SPIEGEL: Großbritannien hat erstmals das Klonen menschlicher Embryonen für therapeutische Zwecke zugelassen, in Deutschland ist dies verboten. Muss es eine neue Debatte geben?
Hintze: Ich habe Verständnis für die britische Entscheidung. Das therapeutische Klonen ist eine Möglichkeit, die Programmierung von Zellen zu verstehen und damit möglicherweise Erkenntnisse zur Behandlung schwerer Krankheiten zu gewinnen. Ob dieser Forschungsweg fachlich sinnvoll ist, müssen Wissenschaftler beurteilen. Moralisch halte ich ihn für gerechtfertigt, weil er einer Ethik des Heilens dient. Ich glaube aber, dass wir in Deutschland erst eine neue Debatte bekommen, wenn es in anderen Ländern nachweisbare Erfolge gibt.
SPIEGEL: Sollten deutsche Patienten von solchen Erkenntnissen profitieren, auch wenn sie mit Methoden gewonnen wurden, die hier verboten sind?
Hintze: Wenn es eines Tages möglich sein sollte, damit Krankheiten zu heilen, dann werden alle diese Anwendungen nutzen, auch in Deutschland, davon bin ich überzeugt.
SPIEGEL: Die Gegner haben vor allem Angst davor, dass dem reproduktiven Klonen Tür und Tor geöffnet wird, also der Vervielfältigung von Menschen.
Hintze: Das ist ziemlich abwegig. Sie können mit einem Messer jemandem die Kehle durchschneiden, und Sie können einen Luftröhrenschnitt machen. In beiden Fällen benutzen Sie dasselbe Instrument, aber die Zwecke und die Ergebnisse unterscheiden sich so glasklar wie das therapeutische und das reproduktive Klonen.
SPIEGEL: Im September wird bei der Uno in New York über ein weltweites Klonverbot verhandelt, nachdem der Versuch vor einem Jahr gescheitert ist. Wie soll sich Deutschland verhalten?
Hintze: Wir sollten die große internationale Ablehnung nutzen, um das reproduktive Klonen weltweit zu ächten und gleichzeitig einen neuen Begriff für den therapeutischen Transfer von Zellkernen finden, um diese beiden Dinge klar zu unterscheiden. Der Begriff therapeutisches Klonen ist irreführend, weil er Assoziationen an Monster und Gruselfilme und damit Ängste weckt, die ins Reich der Phantasie gehören.
DER SPIEGEL 35/2004
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