Von Berg, Stefan
Die Grenze zwischen der alten und der neuen Zeit verläuft in Potsdam fließend. Das Emblem der SED am Turm des Brandenburger Landtags, dem früheren Sitz der SED-Bezirksleitung, ist noch nicht ganz verblasst, da diskutiert drinnen die Nachhut der einstigen Arbeiter-und-Bauern-Partei bereits über die mögliche Rückkehr zur Macht.
Vergangenen Dienstag, zehn Uhr, begann die Fraktionssitzung der PDS in Zimmer 217 wie immer mit einem Bericht zur Lage. Das Sagen hat hier ein Mann, der in dem Haus - genannt "der Kreml" - schon lange herrscht: Heinz Vietze, Fraktionsgeschäftsführer der Potsdamer PDS. Er war der letzte SED-Bezirkschef von Potsdam.
Ausgewertet wurde eine Rede von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Er hatte zum Top-Thema Hartz IV kritische Worte gefunden und - Aug' in Aug' mit dem Kanzler - mehr Respekt vor den Ostdeutschen gefordert. Das Fazit der PDS-Runde: "Platzeck bewegt sich in die richtige Richtung." In Richtung PDS - so hoffen jedenfalls die Postkommunisten.
Allzu gern würden sie nach der Landtagswahl am 19. September Brandenburg zusammen mit der SPD regieren. In vorauseilendem Gehorsam hatten die PDS-Strategen ihre Vorzeigefrau, die einstige Miss Bundestag Dagmar Enkelmann, lediglich zur Spitzen-, aber nicht zur Ministerpräsidentenkandidatin ausgerufen. Die Botschaft: Man wolle Platzeck den Vortritt lassen.
Noch ist das Kopf-an-Kopf-Rennen von PDS, SPD und CDU vollkommen offen. In neuesten Umfragen liegen die drei Parteien fast gleichauf bei knapp 30 Prozent. Öffentlich schließt Platzeck ein Bündnis mit der PDS auch nicht aus. Doch intern hat er zu erkennen gegeben, wie unwohl ihm bei einem Pakt mit der PDS wäre. "Der geht doch nicht jeden Montag in den Kreml", so ein Vertrauter Platzecks, "und lässt sich seine Politik absegnen." Insidern ist klar, wer den Sozialdemokraten bei der PDS vor allem stört - der Ex-Bonze Heinz Vietze. Der habe schließlich Leute wie ihn einst drangsaliert.
Bei vielen Sozialdemokraten ist Vietze bis heute verhasst - und vor allem beim SPD-Landeschef. Vor der Wende war Platzeck, damals noch vollbärtig und im grünen Parka, Aktivist der Potsdamer Umweltszene, wurde von der Stasi observiert und galt als "feindlich-negative Kraft". Zur selben Zeit war Vietze als Chef der so genannten Kreiseinsatzleitung in Potsdam mit dem Kampf gegen Abweichler jeglicher Art beschäftigt. Seine Mahnung am 19. Mai 1989: "Der Feind arbeitet."
Vom Parteilehrjahr bis zur Parteihochschule hat Vietze jede Form von Rotlicht abbekommen, das die SED einst abstrahlte. In den siebziger Jahren führte ihn die Stasi als "GMS" (Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit), damals war er hauptamtlicher Funktionär der SED-Parteijugend FDJ. Er habe, so Vietze heute, ein "parteikameradschaftliches Verhältnis" zu den "Sicherheitsorganen" gehabt. Später erhielt er von den Geheimen selbst Berichte - als Vorsitzender der Kreiseinsatzleitung.
Mancher Streit von damals könnte Machtpolitiker Vietze heute zum Verhängnis werden. Denn nicht nur Platzeck hat ungute Erinnerungen an den Mann aus dem Kreml. Im Jahr 1982 geriet Vietze etwa mit Rainer Speer aneinander, heute Chef der Potsdamer Staatskanzlei. Speer wollte damals ein Fest in Potsdam organisieren - mit kirchlichen Friedensgruppen. Der Versuch scheiterte nicht zuletzt am Widerstand Vietzes. Der warnte, erinnert sich Speer, unter Hinweis auf Lenin vor der "Spontaneität der Volksmassen".
Und mit der Wende war die Macht des Heinz Vietze nur zum Teil gebrochen. Bis heute ist er einer der Strippenzieher der PDS-Bundespartei - mit guten Drähten zu Parteichef Lothar Bisky und zu Ex-Chef Egon Krenz. Als die PDS 2002 aus dem Bundestag ausschied, war es Vietze, der einen alten Weggefährten vor dem harten Los der Arbeitslosigkeit bewahren konnte: Rolf Kutzmutz, einst ebenfalls SED-Funktionär in Potsdam, heute PDS-Bundesgeschäftsführer, wurde von Vietze beim Immobilienentwickler Axel Hilpert untergebracht, dem früheren Antiquitäten-Chefeinkäufer von Stasi-Geldjongleur Alexander Schalck-Golodkowski.
Auch seine Genossen führte Vietze nach der Wende im gewohnten Stil weiter. "SED live" habe sie erlebt, klagte Esther Schröder, einst Mitglied der Potsdamer PDS-Fraktion und jetzt Landtagsabgeordnete der SPD. In geschlossener Sitzung hatte Vietze vor zwei Jahren ihren Ausschluss aus der Fraktion betrieben - die Querulantin war ihm ein Dorn im Auge.
Platzeck, Speer, Schröder - vielleicht ein paar Sozialdemokraten zu viel, die schlechte Erfahrungen mit Funktionär Vietze gemacht haben, als dass sie mit ihm zusammen regieren wollten. "Eine Regierung, in der die PDS unter Heinz Vietze das Sagen hat", so Potsdams SPD-Fraktionschef Gunter Fritsch kühl, "ist keine angenehme Vorstellung." STEFAN BERG
DER SPIEGEL 35/2004
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