23.08.2004

ORGANISIERTE KRIMINALITÄTPalermo in Preußen

Im brandenburgischen Neuruppin soll ein Gangstersyndikat sein Unwesen getrieben haben. Ein CDU-Politiker gilt als „Pate“, ein SPD-Beamter als Komplize.
Die politische Karriere des Christdemokraten Olaf K. begann in stilecht konservativem Ambiente - an einem Tisch mit Spitzendeckchen, vor einem Kännchen Bohnenkaffee: An einem schicksalhaften Sommerabend des Jahres 2003 hatte sich die Hautevolee der Neuruppiner CDU in dem für Hefekuchen berühmten "Stadtpark-Café" versammelt, um den jungen Geschäftsmann in ihre Reihen aufzunehmen - einen echten Hoffnungsträger, zukunftsbereit und voller Unternehmergeist.
Danach lief alles wie geschmiert. Keine drei Monate später war K. gewählter Volksvertreter, hatte einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung, mitsamt Stimmrecht im Haupt- und Finanzausschuss. Den 36-jährigen Business-Profi mit dem landestypischen Kurzhaarschnitt trieben große Pläne: An den Gestaden des Ruppiner Sees sollte etwa eine Zehn-Millionen-Euro-Marina entstehen, ein Hauch von Miami für die preußisch-schlichte Fontane-Stadt.
Jetzt riecht es freilich eher nach "Miami Vice", wie Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm erschrocken feststellen musste: Im Morgengrauen des vergangenen Mittwochs wurde sein Parteifreund K. unsanft von schwer bewaffneten Polizisten geweckt; zeitgleich durchsuchten mehr als 400 Beamte bei einer Großrazzia 55 Objekte in ganz Deutschland, sie nahmen sieben mutmaßliche Komplizen sowie fünf osteuropäische Prostituierte fest.
In Neuruppin, laut Eigenwerbung "die preußischste aller preußischen Städte", herrschten offenbar Zustände wie in Palermo. Denn nach Überzeugung der Ermittler verfügte Olaf K. tatsächlich über äußerst gesunden Unternehmergeist, wenn auch nicht unbedingt im christdemokratischen Sinne.
Laut Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Neuruppin soll K. eine Art märkische Mafia geführt haben, deren Zusammenhalt schon darin ihren Ausdruck gefunden habe, "dass sich die Beschuldigten als ,Familie' bezeichnen". Wie im Kino ging es offenbar auch ansonsten zu, weil die Männer ihren Geschäften in nicht gerade unauffälligen "Personenkraftfahrzeugen der gehobenen Preisklasse" nachgegangen sein sollen, die allesamt die Buchstabenkombination "XY" im Nummernschild führten.
Besonders K. bewegte sich demonstrativ sorglos im Neuruppiner Biotop. "Jeder hat gewusst, dass er die Kripo an der Backe hatte", berichtet ein früherer Geschäftspartner, "der hat das alles sehr locker genommen." Bei K.s steilem Aufstieg vom Disco-Betreiber zum Spielautomaten-Mogul und Chef des Neuruppiner Fußballclubs SV Union, erzählt ein anderer Kumpel, sei es nur konsequent gewesen, dass er irgendwann im Rathaus landet. "Da ist eins zum anderen gekommen - der hat einfach reingepasst in die Politik."
So hielt der Kommunalpolitiker offenbar nicht nur treuhänderisch Anteile an den Stadtwerken, sondern, so die Ermittler, auch an einem Bordell in der Bechliner Chaussee. Im "Privat-Club Monika's Freunde" sollen, so will es ein Mann aus der Szene wissen, auch städtische Honoratioren verkehrt haben. Privat zog es K. eher in das Nachtlokal "Blue Banana", das früher mal "Fränkie's Bar" hieß und laut Durchsuchungsbeschluss als zentraler Treffpunkt der Vereinigung gedient haben soll.
Von hier aus sei - so die Staatsanwaltschaft - der Handel mit Kokain "in nicht geringer Menge" organisiert worden. Zudem hätten die Geschäftsfreunde vom "Blue Banana" aus ein bundesweites Netzwerk aus Automaten-Casinos kontrolliert. Insider berichten, dass in Zockerläden wie dem Neuruppiner "Monte Carlo" mitunter nicht registrierte - und damit steuerfreie - Spielautomaten zum Einsatz gekommen seien, deren Umsätze, vermischt mit den Gewinnen aus dem Rauschgifthandel, folglich gewaschen werden mussten. K.s Berliner Rechtsanwalt möchte sich zu den Vorwürfen vor Akteneinsicht noch nicht äußern.
CDU-Mann K. jedoch erwies sich manchmal auch als echter Konservativer - am liebsten ließen er und seine Freunde das Geld in Immobilien investieren, die günstig von der Stadt erworben wurden. Bei derartigen Transaktionen kam offenbar eine Große Koalition im Kleinen zum Tragen: So konnte CDU-Mann K. anscheinend auf die wohlwollende Unterstützung des Beamten Roger G., 31, hoffen. Der Mann ist SPD-Mitglied, und die Gunst des schwergewichtigen Leiters der städtischen "Fachgruppe Grundstückswesen" soll sich K. unter anderem durch die Überlassung eines 800 Euro teuren, repräsentativen Handys gesichert haben.
Staatsdiener G. kann derzeit freilich keine Mobilgespräche führen - er wurde ebenfalls inhaftiert, genauso wie der Neuruppiner Polizist Uwe N., 42, der im Verdacht steht, K. und seine Jungs mit heißen Tipps aus dem Apparat der Fahnder versorgt zu haben. Dem Ordnungshüter wird eine Vorliebe für PS-starke Motorräder nachgesagt. Einheimische wollen ihn in letzter Zeit auf einer neuen Maschine gesichtet haben. WOLFGANG BAYER,
SVEN RÖBEL
Von Wolfgang Bayer und Sven Röbel

DER SPIEGEL 35/2004
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