Von Szandar, Alexander
Peter Struck steht auf dem Militärflughafen in Penzing und schwitzt. Oben scheint die Sonne, unten glüht der Beton. Eine Challenger hat ihn von Berlin nach Bayern geflogen, er muss jetzt in einen Hubschrauber umsteigen. Vorsichtig klettert er hinein, blass, mager, im Dampf der heißen Luft, bei ungefähr 40 Grad.
Der Hubschrauber fliegt ihn nach Ottobrunn bei München. Motorräder mit Blaulicht stehen schon da. Peter Struck muss weiter, er muss immer weiter.
Seine Limousine jagt zu einer kleinen Dienststelle der Bundeswehr. Struck wird in einen Kellerraum geschoben, 3,50 Meter mal 10 Meter groß. Der Raum ist gefüllt mit gut 30 Menschen. Nach fünf Minuten ist der Sauerstoff weg. Ein Major hält einen Vortrag, der nicht enden will. Der Major erklärt, dass die Armee neuerdings eine aus zwei Mann bestehende "Wissensüberlegenheitszelle" besitzt.
Peter Struck kämpft gegen den Mangel an Luft. Er will nicht, dass ihm die Augen zufallen. Es ist der Donnerstag vergangener Woche, sein dritter Arbeitstag. Er darf nicht einschlafen.
Als er seine Sommerreise antrat, zwei Tage zuvor mit einem Truppenbesuch im schleswig-holsteinischen Appen, sagte er: "Mir geht es gut." Das stimmte wohl, wenngleich nicht so, wie der Verteidigungsminister das verstanden haben wollte. Peter Struck ist ein kranker Mann, der glücklich ist, dass er seine Macht nicht verloren hat.
Am Morgen des 10. Juni hatte er nach einer anstrengenden Reise einen Schlaganfall erlitten. Er war kurz zuvor aus der Schwüle im afrikanischen Dschibuti und der Hitze in Israel zurückgekehrt - und dann frühmorgens auf einem Operationstisch in der Berliner Charité gelandet. Struck konnte einige Gliedmaßen nicht mehr richtig bewegen, aber er konnte bald wieder sprechen. Seine Mitarbeiter wies er an, die Wahrheit zu verschweigen. Es hieß dann, Peter Struck habe einen "Schwächeanfall" erlitten.
Struck ist 61 Jahre alt, seit 24 Jahren gehört er dem Bundestag an. Seine Karriere hat einen Verlauf genommen, der ihn selbst überraschte. Er wurde Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, Fraktionsvorsitzender, Verteidigungsminister. Peter Struck aus Uelzen wurde ein kleiner Star der rot-grünen Koalition. Sein Name fiel, als Berlin über einen Nachfolger für Finanzminister Hans Eichel nachdachte, am Ende war Struck sogar ein möglicher nächster Bundeskanzler. Dann kam der Schlaganfall.
Kann man einen Schlaganfall einfach zugeben? Kann man einfach mit Politik aufhören und sein Leben ändern, weil der Körper einen Hinweis gibt, "dass es so nicht weitergeht", weil es ja nicht nur diesen Schlaganfall gab, sondern zuvor schon zwei Herzinfarkte und eine Operation an der Halsschlagader?
Peter Struck kann das nicht. Die Droge Politik hat ihn längst süchtig gemacht. Er kann so wenig loslassen wie Horst Seehofer von der CSU, der an einer lebensgefährlichen Herzmuskelentzündung erkrankte und doch sofort ins politische Geschäft zurückkehrte. Wenn der Motor eines Politikers die Sucht nach Macht ist, dann ist der Gedanke ans Ende so etwas wie die Panik vor dem Entzug: "Es geht doch auf den Geist, wenn man nicht gefordert wird, wenn man nur rumsitzt und Bücher liest", sagt Struck. Er hat Angst vor Langeweile - und vor der Bedeutungslosigkeit.
Drei Wochen im Krankenhaus, sechs Wochen in einer Reha-Klinik zur Aufbaukur, zwei Wochen Urlaub, das ist der normale Weg eines Menschen, der einen Schlaganfall erleidet. Wenn man Peter Struck das vorrechnet, nickt er: "Ja, für den normalen Kassenpatienten."
Struck ist nach sieben Tagen raus aus der Klinik. Er war eine Weile zu Hause in Uelzen, mit der Familie zu einem kurzen Urlaub am dänischen Ostseestrand, und er musste von Freunden mühsam überredet werden, wenigstens ein paar Tage Sport am Bodensee zu betreiben. Seine Kinder haben ihm gesagt: "Papa, hör auf."
Aber Peter Struck hörte nicht auf. Er ging schon im Juli zu Gerhard Schröder ins Kanzleramt, im Gepäck die Prognose der Ärzte, dass er im August wieder an den Schreibtisch könne. Sie sagten ihm aber auch, dass er noch ein halbes Jahr Nachwirkungen der Krankheit spüren werde. Dass Struck weitermachten wollte, gefiel Gerhard Schröder. Er ist ein zuverlässiger Minister, es gibt nicht so viele davon.
Struck braucht das Amt, Schröder braucht Struck, und so hetzt der Bundeswehrvorsteher jetzt wieder los. 12 Termine in 14 Tagen hat der ministerielle Apparat ihm zugedacht.
Zwar teilte ihm Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan wohlmeinend mit, "Sie müssen sich das nicht antun, Herr Minister." Aber Struck hört nicht auf seinen ranghöchsten Militär. Er will sich keine Blöße geben.
"Muss ich vor Ihnen hüpfen und springen, um zu zeigen, so fit bin ich", sagt er zu den Journalisten in Appen. Genau das tut er dann aber für den Rest der Woche - in Potsdam, Ottobrunn, Munster, auf dem Truppenübungsplatz in Bergen. "Wie ein
junger Gott", jubelt am Freitag einer aus seinem Stab, sei der Minister dort "auf den Lkw gehüpft".
Der Verteidigungsminister sucht nach Argumenten, die keine sind. Er sagt, sein Programm sei ja schon gekürzt worden, "voriges Jahr haben wir drei Termine am Tag durchgezogen". Aber voriges Jahr hatte er noch keinen Schlaganfall.
Jetzt steht Peter Struck vor seinen Soldaten, und die können die Nachwirkungen hören und sehen. Er sucht manchmal lange nach den richtigen Worten. Es fällt ihm schwer, laut zu sprechen. Gelegentlich verhaspelt er sich, sagt "Dinke" statt "Dinge". Treppen steigen fällt ihm schwer. Die Hitze macht ihm zu schaffen.
Doch kein Mitarbeiter hat die Zivilcourage, die unnütze Strapaze abzubrechen. Einige Berater, auf die Struck hört, glauben nämlich allen Ernstes, es entstünde "Unruhe in der Truppe", wenn er seine Tour verkürzen oder gar absagen würde. Offen bleibt, wer da gemeint ist. Das Ministerium? Die Medien? Das Parlament? Mit jeder Woche, die Peter Struck nicht zum Dienst erschien, blühten neue Spekulationen über seinen Nachfolger. Olaf Scholz? Günter Verheugen? Henning Voscherau?
Deswegen ist Struck nun wieder da. Ohne Pfeife zwar, wie er sagt, aber dafür mit einem Glaubwürdigkeitsproblem. Der Wehrminister, bisher einer der seltenen Vertreter des Ehrlichmanns in der Politik, hat seine Leute über Wochen eine Lüge verbreiten lassen. Jetzt wundert er sich, dass die Journalisten den Auskünften nicht mehr so recht glauben wollen.
Es ist ein heißer Sommertag im August, aber Struck redet vom September. Im September, sagt er, gehe es im Bundestag wieder richtig los. Dann sind es noch zwei Jahre bis zur Wahl. "Kürzer treten ist bei diesem Job nicht drin", sagt er. Und außerdem hat er gerade erst mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer eine Verabredung getroffen: "Wir ziehen noch mal richtig durch." ALEXANDER SZANDAR
DER SPIEGEL 35/2004
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