erstenmal voll entfalten. Er warnte zu ihm kommende Besucher streng davor ("Wußte ich, wer ein Spitzel war?"), sich die Lücken der Rassengesetze zunutze zu machen, nicht um sie abzuschrecken, sondern um ihnen in aller Seelenruhe die bestehenden Möglichkeiten anschaulich schildern zu können. Er erfand "Seitensprünge" ehrwürdiger Juden, nicht um die verblüfften Nachfahren zu demütigen, sondern um sie als "Mischlinge" zu retten.
Sein Glanzstück scheinheiliger Argumentation war dies: Als die Partei in die verschärfenden Ausführungsbestimmungen zu den Judengesetzen aufnehmen wollte, daß ein "Arier", der auch nur mit einer "Vierteljüdin" verheiratet war, als Volljude im Sinne des Gesetzes gelten, Über durch Ehescheidung wieder "Arier" werden sollte, stürzte Hans Globke in der entscheidenden Konferenz den Plan mit der Formel: "Mir erscheint dieser Vorschlag undurchführbar. Es würde sonst ein Mann, der mit einer Vierteljüdin verheiratet ist und als Volljude gilt, durch Ehebruch mit der volljüdischen Freundin seiner Frau- und nachfolgender Ehescheidung wieder Arier' werden können." Verblüfft beugten sich die Rassetheoretiker soviel jesuitischer Logik*.
Später, im Kriege, verriet Globke den Plan, durch Gesetze die Scheidung aller Mischehen (womit damals Ehen zwischen "Ariern" und Juden gemeint waren, während der gleiche Begriff heute Ehen zwischen Katholiken und Protestanten bezeichnet) zu erzwingen, zweimal - auf Referentenebene und vor der Unterzeichnung - an den Berliner Bischof Graf Preysing. Durch den Einspruch der Kirchen kam das Gesetz nicht mehr zustande.
Kardinal Graf Preysing erklärte im Januar 1946, daß Kommentator Globke geradezu der Vertrauensmann des Klerus im Reichsinnenministerium gewesen sei. "Eine Zeit hindurch", erinnerte sich der Bischof, "mußten wir Herrn Dr. Globke fast täglich in Anspruch nehmen. Stets stand er uns in opferbereiter Weise zur Verfügung."
Da wir gerade beim Anpöbeln sind
Was Ministerialrat Hans Globke als einer der letzten V-Männer der katholischen Kirche in der Reichsverwaltung Hitlers für seine Kirche bedeutete, klingt auch in einem Ausspruch des CDU-Fraktionschefs und ehemaligen Zentrumsführers Heinrich Krone an: "Er war für uns von unschätzbarem Wert, so wie er strukturiert ist: Weiß viel, sieht viel, hört viel, schweigt viel.
Mit genau der gleichen Raffinesse, mit der Hans Globke heute der Bundesregierung als Beamter dient, hat er damals in der Diaspora der preußischen Verwaltung als getreuer Sohn der katholischen Kirche die nationalsozialistische Regierung als Beamter hintergangen. Aus Unterlagen im amerikanischen Document Center in Berlin geht hervor, daß trotz einer Empfehlung des SS-Obergruppenführers Stuckart ein Aufnahmeantrag Globkes in die NSDAP mit der Begründung abgelehnt wurde, er habe zu enge Beziehungen zu maßgeblichen katholischen Kreisen. So kann er heute sagen: "Ich habe nie einen Eid auf Hitler geleistet."
Nach dem Krieg wurde der Ministerialrat Hans Globke im "Ministerial Collecting Center" in Hessisch-Lichtenau interniert. Ein Gutachten, das die ehemaligen Beamten des Innenministeriums damals für die Engländer über die Frage des künftigen Wahlrechts anfertigen mußten, trug ihm die Stelle eines deutschen Rechtsberaters bei der britischen Militärregierung in Bünde ein. Im Gegensatz zu allen - anderen Innenministeriums-Beamten hatte Hans Globke, die Zeichen der Zeit richtig deutend, sich gegen das Verhältniswahlrecht und für das Mehrheitswahlrecht ausgesprochen, was den auf das Zwei-Parteien-System eingeschworenen Briten sehr gefiel.
Eine andere Episode in jenem Lager sollte für ihn noch bedeutungsvoller sein und - nach dem Kapitel mit dem Nürnberger Kommentar - ein zweites Nürnberg-Kapitel in seinem Leben eröffnen Er traf einen alten Bekannten: Robert Kempner, der einst vor 1933 als Regierungsrat und Justitiar im preußischen Innenministerium an dem gleichen Flur wie Globke gesessen hatte. Kempner war nach der Machtübernahme emigriert, 1945 als amerikanischer Ankläger in amerikanischer Uniform nach Deutschland zurückgekehrt und hielt nun nach Opfern und Zeugen Ausschau.
Man hätte annehmen können, daß der besonders passionierte Ankläger Kempner als einer der von den Nürnberger Gesetzen Betroffenen dem Kommentator dieser Gesetze nicht gerade freundschaftliche Gefühle entgegenbringen würde. Das Gegenteil war der Fall.
Der Sozialistenführer Kurt Schumacher, der es geflissentlich ablehnte, Hans Globke zu empfangen, hat den Robert Kempner einmal gefragt, was denn hinter dieser Freundlichkeit wirklich stecke. Der Ankläger erwiderte ihm, die Amerikaner hätten sich fest vorgenommen, ihre wertvollsten Kronzeugen aus Nürnberg vor allen innenpolitischen Angriffen zu schützen. Hans Globke sei einer der kostbarsten Helfer der Anklage gewesen, dessen Tätigkeit sich nicht nur im Gerichtssaal niederschlug.
Als Zeuge des Anklägers Robert Kempner trat Hans Globke in dem Verfahren gegen seinen einstigen Mitautor und Staatssekretär Stuckart nämlich in den Nürnberger Zeugenstand. Er nahm kein Blatt vor den Mund:
"Ich wußte, daß die Juden massenweise umgebracht wurden, aber ich war immer der Meinung, daß es daneben auch Juden gab, die entweder in Deutschland lebten oder die, wie in Theresienstadt oder dergleichen, in einer Art Getto zusammengefaßt wurden."
Frage: "Sie dachten, es handele sich um Exekutionen, aber nicht um eine systematische Ausrottung?"
Globke: "Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich bin der Auffassung und wußte das zu jener Zeit, daß die Ausrottung der Juden systematisch betrieben wurde, aber ich wußte nicht, daß sie sich auf alle Juden bezog."
Trotz solcher Eingeständnisse des Belastungszeugen Globke und trotz seiner gleichzeitigen Entlastungs-Aussagen für den zu drei Jahren verurteilten früheren Vorgesetzten Stuckart (Globke: "Weil ich objektiv aussagte . . .) schrieb der Ankläger Robert Kempner ihm zwei Jahre später, als die SPD-Angriffe gegen Globke begannen, am 13. Mai 1950 einen ebenso umfassenden wie vertraulichen Persil-Brief, aus dessen Anrede hervorgeht, daß es außer dem Bundeskanzler mindestens noch einen Menschen gibt, der den Kommentator der Juden-Gesetze als "lieben Herrn Globke" bezeichnet:
"Lieber Herr Globke! ... Da wir gerade beim Anpöbeln sind, bin ich offen genug, um Ihnen zu sagen, daß ich die Angriffe auf Sie aufs tiefste bedaure. Falls Ihnen eine Rückenstützung von mir nützt, da ich nicht nur mit Ihnen, sondern über Sie mit vielen Leuten zwischen 1945 und 1949 gesprochen habe, lassen Sie es mich wissen. Mit besten Grüßen."
Mit einem Persilschein des radikalsten aller amerikanischen Ankläger versehen*, stand dem Hans Globke das weite Feld der von den Alliierten überwachten deutschen Innenpolitik wiedler offen. Drei Jahre lang war Globke Stadtkämmerer von Aachen. Dann schlug ihn der damalige Finanzminister von Nordrhein-Westfalen und heutige Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Dr. Heinrich Weitz, erst als Vizepräsidenten des nordrhein-westfälischen Landesrechnungshofes und später für die Bundesverwaltung vor.
Ein Ehrenmann
Im Bundeskanzleramt fand Hans Globke in Konrad Adenauer einen idealen Herrn und der Kanzler in Globke einen idealen Diener.
Wie schnell die sonst so mißtrauischen Seelen einander vertrauten, zeigte ein Bravourstück, das sie schon ein halbes Jahr nach ihrem ersten Arbeitstag zusammen unternahmen und das den SPD-Abgeordneten Wilhelm Mellies im Bundestag zu der dunklen Andeutung veranlaßte: "Wenn ich das Wort geb rauchen würde, das in diesem Falle eigentlich nur gebraucht werden kann, dann würde ich damit gegen die Würde des Hohen Hauses verstoßen." Es handelte sich um Hans Globkes Ernennung zum Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt.
Zu einer Zeit, da eine personalpolitische Interpellation der SPD-Fraktion, die sich vor allem gegen Hans Globkes Vergangenheit richtete, bereits als Bundestagsdrucksache vorlag, ließ Konrad Adenauer am 4. Juli 1950 Hans Globkes Beförderung zum Ministerialdirektor und Personalchef im Bundeskanzleramt vom Kabinett einstimmig - unter Einschluß von Bundesjustizminister Thomas Dehler - verabschieden.
Vier Tage später, am 8. Juli, wurde Globkes Ernennungsurkunde vom Bundespräsidenten unterzeichnet. Aber Adenauer hielt sie versteckt, bis vier weitere Tage später, am 12. Juli, der sozialdemokratische Sturm gegen Globke im Parlament
über die Bühne gebraust war. Dann erst ließ er die Ernennung publik werden. Die Sozialdemokraten fühlten sich hintergangen und; schäumten. Unmöglich konnten sie nun noch einmal eine Globke -Debatte im Plenum vom Zaun brechen, Entrüstet richtete Erich Ollenhauer am 17. Juli 1950 einen von Adolf Arndt verfaßten Brief an Theodor Heuss, in dem er fragte, ob dem Bundespräsidenten denn nicht die "verfassungsrechtlichen und politischen Bedenken grundsätzlicher Art" der Opposition gegen den Bestallten vorgetragen worden seien.
Er sei, so antwortete der Bundespräsident, von den Parlamentsattacken und dem Brief der Sozialdemnokratie "naturgemäß überrascht". Denn Konrad Adenauer habe ihm vor Globkes, Ernennung mitgeteilt, daß sich nicht nur Mr. Riddleberger für die Alliierte Hohe Kommission mit Globkes Ernennung einverstanden erklärt hatte, sondern, so schrieb Theodor Heuss an Erich Ollenhauer, "auch die SPD
- so erklärte der Bundeskanzler - habe ihre politischen Bedenken gegen Globke zurückgestellt".
Ereignet hatte sich dies: Im Frühsommer 1950 war ein Dr. Kappen aus dem Bundespresseamt bei dem SPD-Abgeordneten Adolf Arndt erschienen und hatte gesagt: "Ich komme zu Ihnen als Genosse." Dann legte Kappen eine Mappe "Globke" auf den Tisch. Arndt hatte Belastungsmaterial erwartet. Es waren Persilscheine.
Adolf Arndt: "Es waren Briefe, aus denen hervorging, daß Dr. Globke im Dritten Reich Vertrauensmann der katholischen Kirche war. Das war nichts, was meine Meinung über Dr. Globke irgendwie ändern konnte." Dennoch glaubte Dr. Kappen, als er einige Tage später die Mappe wieder abholte, zwischen Tür und Angel von Adolf Arndt einen Ausspruch gehört zu haben, den er sogleich an seinen Chef Hans Globke weiterberichtete, den Adolf Arndt jedoch nie getan haben will: "Herr Globke ist ein. Ehrenmann." (Nicht etwa ein "dunkler" oder ein "sauberer" Ehrenmann.)
Wie dem aber auch gewesen sei: Dr. Kappen notierte ausdrücklich in seinem später angefertigten. Aktenvermerk, daß es sich bei der seiner Meinung nach verständnisbereiteren Haltung der SPD keineswegs um eine sozialdemokratische Zustimmung zu Globkes Beförderung zum Ministerialdirektor handele. Und eben das war es gewesen, was Konrad Adenauer dem Bundespräsidenten vorgetragen hatte.
Der "heilige Proporz"
Wie entscheidend sich seit jenen Tagen die. Verhältnisse in der Bundesrepublik gewandelt haben, zeigte sich drei Jahre später:. Der gleiche Beamte, den Konrad Adenauer damals nur mit Hilfe falscher Vorspiegelungen zum Ministerialdirektor machen konnte, avancierte nach den Wahlen vom September 1953 zum, Staatssekretär, ohne daß sich auch nur eine Proteststimme erhoben hätte.
Daher nehmen sich denn auch die jetzt wieder aufgewärmten Angriffe gegen die Vergangenheit des Staatssekretärs etwas anachronistisch aus, in einer Demokratie. in deren Ministerialbürokratie, Regierung und Parlament es längst von handfesten "Nazis" wimmelt. Sagt Karl Marx von der "Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland": "Alle Parteien haben doch längst ihre Globkes."
Damals indessen, 1950, mußte Kanzler Konrad Adenauer als Staatssekretär noch einen Widerständler bemühen. So wurde Otto, Lenz Staatssekretär. Freimütig gesteht Lenz heute: "Wenn die Vorwürfe damals nicht gewesen wären, hätte sicher Globke gleich meinen Posten bekommen." So langte es für Globke zunächst nur zum Ministerialdirektor unter Lenz.
Otto Lenz, Rechtsanwalt, Mitbegründer der CDU in Berlin, kannte den Kanzler seit Jahren aus der Parteiarbeit, "wenngleich wir eigentlich meistens Streit hatten, weil der Kanzler schon als CDU-Zonenvorsitzender das Schwergewicht mehr nach Westen verlagern wollte, das wir in Berlin zu erhalten suchten".
In ihrer Tätigkeit als Staatssekretäre unterscheiden sich Otto Lenz und Hans Globke nicht weniger als im Typ. Otto Lenz, untersetzt, agil, mit gelblichem Teint, Hornbrille und schwarzem Haar, gleicht dem Urbild des Intriganten auf der Bühne. Hans Globke, stattlich, gesetzt, mit gepflegtem grauen Haar und peinlich korrekt gekleidet, ähnelt eher, wie der Journalist Kempski schrieb, "dem Direktor eines Lyzeums", der - mit Vorliebe in den unteren Klassen unterrichtet.
Lenz war Selfmade-Politiker, Globke ist dienender Beamter. Lenz kannte als Staatssekretär keine Akten; Globke erstickt fast in ihnen. Konrad Adenauer: "Der einzige Fehler von Herrn Globke ist, daß er alles ... selbst machen will."
Gemeinsam ist Lenz und Globke eigentlich nur der Grad ihrer Nützlichkeit für den Kanzler und ihre Vorliebe für Dossiers, Heimlichtuerei und Nachrichtendienste.
Vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuß für den Fall des Verfassungsschutzpräsidenten Otto John wurde aktenkundig, wie vertraut zumindest Hans Globke, in diesen zwielichtigen Gefilden verkehrt. Der Vizepräsident des Verfassungsschutzamtes, Radtke, gab in geheimer Sitzung zu, daß in der Kartei seiner Behörde auch demokratische Politiker wie Bundesinnenminister a.D. Heinemann, Berlins CDU-Chef Ernst Lemmer und Württembergs FDP-Alter Reinhold Maier automatisch erfaßt seien, weil ihre Namen in irgendwelchen Agentenmeldungen aufgetaucht waren.
Hans Globke enthüllte in geheimer Vernehmung noch etwas anderes: Daß das Bundeskanzleramt von sich aus Bespitzelungsaufträge an das Bundesverfassungsschutzamt gegeben hatte, von denen das die Dienstaufsicht führende Innenministerium nichts wußte. Die Namen der zu Bespitzelnden verschwieg er.
Hans Globke hätte die Namen der vom Bundeskanzleramt beschatteten Politiker nicht zu verschweigen brauchen, wenn es sich um Staatsfeinde von rechts oder links gehandelt hätte. So schlossen die Ausschuß-Parlamentarier, daß es sich bei den vom Bundeskanzleramt unter Aufsicht gestellten Prominenten vermutlich um angesehene Parlamentarier handelt.
Das wichtigste und bedeutungsvollste Tätigkeitsfeld von Konrad Adenauers Staatssekretär ist jedoch die Personalpolitik. Auf diesem Terrain herrscht Hans Globke mit des Kanzlers Billigung fast unumschränkt. Die politischen Schlüsselpositionen in der Ministerialbürokratie der deutschen Bundesregierung sind heute mit seinen Vertrauensleuten besetzt. Die Konfessionalisierung im parlamentarischen Bereich und auf Kabinettsebene hat es ihm dabei beträchtlich erleichtert, seine Ziele zu erreichen.
In Bonn regiert der "heilige Proporz". Vom Staatsoberhaupt über den Parlamentspräsidenten und den Bundeskanzler bis zum Bundespostminister zieht sich eine konfessionell sorgsam ausbalancierte bunte Reihe*. Wo für die Vertreter der indifferenten Kirchensteuerzahler und des nichtchristlichen Volksteils Platz sein soll, bleibt unbesorgt.
Nicht viel anders sieht es bei den Staatssekretären aus. Acht von ihnen sind katholisch; sechs evangelisch, obgleich das Grundgesetz ausdrücklich jede Bevorzugung oder Benachteiligung aus konfessionellen Gründen, ja sogar jede amtliche Frage nach dem Glaubensbekenntnis außer zu statistischen Zwecken verbietet.
Prälat Böhler ruft an
Tatsächlich hört jedoch trotz dieser klaren Sprache der Verfassung die Konfessions-Arithmetik bei den beamteten Staatssekretären keineswegs auf. Bis zur Referenten-Ebene hinab spielt das "richtige Gesangbuch" in Bonn heute eine nicht weniger wichtige Rolle als einst das "Parteibuch". Ganze Abteilungen werden gespalten, Unterabteilungen neu geschaffen, Referate verdoppelt, um in der Bürokratie das konfessionelle Gleichgewicht zu wahren. Das Bundesinnenministerium verschickte schon 1950 Formulare mit einer Konfessions-Rubrik an Bewerber; das Verteidigungsministerium veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Statistik über die Religionszugehörigkeit seiner obersten Beamten und Offiziere; in der Personalabteilung des Auswärtigen Amtes tragen Namenslisten die Vermerke "E." und "K.".
Die sich aus solcher Praxis ergebenden Grotesken sind Legion. Drei Beispiele:
> Für den Botschafterposten beim Vatikan wurde die materiell durch nichts begründete Regelung vorgesehen, daß er abwechselnd mit Protestanten und Katholiken besetzt werden soll, während der ebenfalls in Rom residierende deutsche Botschafter beim italienischen Staatspräsidenten dann der jeweils anderen Konfession angehören müsse.
> Als ein Referat im Bundesinnenministerium 1953 frei geworden war, standen zwei Bewerber in der engeren Wahl: Der protestantische Landrat Vieregge und der katholische Oberbürgermeister außer Diensten von Fulda, Danzebrink. Eine schließlich aus rein sachlichen Gesichtspunkten gefällte Entscheidung zugunsten des Protestanten wurde in letzter Minute zugunsten des Katholiken umgestoßen, nachdem der Personalreferent Dr. Müller erklärt hatte, "die katholische Welt" werde die andere Lösung niemals hinnehmen". Es handelte sich um das Kommunalreferat.
> Dem protestantischen Wehrideologen Theo Blanks, Graf Baudissin, wurde ein katholischer Gegenspieler zur Seite gestellt; da keine Planstelle mehr frei war, wurde im Verteidigungsministerium extra ein "Studienbüro Pfister" eröffnet.
"Der beamtenpolitische Konfessionalismus" habe, so rief SPD-Ankläger Adolf Arndt dem Bundestag zu, "im Bundeskanzleramt selbst zentral" seinen Sitz und werde "durch Herrn Globke personifiziert".
Hans Globke wehrt sich gegen diesen Vorwurf: "Auf Grund meiner ministeriellen Tätigkeit hatte ich natürlich eine nichtunerhebliche Personalkenntnis und konnte eine Menge Vorschläge machen. Kein Minister ist über sie, glaube ich, unglücklich gewesen. Aber wenn behauptet wird, ich hätte ein katholisches Übergewicht durchgesetzt, ist das falsch."
Was Hans Globke anstrebt, ist zunächst kein katholisches Übergewicht, sondern ein konfessionelles Gleichgewicht. Da jedoch die frühere, aus der 'preußischen Verwaltung gewachsene Reichsverwaltung vornehmlich protestantisch war, und die Staatsdiener von einst die Mehrzahl der Staatsdiener von heute stellen, sind immer
noch etwa zwei Drittel der höheren Beamtenschaft in Bonn evangelisch. Wenn Globke also für die Parität eintritt, tritt er meistens für katholische Bewerber ein; andererseits verurteilt auch er die Bildung rein katholischer Enklaven, wie sie im Arbeits- und Finanzministerium gezüchtet werden.
Die quantitative Unterlegenheit der katholischen Planstellen-Inhaber hat Hans Globke durch einen qualitativen Vorteil heute schon wettgemacht: In allen Ministerien ist entweder der Leiter der Personalabteilung oder aber der Personalreferent für höhere Beamte ein Katholik, und zur katholischen Konfession gehören auch mehr als zwei Drittel aller Beamten, die irgendwelche Finanzfonds zu verwalten haben.
Der rheinische Klerus, der im Haus Altenberg' in Köln ein Büro für personalpolitische Informationen unterhält, ist oft früher als die zuständigen Minister über vakante Referentenstellen, bevorstehende Beförderungen oder Versetzungenrorientiert. So gespannt das persönliche Verhältnis zwischen Kanzler Konrad Adenauer und Kardinal Frings ist, so gut verstehen sich nämlich deren beide Vertraute, Hans Globke und "der Beauftragte des Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz bei der Bundesregierung", Apostolischer Protonotar und Domkapitular Prälat Wilhelm Böhler. Nur selten braucht der Prälat Böhler selbst zum Telephon zu greifen, um einem Bundesminister einen personalpolitischen Wunsch vorzutragen.
Obgleich den Staatssekretär Globke die wirtschaftlichen Ressorts wenig interessieren, hat er selbstverständlich auch dort Vertrauensleute installiert, so wie im gesamtdeutschen Ministerium Staatssekretär Thedieck als sein Mann dauernd prüft, ob die Richtung noch stimmt.
Unmittelbar überwacht und dirigiert der Staatssekretär Globke nur die Personalpolitik in den drei klassischen politischen Ministerien: Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium. Sein Einfluß auf das Außenamt löste schon ein sozialdemokratisches Gezeter aus, ehe
es noch ein Außenministerium gab. "Es scheint, daß der Herr Bundeskanzler Herrn Globke neuerdings eine Art Oberaufsicht in den gesamten Personalfragen im Bereich des Bundeskanzleramtes übertragen hat", argwöhnte SPD-Diplomat Gerhard Lütkens 1950 in der Debatte über die Vorbereitung eines deutschen diplomatischen Dienstes.
Seit der einstige junge Mann aus Konrad Adenauers Kölner Oberbürgermeister-Tagen, der Ministerialdirektor Josef (,Rotkopf") Löns, das Amt eines Personalchefs im Auswärtigen Amt übernahm, fühlt sich Hans Globke in diesem Sektor etwas entlastet.
Im Innenministerium stößt des Kanzlers Staatssekretär bei seinem aus dem Bundeskanzleramt hervorgegangenen Kollegen Ritter von Lex auf besonderes Verständnis. Trotzdem ist hier die personalpolitische Betreuungsarbeit schwieriger geworden, seit 1953 der junge Gerhard Schröder den von der Notwendigkeit gewisser Maßnahmen leichter zu überzeugenden Robert Lehr abgelöst hat.
Schröder hält nicht viel von konfessioneller "Parität", um so mehr aber von konfessioneller "Harmonie", begründet auf fachlichen Qualifikationen. Das; sieht zur Zeit in seinem Ministerium so aus: Von acht Abteilungsleitern ist einer, von elf Unterabteilungsleitern sind zwei katholisch.
Dieser weltfremde Mensch
Um so hä rter geht hier die Auseinandersetzung um gebührenden katholischen Einfluß. Im "Fall Lüders" wurde durchexerziert, welche Methoden im Bonner Glaubensstreit gang und gäbe werden.
Der langjährige, jetzt in die private Europa-Politik übergewechselte evangelische Leiter des Referats "Presserecht, Film und Rundfunk", Carl-Heinz Lüders, sollte
auf Anweisung des Kanzlers seines Postens enthoben werden, weil "der weltfremde Mensch" im Entwurf eines Parteiengesetzes die rücksichtslose Offenbarung aller Geldquellen der Parteien gefordert habe, wie es das Grundgesetz befiehlt.
Lüders hatte jedoch mit dem Parteiengesetz überhaupt nichts zu tun. Irgend jemand mußte den Kanzler falsch informiert haben, um Lüders zu stürzen. Den Verdacht, so etwas Plumpes unternommen zu haben, weist Hans Globke höchst indigniert zurück: "Ich bin nicht der einzige, mit dem der Kanzler spricht. Wenn er im Bundestag ist, redet er mit vielen Leuten. Und manche sagen ihm oft Dinge, die ich nicht vortrage, weil sie mir zu zweifelhaft wären."
In dem erst 1955 flügge gewordenen Verteidigungsministerium, das bis dahin vier Jahre lang unter den Fittichen des Bundeskanzleramtes als Amt Blank herangewachsen war, hat Hans Globke schließlich zum einfachsten Rezept gegriffen. Drei in der Führer-Schule des Bundeskanzleramtes unter seiner Aufsicht großgezogene katholische Beamte übernahmen die Schlüsselpositionen:
Der ehemalige Leiter des persönlichen Kanzler-Büros, Josef Rust, wurde Staatssekretär, der ehemalige persönliche Kanzler-Referent Josef Wirmer und der ehemalige Globke-Gehilfe Gumbel avancierten zu Ministerialdirigenten und Abteilungsleitern für Verwaltung und Personal.
Dabei- nun tritt ein bemerkenswerter Aspekt von Hans Globkes katholischer Personalpolitik zutage: Rust und Gumbel sind Mitglieder des "Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen", des CV, dessen "Ämterpatronage" SPD-Arndt im Bundestag ein "unerträgliches Unwesen" nannte, in dessen Mittelpunkt wiederum des Kanzlers Staatssekretär stehe.
CV-Bruder Hans Globke verficht eine andere Version: "Wenn er etwas kann, nehme ich natürlich auch einen CVer. Wenn er nichts kann, nützt ihm auch seine Zugehörigkeit zum CV nichts."
Ein hoher Bundesbeamter hat diese Globkeschen Behauptungen mittlerweile widerlegt: Edmund Forschbach. Seine CV -Herkunft war seine vornehmste Qualifikation zum kommissarischen Bundespressechef. Sein dem Staatssekretär des Kanzlers unterstelltes Amt war von Hans Globke bereits vor Forschbach mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit auf Vordermann gebracht worden. Auch hier wurden zunächst mehr und mehr Zöglinge aus der strengen Zucht des Bundeskanzleramtes in führende Stellungen bugsiert, wie der ehemalige persönliche Referent des Kanzlers und heutige Personalchef Dr. Mai und der ehemalige persönliche Referent von Otto Lenz und heutige Abteilungsleiter im Bundespresseamt ("Fernsehen, Film, Funk") Dr. Six.
Schließlich, als Schlußstein, wurde Platz für Forschbach geschaffen, indem man den unkonventionellen Luftikus Felix von Eckardt über den Ozean zur Uno expedierte.
Ein Herr v. Eckardt war es, der über die "graue Eminenz das Kanzlers" schrieb, sie habe in ihrem Wesen einen Zug, der sie alles vermeiden lasse, was zu Konflikten, zu Lärm und Aufsehen führen könnte. Um das zu verbergen, umgebe sie sich mit dem Schein einer Unnahbarkeit, die ihrer Natur nicht entspreche. Ihr Selbstgefühl mache den Eindruck, erzwungen zu sein.
Zwar hieß der Autor dieser Zeilen nicht Felix v. Eckardt, sondern es war dessen Großvater, der Schriftsteller und Generalkonsul Julius v. Eckardt, der so in seinen Lebenserinnerungen schrieb. Zwar hieß der Kanzler nicht Adenauer, sondern Caprivi und die "graue Eminenz" nicht Globke, sondern Holstein.
Dennoch stimmt die Aussage über diese Charaktereigenschaften des Vortragenden Rats Holstein erstaunlich genau mit der Studie eines Bonner Psychologen überein, der den Staatssekretär Hans Globke beobachtete und zu der Feststellung kam, daß Typen wie er, die im Alltag Schutz in einer Ehe mit einer Frau mütterlichen Typs suchen und im geistigen Bereich Schutz im "mütterlichen Schoß" der Kirche finden, ein zwar oft hochentwickeltes, aber stets künstliches Selbstbewußtsein zur Schau tragen. Nur eines könnten sie nie: offen und frontal angreifen.
Der Hang des- Staatssekretärs Globke zur List und Leisetreterei, verbunden mit seinen unbezweifelbaren Erfolgen, die in Personalfragen die Bundespolitik auf Jahrzehnte mitbestimmen werden, hat in Bonn einen Mythos Globke geschaffen. Wann immer ein Teil - einer undurchsichtigen Affäre unaufgeklärt bleibt, wird in Bonn schon aus Gewohnheit der Name Globke eingeflickt:
> Als der Staatssekretär im Frühjahr des vergangenen Jahres durch Jugoslawien übler das östliche Mittelmeer in die Türkei reiste, setzte unverzüglich ein allgemeines Spekulieren über neue außenpolitische Pläne das Kanzlers ein. In Wahrheit reiste Hans Globke privat in Begleitung seines ältesten Sohnes*; er hatte ihm die Reise für das bestandene Abitur versprochen.
> Hans Globke gilt in Bonn ganz allgemein als Protektor jenes Anti-Komintern-Taubert, der unlängst über seine nationalsozialistische Vergangenheit stolperte und die Kommandobrücke im "Volksbund für Frieden und Freiheit" verlassen mußte. In Wahrheit hatte Konrad Adenauer selbst auf Empfehlung eines katholischen Priesters die Anstellung Tauberts angeordnet; Globke warnte Konrad Adenauer einmal mündlich und mehrmals schriftlich vor Taubert, konnte jedoch- nur dessen ursprünglich vorgesehene Einstellung als Beamter verhindern.
> Als Reinhold Maier. 1954 dem Parlament erzählte, daß der Kanzler auf Grund einer falschen Agentenmeldung dem Bundespräsidenten ohne weitere Nachprüfung über angebliche Ost-Kontakte des unbequemen Schwaben berichtet habe, tönte von links prompt der Zwischenruf: "Globke". In Wahrheit hatte Hans Globke seinem Kanzler jene Stelle in der Meldung des Verfassungsschutzamtes, in der die Nachricht als "unbestätigt" bezeichnet wurde, dick und rot angestrichen.
Aber der Mythos Globke wächst. Es gehört zur echten Tragik dieses dienenden Lebens, daß niemand die wahren Geheimnisse des verschwiegenen Hans Globke kennt, alle ihn aber für Geheimnisse verantwortlich machen, eben weil sie niemand kennt.
Hans Globke spürt etwas von dem, was ihn nach Konrad Adenauer erwartet. Alle Meldungen über, eine Bundestagskandidatur seien einem "Mißverständnis" entsprungen, so sagt er. Und auf die Frage, ob er denn noch unter Konrad Adenauers Nachfolger im Palais Schaumburg bleiben möchte, antwortet er kaum hörbar: "Es kommt natürlich auf den Nachfolger an. An sich habe ich keine Lust mehr Nach all den Jahren kann einmal ein anderer die Arbeit machen."
Es scheinte als solle den Kommentator der Judengesetze nach dem Abtreten Konrad Adenauers ausgerechnet - wie Paul Wilhelm Wenger vom "Rheinischen Merkur" es zuerst ausdrückte - das Schicksal des Jud Süß erwarten: Gerichtet zu werden für ungetane Dinge, wobei freilich die getanen, wüßte man sie alle, sehr möglich für den Urteilsspruch ausgereicht hätten.
Am Karfreitag ist er erst einmal bis zum 20. April in Urlaub gefahren.
* Dr. Wilhelm Stuckart und Dr. Hans Globke: Kommentare zur deutschen Rassengesetzgebung", C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung München und Berlin 1936; 287 Seiten.
* Der Ehebruch des Mannes mit einer Volljüdin wäre nach den Rassengesetzen nicht -strafbar gewesen, da der Verkehr von Juden untereinander erlaubt war - und der arische Mann hatte wegen seiner Ehe mit einer Vierteljüdin" ja als Volljude gelten sollen.
* Robert Kempners Entlastungsschreiben zugunsten ehemaliger Funktionäre des Dritten Reiches haben zu Angriffen des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. H. G. van Dam, auf den ehemaligen amerikanischen Nürnberg-Ankläger geführt. Kempner ist heute Rechtsanwalt sowohl in Frankfurt am Main als auch in Philadelphia. Dr. van Dam fragte: "Werden solche Gutachten in Ausübung einer deutschen oder amerikanischen Anwaltstätigkeit gegen Honorar ausgearbeitet?" van Dam stellte fest, daß dergleichen Gutachten für ihn und seine Freunde keinen wie auch immer gearteten Wert besitzen, so rührend ihnen auch die Anhänglichkeit ehemaliger Naziaktivisten an den Nürnberger Ankläger erscheine.
* Bevölkerung der Bundesrepublik: 51,2 Prozent evangelisch, 45,2 Prozent römisch-katholisch, 3,2 Prozent Freireligiöse oder Freidenker, 0,4 Prozent andere Religionsgemeinschaften,
* Das Ehepaar Globke hat drei Kinder: der ältere Sohn studiert Jura, erst in Oxford, jetzt in Bonn, die Tochter besucht die Bonner Liebfrauenschule, der jüngere Sohn das Bonner Beethoven-Gymnasium.

DER SPIEGEL 14/1956
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