23.08.2004

Wertvolles Menschlein

So wie die Schröders hatte auch SED-Chef Ulbricht mit Moskaus Hilfe eine Tochter adoptiert.
Beate ist von Geburt her offenbar ein kräftiger Schlag. Sie hat etwas derb Bäuerliches an sich und isst alles, was die Kelle gibt. Sie hat runde Pausbacken und immer Farbe und ist ein außerordentlich liebenswertes Kind. Und so bin ich überzeugt, dass wir ein Menschlein heranziehen, das einmal ein wertvolles Glied unseres neuen Deutschland sein wird."
Es ist ein Brief voller Mutterliebe, den "Ihre Lotte Ulbricht" am 20. März 1947 an die Sozialfürsorge in Dresden schreibt - "mit vielen Grüßen und unvergesslichem Dank für Ihre seinerzeitige Hilfe". Der ausführliche Rapport an die Behörde betrifft ihr fast dreijähriges Kind; Lebensgefährte Walter und sie hatten es kurz zuvor zur Adoptionspflege bekommen.
Die "Kleine mit den schönen braunen Augen" heißt in Wirklichkeit Maria Pestunowa, ist am 6. Mai 1944 in Leipzig zur Welt gekommen und wahrscheinlich Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin, die bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Nun wächst Mascha, genannt Beate, in einer deutschen Funktionärsfamilie auf.
Der Leipziger Schneidersohn Walter Ulbricht, 54, klettert zu jener Zeit die Karriereleiter in der Sowjetisch Besetzten Zone hinauf; er hat es gerade zum stellvertretenden SED-Vorsitzenden gebracht. Frau Lotte, gebürtige Berlinerin und Tochter eines Hausdieners, zehn Jahre jünger, arbeitet als "Parteiangestellte" für ihren Mann.
Die beiden hatten sich 1935 beim Schlittschuhlaufen in Moskau näher kennen gelernt, im Exil. Doch Lotte Ulbricht, gerade mal 1,45 Meter groß und mehrmals schwer erkrankt, konnte keine Kinder bekommen. So bemühten sie sich um eine Adoption - mit Hilfe der sowjetischen Verbündeten, die für ihren künftigen Statthalter im Osten Deutschlands die Drähte zogen.
Dass Mascha alias Beate nicht die leibliche Tochter der Ulbrichts war, wussten damals nur Eingeweihte, erst nach dem Mauerfall wurden Details bekannt*. Die Umstände der Adoption aber blieben bislang im Dunkeln. Erst 1950 hatten die Eheleute formal um die
Genehmigung ersucht - nachdem Ulbrichts erste Verbindung mit der Leipziger Näherin Martha Schmellinsky geschieden worden war. Da allerdings zeigte sich, dass die Adoption weder nach DDR-Gesetz noch nach sowjetischem Recht reibungslos zu regeln war.
Die Russen bestanden darauf, dass Beate Staatsbürgerin der UdSSR sei. Die Adoption eines sowjetischen Kindes durch einen Ausländer aber war strikt verboten, selbst gemischte Eheschließungen waren tabu. Dass das Gesetz im Fall der Ulbrichts natürlich leicht zu umschiffen war, lag auf der Hand: Der starke Mann der SED hatte sieben Jahre lang in Moskau gelebt und sich dort als treuer Bundesgenosse profiliert - ein Federzug Stalins würde für die Ausnahmeregelung reichen.
Doch der Kreml-Chef war ein ausgebuffter Politiker, der keine Gelegenheit zu Winkelzügen vergehen ließ.
Der Antrag der Ulbrichts musste Schritt für Schritt durch die sowjetischen Instanzen laufen. Am 21. August 1950 hatte der Vorgang die höchste Parteiebene erreicht: Das "Sekretariat des Zentralkomitees der Kommunistischen Allunions-Partei (Bolschewiki)" stimmte dem Ersuchen zu, zwei Tage später nickte auch das Politbüro die Sache ab. Am 26. August unterzeichnete das Präsidium des Obersten Sowjet, die Parlamentsspitze, das endgültige Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt.
In dem Papier mit der Nummer PG-7/s ("Geheim") bestätigt das offizielle Staatsoberhaupt Nikolai Schwernik, dass man "dem Antrag der DDR-Bürger und Eheleute Ulbricht, Walter sowie Ulbricht, Charlotte" entspreche, "die Bürgerin der UdSSR Pestunowa, Maria, geboren 1944, zu adoptieren". Der Haken findet sich im letzten Satz: Maria werde die "sowjetische Staatsbürgerschaft behalten", wird dort verfügt. Damit hing Vater Ulbricht nun auch familiär von Stalins Gnade ab.
"Walter war alarmiert, weil dem Mädchen nicht erlaubt wurde, die sowjetische Staatsbürgerschaft abzulegen", erinnert sich Nikolai Lunkow, ehemals Berater der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland und Freund der Familie: Moskau konnte zu beliebiger Zeit und unter beliebigem Vorwand Ulbrichts Adoptivtochter zurück nach Russland holen. Erst nach Stalins Tod ließ die Anspannung nach - "man riet Ulbricht, sich deswegen nicht mehr zu beunruhigen".
Doch das Leben der Prominententochter stand unter keinem guten Stern. Nach der Schule ging sie zum Geschichtsstudium nach Leningrad und heiratete den Sohn eines italienischen KP-Funktionärs. Die Ehe wurde schnell geschieden, auch die nächste mit einem Russen hielt nicht lange an. Ohne Studienabschluss kehrte Beate in die DDR zurück, jobbte bei der Nachrichtenagentur ADN, in der Schuhfabrik "VEB Goldpunkt" und als Gelegenheitsarbeiterin. Dann verfiel sie dem Alkohol.
47 Jahre alt war sie und Sozialhilfeempfängerin, als man sie im Dezember 1991 erschlagen in ihrer verwahrlosten Berliner Wohnung fand. Drei Tage vor Heiligabend wurde Maria Pestunowa alias Beate Ulbricht bestattet; Adoptivmutter Lotte blieb der Beisetzung fern. CHRISTIAN NEEF
* Lotte Ulbricht: "Mein Leben". Herausgegeben von Frank Schumann. Verlag Das Neue Berlin.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 35/2004
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