Samstag, 20. März 2010

DER SPIEGEL


23.08.2004

ZEITGESCHICHTE

Historiker rehabilitiert NS-Verbrecher

Dem Ruf der Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Dresden droht weiterer Schaden. Erst im Januar hatte der Zentralrat der Juden der vom Land gegründeten Stiftung seine Mitarbeit aufgekündigt. Begründung: Das Land verschiebe den Akzent der Gedenkstättenarbeit weg von Nazi-Opfern und hin zu Insassen kommunistischer Straflager nach 1945. Nun wird bekannt, dass der bei der Stiftung beschäftigte Historiker Klaus-Dieter Müller 1997 einen fragwürdigen Antrag auf Rehabilitierung eines bekannten NS-Massenmörders gestellt hat. Dabei geht es um den Mediziner Hans Heinze, der unter anderem als Anstaltsleiter im brandenburgischen Görden für die Tötung Hunderter behinderter Kinder verantwortlich und 1946 von den Russen zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war - allerdings auf der Basis einer äußerst lückenhaften Anklage. Müllers Antrag führte dazu, dass die Russen den Euthanasietäter 1998 offiziell rehabilitierten. Müller, der damals noch für das vom Land finanzierte Hannah-Arendt-Institut in Dresden arbeitete, verteidigt sein Vorgehen mit wissenschaftlichem Erkenntnisdrang. Der Antrag sei seinerzeit der einzige Weg gewesen, um an Informationen über Heinze in Moskauer Archiven heranzukommen. Eine Rehabilitierung habe er aber nicht angestrebt. Die Berliner Historikerin Annette Weinke, die auf den Vorgang gestoßen war, wirft dem Kollegen nun schweres wissenschaftliches Fehlverhalten vor: "Müller hat eine Grenze überschritten, die ein Wissenschaftler nicht überschreiten darf."



DER SPIEGEL 35/2004
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