Von Fröhlingsdorf, Michael; Mayr, Walter; Meyer, Cordula; Schmid, Barbara; Verbeet, Markus
Das Wohl russischer Waisenkinder liegt Präsident Wladimir Putin schon lange am Herzen. So sehr, dass er sich mit einer seiner ersten Amtshandlungen darum kümmerte: Per Erlass reglementierte Putin im März 2000 die Adoption von russischen Kindern ins Ausland. Das Machtwort aus Moskau dämmte den rücksichtslosen Kinderhandel ein, der damals in russischen Kinderheimen florierte. Seither dürfen offiziell nur noch etwa 80 beim Bildungsministerium lizenzierte Agenturen Kinder vermitteln.
Aber dass sein Freund Gerhard Schröder, 60, ein guter Adoptivvater ist, daran hat Putin keine Zweifel. Er sei von "Anfang an in die Pläne" der Schröders eingeweiht gewesen, ein Kind aus seinem Land anzunehmen, hieß es aus dem Kreml. Bei Schröder und seiner Frau Doris, 41, sei schließlich alles in Ordnung, sekundiert die zuständige Vizedirektorin im Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation, Galina Trostanezkaja. Das Kanzlerpaar habe sich die dreijährige Vollwaise Viktoria "ausgesucht", die drei hätten auf Anhieb Gefallen aneinander gefunden, ein St. Petersburger Stadtgericht habe dann alles Weitere geregelt.
Als der Familienzuwachs Anfang vergangener Woche bekannt wurde, applaudierten die meisten Zeitungen tagelang, SPD-Chef Franz Müntefering und Verteidigungsminister Peter Struck gratulierten, der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zollte "großen Respekt".
Der Kanzler und das Waisenkind - so etwas geht Millionen Menschen ans Herz. Doch die Romanze täuscht darüber hinweg, dass Auslandsadoptionen in Wahrheit schwierig, kompliziert und umstritten sind. Auf der einen Seite stehen kinderlose Paare aus Wohlstandsländern, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine Familie. Auf der anderen stehen Waisenkinder aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die daheim manchmal tatsächlich kaum eine Chance haben. Doch dazwischen stehen die enormen Probleme, mit denen solche Familien oft zu kämpfen haben. Dazwischen stehen auch manchmal skrupellose Kinderhändler - oder ein für Normalbürger extrem schwieriges Verfahren. Und dazwischen stehen Fachleute, die den Nutzen für die Kinder anzweifeln.
Adoptiveltern machten sich oft nicht klar, wie schwer ihre neuen Kinder durch Heimaufenthalte schon geschädigt sein können, wie massiv die Verletzungen der frühen Jahre sein können und wie schwer es manchmal ist, Bewegungs-, Sprach- und Bindungsstörungen wieder zu heilen, sagt Stefan Dünschede, 47, der im Bundesverband für Eltern ausländischer Adoptivkinder Interessenten berät und selbst zwei
Kinder aus Russland hat: "Manche Paare glauben, man könne einfach rüberfahren, ein Kind einpacken, und dann hätte man null Probleme." Diese Kinder hätten in Wahrheit oft "viel mitgemacht, das sollten alle wissen, die sich darauf einlassen".
Damit das wirklich allen klar wird, müssen künftige Eltern in Deutschland normalerweise sehr viele Vorgaben erfüllen. Tausende Paare würden gern ein Kleinkind aus dem Ausland adoptieren, scheitern aber an dem bürokratischen Marathon (siehe Grafik). Für sie klingt es wie Hohn, wenn Herbert Schmalstieg, SPD-Oberbürgermeister in Schröders Heimat Hannover, jetzt sagt, er hoffe, dass das Beispiel des Kanzlers "Schule macht" - zumal die Kanzlerfamilie eisern über Details des Verfahrens schweigt und auch mit Klage droht, sollte eine Zeitung ein Bild der glücklichen Familie zeigen wollen (siehe Seite 140).
Wie penibel deutsche Behörden bei Normalbürgern sind, musste etwa die Erzieherin Eva B. aus Hamburg erfahren. Zusammen mit ihrem Mann ließ sie 13 ziemlich intime Gespräche mit dem Jugendamt über sich ergehen. Mitarbeiter inspizierten das künftige Kinderzimmer und bohrten sogar nach, "ob ich nicht schon einmal darüber nachgedacht hätte, meinen Mann zu verlassen, weil es doch wahrscheinlich an ihm liege, dass wir keine Kinder bekommen können", so die Pädagogin.
Diese Prozedur dauerte mehrere Monate, erst dann erklärten sich die Behörden bereit, einen so genannten Sozialbericht zu erstellen, die Grundlage jeder Adoption. Diesen Bericht dürfen außer den Jugendämtern nur noch zwölf staatlich zugelassene Adoptionsvermittlungsstellen verfassen. Ohne den Bericht läuft legal nichts - weder in Deutschland noch in den allermeisten anderen Ländern. Auch in Russland ist er Voraussetzung einer Adoption.
Oft aber winken Vermittlungsstellen und Jugendämter von vornherein ab: Etwa wenn Mutter und Vater in spe nicht erfüllen, was die Landesjugendämter in einem schriftlichen Leitfaden fordern - die meisten werden abgelehnt, weil sie zu alt sind: "Dem Wohl des Kindes wird es in der Regel nicht dienen, wenn der Altersabstand größer als 40 Jahre ist. Oberhalb dieser Grenze wird eine Vermittlung daher nur in begründeten Ausnahmefällen in Betracht kommen", so die Maßgabe.
Deshalb würde Eva Maria Hofer, Geschäftsführerin von der International Child's Care Organisation, einer anerkannten Vermittlungsstelle, ältere Bewerber "schon am Telefon abweisen, weil ich um unsere Zulassung und um das Wohl des Kindes fürchten würde", sagt sie.
Gesine Schanz, Sozialpädagogin aus Hildesheim, leitet Vorbereitungsseminare für zukünftige Adoptiveltern und kennt sich aus mit der Praxis der niedersächsischen Jugendämter: "Im Laufe meines Berufslebens hatte ich mit 600 oder 700 Paaren zu tun, es war niemand dabei, der älter war." Wichtig sei auch, so Schanz, dass die Bewerber viel Zeit für ihr neues Kind hätten. Erst vor kurzem sei ein Architekt abgewiesen worden, weil er zu häufig auf Baustellen unterwegs sei.
Wie viel Zeit heimgeschädigte Kinder aus dem Ausland brauchen, erfuhr auch ein Paar aus Niedersachsen, das seine damals zweijährige Tochter aus einem Heim in Tschernjachowsk holte. Langsam lernt die Kleine nun seit drei Jahren, dass man sich nicht alle Dinge rücksichtslos nimmt, noch immer hortet sie Essen oder reißt alle Töpfe an sich und schaufelt dann blitzschnell in sich hinein, so viel eben geht.
Weil die Eltern merkten, wie sehr ihr jegliches Vertrauen fehlte, nahm der Vater, ein Manager, sich erst mal zwei Monate frei: "Das war der Durchbruch", sagt er. "Jetzt glaubt sie, dass sie nicht wieder weg muss."
Beispiele wie diese zeigen, dass manche der strikten Vorgaben der Jugendämter ihre Gründe haben, meint Wolfgang Gerts, Vizevorsitzender des Bundesverbands für Eltern ausländischer Adoptivkinder. Ihm "stand der Mund offen", als er von der Schröder-Adoption hörte. Gerts: "Wir finden zwar, dass die jetzigen Altersgrenzen zu streng sind, aber mit 60 ist man nicht mehr flexibel genug für ein Kind. Und zweitens kann Schröder das nicht zur Privatsache deklarieren, wenn man vorher Zehntausenden Eltern gesagt hat: Ihr seid zu alt."
Bei Gerts, in Jugendämtern und bei Vermittlungsstellen rufen derzeit reihenweise erboste Adoptierwillige an: "Einer hat mir unterstellt, Schröder hätte mich wohl bestochen", sagt ein Mitarbeiter eines norddeutschen Jugendamts.
Der Sprecher der Stadt Hannover, Dieter Sagolla, zuständig für das Jugendamt am Wohnsitz der Schröders, würde am liebsten gar nichts zu dem Vorgang sagen. "Wir unterliegen im Benehmen mit dem Bundeskanzleramt der Schweigepflicht." Das Jugendamt habe die Eignung des Ehepaars Schröder "formal" geprüft, "so wie man so etwas macht, wenn einer Bundeskanzler ist". Die rechtlichen Mindestbedingungen, Alter über 25 Jahre und geschäftsfähig, seien ja erfüllt.
Manchen Experten sind die Anforderungen im amtlichen Leitfaden auch zu
strikt. Die niedersächsische Familienministerin und siebenfache Mutter Ursula von der Leyen (CDU) will nach der Annahme Viktorias die "Tür für Adoptionen" weiter aufstoßen. "Wir sollten die Chance nutzen und die bestehende Praxis überprüfen."
Auch weil Schwangere in Deutschland immer besser betreut und beraten werden, sinkt die Zahl der zur Adoption freigegebenen Kinder hier zu Lande seit Jahren. Gleichzeitig bleiben viele Paare kinderlos, oft weil sie sich erst mal ihren Berufen widmen wollen - bis es auf einmal zu spät ist. Und deshalb kommen auf jedes deutsche zur Adoption stehende Kind 13 Wunschelternpaare. Der Druck ist erheblich.
Viele wenden sich, abgelehnt oder nach Jahren des erfolglosen Wartens, ins Ausland. Eine Lösung, von der beide Seiten nur profitieren können? Adoptionskritiker wie Bernd Wacker von Terre des Hommes bezweifeln, dass Hilfe fürs Kind das Hauptmotiv vieler Adoptierwilliger ist: "Die vielen Kinder, die in Heimen leben, sind in der Mehrzahl nicht vermittelbar, weil sie längst dem Kleinkindalter entwachsen sind oder unter Verhaltensstörungen oder Behinderungen leiden." Begehrt seien andere: möglichst jung, möglichst hellhäutig. Das zeigten schon die Preise im Kinderhandel: "Wenn es gesunde Kleinkinder gäbe wie Sand am Meer, warum werden sie dann gehandelt wie Edelsteine?" Guatemala etwa gilt weltweit als führender Kinderexporteur. Dort sprechen Vermittler gezielt schwangere allein stehende Frauen an und überreden sie, ihr Kind abzugeben.
Von den 487 ausländischen Adoptivkindern, die im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen, stammt die größte Gruppe - wenn auch nur 95 Kinder - aus Russland. In die USA gingen im selben Jahr von dort aus mehrere tausend. Deutsche Vermittlungsstellen dürfen nicht wie die Amerikaner mit allzu großen Kostenpauschalen oder Spendensummen, etwa an Kinderheime oder Partnerorganisationen, arbeiten.
Welche Rolle das Geld oft spielt, erfuhren Brigitte G. und ihr Ehemann aus der Nähe von München: Nach gescheiterten Versuchen mit deutschen Auslandsagenturen ("Gesunde dreijährige Mädchen gibt es praktisch nicht") beauftragten sie vor fünf Jahren eine US-Agentur, ein Kind aus Russland zu besorgen. "Die zahlen einfach besser und kommen dort schneller an Kinder. Das Ganze ist ein großes Geschäft."
Für 20 000 Dollar bekamen die beiden einen dreijährigen Jungen. Der war etwas billiger als andere Kinder, weil er zunächst weder sprechen noch laufen konnte. "Es klingt zynisch, aber sonst hätte ich einen Gesundheitszuschlag zahlen müssen."
Aber: Seit 2002 dürfen Deutsche sich nicht mehr an US-Agenturen wenden. Die Bundesregierung unterzeichnete 1997 das Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern, das Auslandsadoptionen regelt, vor drei Jahren ratifizierte die Bundesrepublik das Abkommen.
Das Übereinkommen verlangt, dass in den Ländern der Adoptiveltern und des Kindes nur noch staatlich lizenzierte und überwachte Organisationen gemeinsam tätig werden dürfen. Adoptionen über Privatleute sind nicht mehr erlaubt. Theoretisch. Wer es schafft, irgendwo auf der Welt ein Kind zu adoptieren und es nach Deutschland zu bringen, dessen Adoption legalisieren deutsche Richter oftmals im Nachhinein - weil es dem Kind noch mehr schaden würde, wenn es zurückmüsste.
Die Vermittlungsstellen sollen gemeinsam dafür sorgen, dass nur Eltern ein Kind aus einem fremden Land adoptieren können, die auch in der Lage sind, die besonderen Probleme zu bewältigen - wie die Hamburger Erzieherin Eva B.
Zwölf Monate nach ihrer Bewerbung kam ein Brief, den sie sorgfältig aufbewahrt. Darin zwei Polaroids eines kleinen, etwas verschreckten Jungen mit Strumpfhosen, allein in einem Spielzimmer. "Edmund, geboren 23.9.1993. Blond, blauäugig, kann Puzzles zusammensetzen, spielt mit anderen Kindern, war beim Besuch ruhig und schüchtern" steht auf dem Zettel.
Eva B. und ihr Mann fuhren nach Kaliningrad. Ins Heim. Zu ihrem zukünftigen Sohn. Dort erfuhren sie, dass seine Mutter trank, ihn immer in der Wohnung festgebunden hatte, wenn sie wegging. Der Junge litt an Krätze und Bronchitis.
Im September 1998 holten die Hamburger Eheleute ihren Jungen ab, Eva B. hatte vorher Russisch gepaukt, damit sie ihren Sohn wenigstens verstehen konnte. Sie sammelte Sand vom Strand am Kinderheim ein, auch einen Teddy, sie machte Fotos - für die so genannte Erinnerungskiste, die Adoptiveltern nach Ratschlägen von Psychologen anlegen sollen.
Doch dann begannen die Schwierigkeiten. Eva B.: "Er hat gesagt, er hat mich lieb, und hat dann auf mich eingeprügelt" - und zwar immer wieder, jeden Tag. Als Erzieherin wusste Eva B., dass in ihm wahrscheinlich die Wut auf seine leibliche Mutter steckte. "Mit ihm war es anstrengender als sonst mit 20 im Kindergarten", sagt Eva B. Der Kinderarzt diagnostizierte ADHS, das Zappelphilipp-Syndrom. In der Schule setzte Edmund sich unter den Tisch, wenn er nicht mehr wollte.
Inzwischen erzählt Edmund seiner deutschen Mutter von den Pokémons auf seinem Gameboy, wenn er aus der Schule kommt, er baut Hubschrauberlandeplätze aus Lego, er wünscht sich ein Hörbuch, Harry Potter natürlich. Eva B. findet, dass alles ziemlich gut gekommen ist. Ziemlich normal.
Aber die Erzieherin ist auch Profi, sie wusste, dass es schlimmer hätte kommen können. "Wer sagt, wir wollen eine normale Familie sein, der wird scheitern", warnt Maria Holz von Terre des Hommes, "denn normal kann eine solche Familie niemals sein." MICHAEL FRÖHLINGSDORF,
WALTER MAYR, CORDULA MEYER, BARBARA SCHMID, MARKUS VERBEET
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UMFRAGE: ADOPTION Bundeskanzler Schröder und seine Frau haben ein dreijähriges Mädchen aus Russland adoptiert. Nach üblicher deutscher Praxis ist er zu alt, um Adoptivvater zu sein. Halten Sie es für richtig, dass Behörden gewöhnlich nur Ehepaare berücksichtigen, die nicht älter als Anfang 40 sind?
DER SPIEGEL 35/2004
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